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St. Pöltens gute Seite

Willkommen in St. Pfoser

Text Johannes Reichl
Ausgabe 12/2022

St. Pölten hat nicht gerade den Ruf, sich in der Nachkriegsära mit aufregenden architektonischen Lösungen hervorgetan zu haben. Vorwiegend prägen funktionale bis nüchterne, böse Zungen ätzen mitunter gar „schirche“ Bauten diese Ära. Einer, der demgegenüber die Stadt seit Jahrzehnten mit spannender Architektur in- wie outdoor mitprägt, ist Architekt Wolfgang Pfoser.


Dessen Ouevre führt man sich am besten in seinem Architekturbüro am Rathausplatz zu Gemüte, wo sich eine Wall Of Fame mit Bildern realisierter Projekte gleich über zwei Geschosse erstreckt. Kleiner Auszug gefällig: Millenniumskirche Stattersdorf, Ambulatorium Sonnenschein, ehemaliges Bürgerspital, Bildungshaus St. Hippolyt, Zubau Mary Ward, BORG Revitalisierung, Rathausbezirk & Stadtmuseum, ehemaliges Grandhotel „Pittner“, diverse Wohnbauprojekte. Auch bei Boris Podreccas Tor zum Landhaus sowie Hans Holleins Landesmuseumsbau war Pfoser stark involviert, und aktuell setzt er den Zubau zur ehemaligen Synagoge um. Mit letztgenanntem landet man auch gleich bei einer Trademark seines Unternehmens. „Wir planen und realisieren viele Revitalisierungen und Erweiterungen. Mich hat seit jeher die Verbindung von Alt und Neu fasziniert!“ Auch das „Stammhaus“ am Rathausplatz selbst fällt in diese Kategorie: Die Fassade orientierte sich um 1970 anlässlich des Neubaus unter der Ägide von Architekt Reinhard Pfoser am barocken Vorgängerbau. 2020 folgte ein Dachausbau sowie ein weiteres „Update“ – die blau-grünen Fensterläden etwa strahlen italienisches Flair aus und verstärken damit das an lauen Sommerabenden aufkommende Piazza-Flair am Rathausplatz nachhaltig. Da trifft es sich gut, dass das im Erdgeschoss eingemietete Modehaus zufälligerweise „Casa Moda“ heißt. Früher war hier jahrzehntelang die „St. Pöltner Wohnkultur“ situiert. „Mein Vater hat nach dem Architekturstudium Innenraumgestaltungen entworfen, Möbel designt und gemeinsam mit einer Großtischlerei umgesetzt. Diese wurden neben anderen Designerstücken und Wohnaccesoires in der von den Eltern gegründeten Wohnkultur verkauft, wobei vor allem seine Nähtischchen berühmt waren“, erinnert sich der Sohn zurück. Ebenso machte sich Pfoser Senior als Architekt einen Namen, war etwa federführend bei Großprojekten wie WIFI, Feuerwehrzentrale, Stadtsäle, Wesely-Haus oder dem Neubau von HTL und HAK involviert. 

Bedarfsorientierte Architektur
Bei letzterem schnupperte bereits der angehende Architekt Wolfgang Pfoser, Jahrgang 1955, während des Studiums erste Praxisluft im väterlichen Architekturbüro. Zuvor hatte er die „klassische“ Bildungslaufbahn absolviert. Nach der Grillparzer Volksschule besuchte er das Gymnasium in der Josefstraße „das auch eine Dependance im damaligen Böck-Haus in der Klostergasse hatte – mir fehlt bis heute die Fantasie, wie wir da hin und her gekommen sind und wie sich das zeitlich ausgegangen ist“, lacht er.
Im Anschluss inskribierte er an der TU Wien – damals in den frühen 70ern noch alles andere denn ein Ort studentischer Aufsässigkeit „sondern es war eher noch alles relativ reglementiert. Im Grunde genommen waren wir Einzelkämpfer, es gab noch nicht die großen Zeichensäle.“ Am Lehrplan stehen Titanen wie Gottfried Semper, Otto Wagner oder Adolf Loos, „wir unternahmen auch viele Exkursionen nach Osteuropa“, weitere Studienreisen unternimmt er nach Italien, in die Schweiz, Frankreich und Großbritannien. Unter den Professoren finden sich klingende Namen wie Karl Schwanzer, Boris Podrecca oder Anton Schweighofer, bei dem Pfoser diplomiert. Schon damals, und dies wird den Architekten nie wieder loslassen, fasziniert ihn, wie sich Politik, gesellschaftliche Umwälzungen und der Zeitgeist in Architektur manifestieren. „Vielleicht ist es zu platt formuliert, dass jede Generation die Architektur bekommt, die sie verdient, aber es lässt sich jedenfalls das Gesamtklima einer Gesellschaft darin ablesen.“ Als Beispiel bringt Pfoser einen Vergleich der Olympischen Spiele in Deutschland – einmal die monumentalen, autoritär wirkenden Bauten von Werner March für die Spiele 1936 in Berlin, als schon die Nazis an der Macht waren, das andere Mal die Spiele 1972 mit den Bauten von Günter Behnisch „die eine unglaubliche Leichtigkeit, Aufbruch, ja ein demokratisches Grundverständnis zum Ausdruck bringen und Beleg einer offenen Gesellschaft sind.“ 
Im Zuge seiner Diplomarbeit, in der es u. a. darum geht, ein „Quartier für Kinder in der Großstadt“ zu planen, integriert Pfoser Bildungseinrichtungen in einen alten Wiener Gründerzeithof mit benachbarter Jahrhundertwende-Schule – dabei von den Bedürfnissen der Kinder ausgehend. Damit kristallisiert sich schon damals sein architektonischer Grundzugang heraus, dem er bis heute treu geblieben ist: Architektur ist kein Selbstzweck, sondern muss für die Leute da sein. „Letztlich muss ein Bedarf gegeben sein. Ich muss wissen, wofür und für wen ich etwas baue. Welche Bedürfnisse haben die Menschen, die dort leben und sich bewegen. Von dem ausgehend erarbeite ich ressourcenschonende, nachhaltige Lösungen.“ 

Mensch versus Profit
Dieser Zugang steht freilich teils diametral – womit wir mitten in der aktuellen St. Pöltner Architekturdebatte landen – dem entgegen, was derzeit mitunter im Wohnbau passiert. So wird vielfach aus reinen Spekulationsgründen zunächst etwas hingeklotzt und erst im zweiten Schritt auf den Bedarf, sprich die mögliche Klientel und ihre Bedürfnisse geachtet. Dem nicht genug, eine weitere Sünde in Pfosers (und nicht nur seinen) Augen, ist eine der Gewinnmaximierung geschuldete Flächenausreizung zu beobachten. Zur Visualisierung präsentiert er ein Modellfoto von einem im Bau befindlichen Projekt nördlich des Bahnhofs, bei dem mit schlanken Baukörpern gut belichtete und belüftete Wohnungen – gruppiert um sechs Höfe – von ihm konzipiert wurden. „Diesem geförderten Wohnprojekt stehen frei finanzierte Blockrandbebauungen mit für Wohnnutzung sehr großen Gebäudetiefen gegenüber.“ Als Laie stellt man sich die Frage: Will ich da leben bzw. wo würde ich lieber leben?
Diesbezüglich dürfe man sich auch nicht von Effekthascherei blenden lassen. So stellt der Architekt etwa im Hinblick auf die Wohn- und Lebensqualität die spektakulären neuen TrIIIple-Wohntürme in Wien in Frage, „weil sie an den Bedürfnissen der Menschen vorbeigehen und ein Paradebeispiel für Greenwashing sind.“ Mit dem für Wien berühmt gewordenen sozialen Wohnbau, der den Menschen im Fokus hatte „wenn ich etwa an den Washington-Hof denke“, hat das nichts mehr zu tun. Wobei es Pfoser mit dem Beispiel nicht um alte Ideen geht, sondern schlicht um das Primat einer humanbezogenen Grundhaltung, „was umgekehrt nicht heißt – was leider auch manchmal in St. Pölten passiert – dass ich deshalb banal bauen muss.“

Handlungsunfähige Politik?
Ein Kernthema in all diesen Belangen ist die Frage der Verdichtung, was in St. Pölten seit einigen Jahren unter dem Schlagwort „St. Beton“ heiß diskutiert wird. Wobei es nicht nur um die Verdichtung im Sinne der bestmöglichen Nutzung der im Flächenwidmungsplan ausgewiesenen Areale geht – diesbezüglich zieht Pfoser etwa eine Verdichtung bereits gewidmeter Baulandflächen in der Innenstadt dem Versiegeln von Böden auf der grünen Wiese fern jeder intakten Infrastruktur eindeutig vor – sondern es geht um die Frage der maximalen Verdichtung der Flächen selbst. Wie hoch darf also etwa gebaut werden, wie sieht es mit Durchlüftung, Grünflächen etc. aus? Diesbezüglich ist heute bei vielen Bauträgern ein maximales Ausreizen gesetzlicher Mindeststandards zu beobachten. 
Dass die Stadt diesbezüglich nach dem Motto „wenn so gewidmet ist, haben wir keine Handhabe“ gar nicht eingreifen kann, stellt der Architekt in Frage. „Über die Bebauungspläne hat die Kommune sehr wohl direkt Einfluss, wenn es z. B. um Bauklassen, also die Bauhöhe geht.“ Tatsächlich hat sich diesbezüglich insbesondere im durch die neue Westbahn ausgelösten Bauboom und dem damit einhergehenden Investitionsschub ein interessantes Phänomen herauskris­tallisiert: Grundstücke wechseln innerhalb kürzester Zeit mehrmals den Besitzer, werden aber mit jedem neuen Kauf wertvoller, weil interessanterweise auch jeweils eine höhere Bauklasse bewilligt wird – kurzum also höher gebaut werden darf, was wiederum mehr Geschosse, damit mehr Wohnungen und so am Ende des Tages mehr Profit bedeutet. Ein Paradebeispiel aus jüngster Vergangenheit war das ehemalige Metro-Areal, und auch für das Leiner-Projekt zwischen Rathausplatz und Promenade wurde die Bauklasse V – womit man bei 17 Meter Traufenhöhe liegt – genehmigt, während die Gebäude ringsum mit Bauklasse III, also maximal 11 m belegt sind. Nun ist es nicht so, dass Pfoser Änderungen per se ablehnt, „vielleicht gibt es ja städtebaulich nachvollziehbare Gründe, aber bei derart exponierten Flächen würde ich mir jedenfalls eine städtebauliche Studie wünschen, wie sich das auf das Gesamtensemble der Promenade, wo die ehemalige Stadtmauer verlief, auswirkt und in der eben genau diese Fragen durchdacht werden.“

Man darf ruhig selbstbewusster sein
Dass man gegenüber Investoren aktuell prinzipiell vielleicht zu zuvorkommend agiert, „ist teils menschlich verständlich, weil die Stadt ja jahrzehntelang nicht gerade mit Investoreninteresse verwöhnt war. Das hat sich mit der neuen Westbahn aber geändert, dadurch zählen wir jetzt zum Speckgürtel von Wien, aber mit deutlich niedrigeren Preisen als etwa in Klosterneuburg, Mödling und Co.“ Durch die neu gewonnene Aufmerksamkeit fühlt man sich also in gewisser Weise geschmeichelt, lässt sich dadurch aber bisweilen blenden, was in Pfosers Augen aufgrund der Attraktivität St. Pöltens schlicht nicht angebracht ist. Ganz im Gegenteil fordert er mehr Selbstbewusstsein ein. „Man kann den Investoren durchaus das Leben ein bisschen schwer machen, indem man klare Auflagen erteilt und – wenn sie Sonderwünsche haben – auch ‚Gegenleistungen‘ für die Allgemeinheit sowie spannende Umsetzungen fordert.“ Pfoser verweist diesbezüglich auf Beispiele aus Barcelona, Hamburg oder Salzburg, „wo man für die Erdgeschosszone in der Innenstadt eine gemischte Nutzung vorschreibt – das schafft Urbanität!“ Als St. Pöltner Negativbeispiel und damit vertane Chance führt er dahingegen das Karmeliterhof-Projekt an. Eine städtebauliche Studie Pfosers hätte eine Vermischung aus Wohnen, Verwaltung und Kultur mit einem breiten Platz vor der Barockfassade des ehemaligen Klosters vorgesehen. Die tatsächliche Umsetzung ist dahingegen ein Paradebeispiel exzessiver monostruktureller Verdichtung. „Die Stadt hätte hier aber, da es ja ihr Grundstück war, jede Möglichkeit gehabt – ich hätte mir für eine so exponierte Lage mitten in der City jedenfalls einen Wettbewerb und eine breite Diskussion samt Bürgerbeteiligung gewünscht.“ Der Architekt appelliert daher in Richtung aller Parteien, das Heft in die Hand zu nehmen. „Es ist einfach zu wenig zu sagen ‚Ich kann nix machen‘ oder ‚St. Beton‘ zu plakatieren.“

Sinnvolle Instrumentarien
Umgekehrt anerkennt Pfoser durchaus die städtischen Bemühungen der letzten Jahre. So beurteilt er etwa die „Schutzzonenverordnung“ ebenso wie die Installation des Gestaltungsbeirates absolut positiv, weil sich die Politik dadurch wieder Handlungsspielraum zurückholt. Dass es bei einem neu geschaffenen Gremium wie dem Gestaltungsbeirat „noch Anlaufschwierigkeiten gibt, liegt in der Natur der Sache. Aber generell ist das ein gutes Instrumentarium, das sich auch in anderen Städten bewährt hat und mit dem man vor allem auch auf sich ändernde Rahmenbedingungen – wenn wir etwa an den Klimawandel denken – reagieren kann.“
Auch für den Denkmalschutz, der bisweilen als Bremser dargestellt wird, bricht Pfoser eine Lanze. Gerade aufgrund seiner „Spezialisierung“, Neues in alte Bausubstanz zu integrieren, ebenso aber auch aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit als Diözesanbauamtsleiter hat er immer wieder mit dem Amt zu tun „das ich bisher zu 100% verteidigt habe.“ Zugleich räumt der Architekt ein, dass sich in den letzten Jahren ein gewisser Rigorismus eingeschlichen hat: „Aktuell könnte ich mir etwa eine gelungene Realisierung wie in Waidhofen/Ybbs, wo auf den Wehrturm ein Glaskubus gesetzt wurde – wieder ein gemeinsames Projekt mit Hans Hollein – nicht vorstellen.“
Ein weiteres probates Mittel, um Bauqualität – sowohl funktional als auch ästhetisch – zu heben, sei die Auslobung von Architekturwettbewerben. Solche sind freilich nur bei öffentlichen Großbauten und im sozialen Wohnbau ab 39 Wohnungen vorgeschrieben – der frei finanzierte Wohnbau dahingegen hat keine Vorgaben diesbezüglich. „Es macht aber für Kommunen jedenfalls Sinn, für ihre eigenen Projekte Wettbewerbe auszuschreiben.“ Obwohl ein alter Hase im Geschäft nimmt der Architekt nach wie vor selbst an Wettbewerben teil, „weil das jung und frisch hält“, schmunzelt Pfoser. Gewinnt man, „ist das natürlich eine wunderbare Auszeichnung.“ Wird man hingegen nur zweiter, „ist es hart, weil man quasi haarscharf dran war, das Projekt aber nicht umgesetzt wird.“ Am allerschlimmsten sei jedoch, „wenn du einen Wettbewerb gewinnst, das Projekt dann aber doch nicht realisiert wird.“ Dass Wettbewerbe, wie gerne kolportiert, sowieso eine ausgemachte Sache seien, stellt Pfoser, der zahlreiche Wettbewerbe auch von der anderen Seite, nämlich als Jurymitglied erlebt hat, in Abrede. „Unterschiede gibt es eher hinsichtlich der Qualität des Wettbewerbes. Ich war etwa einmal Jurymitglied in Vorarlberg – da haben wir uns pro eingereichtem Projekt einen halben Tag lang Zeit genommen. Da wurde wirklich alles aus allen Perspektiven beleuchtet. Dementsprechend fundiert ist dann auch die Jury-Entscheidung.“

Pfoser Town
Im Hinblick auf die architektonische Zukunft St. Pöltens ist Pfoser, so die neuen Instrumentarien greifen und man Mut und Selbstbewusstsein zeigt, durchaus zweckoptimistisch. „Wir müssen uns nur im Klaren sein, dass wir gerade eine zweite Gründerzeit erleben.“ Dementsprechend bedürfe es zukunftsfähiger Lösungen am Puls der Zeit, die sich vor allem an den Bedürfnissen der Menschen orientieren, nachhaltig sind und Ressourcen schonen. Und es sei auch historisch betrachtet beileibe nicht alles schlecht, was in den letzten Jahren umgesetzt wurde, „wenn ich etwa an spannende Gebäude wie die Wirtschaftskammer, das Regierungsviertel – wo es freilich an einer gesunden Durchmischung mangelt – oder den jüngst realisierten Raiffeisen-Corner denke.“ 
Ganz abgesehen natürlich von den eigenen Spuren, die die Familie Pfoser in der Stadt bislang hinterlassen hat und die eindeutig auf der Positivseite St. Pöltnerischer Architekturlösungen zu verorten sind. Als Vater Reinhard Pfoser in Pension ging, schenkte ihm die Familie eine St. Pölten-Karte, wo sämtliche seiner Projekte eingezeichnet waren. Unter Sohn Wolfgang sind zahlreiche weitere hinzugekommen, die mit Feingefühl und Understatement das Stadtbild bereichern. Und wer weiß, vielleicht folgen ja noch weitere – mit Sohn Paul, gleichfalls Architekt, ist bereits die nächste Pfoser-Generation am Werken, wenngleich als Alpenland-Projektleiter aktuell „noch auf der anderen, nämlich der Bauherren-Seite“, lacht Wolfgang Pfoser.