Ned wundern
Text
Michael Müllner
Ausgabe
09/2026
Der Hitzesommer geht zu Ende, meine Urlaubserinnerungen bleiben. Ich war in Hamburg. Die Elbphilharmonie war ein Highlight, das ich auch empfehle, wenn man mit Konzertsälen nichts am Hut hat. Danach war ich in Paris. Trotz verrückter Touristenmassen schaffte ich es binnen 30 Minuten auf die Spitze des Eiffelturms und genoss den Blick über eine Stadt, die Jahrtausende an europäischer Kultur vereint. Derart mit der Welt im Reinen wechselte ich am St. Pöltner Hauptbahnhof in den Daheim-Modus – und schaute schön deppert. Verreist war alles friedlich und entspannt, vorm Bahnhof aber laufen sich die heimischen Assis nach und watschen sich ab.
Seitdem kann ich sie nicht mehr übersehen, die am Eingang zur Fußgängerzone wegelagernden, daueralkoholisierten Einheimischen. Keine Ahnung, warum sich alle über „die Ausländer“ beim Bahnhof aufregen, wenn doch „wir Autochthonen“ das wirkliche Ärgernis sind? Hat man sie erst mal entdeckt, verfolgen sie einen. Im Bus, wenn sie ohne Kopfhörer am Handy ihren Trash schauen. Im Citysplash, wenn sie rauchend, saufend und fluchend ihren Kindern ein schlechtes Vorbild sind.
Kein Wunder, dass die Welt so ist, wie sie ist, denke ich mir und tröste mich damit, dass bei der Suche nach zeitgenössischen Weltwundern, der Pariser Eiffelturm nur auf Platz 9 landete, während St. Pöltens Klangturm den beachtlichen Platz 6 erklomm. Zugegeben, die Elbphilharmonie landete auf Platz 3, aber immerhin wird die ja auch kostenintensiv bespielt, während wir unser Weltwunder einfach stolz verkommen lassen.



