MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

st. pölten in den jahren 1880 – 1918

Text Thomas Pulle
Ausgabe 06/2016

Seit ihrer Erhebung zur Landeshauptstadt im Jahr 1986 hat St. Pölten eine rasante Entwicklung auf vielen Gebieten durchgemacht. Die Veränderungen im Stadtraum waren gewaltig, wir könnten von einer „neuen Gründerzeit“ sprechen. Eine solche erlebte die Stadt bereits Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Dieser spannenden Epoche der Stadtgeschichte widmet das Stadtmusuem – nach dem Sensationserfolg der Schau „St. Pölten 1945“ – die nächste Sonderausstellung.

Stadtwachstum und Bauboom.  In ihren Gründerzeitjahren wuchs St. Pölten sehr stark – zwischen den Jahren 1890 und 1910 kam es zu einer Verdopplung der Stadtbevölkerung auf ca. 22.000 Einwohner. Viele heute die Stadt prägenden Straßenzüge – wie der Schießstatt- und Schulring um die Altstadt oder die Josefstraße – wurden damals angelegt. Repräsentationsbauten entstanden in diesen Jahren in großer Anzahl, z. B. der neue Bahnhof, die Stadtsäle, das Gebäude des heutigen Landesgerichts, die Bauten der Hesserkaserne, das alte Hauptgebäude der Sparkasse am Domplatz und dasjenige der Post in der Wiener Straße. Ab 1892 wurde das Stadttheater neu erbaut und wenige Jahre später entstand das „Kaiser-Franz-Joseph-Krankenhaus“ im damals fortschrittlichen Pavillonstil. Auch in den Jahren vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs entstanden noch große Neubauten – so etwa das Amtsgebäude der Bezirkshauptmannschaft am Bischofsteich und der 1913 eröffnete Bau der St. Pöltner Synagoge.
Geschickte und gewiefte Bauunternehmer, wie Johann Zeilinger, Richard Frauenfeld oder die Familie Wohlmeyer konnten sich in diesen Jahren überdurchschnittlicher Bautätigkeit kleine „Imperien“ aufbauen.
Für diesen Bauboom, der nicht nur den öffentlichen Monumentalbau, sondern auch den Bau von privaten Gebäuden betraf, waren verschiedene Faktoren ausschlaggebend. An vorderster Stelle steht die zentrale Lage der Stadt und deren perfekte Anbindung an die Westbahnstrecke (damals „Kaiserin-Elisabeth-Westbahn“), wodurch erst die vermehrte Ansiedlung von großen Industriebetrieben in St. Pölten ermöglicht wurde. Voith, Glanzstoff und Eisenbahn-Werkstätte wurden in rascher Folge zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründet und gaben tausenden Menschen Arbeit. Mit den Harlander Coats, der Spitzenfabrik in Viehofen, der Weicheisenfabrik Gasser und der großen Seifen- und Kerzenfabrik Benker bestanden aber noch weitere große Industriebetriebe in der Stadt und in ihrer Umgebung. Die großen Fabriken waren Motoren der Stadtentwicklung – so musste etwa ausreichend Wohnraum für die vielen Arbeiter und Angestellten zur Verfügung gestellt werden. Aber auch große Infrastrukturprojekte wurden von der Industrie gefördert. Glanzstoff und Harlander Coats beteiligten sich an der Gründung der städtischen Straßenbahn, die 1911 ihren Betrieb aufnahm.

Jugendstil setzt sich durch. Die Kreise der Industriellen und der alteingesessenen Familien (u. a. Godderidge, Schießl, Eybner) verhalfen auch dem Jugendstil in der Stadt zum Durchbruch. Sie ließen sich ihre Wohnungen und Villen im neuen Still errichten und einrichten und umgaben sich mit Alltags- und Kunstgegenständen, die im fortschrittlichen neuen Stil gestaltet waren. Der 1860 in der Stadt geborene Maler und Grafiker Ernst Stöhr gehörte 1897 zu den Mitbegründern der Wiener Secession und somit zum erlauchten Kreis um Gustav Klimt. Stöhr war es auch, der den heute weltbekannten Architekten Joseph Maria Olbrich in die Stadt brachte. Für den Bruder des Malers, den Arzt Hermann Stöhr, errichtete Olbrich in der Kremser Gasse eines der bedeutendsten Jugendstil-Gebäude Österreichs. Mit Ferdinand Andri, Charlotte Hampel-Andri, Hans Ofner, den Brüdern Rudolf und Wilhelm Frass sowie Rudolf Wondracek jun. brachte die damalige Kleinstadt weitere Künstler sowie Architekten von Bedeutung hervor!

Politische Streitigkeiten und Kaiserbesuche. Die führende politische Kraft dieser Jahre waren die „Deutsch-Liberalen“, die bis 1918 alle Bürgermeister stellten – unter ihnen bedeutende Politiker wie Hermann Ofner, Wilhelm Voelkl, Otto Eybner und Karl Heitzler. Im Gemeinderat kam es immer wieder zu heftigen Wortgefechten mit den Vertretern der zweiten großen politischen Kraft dieser Jahre – den Christlichsozialen. Heftigster Streitpunkt kurz nach 1900 war der von Bürgermeister Voelkl initiierte Bau eines E-Werks, das unter größten Schwierigkeiten schließlich 1903 in Betrieb ging und als eine weitere grundlegende Bedingung für die Ansiedlung großer Industriebetriebe in der Stadt gilt. Die Arbeiterbewegung befand sich in den letzten Jahren vor der Jahrhundertwende noch im Aufbruch – erst 1888/89 hatte in Hainfeld der sogenannte Einigungsparteitag der österreichischen Sozialdemokraten stattgefunden, an dem sich auch mehrere Delegierte aus St. Pölten und Umgebung beteiligt hatten.
Wenn der Kaiser auf Besuch kam, herrschte in der Stadt helle Aufregung – 1895 kam Franz Joseph, um das nach ihm benannte Krankenhaus einzuweihen, 1910 kam er anlässlich seines 80. Geburtstags zu einem Huldigungsschießen in die neu erbaute Schießstätte. Vom letzten Besuch des alten Kaisers existiert auch ein Filmdokument „Der Aufenthalt des Kaisers in der Stadt“.
Das Alltagsleben der St. Pöltnerinnen und St. Pöltner war im Regelfall eher beschaulich und verlief in geregelten Bahnen. Die unzähligen in der Stadt beheimateten Vereine spielten in der Freizeitgestaltung eine zentrale Rolle. Neben dem Theater war das Kulturleben vor allem von vielen verschiedenen Musikaufführungen geprägt, bald nach 1900 gab es erste Filmvorführungen in provisorischen Kinosälen oder -zelten. An schönen Tagen promenierte man durch den Stadtpark, spazierte hinaus zum Hammerpark, verbrachte erholsame Stunden an der Traisen oder – auch damals schon – im Kaltbad!

1918: Untergang und schwieriger Neubeginn. Die Idylle endete jäh im Sommer 1914. Wie überall in der Österreich-Ungarischen Monarchie waren auch in St. Pölten die ersten Tage und Wochen des Krieges von großer Begeisterung breiter Bevölkerungsschichten getragen. Die in der Stadt stationierten Regimenter zogen unter dem Jubel tausender Menschen in die Schlachtfelder des Weltkriegs. Bald kamen die ersten Verwundeten und Toten zurück – bis Ende des Krieges waren es über 7.000 Soldaten, die in einem der hiesigen Regimenter dienten und an der Ost- oder an der Südfront starben. Alle Namen der „Gefallenen“ sind im „Goldenen Buch der Stadt St. Pölten“ verzeichnet, ein beeindruckendes und bedrückendes Zeugnis für das Massensterben in den Jahren 1914 bis 1918. Gegen Ende des Krieges wurde das Leben in St. Pölten unerträglich. Neben der katastrophalen Wohnungsnot war es vor allem die kaum mehr vorhandene Versorgung mit Lebensmitteln, die der hungernden Bevölkerung schwer zu schaffen machte. 1918 lag die Stadt darnieder und stand vor einem schwierigen Neubeginn – es sollte nicht der letzte im 20. Jahrhundert bleiben.


STADTMUSEUM ST. PÖLTEN Aufstieg und Untergang,
St. Pölten in den Jahren 1880 –1918
Eröffnung: 16. Juni, 18 Uhr
Dauer: 17. Juni bis 30. Dezember 2016
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag
10 bis 18 Uhr (Führungen auch außerhalb der Öffnungszeiten)
Prandtauerstrasse 2, 3100 St. Pölten
Tel. 02742/333-2643
www.stadtmuseum-stpoelten.at