MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

„Wie wäre es mit dem Prandtauer?“

Text Andreas Reichebner
Ausgabe 03/2021

Er war bedeutender Klosterarchitekt und geschäftstüchtiger Unternehmer, sein Oeuvre war gewaltig, er wurde von seinen Auftraggebern geschätzt und arbeitete rund um die Uhr: Jakob Prandtauer prägte wie kein anderer auch das St. Pöltner Stadtbild. Die Kunsthistorikerin Huberta Weigl ist dem vielfältigen Künstler schon seit über 20 Jahren auf der Spur – nun hat sie eine umfangreiche Prandtauer-Monografie über ihn herausgebracht.

Vor beinahe 25 Jahren galt es für Huberta Weigl, zu promovieren. „Wie wäre es mit dem Prandtauer?“, schlug ihr damaliger Professor am Wiener Institut für Kunstgeschichte, Hellmut Lorenz, vor. Und diese nonchalante Frage war der Startschuss zu ihrer langen Forschungsreise – dabei steter Weggefährte, der „Paumeister“ Jakob Prandtauer. „Mir ist das Thema sehr schnell über den Kopf gewachsen“, so Weigl, denn schon nach den ersten Recherchen stand fest, das Werk des Barockarchitekten ist zu mächtig, um es in einer Arbeit in den Griff zu bekommen. „Prandtauer war ja so eine Art Mädchen für alles. Wenn es etwas zu bauen gab, umzugestalten oder auch zu reparieren, war er zur Stelle“, erzählt Weigl. Und so konzentrierte sie sich vorerst auf seine wichtigsten Klosterbauten, die Stifte Melk, Herzogenburg und St. Florian. Aber das übrige Werk ließ Weigl nicht mehr los und so forschte sie nebenbei immer weiter. „Frust und Lust“, wie sie selbst sagt, wechselten sich dabei ab, „weil das Werk verrückt groß ist.“



Umfangreiches Oeuvre

Denn Prandtauer ließ es sich nicht nehmen, neben den bekannten Klosteranlagen auch Zehenthöfe, Schüttkästen, Pfarrhöfe, Schlösser, Palais und Bürgerhäuser zu errichten. Ebenso waren Weinkeller, Gartenpavillons, Lusthäuser, Kasernen, Brücken, ja selbst Skulpturen, Denkmäler und Gartenanlagen in seinem Portfolio. „Er arbeitete permanent und verdiente auch recht gut.“
1660 in Stanz in Tirol zur Welt gekommen, musste der kleine Jakob schon im Alter von neun Jahren das Sterben seines Vaters miterleben. Der Tod war in barocken Zeiten ein fortwährender Begleiter – dafür sorgten mangelnde Hygiene, fehlende medizinische Betreuung, viele Krankheiten und Seuchen. Prandtauer begann mit 17 Jahren eine Maurerlehre, die er 1680 abschloss. Später verlieren sich seine Spuren, ehe er 1692 ein Haus in St. Pölten, Klostergasse 15, erwarb. „Er ist auf Wanderschaft gegangen, kehrte aber in den Wintermonaten ziemlich sicher, entgegen den Erzählungen der Wissenschaft, wieder nach Tirol, zum Martinitag, auf den Hof zurück“, weiß die Kunsthistorikerin.

Warum St. Pölten?
Warum er in St. Pölten landete? Prandtauer arbeitete zuerst in Wien, beim Tiroler Baumeister Christian Alexander Oedtl, der auch für den Probst in St. Pölten, Christoph Müller, Aufträge erledigte. Dieser zerstritt sich gerade mit dem städtischen Baumeister und war auf der Suche nach einem geeigneten Mann, denn Arbeit, um die Macht und die Stellung der Kirche zu verdeutlichen, gab es damals nach den Türkenkriegen genug. Und da zeigten sich die besonderen Fähigkeiten Prandtauers. Er war nicht nur Planer, sondern führte diese auch selbst aus, arbeitete als gelernter Maurer, Polier und Baumeister ununterbrochen. „Der Probst wird ihm auch bei der Haussuche in St. Pölten geholfen haben, schließlich war das Gebäude Klostergasse 15 ja mitten im Klosterviertel des Augustiner-Chorherrenstiftes“, so Weigl über das Fußfassen Prandtauers in St. Pölten, der nun auch als hauseigener Baumeister des Stiftes fungierte. „Von da an geht es ganz schnell, er lässt sich den Mau­rerbrief ausstellen, wird selbständiger Baumeister, heiratet die Kammerzofe von Schloss Thalheim, das erste Kind kommt und er wird von den Klöstern weitergereicht und empfohlen. Denn die Äbte und Pröbste waren vernetzt, da gab es so eine Art Empfehlungsmarketing“, erzählt Weigl, „auf Prandtauer konnte man sich eben verlassen.“
Er überwachte selbst seine Baustellen regelmäßig. Obwohl damals die 30 km lange Strecke zwischen St. Pölten und Melk eine Reisezeit von fünf bis sieben Stunden erforderte. „In jungen Jahren ist Prandtauer noch geritten, dann ist er auf Kutschen umgestiegen, die aber eher Fuhrwerken glichen“, so Weigl, die in ihrem Buch trotz hohen kunsthistorischen Anspruchs, den Baukünstler auch als Person in der damaligen Zeit verankert zeigt. „Es darf auch menscheln, ich freue mich, wenn ich sehe, dass Wissenschaft ihren Platz auch im Leben einnimmt. Mich interessiert auch, unter welchen Voraussetzungen die Menschen gelebt haben.“ Und so erfährt man in der Künstlermonografie, in der der Mensch Prandtauer richtig lebendig wird, auch, dass das Stift Melk den Wirt bezahlt hat, der ihn verköstigte, übernächtigen ließ und auch mit seinem Fuhrwerk wieder nach St. Pölten brachte. „St. Pölten war gut ausgewählt, ein extrem guter Standort. Denn von hier aus konnte er ausschwärmen, auch nach Wien, und natürlich nach Melk und dann in weiterer Folge nach Oberösterreich, wo er etwa am Stift St. Florian arbeitete.“


Pfarrhof in Haitzendorf
Sein erstes archivalisch gesichertes Werk war die Umgestaltung des Pfarrhofes von Haitzendorf im Jahre 1694 – Auftraggeber das Stift Herzogenburg. Zwei Jahre später vollendete er im Auftrag des Augustiner-Chorherrenstiftes den Lesehof in Joching. „Für die Chorherren in St. Pölten errichtete er unter anderem den Turmhelm des Domes, das Schloss Ochsenburg und den Schwaighof.“ In St. Pölten gestaltete er aber auch viele Profanbauten und Bürgerhäuser, wie das Haus Fuhrmannsgasse 14, das Palais Wienerstraße 37 oder sein Wohnhaus selbst, „aber es ist gar nicht mehr so leicht, Prandtauer hier zu entdecken. Es stammt nicht alles, was ihm ursprünglich zugeschrieben wurde, auch von seiner Hand.“ So ist etwa die Prandtauerkirche nicht von ihm, er überwachte das Bauvorhaben lediglich. Aber das mindert keineswegs die Bezeichnung „Prandtauer-Stadt St. Pölten“, denn er lebte hier mehr als 30 Jahre, prägte eindrucksvoll das Stadtbild, auch in Folge durch die Arbeiten seines Neffen Joseph Munggenast. Und schließlich entstammen seinem Atelier in der Klostergasse wunderbare Pläne für barocke Höhepunkte in Nieder- und Oberösterreich.
„Die Äbte und Pröbste haben ja dauernd mitgeredet, als Baumeister war man nicht so der autonome Künstler“, so Weigl, aber Prandtauer war einer, „der sich auf Kundenwünsche eingelassen hat. Er war alles andere als kompliziert, bei Schwierigkeiten zur Stelle. Auch als Fischer von Erlach in Herzogenburg übernommen hatte, war er weiterhin regelmäßig auf Baustellenbesuch.“

Gut verdient
Das Benediktinerstift Melk gilt mit Recht als sein Haupt- und Lebenswerk. Zum eigenwilligen und zugleich großzügigen Abt Berthold Dietmayr stand er in einem vertrauensvollen Verhältnis. „Man schätzte sich, Prandtauer arbeitete ja in Melk von 1701 an ganze 25 Jahre für ein und denselben Abt“, weiß Weigl und gibt in ihrem Buch auch Einblick über Sonderzahlungen. „Als der Rohbau der Melker Stiftskirche fertig war, bekam er 1.500 Gulden, das war das Fünffache seines Jahreshonorars.“ Bedenkt man, dass ein Handwerker 80 Gulden im Jahr bekam, ein stolzes Sümmchen. „Als es um ein Modell für das Portal der Melker Stiftskirche ging, bekam er Vanille statt Geld. Für dieses Modell erhielt Prandtauer am 2. Februar 1714 insgesamt 50 Pfund bzw. 24,5 kg Kakao und 75 Stangen Vanille im Gesamtwert von 75 Gulden, was beachtlichen 25 Prozent seines Jahreshonorars entsprach.“
1726 starb der vierfache Vater und Familienmensch Prandtauer, nachdem er sechs Jahre zuvor den Tod seiner Frau Maria Elisabeth und all seiner Geschwister erleben musste. Ja, das Leben im Barock war keines zum Honig lecken, das wird auch im Buch von Huberta Weigl erle(b)sbar.  Ein „Reinmachen“ nennt Weigl ihre umfangreiche Künstlermonografie. Mehr als 20 Jahre Abarbeiten an einer Künstlerpersönlichkeit, von der einstmals der Propst des Stiftes Dürnstein als „vülleicht führnemsten (vornehmsten) in gantz Oesterreich“ sprach. „Ein Hinweis auf den besonderen Ruf, den Prandtauer bereits zu Lebzeiten besaß“, so Weigl, die nun mit einer fröhlichen Erleichterung auf ihr gewaltiges Werk blickt.

HUBERTA WEIGL: JAKOB PRANDTAUER 1660–1726, BAUMEIS­TER DES BAROCK
Michael Imhof Verlag, zwei Bände, 923 Seiten, 885 Abbildungen,ISBN 978-3-86568-031-0, Preis: 128,00 Euro