SOPHIE IMHOFS WUNDERWERK LEBEN
Text
Fiona Zelenka
Ausgabe
09/2026
Den ersten Kaffee des Tages trinkt Sophie Imhof noch im Bett. Doch viel Zeit, die Aussicht auf das Empire State Building zu genießen, bleibt der 29-Jährigen St. Pöltnerin nicht: danach steht erstmal Bewegung auf dem Programm.
Ob es nur ein kleiner Morgenspaziergang oder ein ordentliches Workout ist – Hauptsache, ihr Körper kommt in Schwung. Anschließend beantwortet sie ihre E-Mails, nimmt Videos für Social-Media auf und macht sich dann auf den Weg in ihr Büro am Weill Cornell Medicine in New York.
Dort forscht Sophie Imhof derzeit zu der Krankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) und beschäftigt sich auch mit Alterung und Langlebigkeit. Neben ihrer Arbeit als promovierte Neurowissenschaftlerin ist sie auch in den sozialen Medien sehr aktiv, wo sie mit Faktencheck-Videos über Gesundheitsmythen aufklärt. Ihr Weg, der sie unter anderem an renommierte Universitäten der USA wie Stanford und Harvard geführt hat, begann im kleinen Prinzersdorf bei St. Pölten.
Vom Zeltfest ins Forschungslabor
„Ich bin genauso aufgewachsen, wie man sich das Leben am Land wahrscheinlich vorstellt. Wir waren viel draußen unterwegs, ich hatte Freunde mit Bauernhöfen, wir haben dort unsere eigenen Spiele erfunden – fad wurde uns eigentlich nie!“, erzählt Imhof. Hier hat sie auch ihre Liebe zu Zeltfesten entdeckt – für die sie sogar immer noch gerne aus Amerika nach Hause fliegt. „Ich fand’s einfach immer schon cool zusammenzukommen, gut zu essen, Spaß zu haben und sich zu unterhalten. Für manche vielleicht etwas recht ‚Einfaches‘, aber ich find, da steckt viel mehr dahinter: mit Leuten aus der Umgebung Zeit verbringen und einfach den Moment genießen“, bekräftigt Imhof.
Dass sie einmal ins Ausland gehen und im Bereich der Neurowissenschaften forschen würde, war jedoch nicht von Anfang an klar. „Ich war tatsächlich richtig schlecht in Biologie und hab dann nach einem schlechten Zeugnis versprochen, für die nächste Prüfung zu lernen. Witzigerweise war das nächste Thema dann Neuro und ich war total überrascht, wie cool und spannend etwas sein kann, das mich davor eigentlich gar nicht interessiert hat“, erklärt Imhof. Ab diesem Zeitpunkt war sie Einser-Schülerin und die Neurowissenschaften ließen sie nicht mehr los.
Nach abgeschlossener Matura an der Mary Ward Privatschule in St. Pölten machte Imhof ihren Bachelor an der IMC University of Applied Sciences in Krems und ging dann ein Jahr für ein Internship nach Schweden. Den Master schloss sie in Amsterdam ab. „Das Schönste daran, viel im Ausland zu sein und herumzukommen ist, dass man unglaublich viele Menschen aus den verschiedensten Ecken kennenlernt. Mittlerweile hab ich FreundInnen und KollegInnen auf der ganzen Welt und mit vielen davon verbinden mich sehr intensive gemeinsame Erfahrungen“, findet Imhof. Ob Nächte im Labor, Kanufahrten durch Nordschweden oder Partys in Amsterdam – gerade durch diese geteilten Erlebnisse seien viele Erinnerungen und Freundschaften entstanden, die aus ihrem Leben kaum noch wegzudenken wären.
Zwischen Pizzaöfen und Eliteunis
Von Amsterdam führte Imhofs Weg weiter nach Boston ans Harvard Stem Cell Institute. Für den Doktor kehrte sie nach Österreich an die Medizinische Universität in Wien zurück, verbrachte aber auch einige Zeit auf der Stanford University in Kalifornien. Die Ausbildung an diesen Universitäten zu finanzieren war dabei nicht immer leicht. Stipendien und Arbeit während des Studiums ermöglichten es Imhof, ihre Ausbildung dort fortzusetzen. „Ich hab eigentlich während meines gesamten Studiums gearbeitet – von Taxifahrerin bis Tankwartin war wirklich alles dabei. In Amsterdam hab ich am Campus Pizza gebacken und in einem Lebensmittelgeschäft Böden geputzt.“ Auch von ihrer Familie bekam Imhof immer Rückhalt. „Meine Mama hat immer gescherzt, dass sie froh ist, nur ein Kind bekommen zu haben, weil sie sich ein zweites nicht leisten hätte können. Ich glaub, meine Familie weiß, wie dankbar ich ihnen dafür bin – denn ohne Unterstützung wärs schlicht nicht möglich gewesen“, bekräftigt Imhof.
Doch die Herausforderungen dieser Zeit beschränkten sich nicht nur auf die Finanzierung ihrer Ausbildung. Auch der Leistungsdruck an den Universitäten war enorm. Sie realisiere erst im Nachhinein wie labil sie während dieser ganzen Zeit gewesen sei und was es für ein wahnsinniger, psychischer Druck war in so jungem Alter so viel zu arbeiten, wenig zu schlafen und nebenbei ein ganz normales Leben zu haben, so Imhof. „Ich bin trotzdem sehr froh, dass ich da durchgegangen bin – und würd es wahrscheinlich trotzdem wieder machen.“
Forschung zu ALS und Langlebigkeit
Seit ihrem Doktoratsabschluss 2024 forscht Imhof nun am Weill Cornell Medicine in New York. Konkret untersucht sie, wie sich eine mitochondriale Dysfunktion auf die Epigenetik bei PatientInnen mit ALS auswirkt und welche neuen therapeutischen Ansätze sich daraus entwickeln lassen. „Oder auf gut Deutsch: Ich schau mir an, was bei ALS falsch rennt, warum es falsch rennt und hoffe dabei, irgendwo die Nadel im Heuhaufen zu finden, an der wir therapeutisch ansetzen können.“
ALS ist eine degenerative Krankheit des Nervensystems. Die Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind, werden irreversibel geschädigt, was zu Muskelschwäche, Muskelschwund und Lähmungen führt. Einer der bekanntesten Patienten, die unter dieser Krankheit litten, war der 2018 verstorbene Physiker Stephen Hawking. Obwohl derzeit für die Krankheit noch keine Heilung existiert, gab es in den letzten Jahren unglaubliche Meilensteine im Bereich der ALS-Forschung. „Mit Tofersen wurde erstmals eine gezielte Gentherapie für eine bestimmte genetische Form der ALS zugelassen und weitere Ansätze befinden sich in klinischer Entwicklung. Gerade weil ALS zu den am schwierigsten behandelbaren Erkrankungen überhaupt gehört, ist es ein riesiger Fortschritt, überhaupt gezielt an einer Krankheitsursache therapeutisch ansetzen zu können“, so Imhof. Man stehe zwar noch ziemlich am Anfang der Forschung, doch gerade bei den Gentherapien mache man Fortschritte. „Das macht mir große Hoffnung auf alles, was noch kommt – weil kommen wird noch einiges.“
Neben ALS beschäftigt sich die 29-Jährige in ihrer Forschung auch mit Langlebigkeit und Alterung. Auch in diesem Bereich ist einiges los in der Wissenschaft – mittlerweile werden sogar erste Ansätze zur zellulären Verjüngung klinisch untersucht. „Trotzdem muss man auch hier realistisch bleiben: Einen ganzen Menschen einfach ‚zu verjüngen‘ ist nochmal eine ganz andere Hausnummer als einzelne Alterungsprozesse im Labor umzukehren. Ob wir technologisch jemals so weit kommen, weiß ich nicht“, meint Imhof. Trotzdem darf man gespannt sein, was sich in den nächsten Jahren auf diesem Gebiet noch tun wird, denn rein vom biologischen Verständnis habe man bereits enorme Fortschritte gemacht. Prozesse die vor ein paar Jahren noch wie eine komplette Blackbox gewirkt hätten, seien heute bereits gut nachvollziehbar.
Faktenchecks und „Wunderwerk Leben“
Doch Sophie Imhof forscht nicht nur im Labor, auch in den sozialen Medien beispielsweise auf Instagram beschäftigt sie sich mit Gesundheit, genauer gesagt den Gesundheitsmythen, die sogenannte HealthfluencerInnen verbreiten. „Die Gesundheitsmythen reichen dabei von vermeintlichen Wundermitteln und Cremes bis hin zu hoch vermarkteten Vitamin- und Supplementpräparaten. Es gibt einfach eine riesige Diskrepanz zwischen dem, was wissenschaftlich evident ist, und dem, was auf Social Media teilweise behauptet und beworben wird. Da werden die absurdesten Dinge versprochen, die oft biologisch überhaupt keinen Sinn ergeben“, erklärt sie. Imhof macht Reactions zu Videos von HealthfluencerInnen, die eigene Produkte bewerben – und erklärt, warum viele Versprechungen nicht stimmen und was biologisch wirklich dahintersteckt. „Mir geht’s weniger darum, einzelne Menschen oder Aussagen bloßzustellen, sondern darum, dass wir alle anfangen, unseren eigenen Organismus besser zu verstehen. Ich gebe in meinen Videos auch keine Empfehlungen, sondern versuche einfach zu zeigen, was die Wissenschaft ist und die vorhandenen Daten dazu sagen. Und die sprechen halt leider sehr oft gegen genau die Präparate oder Versprechen, die da beworben werden.“
Problematisch seien solche Gesundheitsmythen vor allem für Menschen mit chronischen Erkrankungen oder langen Leidenswegen, die vielleicht schon vieles probiert hätten und wenig Perspektive sehen würden, so Imhof. „Diesen Menschen dann zu vermitteln, die Lösung wäre eigentlich ganz einfach wenn sie nur Produkt XY nehmen würden, ist etwas, das wir sehr kritisch sehen sollten.“ Viele Menschen auf Social Media schenken HealthfluencerInnen Glauben, weil ihnen eine einfache Lösung für schwierige Probleme vorgegaukelt wird. „Problematisch wird es für mich vor allem dort, wo konkrete Gesundheitspräparate beworben und verkauft werden. Gesundheit ist einfach zu individuell und die Reichweite von Social Media zu groß, als dass wir die Konsequenzen solcher pauschaler Empfehlungen wirklich abschätzen können.“
Zusätzlich gibt Sophie Imhof auch ein eigenes Wissenschaftsmagazin mit dem Namen „Wunderwerk Leben“ heraus. „Ich glaub, was Wunderwerk Leben besonders macht ist, dass wir Wissenschaft nicht nur verständlich machen wollen, sondern so erzählen, dass man sie auch wirklich gerne konsumiert“, sagt Imhof. Es gehe dem Unternehmen nicht darum den nächsten Gesundheitstrend zu finden, sondern den Menschen Werkzeuge zu bieten, um selbst besser zwischen Wissenschaft, Halbwissen und kompletter Falschinformation zu unterscheiden. Daher funktioniere das Magazin auch ohne Werbung, Produktempfehlungen oder persönlichen Meinungen, es sei einfach eine ehrliche Aufbereitung von Wissenschaft für interessierte Leser, erklärt Imhof.
Immer in Bewegung
Fragt man die gebürtige St. Pöltnerin nach ihren persönlichen Tipps für ein gesundes, glückliches Leben so ist ihre Antwort „Balance“. Ausgewogene Ernährung, mentale Gesundheit und viel Schlaf seien wichtig, doch die bedeutendste Zutat im großen Langlebigkeitselixier sei Bewegung. Das hat Imhof auch für sich selbst entdeckt – sie lief beispielsweise beim Ultramarathon Arizona Canyon Ultra 55 Kilometer durch die Wüste. „Ich bin überzeugt davon, dass das Leben außerhalb der Komfortzone stattfindet – ich beweg mich in erster Linie, weil es mir guttut und ich merke, wie positiv es mein Leben beeinflusst“, erklärt Imhof. „Linie“ ist dabei ein gutes Stichwort. In Wien lief sie etwa bereits sämtliche U-Bahn-Linien ab, in St. Pölten wiederum knöpfte sie sich das LUP-Netz vor. Oft verbindet sie dabei ihre sportlichen Projekte mit Spendenaktionen. Beim Arizona Canyon Ultra sammelte sie etwa Spenden zur Erforschung von ALS.
Obwohl sich ein Großteil von Sophie Imhofs Leben nun in den USA abspielt, bleibt Österreich doch ein wichtiger Teil von ihr. „Die Heimat vermisst man natürlich immer. Ich vermiss meine Familie und mein Umfeld, die österreichische Lockerheit und Mentalität, das gute Essen und generell diese Liebe zum Genuss“, gibt Imhof zu. „Gleichzeitig macht das Leben im Ausland all diese Dinge noch besonderer, weil ich sie eben nicht immer haben kann. Das Aufstrichbrot beim Heurigen ist für jemanden, der immer da ist, vielleicht einfach nur ein Aufstrichbrot – für mich steckt da mittlerweile ganz viel Heimat drin.“
Aus dem kleinen Prinzersdorf nach Schweden, Amsterdam und die USA, Sophie Imhofs Weg hat sie weit weg von ihrer Heimat geführt. Trotzdem ist ihre Verbindung zu Österreich nie ganz abgerissen. Nun kommt sie auch wieder zurück nach St. Pölten: So startet Imhof bald mit dem Live-Podcast „Healthfluenza“ auf der Bühne durch, wo die Neurowissenschaftlerin vor Publikum über Social Media, Wissenschaft und ihre persönlichen Erfahrungen sprechen will. „Ich hab tatsächlich null Bühnenerfahrung, aber gleichzeitig irgendwie das Gefühl, dass es richtig gut werden kann. Ich freu mich einfach unglaublich auf die Shows und auf die Tour nächstes Jahr!“ meint Imhof.
Genau diese Einstellung scheint gut zu ihr zu passen: Dinge ausprobieren, die außerhalb der Komfortzone liegen, neugierig bleiben und sich immer wieder auf Neues einlassen. Ob im Labor in New York, beim Ultramarathon in der Wüste oder auf Social Media und der Bühne – langweilig wird Sophie Imhof wohl auch in Zukunft nicht werden.
HEALTHFLUENZA
Der Live-Podcast mit Dr. Sophie Imhof
18.02.2027 St. Pölten, VAZ St. Pölten
19.02.2027 Salzburg, Mozarteum
22.02.2027 Waidhofen an der Ybbs, Plenkersaal
23.02.2027 Leonding / Linz, Kürnberghalle
25.02.2027 Wels, Stadthalle
26.02.2027 Gmunden, Toscana Congress
27.02.2027 Villach, Congress Center
28.02.2027 Wien, Audimax der Universität Wien
01.03.2027 Klagenfurt, Konzerthaus
02.03.2027 Graz, Stefaniensaal





