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Zweite Sparkasse

Text Johannes Reichl
Ausgabe 09/2026

Ein Leben ohne eigenes Konto? Näher durchgedacht scheint dieser Gedanke fast unvorstellbar. Dennoch ist er für manche brutale Realität, meist gesellschaftliche Ausgrenzung inklusive. Hier setzt die Zweite Sparkasse an und möchte Betroffenen beim finanziellen Comeback helfen. Im Oktober wird in St. Pölten die erste Filiale in Niederösterreich eröffnet – wir sprachen darüber mit Sparkasse Niederösterreich Mitte West Vorstandsdirektorin Bettina Sax.

Die Zweite Sparkasse hat, wie es auf der Homepage heißt, „keine Ertragsziele, sie arbeitet nicht gewinnorientiert“. Für Otto Normalverbraucher klingt das eher wie die Antithese zu einem Geldinstitut?
Auf den ersten Blick vielleicht. Für mich ist die Zweite Sparkasse aber keine Antithese zu einer Bank, sondern die konsequente Fortsetzung des Sparkassengedankens. Eine Sparkasse trägt Verantwortung für die Menschen in ihrer Region. Das gilt nicht nur in wirtschaftlich guten Zeiten, sondern besonders dann, wenn das Leben aus der Bahn gerät.
Die Zweite Sparkasse misst ihren Erfolg deshalb nicht am Gewinn, sondern an ihrer gesellschaftlichen Wirkung. Sie unterstützt Menschen dabei, wieder Ordnung und Stabilität in ihr finanzielles Leben zu bringen. Dabei geht es nicht um Almosen, sondern um Hilfe zur Selbsthilfe und um die Chance, wieder eigenständig am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Für mich ist das gelebte finanzielle Inklusion.

Die Zweite Sparkasse gibt es bereits in anderen Bundesländern seit einigen Jahren. Was gab den Anstoß, dass sich jetzt auch die Sparkasse Niederösterreich Mitte West engagiert? 
Als regional verwurzelte Sparkasse sehen wir, was die Menschen in unserer Region beschäftigt. Wir erleben, dass finanzielle Schwierigkeiten längst kein Randthema mehr sind. Ein Jobverlust, eine Trennung, eine Krankheit oder ein anderer Schicksalsschlag können ein zuvor stabiles Leben auch finanziell sehr rasch ins Wanken bringen. Und das zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten. Deshalb war für uns klar, wir schauen nicht weg, sondern wollen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. 

Die Sparkasse engagiert sich seit jeher sozial in St. Pölten. In letzter Zeit scheinen die Bemühungen aber noch griffiger zu sein, wenn man etwa auch an den Fokus auf Finanzbildung für Frauen denkt.
Es freut mich, dass unser Engagement auch wahrgenommen wird, denn soziales Engagement war für uns immer ein wesentlicher Teil unseres Selbstverständnisses. Heute versuchen wir aber noch stärker dort anzusetzen, wo wir als Bank eine besondere Kompetenz haben und eine nachhaltige Wirkung erzielen können.
Finanzielle Gesundheit ist eine wichtige Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. Frauen sind beispielsweise häufiger von Teilzeitarbeit, Betreuungspflichten und daraus resultierenden Pensionslücken betroffen. Deshalb beschäftigen wir uns intensiv mit Finanzbildung, Vorsorge und finanzieller Unabhängigkeit. Wenn wir hier frühzeitig Wissen vermitteln und Bewusstsein schaffen, können wir helfen, spätere finanzielle Probleme zu vermeiden.
Die Zweite Sparkasse ergänzt diesen präventiven Ansatz um konkrete Unterstützung für Menschen, die bereits in Schwierigkeiten geraten sind. Beides gehört für mich zusammen.

Wie kann man sich das eigentlich vorstellen, wenn man kein Bankkonto besitzt? Was heißt das für Betroffene?
Ein Bankkonto ist heute weit mehr als ein technisches Produkt. Es ist eine grundlegende Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Ohne Konto wird es schwierig, ein Gehalt oder Sozialleis­tungen zu erhalten, Miete und Strom zu bezahlen, einen Mobilfunkvertrag abzuschließen oder am digitalen Zahlungsverkehr teilzunehmen.
Das bedeutet für die Betroffenen nicht nur organisatorische Probleme. Es führt häufig auch zu Scham, Unsicherheit und weiterer Ausgrenzung. Finanzielle Schwierigkeiten werden dadurch schnell zu sozialen Schwierigkeiten.
Seit der Einführung des Basiskontos hat sich die Arbeit der Zweite Sparkasse weiterentwickelt. Heute geht es daher nicht nur darum, ein Konto bereitzustellen. Es geht um persönliche Begleitung, ein betreutes Konto, Finanzbildung und darum, existenzsichernde Zahlungen wie Miete oder Energie zuverlässig zu organisieren. So kann beispielsweise auch einem Wohnungsverlust entgegengewirkt werden.

Wie findet die Zweite Sparkasse ihre Kundschaft, wie entsteht der Erstkontakt?
Die Kundinnen und Kunden werden uns von sozialen Partnerorganisationen vermittelt. Dazu zählen die Caritas, die Schuldnerberatung, der Verein Wohnen, Emmaus oder beispielsweise das Frauenhaus. Diese Einrichtungen betreuen die Betroffenen bereits, kennen ihre Lebenssituation und können einschätzen, ob das Angebot der Zweite Sparkasse die passende Unterstützung darstellt.
Die Bestätigung einer Partnerorganisation ist die formale Eintrittskarte. Das ist wichtig, weil Bank und soziale Einrichtungen unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Unsere ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich um Bankthemen und zum Teil auch finanzielle Bildung. Die soziale beziehungsweise psychosoziale Begleitung bleibt bei der jeweiligen Partnerorganisation.
Entscheidend ist für uns, den Menschen beim Erstkontakt ohne Vorurteile und auf Augenhöhe zu begegnen. Niemand soll sich für seine Situation rechtfertigen müssen.

Wie kann man sich in der Praxis die konkrete finanzielle Betreuung vorstellen? Viele Betroffene werden ja hoch verschuldet sein?
Zu Beginn geht es darum, gemeinsam einen realistischen Überblick zu schaffen. Welche Einnahmen gibt es? Welche Zahlungen sind für die Existenzsicherung besonders wichtig? Wo entstehen zusätzliche Kosten? Dies auch gemeinsam mit der Schuldnerberatung.
Nicht jeder Mensch, der zur Zweite Sparkasse kommt, ist völlig mittellos. Aber viele haben den Überblick verloren oder stehen aufgrund ihrer Lebenssituation unter enormem Druck. Genau hier hilft eine ruhige, verständliche und wertschätzende Begleitung.
Die Kundinnen und Kunden erhalten je nach Bedarf ein Girokonto, Zugang zu digitalen Bankdienstleistungen wie George sowie Beratung zur Organisation ihrer alltäglichen Finanzen. Bei einem betreuten Konto wird besonderes Augenmerk daraufgelegt, dass existenzielle Zahlungen zuverlässig erfolgen. Überschuldung selbst wird gemeinsam mit der Schuldnerberatung bearbeitet.

Wird es für die Zweite Sparkasse in St. Pölten eine eigene physische Filiale geben oder ist die Beratung in die bestehenden Strukturen integriert?
Ja, es wird einen eigenen physischen Standort geben. Die erste Filiale der Zweite Sparkasse in Niederösterreich eröffnet im Oktober 2026 im Forum am Schillerplatz in St. Pölten. Damit schaffen wir einen klar erkennbaren und zugleich gut erreichbaren Ort für die persönliche Beratung.
Die Filiale ist Teil des österreichweiten Netzwerks der Zweite Sparkasse, wird aber von ehrenamtlich tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Sparkasse Niederösterreich Mitte West betreut. Die konkreten Beratungstermine werden mit den vermittelnden Partnerorganisationen koordiniert.

Was ist das Meta-Ziel der Zweite Sparkasse? Hilfe im Akutfall oder die Kunden wieder fit für den regulären Finanzmarkt zu machen?
Beides! Die Hilfe im Akutfall ist nur der Anfang. Das langfristige Ziel ist die Rückkehr in ein stabiles und selbstbestimmtes finanzielles Leben.
Der größte Erfolg der Zweite Sparkasse besteht darin, Kundinnen und Kunden wieder zu verlieren. Nämlich dann, wenn sie ihre Finanzen selbstständig bewältigen und wieder zu einer regulären Bank wechseln können. Das ist ein sehr positives Verständnis von Erfolg.
Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass neun von zehn Kundinnen und Kunden, die nach ihrer Stabilisierung in die reguläre Sparkassengruppe wechseln, ihre finanzielle Situation langfris­tig halten oder sogar weiter verbessern können. Dahinter steht nicht irgendein Geheimrezept. Entscheidend sind Zeit, verständliche Information, persönliche Begleitung und das Vertrauen, dass ein Mensch seinen Weg wieder selbstständig gehen kann.

Los geht es im Oktober. Wie hoch schätzen Sie den Bedarf ein?
Aktuell werden einige hundert Kundinnen und Kunden aus Niederösterreich am Wiener Standort der Zweite Sparkasse betreut, weil es eben hier noch keinen Standort gab. Im ersten Schwung, werden wir einen Teil dieser Personen übernehmen, ich gehe aktuell von 150 bis 250 aus zum Starten. 
Das Angebot richtet sich an Menschen aus Niederösterreich, die von einer Partnerorganisation vermittelt werden. 
Unser Anspruch ist es jedenfalls nicht, möglichst schnell möglichst hohe Zahlen zu erreichen. Gleichzeitig sehen wir schon heute, dass der Bedarf vorhanden ist und österreichweit leider wächst. Das ist einerseits ein Auftrag für uns, andererseits gesellschaftlich natürlich kein erfreuliches Signal.