MFG - Nächste Ausfahrt Radlbrunn
Nächste Ausfahrt Radlbrunn


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Nächste Ausfahrt Radlbrunn

Text Johannes Reichl
Ausgabe 02/2008

Zwei Jahre ist es her, dass uns der Landeshauptmann eine Homestory versprochen hat - er hält Wort. Natürlich seh ich, wie manche die Augen verdrehen: Just jetzt, vor der Wahl. Mir egal. Diese Chance lassen wir uns nicht entgehen: Der erste Medienspaziergang mit Pröll in Radlbrunn ever!

St. Pölten-Radlbrunn. Für einen „Stodterer“ wie mich erscheint dieser Trip ins „weite Land“ wie eine kleine Weltreise. A Pröll Odyssee. Anfangs noch „Zivilisation“ – St. Pölten, S 33, Krems, Langenloisl – doch dann dünnt es sich allmählich aus, bis wir zuletzt nur mehr auf gewundenen Straßen zwischen Weingärten fahren. Ein Bauer am Feld, ein kleiner Traktor, Bildstöcke auf Feldern, null Verkehr. Hier sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht, definitiv. Als irgendwann ein einzelner Bagger am Straßenrand auftaucht, wirkt er völlig mutwillig, wie ein schwarzer Farbkleckser in einem sonst harmonisch-durchkomponierten Gemälde aus Pastell. Nach einer Stunde fahren wir in Radlbrunn ein. Ein kleiner Marktflecken, um den man wohl nicht viel Aufhebens machen würde, wenn er nicht Geburts- und Wohnort eines prominenten Sohnes wäre: Landeshauptmann Erwin Pröll. Und mit dem haben wir unter dem Motto „Zeig mir wo du wohnst, und ich sage dir wer du bist“ ein Rendez-Vous.
Treffpunkt ist der Brandlhof, altes Gemäuer aus dem vorvorigen Jahrtausend. Während ich noch schlaftrunken an meinem Kaffee schlürfe (obwohl es mittlerweile 9.30 Uhr ist!), kommt der Landeshauptmann bestens gelaunt bei der Tür herein. Nicht wie gewohnt im Anzug, sondern „geländetauglich“ in Jeans, blauem Pulli, und – Niederösterreich verpflichtet – blaugelbem „Michi Dorfmeister Fanklub“-Anorak. Im Schlepptau führt er seinen Hund Tobi an der Leine, dem angesichts Kaiserwetters draußen unser Gespräch im Inneren so überhaupt nicht eingehen mag und der deshalb von Anfang an seinen Unmut mittels Bellterror kundtut, bis der Landeshauptman irgendwann selbstironisch feststellt: „Natürlich gibt es einen Größeren als den Landeshauptmann, und das ist der Tobi!“ Und durchtrieben ist er auch. Tobis Belohnungs-Zungenschlecker fürs Herrl ob soviel Demut erscheint mir nämlich nur vorgetäuscht – in Wahrheit hat er es beinhart auf Prölls Frühstücksschinken abgesehen.

Morgenstund hat Gold im Mund
Angesichts dieses PPA (Pröll-Power-Auftritts, eine Trademark des Landeshauptmannes) frag ich mich, woher dieser Mann mit seinen 60 Lenzen bloß diese Energie hernimmt. Hat es mit seinem „himmlischen“ Geburtstag am 24. Dezember zu tun? Als er dann ernsthaft meint, er sei „ein bisserl ein Morgenmuffel“, fall ich angesichts der Weckzeit in eine kleine Zwischendepression. „Ich stehe so um 6 Uhr auf, bin dann um ¾ 8 im Büro. Sonst ist es von den Terminen abhängig.“ Wie – Morgenmuffel?! Was bin dann ich, ein Murmeltier?!
Prölls Radlbrunner Morgen läuft immer nach demselben Schema ab: Tagwache, Spaziergang mit einem bereits ungeduldigen Tobi, Morgentoilette, gemeinsames Frühstück mit Gattin Elisabeth. Schließlich Abschied, „wobei der Tobi immer ein Riesentheater aufführt. So ist es auch beim Nachhausekommen – außer es ist nach Mitternacht, dann hebt er nur kurz ein Auge zur Kontrolle und schläft dann weiter.“
Nach Mitternacht wird aber gar nicht so selten vorkommen, oder? Wenn dann schon wieder um 6 Uhr Tagwache ist, muss es doch ein Dauerschlafmanko geben, oder? „Nein. Ich schlaf recht leicht beim Mitfahren im Auto ein. Sobald wir allerdings die Ortseinfahrt Radlbrunn passieren, wach ich automatisch auf. Das ist komisch irgendwie, aber hier ist einfach meine Heimat!“

Sweet Home Radlbrunn
Aus diesem Grund ist und war es für Pröll mit Ausnahme eines kurzen „Wiengastspiels“ während des Studiums auch nie Thema, anderswo zu leben. Auch auswärts schlafen behagt dem Politiker gar nicht, auch wenn es noch so spät wird. „Ich komme jeden Tag heim nach Radl-brunn.“ Und das ominöse Bett in seinem St. Pöltner Büro? „Ist eine Katastrophenliege, die ich auch nur in solchen Fällen nutze. Das letzte Mal anlässlich des Hochwassers.“
Irgendwie verblüfft diese Verbundenheit mit Radlbrunn ein wenig. Da sitzt ein Mann, der quasi über 1,6 Millionen Einwohner regiert, in der großen Politik mitspielt, und dann wohnt er in einem 400 Seelen-Dorf im tiefsten Weinviertel. Umgekehrt, so schießt es mir durch den Kopf: wie könnte man als Stadtmensch ein Land mit derart dörflicher Struktur überhaupt begreifen, wenn man keinen direkten Bezug dazu hätte? Für Pröll stellt sich die Frage ohnedies nicht.  Daham is Daham. „Ich bin ein paar Hundert Meter von hier geboren. Hausgeburt!“, zeigt er zum Fenster raus. „Und in die andere Richtung wohn ich. Radlbrunn ist einfach unser gutes Nest!“, gerät er ins Schwärmen und bricht für das Landleben eine Lanze. „Es ist alles so vertraut. Die Anonymität der Stadt gibt es am Land nicht. Hier im Brandlhof hab ich etwa schon als Ministrant das Kirchenblatt ausgetragen und dafür ein paar Schilling Trinkgeld bekommen.“

Einfach nur der Erwin
Zugleich hat die Radlbrunner Heimat noch eine andere, man ist fast geneigt zu sagen katalytische, ja psychohygienische Funktion für Pröll – damit auch für seine Politik. Während er nämlich landauf, landab der „Herr Landeshauptmann“ ist, oftmals hofiert, von Speichelleckern umringt oder umgekehrt von Menschen umgeben, die vor Ehrfurcht erstarren, „bin ich hier einfach nur der Erwin! Das ist eine unglaubliche Kraftquelle, aus der ich schöpfen kann.“ Aus diesem Grund zieht es ihn Sonntagvormittag, sofern kein Termin ansteht, in den Brandlhof, „weil dann bin ich einer wie jeder. Dann blödeln wir herum, plaudern übers Dorf, besprechen Probleme, und dann wird auch meine Arbeit kritisch hinterfragt – und glauben Sie mir, die Leute hier sind kritischer als anderswo, weil da redet eben der Karl mit dem Erwin, und nicht mit dem Landeshauptmann. Diese Unmittelbarkeit, diese Ehrlichkeit ist ein enorm wichtiges Korrektiv für meine Arbeit, auch um nicht abzuheben!“
Aber ganz ehrlich, fällt es nicht wirklich bisweilen schwer am Boden zu bleiben, wenn man so wie Pröll als Landeshauptmann über eine absolute Mehrheit und somit in gewisser Weise auch absolute Macht verfügt? Noch dazu in einer Zeit, wo der Grat zwischen Politik und Seitenblicke-Gesellschaft immer mehr verwischt und Pröll als Mediendarling fast ein bisschen wie ein Popstar gehypt wird, was dann bisweilen abstruse Früchte wie unlängst ein ÖSTERREICH-Cover trägt, das mit der Schlagzeile „Grippe, jetzt hat es auch Pröll erwischt“ aufmachte, oder eine Bildmontage von Pröll im Rollstuhl? Der Landeshauptmann winkt ab und kann sich ob derlei medialer Verbratung ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Da sind die Telefone heiß gelaufen bei uns, was denn dem Landeshauptmann zugestoßen sei.“ Er sieht’s pragmatisch, als Part of the game, wie zuletzt etwa auch sein Stelldichein in Kitzbühel, wo er für Niederösterreich die Werbetrommel rührte. „In so einem Umfeld abzuheben ist sicher gefährlich, aber nicht für mich. Gerade bei so Großereignissen spüre ich meine Erdung. Von anderen dort, denk ich mir hingegen oft, dass die im Innern nicht glücklich sein können. Denen fehlt der Anker, die hetzen von einem Event zum nächsten. Aber wenn du überall bist, bist du nirgends daheim. Das muss schrecklich sein! Mir hingegen gibt Radlbrunn diesen Anker – da sind Gebäude, die wurden im 12. Jahrhundert gebaut. Man spürt die Wurzeln. Wenn man so ein Sensorium besitzt, dann kann einem nix passieren!“

Keine Sternschnuppe
Trotzdem, und das ist ein anderer Aspekt des Politikerlebens, heißt es gemeinhin, dass Macht verführt, zu Opportunismus verleitet. Besteht nicht die Gefahr, sich selbst über die Jahre zu verlieren? „Ich glaub, wenn man grad gewachsen ist, fällt es nicht schwer, der zu bleiben, der man ist. Wer allerdings von vornherein schief ist, nicht tief verwurzelt, der biegt sich, dreht sich nach dem Wind. Das ist sehr oberflächlich und hält man auch nur kurzfristig durch. Überlegen Sie einmal, wie viele Politiker Sie in Ihrem Leben bereits wie Sternschnuppen auftauchen und wieder verschwinden sehen haben? Die es jedem recht machen wollten, sich angebiedert haben. Politiker hingegen, die Bestand haben, müssen sich nicht verstellen. Die sind, wie sie sind, und das schätzen die Leute.
Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich 1980 von der Musikkapelle hier in Radlbrunn begrüßt worden bin, weil ich eine Regierungsfunktion übernommen hab. Das ist 28 Jahre her! Ich bin sicher keine Sternschnuppe, sondern grad gewachsen.“

Der Schüler Pröll
Sehnsucht nach etwas Gradgewachsenem – nämlich einem Baum – bekommt nach ca. einer Stunde auch Tobi, und sorgt durch „Belldauerfeuer“ für unseren Aufbruch zum Sparziergang unter dem Motto „Auf den Spuren des Erwin P.“
Um halb elf steppt nicht gerade der Bär in Radlbrunn, aber Geisterdorf ist es keins, wie uns ein vorbeiradelnder Pensionist beruhigt. „Grüß dich Erwin“, winkt er, und der Landeshauptmann winkt zurück. „Servas Karl.“
Vor einem vermeintlichen alten Bauernhof – so sieht das zumindest für mich als Greenhorn aus – bleiben wir stehen. „Hier bin ich zur Volksschule gegangen. Noch draußen haben wir uns täglich in der Reihe aufstellen müssen und den Lehrer begrüßt bzw. verabschiedet“, erinnert sich Pröll, „und“, fügt er auf die angrenzende Wiese zeigend hinzu, „da war unser Turnsaal.“ Da ich leider auf der Leitung stehe (soviel frische Luft vertrag ich offensichtlich nicht), frag ich naiv: „Da war ein Turnsaal?!“, und ernte schallendes Gelächter. „Nein, die Wiese war der Turnsaal! Es hat sich ja damals alles auf der Straße abgespielt. Wir haben Fußball gespielt, Verstecken – das war Dorfleben pur“.
Nach der Volksschule geht Pröll dank der Aufgeschlossenheit der Eltern sowie der vehementen Fürsprache einer Tante, „die Lehrerin war und gemeint hat, dass es der Bua in sich hat“ weiter aufs Gymnasium. Damals alles andere denn selbstverständlich. „Wenn ich mich nicht täusch, war ich der erste Radlbrunner überhaupt, der aufs Gymnasium gegangen ist. Ich bin jeden Tag mit dem Radl, später mit dem Moped nach Tulln gefahren.“ Und war er ein Vorzugsschüler? Pröll winkt lachend ab. „Ich war ein sehr durchschnittlicher Schüler, hab alle Höhen und Tiefen durchgemacht. Ich hab zwar nie einen Nachzipf gehabt, in Latein bin ich aber ein paar Mal knapp daran vorbeigeschrammt.“ Augenzwinkernder Nachsatz: „Ich war halt jung, und es gab bei uns im Dorf genügend Feste, Kirtage, Bälle etc.“
Aber Pröll schaukelt das Ding, legt die Matura ab und geht – so wie es wohl die Eltern erträumt haben – auf die Universität nach Wien. „An meinen ersten Tag an der BOKU kann ich mich noch genau erinnern. Um 4 Uhr ist der Zug gegangen. Bis 12 Uhr war ich noch weinlesen mit den Eltern. Als ich dann weggefahren bin, raus aus Radlbrunn, da hab ich zum ersten Mal ein Gefühl von Abschied gespürt.“ Aber es ist kein dauerhafter. Pröll hält es in Sachen Radlbrunn frei nach Arnies „I’ll be back“. Die Wurzeln der Heimat sind zu stark, als dass sie den Sohn entweichen ließ – auch wenn er „da draußen“ eine politische Bilderbuchkarriere macht.
Next Stop: Kirchplatz. Der kommt ganz “klassisch” daher: die Kirche – wie immer in einem kleinen Dorf – überdimensioniert, ein Kriegerdenkmal, eine lebensgroße Holzkrippe, „die hat mir ein Waldviertler Schnitzer zum 60‘er geschenkt.“ Wie hält er es eigentlich mit der Religion? „Da ist schon eine tiefe Religiosität, auch Tradition, die Zweifeln und Oberflächlichkeit entgegenstehen – das hat viel mit Emotion, mit Bindung zu tun. Hier am Land lebst du Kirche und Religion einfach. Das ist – und darin liegt sicher ein Unterschied zur Stadt – selbstverständlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens, ein Automatismus. Der Hergott ist immer präsent!“
Wir schlendern weiter und biegen in die Hauptstraße ein. Aus dem Landeshauptmann sprudelt es nur so heraus, als hätten wir eine lang verschlossene Kiste aus seinem Gedächtniskeller hervorgeholt und inspizierten nun gemeinsam die vergessenen Erinnerungsstücke. „Das gibt’s ja nicht“, hält Pröll zwischendurch kopfschüttelnd inne, „aber mir fällt tatsächlich zu jedem Haus was ein. An jeden Flecken hier knüpf ich eine Erinnerung!“ Da ist das Haus des Schmiedes, „der die Pferde beschlagen hat“, dort jenes, wo man gemeinsam ferngesehen hat, weil der Besitzer sich als erster im Dorf einen TV-Apparat zugelegt hat, „was damals natürlich eine Sensation war“. Weiter vorne sei das Kaufhaus gewesen, daneben der Wirt, „und da war der Schadinger, wo wir Theater gespielt haben.“ Im wahrsten Sinne des Wortes eingebrannt hat sich auch die Erinnerung an jenen Hof auf der Hauptstraße, „der gebrannt hat. Ich hab das als erster entdeckt und bin die Straße auf und abgerannt, hab geschrieen und die Leut alarmiert.“
Schließlich macht unser kleiner Wandertross vor einem Winzerhof Halt, auf dem ein „verdächtiges“ Schild mit der Aufschrift „Weingut Pröll“ prangt. „Das ist mein Geburtshaus“, verrät der Landeshauptmann. „Es wurde aber umgebaut, sieht nicht mehr aus wie früher.“ Heute gehört es seinem Neffen, der das Weingut betreibt. „Wir hatten ja einen kleinen Bauernbetrieb, gemischte Form mit Ackerbau, Weinbau und Vieh, also Schweinen und Kühen. Die Landwirtschaft hat mein Bruder übernommen.“ Und wie waren seine Eltern so, Theresia und Josef Pröll? „Mein Vater und meine Mutter waren sehr lieb. Sehr großzügige, auch aufgeschlossene, weitblickende Menschen!“, erinnert er sich. „Und sie haben mir Lebensgrundsätze mit auf den Weg gegeben, die noch immer gültig sind.“

Leben & Lebenlassen
Und welche sind das? „Zum einen: ‚Leben und Lebenlassen’. Dann, dass man immer am Boden bleiben muss und nie vergessen darf, woher man kommt. Und sie haben mir Gottvertrauen vermittelt.“ Letzteres wurzelt auch in einem ganz konkreten, einschneidenden Kindheitserlebnis. „Ich war noch ein kleiner Knirps, es war Getreideernte. Wir waren mit dem Pferdefuhrwerk draußen, als plötzlich ein furchtbarer Hagelschauer niedergegangen ist. Praktisch die gesamte Ernte war kaputt. Meiner Mutter sind die Tränen gekommen, sie war verzweifelt, weil sie nicht gewusst hat, wie es jetzt weitergehen soll. Da hat sie mein Vater zu sich gezogen, hat ein paar Hagelkörner aufgelesen und in einen Weihkessel getan, wo sie langsam zerschmolzen sind. Dann hat er gesagt: ‚Jemand, der es zusammenhaut, der macht es auch wieder gut.’ Das hat mich sehr geprägt!“
Auf dieses Urgottvertrauen baut Pröll bis heute in brenzligen Situationen, schöpft daraus offensichtlich jene Sicherheit und Ruhe, die den Tatmenschen auszeichnen. „Es ist tatsächlich so – und das ist mir insbesondere bei den Katastrophenfällen aufgefallen, aber auch bei harten Verhandlungen – dass, je brutaler und schlimmer es um mich zugeht, ich umso ruhiger werde und umso klarer sehe.“
Das erinnert an das windstille Auge inmitten des Sturmes. Pröll, der Superhero, als der er bisweilen gezeichnet wird? Der Übermensch, an dem sich alle aufrichten und auf dessen Rettung alle hoffen? Macht ihm dieses Bild, bereiten ihm diese Erwartungen mancher Landesbürger nicht bisweilen Kopfzerbrechen, weil man sie als Normalsterblicher nie und nimmer erfüllen kann? „Nein. Man bekommt ja ein Gespür, was machbar ist und was nicht. Das ist eine Frage des Menschenverstandes, und das kann man den Leuten auch vermitteln.“ Aber es sei nicht immer leicht, räumt er ein. „Es vergeht kein Tag, an dem nicht Menschen mit einem tragischen persönlichen Schicksal an mich herantreten. Das geht schon tief.“
Macht sich dann bisweilen auch ein Gefühl von Ohnmacht breit – kennt er das? „Sicher! In Katastrophenfällen fühlt man sich manchmal ohnmächtig, wenn gestandene 50, 60jährige Männer vor dir stehen und weinen wie Kinder, weil ihre Existenz, wie etwa beim Hochwasser, im wahrsten Sinne des Wortes davongeschwommen ist. Da bleibt dir schon das Wort im Hals stecken. Das ist sicher das Herausforderndste von allem!“

Die "bessere" Hälfte
Wir schlendern weiter, quasi ans andere Ende des Dorfes (keine allzu weite Strecke) und bleiben vor einem unscheinbaren Hauseinang stehen. „Hier wohne ich“, überrascht uns der Landeshauptmann. So wohnt also ein Landeshauptmann, zumindest Pröll? Kein Chateau, keine Villa – „nur“ das einfache Bauernhaus eines Radlbrunners. Das nennt man schlüssig. „Das war ein Ausgedinge meiner Eltern. Meine Gattin und ich haben es umgebaut.“
Und das ist lange her. Seit mittlerweile 37 Jahren sind Elisabeth und Erwin Pröll miteinander verheiratet! An der Seite ihres Mannes sieht man die First Landeslady in der Öffentlichkeit allerdings selten. Mag sie den Rummel um seine Person nicht? „Sie unterstützt mich voll und ganz, ist auch bereit, mich zu begleiten, wenn es notwendig ist“, räumt Pröll ein „aber sie hat in unglaublicher Größe die gesamte Familienarbeit übernommen, hält mir den Rücken frei!“ Und das heißt etwas. Die Prölls haben vier Kinder „deren Erziehung zu 99% sie übernommen hat.“ Zudem hat sie die Schwiegermutter im eigenen Haus gepflegt und ihren erlernten Beruf als Krankenschwester jahrelang auf Eis gelegt. „Jetzt geht sie aber wieder halbtags arbeiten.“
Familie, geliebte Menschen, die einem nahe stehen, sind für Pröll essentiell wichtiger Teil seines Heimatgefühls. „Es geht um Geborgenheit, das Wissen, nicht allein zu sein. Dass es Menschen gibt, mit denen man Freude ebenso teilt wie Sorgen und Schmerzen.“ Welchen Stellenwert diese Bande haben, sei ihm im letzten Jahr wieder deutlich bewusst geworden, als der älteste Sohn einen Schlaganfall erlitt. „Da ist die Familie noch näher zusammengerückt, waren wir füreinander da!“

Die Kraft der Natur
Wir machen zum Abschluss noch einen Abstecher in die Weinberge, die gleich hinter Prölls Haus beginnen. „Ich genieße es ungemein, wenn ich am Sonntag um 6 Uhr in der Früh mit Tobi meine Runde drehe, du noch die Rehe in den Weingärten stehen siehst, es ganz ruhig ist – dann bin ich der glücklichste Mensch auf Erden!“, gerät Pröll ins Schwärmen. Angesichts des sich öffnenden Blicks in eine Welt aus Weingärten soweit das Auge reicht kann selbst ich Stadtpflanze diese Empfindung nachvollziehen. Die Landschaft wirkt in gewisser Weise medidativ, macht den Kopf frei, wirft den Mensch auf sich selbst zurück.
Eine ganz andere Form, um zur „Ruhe“ zu kommen, ist für Pröll hingegen das Radfahren. „Ich spule so um die 2.500 bis 3.000 Kilometer im Jahr ab, zumeist im Kamp- und Donautal – stimmt’s Peter?“, wendet sich der Landeshauptmann an seinen Pressesprecher Peter Kirchweger, der uns nicht nur beim Spaziergang, sondern Pröll offensichtlich auch sportlich begleitet. Mir kommt das Bild des joggenden Bill Clinton, von seinem gesamten Bürostab begleitet, in den Sinn. Manche Jobs erfordern wahrlich besondere Loyalität – andererseits ist gleich für Fitness gesorgt, auch nicht schlecht. Kirchweger nickt jedenfalls zustimmend, wirft dann einen Blick auf die Uhr und gemahnt den Chef zum allmählichen Aufbruch. Immerhin steht noch eine Fahrt nach Wien am Programm, danach geht’s ins Retzer Land, wo Pröll ein Musikhaus eröffnet und eine Volksschule besucht.
So bleibt mir zuletzt noch die ultimative Frage zu stellen, sozusagen von Glatzkopf zu Glatzkopf: Hatte er eigentlich je Probleme mit seiner schütteren Haarpracht, der selbsternannten „Landesfrisur“? Da lacht Pröll lauthals auf: „Im Gegenteil! Das ist doch ein tolles Erkennungsmerkmal und ein unglaublich wertvoller Ansatzpunkt für Humor. So gesehen ist meine Glatze ein absolutes Glück. Wenn ich sie nicht hätte, müsste ich sie mir schneiden!“

Interview: „Mit St. Pölten habe ich viel vor!“
Wir sitzen hier gemütlich beim Kaffee, gehen dann spazieren – hat Sie noch nicht der Wahlkampfstress gepackt?
Nein, eigentlich nicht. Der Wahlkampf ist kein zusätzlicher Stress, bis auf die letzten zwei Wochen vielleicht, die sind natürlich intensiver. Aber ansonsten ist es ganz normaler Alltag.

Klingt abgebrüht. Ist man nach 15 Jahren Landeshauptmann-Dasein so relaxed? Wird man Sie gar einmal in dieser Funktion aus dem Büro tragen?
(lacht). Nein, Landeshauptmann ist man ja nicht auf Lebenszeit. Das Amt ist nur geborgt. Es ist ein großes Glück, wenn man so hohes Vertrauen bei den Bürgern genießt, ein Privileg, mit dem man verantwortlich umgehen muss. Ich glaub, das habe ich immer getan, das wissen die Menschen. Aber so wie ich nicht als Landeshauptmann geboren bin, so werd ich auch nicht als Landeshauptmann sterben. Da darf man nicht abheben oder sich für unentbehrlich halten. Das wäre ja leibhaftiger Absolutismus.

Sie haben als einer der ersten ganz klar die Winter-Aussagen im Grazer Wahlkampf verurteilt.
Ich bin sehr froh, dass diese Art von Politik nicht fruchtet und von den Wählern eine klare Ablehnung geerntet hat. Was die Blauen aufgeführt haben, ist ein Sicherheitsrisiko ersten Ranges, absolut verantwortungslos. Ich hoffe, dass diese schallende Ohrfeige noch ordentlich nachhallt, auch in Niederöstereich, wo die Blauen den Grazer Wahlkampf nicht kommentiert haben. Wer aber schweigt, stimmt zu! Ein Arbeiten mit Emotionen gegen andere ist jedenfalls strikt abzulehnen. Das verurteile ich aufs Schärfste!

Für uns interessant ist natürlich, welche Visionen Sie für die Landeshauptstadt haben?
Im Sport wünschen wir uns wieder eine niederösterreichische Mannschaft in der Fußball-Bundesliga. Das wollen wir langsam aufbauen in St. Pölten. Dazu bedarf es dementsprechender Infrastruktur, eines Stadions. Nach den letzten Aussagen des Bundeskanzlers wird das noch ein „Match“ im wahrsten Sinne des Wortes.

Und wie sieht es mit dem Dauerbrenner VAZ aus, wo man auf Unterstützung des Landes hofft?
Mit St. Pölten habe ich diesbezüglich einiges vor. Da habe ich eine unglaubliche Fantasie. Aber da möchte ich noch nicht zuviel verraten.

Aber die Fantasie betrifft den bestehenden Standort VAZ?
Ja. Wenn man das angeht, dann muss man eine adäquate Infrastruktur schaffen, die auf Sicht Kauf- und Wirtschaftskraft bringt. Ich stell mir einen richtigen Nukleus vor. Das ist im Interesse der Stadt, aber auch im Interesse des Landes. Es ist ja ein idealer Kongress-Standort. Die Stadt hat nur, so hab ich bisweilen den Eindruck, zuwenig Wirtschaftskraft, aber da muss man ordentlich hineingreifen. Herumkleckern hilft nicht!

Wenn man das hört und Ihre wie auch des Bürgermeisters Auftritte mit jeweils gegenseitigen „Streicheleinheiten“ verfolgt, gewinnt man den Eindruck, dass das Verhältnis zwischen Stadt und Land besser denn je ist?
Das Kooperationsverhältnis zwischen Stadt und Land macht sicher Fortschritte. Wo es sich manchmal noch spießt, wie mir manchmal vorkommt, ist, dass die Stadt sozusagen alles will, allerdings ohne dafür selbst finanzielle Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Dabei haben wir der Stadt schon viel abgenommen: Die Übernahme des Krankenhauses etwa oder auch des Theaters haben ja weitreichende Konsequenzen auf den Finanzspielraum St. Pöltens. Ich hoffe jedenfalls sehr, dass wir auf diesem Weg konsequent weitergehen.

Liegt diese Annäherung auch daran, dass Sie und der Bürgermeister sozusagen „gut“ miteinander können?
Das Klima hat sich sehr verbessert, ist sehr tragfähig. Es darf nur die Parteipolitik nicht belastend sein, da gibt es bisweilen Querschüsse und Heißsporne. Aber ich hoffe, dass der Bürgermeister die Kraft hat, diese in Zaum zu halten. Ich wünsch mir jedenfalls ein Verhältnis, wie ich es zu Bürgermeister Häupl in Wien pflege. Und ganz ehrlich: Warum soll nicht auch in Niederösterreich ein solches Verhältnis zwischen Stadler und mir möglich sein.