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Krankenhaus-Psychiatrie federt überlastete Praxen ab


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Krankenhaus-Psychiatrie federt überlastete Praxen ab

Text Johannes Mayerhofer
Ausgabe 06/2026

Ein Jahr ist vergangen seit im Universitätsklinikum St. Pölten eine psychiatrische Abteilung eröffnete. Mittlerweile ist die Zahl der stationären Betten auf 30 gestiegen. Das ist wichtig, denn im niedergelassenen Praxisbereich sieht es wenig rosig aus.


Gernot Fugger sieht in seinem Arbeitsalltag das gesamte Altersspektrum der Bevölkerung. „Wir sehen viele junge Patientinnen und Patienten mit Angst, Depressionen und häufig auch mit Suchterkrankungen, für die es eine Herausforderung ist, im Leben Fuß zu fassen“, erklärt der ärztliche Leiter der psychiatrischen Abteilung des Uni-Klinikums St. Pölten gegenüber mfg. „Durch die alternde Bevölkerung nehmen andererseits auch Demenzerkrankungen drastisch zu. Häufig leiden Betroffene zusätzlich an multiplen körperlichen Erkrankungen.“ Schon seit 2023 existiert in der Ernst Höger-Straße eine psychiatrische Tagesklinik.
Die Psychiatrie-Abteilung des Uni-Klinikums, welche aus zwei stationären Einheiten besteht, nahm ihren Betrieb im Juli 2025 auf. Seitdem hat sich nicht nur die Zahl der verfügbaren Behandlungsplätze ausgeweitet, sondern auch der Zuständigkeitsbereich. Startete die stationäre Psychiatrie mit zehn von insgesamt 40 Betten für Personen aus der Stadt, sind es Stand Juni 2026 schon 30 Betten. „Mittlerweile sind wir für die Bezirke St. Pölten Stadt und Lilienfeld sowie für den Bezirk St. Pölten Land mit Ausnahmen von einigen Gemeinden zuständig“, bestätigt Fugger. Ein weiterer Ausbau von Betten ist geplant.

Eine von drei Psy-Kassenstellen Aktuell unbesetzt
Die Notwendigkeit einer neuen psychiatrischen Abteilung wurde bereits vor Jahren erkannt. Mit der Erweiterung des Universitätsklinikums um das Haus D im Mai 2024 wurde die entsprechende Infrastruktur geschaffen. Diese sei laut Fugger vor allem dann notwendig, „wenn die Behandlung im niedergelassenen Bereich bei Fachärztinnen und Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin an ihre Grenzen stößt.“ Sieht die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgungssituation in Niederösterreich tatsächlich angespannt aus?
Laut aktuellen Zahlen der ÖGK sind für Niederösterreich 23,5 Kassenstellen für Psychiater-Praxen vorgesehen, davon drei für St. Pölten. Mit Stand Mai 2026 ist nur eine einzige Kassenstelle unbesetzt und wird ausgeschrieben. Sie befindet sich in St. Pölten. Darüber hinaus gibt es in Niederösterreich 13 Kassenplanstellen für Praxen der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Hier ist die Lücke zwischen Ist- und Sollzustand deutlich größer. Laut einer Liste unbesetzter, beziehungsweise ausgeschriebener Kassenstellen der Ärztekammer NÖ fehlen in diesem Bereich drei Praxen, davon zwei in Korneuburg und eine in Purkersdorf. Das entspricht einem „Leerstand“ von 23 Prozent. ÖGK-Angaben zu Wartezeiten bei kassenfinanzierten Psychiaterterminen in NÖ gab es nicht. Laut einer Studie der Informationsplattform krankenversichern.at 2025 betragen diese jedoch im Mittelwert 60 Tage.

Meist nur kurze Aufenthaltsdauer
Eine Aufnahme in Fuggers Psychiatrie ist nur mit fachärztlich-psychiatrischer Zuweisung und nach telefonischer Kontaktaufnahme möglich. „Wir betreuen das gesamte Krankheitsspektrum“, so Fugger. Um die stark unterschiedlichen Bedürfnisse der betreuten Personen abdecken zu können, sei ein multiprofessionelles Team notwendig. „Dieses umfasst neben Ärztinnen und Ärzten, Pflegepersonen, Therapeutinnen und Therapeuten mit verschiedenen Spezialisierungen, auch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, um diesem Anspruch gerecht zu werden.“ Im Fokus der Arbeit steht die akute Stabilisierung und Krisenintervention. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt hier weniger als zehn Tage. In der erwähnten Tagesklinik wird ambulant über 12 Wochen behandelt. Weiters geht es dort schwerpunktmäßig auch um die Behandlung unipolarer Depressionen, wobei moderne Psychopharmaka und Elektrokonvulsionstherapie zur Anwendung kommen. Bei Letzterer werden meist schwer depressive oder psychotische Patienten unter Narkose mittels Elektroimpulsen in einen kontrollierten Krampfzustand versetzt, was positiv auf Nervenzellen und Neurotransmitter wirkt.

Im Zeichen des wissenschaftlichen Fortschritts
Ebenso vielfältig wie die Formen psychischer Erkrankungen sind auch die Ursachen. „Es gibt angeborene und genetische Faktoren, aber auch Umwelteinflüsse“, erklärt Fugger. Ein bekanntes Beispiel ist der Neurotransmitter Serotonin. „Auf Basis unserer genetischen Verfasstheit, zum Beispiel der Funktion unserer Serotonintransporter im Gehirn, sind wir unterschiedlich gut in der Lage mit Belastungen oder Krisen in unserem Leben, wie etwa die COVID-19-Pandemie, umzugehen.“ Psychotherapeuten und Psychiater sprechen hier von psychischer „Resilienz“, also der psychischen Widerstandsfähigkeit gegenüber psychischen Krisen, schwierigen Lebenssituationen und problematischen äußeren Umständen. Fuggers Fachdisziplin befindet sich nicht im Stillstand, sondern passt sich regelmäßig an den Wissenschaftsfortschritt an. „Das betrifft etwa das Thema der wechselseitigen Beeinflussung körperlicher und seelischer Krankheiten, die lange unterschätzt wurde, oder auch die Entwicklung experimenteller Medikation und Therapie im Bereich Depression.“ Psychische Erkrankungen würden mittlerweile als Erkrankungen des Gehirns mit Effekten auf den gesamten Organismus verstanden was auch die Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Fächern so essenziell mache. Auch der Bereich der Telemedizin, also der medizinischen Beratung und Betreuung via Handy oder digital, entwickle sich dynamisch.

„Bio-psycho-sozialer“ Therapieansatz betrachtet Patienten gesamtheitlich
Fugger betont man verfolge in St. Pölten einen bio-psycho-sozialen Therapieansatz. „Betroffene werden ganzheitlich und in allen Facetten möglicher krankheitsauslösender Faktoren betrachtet. Einfach ausgedrückt beeinflussen Körperfunktionen, Gedanken und Gefühle aber auch das soziale Umfeld gemeinsam Gesundheit und Krankheit.“ Biologische Therapiemaßnahmen wie Medikamente werden mit sozial- und psychotherapeutischen Maßnahmen verknüpft.
Einer weiteren Ausweitung der psychiatrischen Bettenanzahl am Standort St. Pölten blickt Fugger positiv entgegen. Eine volle Belastung der 30 Betten sei zwar nicht gegeben, auch wolle er keine konkrete Zahl sagen. Die Auslastung seiner Station beschreibt er allerdings als „definitiv hoch“. Daran wird sich wohl auch in Zukunft durch steigendes Wissen und Bewusstsein bezüglich psychiatrisch relevanter Erkrankungen nichts ändern.

Zahl polizeilich untergebrachter Personen seit 2021 stark gestiegen
Der Umgang mit psychisch Erkrankten und Personen in psychischen Ausnahmesituationen ist auch fixer Bestandteil des polizeilichen Arbeitsalltags. 

„Jede Polizistin und jeder Polizist verfügt über grundlegende Fähigkeiten im Umgang mit Personen, die akut in einer psychischen Ausnahmesituation befindlich sind“, so Polizeipressesprecherin Manuela Weinkirn. Dies sei sowohl in der generellen Grundausbildung als auch im Grundausbildungslehrgang für dienstführende Beamten in mehreren Modulen und Themenfeldern verankert. „Taktische Deeskalation, klare Kommunikation und die fundierte Einschätzung von psychischen Ausnahmesituationen“ betont Weinkirn als zentrale Punkte, denn in manchen Fällen gehe es um erhebliches Potential für Selbst- und/oder Fremdgefährdung. Der Polizei ist es auch überlassen, psychisch kranke oder gefährdete Personen in Psychiatrien unterzubringen. Die diesbezüglichen Zahlen entwickelten sich über die letzten fünf Jahre in St. Pölten dynamisch. Waren es 2021 noch 149 Fälle, wuchs diese Zahl im Jahr 2023 auf 238 und war 2025 mit 232 Fällen vergleichbar hoch. Die Zahl der Suizide bewegte sich zwischen acht (2021) und vier (2025). Die Fallzahlen „abgängiger“ Minderjähriger schwankte stark. Musste das Stadtpolizeikommando 2021 nur elf Mal diesbezüglich aktiv werden, waren es im Jahr darauf 69 Fälle. Die Statistik erklärt Weinkirn so: „Das sind nicht 69 verschiedene Minderjährige, sondern 69 Fälle. Manche sind mehrmals hintereinander abgängig.“ Im besagten „Spitzenjahr“ 2022 wurde eine Person ganze 18 Mal abgängig gemeldet. Die meisten Kinder und Jugendlichen sind dabei aus betreuten Wohnheimen abgängig, nur wenige von zu Hause. „Überwiegend halten sie sich nicht an die vereinbarten Ausgehzeiten in den Betreuungseinrichtungen“, erläutert Weinkirn. Beide Geschlechter halten sich dabei ungefähr die Waage, die meisten Fälle betreffen Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren.