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Zuviel Hitze

Text Dietmar "Hasi" Haslinger
Ausgabe 06/2026

Falco prägte das geflügelte Wort „Wer sich an die 80er Jahre erinnert, war nicht dabei!“ Wir wollten trotzdem wissen, wie das eigentlich so war damals in der St. Pöltner Szene, im ominösen Hauptstadt-Geburtsjahr 1986, und fanden einen, der sich noch ganz gut daran erinnert, gerade WEIL er mittendrin, statt nur dabei war: Dietmar „Hasi“ Haslinger. Für mfg hielt er ganz persönliche Rückschau, frei nach dem Motto „Zu heiß für mich in dieser Stadt”!


2. MÄRZ 1986 
Bei der Volksbefragung zur Landeshauptstadt stimme ich heute für Krems. 

22. MÄRZ 1986 
Drei Tage nach meinem 21. Geburtstag haben Leo Zant und ich im Bierbrunnen der FABRIK alle Getränkeladen gefüllt und vor allem genug Erdbeerwein für unsere feschen Barbesucherinnen auf Vorrat, dazu vier Fässer angeschlossen und warten auf den Schlachtruf des Gastroleiters Herbert Weichart, der im dunklen Anzug mit einer Marlboro in der Hand von unserem Bereich im ersten Stock in die Arena runter läuft und jeder Barmannschaft einzeln zuruft „wir sperren auf!“ 
Österreichs Kult-Disco, die 1983 von Harald Schmidberger, dem Sohn eines Großbauern aus Wölbling, und den Geldgebern Haböck & Weinzierl, inspiriert vom Londoner „Hippodrome“, eröffnet wurde, schwimmt ganz oben am Zenit des Erfolgs. Noch immer transportieren die ausgebuchten Ö3 Disco-Busse aus Linz und Wien junge Stammgäste nach Unterradlberg und die Wochenend-Umsätze sind sagenhaft. Porsche 911 und Jaguar XJS rollen zu reservierten Parkplätzen, aber auch dutzende Vespas sind eingeparkt. Vor dem Eingangsportal hat sich eine lange Schlange an bunt gemischten Gästen gebildet, die von Karl, Harry Gstettner und Schöpfi an der Türe nach Musterung als „gut“ befunden, oder auch abgewiesen werden. VIP-Kartenbesitzer finden schnelleren Einlass, um ihre reservierten Tische in der Pizzeria zu belegen, die von Brigitte Schinnerl, Gerhard und Tschiwa geschupft wird und durchs schalldichte Glas den Blick hinunter in die Disco frei gibt. Um 22 Uhr ist das Haus mit 1.500 Gästen bummvoll und es gibt keinen Einlass mehr, außer für Gäste, die später in den VIP-Club kommen. Während ich „Night Nurse“ von Gregory Isaacs und danach „Mas, Que Nada!“ von Jorge Ben auflege, für Tina, Ira und Eva Sekt einschenke und für vier andere Mädels Erdbeerwein, serviert Leo mit Grinser und gleichzeitigem Schnurrbartzwirbler ein perfekt gezapftes Seidel Bier mit den Worten „28 ohne, 30 mit, die Meisten geben mehr!“ und bekommt von Stammgast Michael 35 Schilling über die Bar geschoben. Reini Dorsch grillt nebenan am Würstelstand seine gefragten Bratwürstel, der Holzofen in der Pizzeria wird ununterbrochen befüllt und in der arenaförmigen Disco spielt DJ Mike die Signation „Are Friends Electric“ zur Laser-Show von „Redy“, während Jung und Älter auf der knüppelvollen Tanzfläche darauf warten, welche neueste, selbst importierte Maxi-Single heute zuerst aufgelegt wird. Aus den überdimensionalen weißen Boxen wummern jetzt die Bässe, die Tanzfläche wird per Hub hydraulisch ausgefahren, und das „Saturday Night Fever“ startet von neuem, während Dagmar Dinstl und Gaby in der 2-er Bar die Drinks mixen, Walter an der 1-er Bar Cocktails schüttelt und Richie, Ernstl und Charly dutzende Flaschen Bacardi und Schlumberger an die nur gegen Reservierung beziehbaren Sitzlogen servieren. Im schalldichten VIP-Club stimmt sich Charly am weißen Flügel ein, es geht vorerst noch beschaulich zu, aber das ändert sich je kürzer die Nacht wird und mit Reinhard Fendrich als Privat-Gast heute sowieso.
Nach der Sperrstunde um 04:00 wird in den Bars „Stand´“ gemacht, dann abgerechnet, und um 05:00 setzt sich eine Kolonne aus gut und gerne 20 Autos aller Mitarbeiter in Bewegung. Wir fahren wie so oft in Leos Reich an den Schießstattring zum legendären Personal-Frühstück, kochen riesige Pfannen Eierspeis, öffnen Fernet-Flaschen, drehen ein paar Öfen und tauschen den neuesten Klatsch und Tratsch der ausgeschütteten Herzen der St. Pöltner untereinander aus, ohne ihn am nächsten Tag weiter zu erzählen, es gilt der Siegel der Verschwiegenheit. 

St. Pölten ist der Nabel der österreichischen Disco-Welt, auch in der Innenstadt herrscht viel Bewegung. Die Protagonisten der heimischen Musikszene sind im Olymp der österreichischen Hitparade angekommen. ESPRESSO liegen mit der Single „Say“ ganz vorne, PAUL COXX ist mit „Voices In The Dark“ sowohl in Österreich, als auch in der Schweiz und Deutschland in den Charts und PETER PAN liegen mit „Love Is On Your Side“ auf Platz 9! Daneben gibt es noch weitere sehr gute Bands in der Stadt, wie Chicos legendäre Reggae-Combo FAR AUT mit Otto Lechner/Keyboard, Reini Kieninger/Bass, Schuki/Drums und Schurl Graf/Sax, sie sind erst vor wenigen Tagen im ausverkauften Pottenbrunner „Club Maquie“ aufgetreten! Der Herzschlag dieser erfolgreichen Szene ist das Summerton Studio von Martin Unterweger, der für alles eine Lösung weiß, jedem helfend zur Seite steht und mit Dieter Libuda als Mastermind und selbst Spitzengitarrist quasi Geburtenhilfe und Ammendienst zugleich ermöglicht.

In den kommenden Wochen sitzt jetzt jeden Samstag in der Fabrik ein nicht unsympathischer Typ mit Schnurrbart und gewellten Wuschelhaaren bei mir an der Bar, bestellt ein Seidl nach dem anderen, raucht dazu unzählige Tschik und beobachtet mich schweigend. Ich spreche ihn an: „Bist Du eigentlich schwul und stehst auf mich, oder warum kommst du sonst seit vier Wochen und starrst mich an?“ Lachend antwortet er: „Nein, ich bin verheiratet. Ich bin der Draxler Helmut und werde in der Linzerstraße in wenigen Wochen ein Bierlokal aufsperren. Es wäre super, wenn du bei mir einsteigst und genauso arbeitest wie hier!” Meine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Ich bin dabei!“

Die spektakuläre Zeit in der FABRIK neigt sich also dem Ende zu, meine Freundin Johanna, die die Boutique Celentano in der Marktgasse leitet, ist froh darüber und zwei Tage später treffe ich Helmut bei der Baustelle, um mir den Fortschritt des Umbaus anzusehen. Der ehemalige Schauraum eines Autohauses verfügt über eine sehr breite falt- und schiebbare Glastüre, deswegen wird das Lokal CABRIO heißen. Die Gäste werden bei weit geöffneter Türe auf vielen Tischen das Gefühl haben in einem Cabrio zu sitzen, während vor der Nase der Verkehr durch die Bestlage Linzerstraße langsam zum Rathausplatz fährt um vielleicht doch einen freien Parkplatz zu ergattern! Während Arbeiter Stromanschlüsse verlegen, stemmen und bohren, zeigt mir Helmut meinen zukünftigen Arbeitsplatz, eine große L-förmige Bar, hinter der die Küche liegt. Danach fachsimpeln wir gegenüber in der Bäckerei Eder weiter. Egger Märzen und Pils vom Fass wird unser Hausbier, Ayinger aus Bayern ebenfalls frisch gezapft, viele andere Marken wird es in Flaschen geben, der Wein kommt aus dem Doppler, Hausmannskost als Mittagsmenü und auch abends wird der Chef selbst kochen. Wir mögen uns auf Anhieb und ich freue mich auf die baldige Eröffnung und ein neues Kapitel mit neuen Gästen in meinem Leben. 
Am Weg nach Hause besuche ich noch Pauli Erd in seinem benachbarten Motorradgeschäft, um ihm die freudige Nachricht mitzuteilen und wenige Tage später weiß die ganze Stadt, dass ich bald „das Cabrio chauffieren“ werde.
Am Weg nach Hause kaufe ich beim Majewski in der Linzerstraße 1 noch das neue Album der Rolling Stones „Dirty Work“, obwohl sonst eigentlich der „Stierli“ beim Hartlauer der Händler meines Vertrauens ist. Der Majewski Roman zeigt übrigens seit Jahren die Schirennen in der Auslage für alle, die keinen Fernseher haben. Beim Kromp in der Wienerstraße lasse ich ein halbes Kilo Rindfleisch für die abendlichen Spaghetti Bolognese faschieren und besuche noch schnell meine Mama in der gegenüberliegenden Stadtbücherei im Palais Wellenstein, um ihr meinen jetzt ab 1. Mai beginnenden neuen Job zu verkünden. Eine Stunde später sitzen wir gemeinsam mit Johanna in der Kremsergasse beim Wolf an den runden Tischen im Erdgeschoss und prosten uns bei Lachsbrötchen mit Sekt Orange zu!

ANFANG MAI dann die große Cabrio-Eröffnung. Hunderte Gäste drängen sich im und vor dem Lokal, die Polizei leitet den Verkehr am Linzertor in die Promenaden um. Es wird sofort zum beliebten Tages- und Abendlokal der Szene, Live-Konzerte der österreichischen Szene sorgen für großen Andrang, und einen freien Tisch zu finden wird zum Geduldsspiel. Ö3-Held Gotthard Rieger, Alexander Bisenz, Manfred Deix, aber auch Stürmer Gustl Lebschy, Leopold Rotter oder der tschechische Spielmacher und Ex-Rapidler Antonin Panenka vom VSE St. Pölten, gehören genauso wie die hiesige Geschäftswelt und viele Ärztinnen und Anwälte zu den regelmäßigen Gästen. Vor allem ist das Cabrio auch Heimstatt für „den Mann von der Straße“ und die St. Pöltner Alt-Hippies und Jung-Popper. Ein wilder Mix, der eine große, loyale Familie ergibt.
Das Volksfest – der „Rummler“ – an der ehemaligen Trabrennbahn, ist, gesäumt von uralten Kastanien, für zehn Tage Szene-Treff, und bei Chicos „Griechenstandl“ und beim Hacker-Pschorr Heurigen schwer ein Platz zu bekommen. Auch der „blade Koal“ taucht aus dem Nichts auf, errichtet St. Pöltens erste Schneekanone und wird kurz danach Opfer eines mysteriösen Verkehrsunfalls.
Am stets vollgeparkten Rathausplatz feiert „Hasi“, die ehemalige Bar-Chefin des Löwenclubs und des Clubs in der FABRIK mit ihrem stilvollen Lokal „Kaktus” große Erfolge, dazwischen liegt die Kult-Disco Löwenkeller, in dem dank Peter Pan-Mastermind Peter Pansky regelmäßige Jam Sessions mit Reini Dorsch, Christian Deix, Bernd Gaugutz und anderen Szene-Größen zum guten Ton gehören. Das Piazza Duomo in der Wienerstraße kocht auf hohem italienischen Niveau, Franz Ortner und der Morawetz beste Hausmannskost. Im Scherbenviertel ist das „Kuckucksnest“ in Hochblüte, Kellner Ahmet hat das immer volle Lokal unter Kontrolle. Auch im „Nest“ gibt es Live-Konzerte, „Espresso“ haben hier bei ihrem Bühnen-Debut zu Jahresbeginn unfassbare 320 Eintrittskarten verkauft und spielen im Juli in der Wiener Arena vor Level 42. Aus diesem Anlass organisieren wir mit Pfleger Reisen einen Fan-Bus vom Cabrio nach Wien.

Doch zuvor steht am 11. JULI das erste Hauptstadtfest am Programm, bei dem unser Cabrio vor der Hauptbühne am Rathausplatz mit einer großen Bar präsent ist. Espresso geben bei einbrechender Dunkelheit auf dem mit 20.000 Menschen heillos überfüllten Platz enorm Gas, sorgen mit ihrem funkigen Konzert für Begeisterungsstürme, und Paul Coxx sowie Alexander Göbel haben es nach der aktuell besten österreichischen Band immens schwer die Stimmung halten zu können.

SAMSTAG 30. AUGUST 1986 
Die große Clique rund um Peter Simon, Hautzi und Dagmar Dinstl fährt mit vielen Autos zum Kremser Volksfest, bei der Rückfahrt teilt man sich – einige nehmen die neue S33, andere die alte Landesstraße. 
Mitten in der Nacht kommt es zur Tragödie, als mein guter Freund Hannes auf der L100 in einer langgezogenen Rechtskurve zwischen Statzendorf und Meidling mit seinem Alfa Spider viel zu schnell unterwegs ist. Im an einem Baum zerschellenden und explodierenden Cabrio sitzen auch Christian und Dagmar. Hannes verstirbt am Weg ins Krankenhaus, „Spoony“ verliert einen Unterschenkel und Dagmar überlebt ebenfalls schwerst verletzt.
Für einen kurzen Moment hält die St. Pöltner Szene inne, aber für die meis­ten ist die Zeit einfach zu bunt und am nächsten Wochenende wird bereits wieder gefeiert und Gas gegeben bis in den kommenden Winter hinein.