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St. Pöltens gute Seite

Sie nehmen einen so, wie man ist

Text Mathias Kirner
Ausgabe 04/2007

Wie soll man sich Behinderten gegenüber verhalten? Ja, darf man das Wort „behindert“ überhaupt verwenden? Diese und andere Fragen stellen sich für den Unerfahrenen. Doch eine Begegnung mit den Betreuten der Tagesheimstätte für Behinderte gibt die einfache Antwort. Eine offene und unvoreingenommene Begegnung ist eine wunderbare Erfahrung, von der man nur profitieren kann!

„Oh, wen seh’ ich denn da, der Chef!“ Peter, einer der 91 betreuten Menschen in der Tagesheimstätte für Behinderte, kommt uns lachend am Gang vor dem Werkstättenraum entgegen. Der Mann, den Peter begrüßt, ist Hans Helmreich, seines Zeichens Obmann der Einrichtung. Gemeinsam mit der Leiterin, Agnes Herzig-Öllerer, führt uns Herr Helmreich einen Vormittag lang durch die verschiedenen Arbeits-, Bewegungs- und Therapieräume der Tagesheimstätte. Diese besteht seit 1984 in der Hnilickastraße, direkt neben der Geschützten Werkstätte.
Schon vor der Begegnung mit Peter wurde uns einiges geboten: Zuerst eine kurze Besichtigung des Entspannungsraumes, wo wir am liebsten gleich in der Sofagarnitur oder im riesigen Sitzkissen versunken wären, dann eine gelungene Sondervorführung der Orchestergruppe, die aus 20 Mitgliedern besteht und unter anderem auf Keyboards, Bass, Xylophonen, Schlagzeug und Tamburin musiziert.
Weiter über ein breites, mit Treppenlift versehenes Stiegenhaus in den Kreativraum. Das neue, verglaste Stiegenhaus lässt die Sonnenstrahlen des schönen Frühlingstages herein. Sonnig, so kann man auch die Reaktionen der Betreuten bezeichnen, geht man auch nur einen Millimeter auf sie zu und lässt sich „auf das Abenteuer ein, mit einem Behinderten zu kommunizieren“, wie es Herzig-Öllerer beschreibt. Leider herrsche im Alltag oft Unbeholfenheit im Umgang mit Behinderten vor. Aus Angst, etwas falsch zu machen, würde oft der Kontakt gemieden. Die Frage, die sich viele Leute stellen: Wollen die das überhaupt? „Sie wollen es sehr wohl! Und sie nehmen einen so, wie man ist“, ergänzt Hans Helmreich. 
Ostereier, Weihnachtsbilder und Kugellager
Doch weiter mit unserer Tour: Im Kreativraum wird gemalt und gebastelt. Es ist Ende März, da liegt es auf der Hand, dass für den jährlichen Ostermarkt Eier bemalt werden. Herzig-Öllerer verweist aber auch stolz auf die Bilder, die bereits für die kommenden Weihnachten fix und fertig gemalt an der Wand lehnen. Danach, auf dem Weg in die Werkstatt, bereits erwähnte Begegnung zwischen Peter und dem „Chef“.
In der Werkstatt selbst werden unter beengten Bedingungen Kunststoffkugellager aufgefädelt, verpackt und kontrolliert. Acht Millionen Kugellagerringe aus Kunststoff gehen jährlich durch die Hände der Betreuten. Im gleichen Raum wird unter anderem Bettwäsche, etwa für das Landesklinikum St. Pölten, genäht und werden Werbeplakate für eine Supermarktkette gefaltet und sortiert. Die Betreuten können während der Arbeit jederzeit Pause machen. Ganz wichtig sei, erklärt Herzig-Öllerer, dass jeder seinen angestammten Arbeitsplatz in einem Raum habe und dass die Arbeit schon in der Früh von den Mitarbeitern hergerichtet werde, um für die Betreuten einen geregelten Ablauf zu gewährleisten.
Der arbeitstherapeutische Prozess ist neben der Förderung von Kreativität und Beweglichkeit sowie der Unterstützung in lebenspraktischen Dingen (Kochen, medizinische Versorgung, Umgang mit Sexualität) ein wichtiger Teil des Leistungsspektrums der Einrichtung. „Für die Betreuten ist das hier Arbeit“, stellt Frau Herzig-Öllerer fest. Sie kommen in der Früh und werden am Nachmittag oder Abend wieder nach Hause gebracht. Zuhause - das ist für die meisten bei den Eltern oder Großeltern. Für 25 Betreute ist es hingegen das Wohnheim des Vereines Wohnen in St. Pölten-Spratzern. 
Die Einnahmen aus den Fertigungen sind im übrigen eine wichtige Stütze des Tagesheimstättenbudgets, welches nach Angaben von Helmreich zu einem Drittel selbst aufgebracht werden muss - zum einen durch Spenden, zum anderen durch die Arbeitserlöse.
Belastungstest durch den Bundespräsidenten
Nächste Station Tischlerei. Hier werden unter anderem Körbe für Brot und Gebäck hergestellt. Die Abnehmer der Produkte sind Fluglinien. Außerdem wurden zwei der Betreuten zu Spezialisten für „Wiener Geflecht“ ausgebildet. Voller Stolz berichtet Hans Helmreich, wie ein Hocker, dessen Wiener Geflecht die Spezialisten in mühsamer Handarbeit repariert hatten, von Bundespräsident Fischer bei seinem Besuch höchstpersönlich einem erfolgreichen Belastungstest unterzogen wurde.
Die Qualifizierung der Betreuten ist überhaupt ein wichtiger Punkt, ist es doch ein Ziel der Tagesheimstätte, den einen oder anderen mit Unterstützung der Arbeitsassistenz auf einen geregelten Arbeitsplatz zu vermitteln.   
In der Wäscherei, wo für verschiedene Organisationen gewaschen und gebügelt, aber ebenso gestickt wird, kommen wir mit Frau Petsch ins Gespräch. Sie ist eine der 19 Mitarbeiterinnen im Betrieb, und das schon seit 21 Jahren. Sie bezeichnet die Betreuten als ihre Kinder. „Sie leben in meinem mit, und wir leben in ihrem Familienleben mit.“ Der gegenseitige Austausch mache die Beziehung zwischen Betreuern und Betreuten so wertvoll, ergänzt Herzig-Öllerer: „Man merkt gleich in der Früh, wie es den Betreuten geht. Sie sind aber auch dem Team gegenüber sehr sensibel und fragen bei kleinen Anzeichen schon nach: Bist du nicht gut drauf?“
Flashdance
Nachdem uns der Speisesaal und ein Pausenraum mit Wutzltisch präsentiert wurden, dürfen wir noch einer Probe der Tanzgruppe beiwohnen. Zu „Flashdance“ wird eine Choreographie einstudiert, die spätestens beim Spielfest am 12. Juli in der Tagesheimstätte zum Besten gegeben werden soll. „Wenn etwas einstudiert wird, sollte es auch immer hergezeigt werden“, so Herzig-Öllerer. „Die Betreuten wollen etwas erleben, es muss ihnen schon etwas geboten werden!“ Was sich nicht nur auf das Tanzen beschränkt: „Sie wollen arbeiten.“
Die Arbeit gebe den Betreuten eine Aufgabe, etwas, woauf sie stolz sein können. Wenn ein eingeplanter Arbeitsauftrag ausbleibt, „herrscht Alarm rot.“ Leider sei dies den Leuten nicht immer bewusst. „Die können sich nicht vorstellen, dass hier gearbeitet wird“, beschreibt uns die Leiterin die Reaktionen manch Besuchers. Oft kämen auch Fragen in der Art „na und wo habt ihr jetzt die Geschlossenen?“ Unglaublich, was da manchmal in den Leuten drinnen ist.“
Keine Aufbewahrungsstätte
Was beim Rundgang durch die Tagesheimstätte auffällt, ist, dass sie v. a. in den Fertigungsbereichen aus allen Nähten zu platzen droht. Ursprünglich für 40 Personen konzipiert, sind es mittlerweile 91 Menschen, die hier betreut werden. Wie uns Helmreich verrät, ist für 2007 ein Zubau fix geplant, auch über einen Ausbau der Geschützten Werkstätte wird nachgedacht.
Doch die Vorhaben beschränken sich nicht auf Bauliches: Eine Bewerbung für die Special Olympics 2010 in St. Pölten steht im Raum! Das Tagesheim sei eben keine Aufbewahrungsstätte. Behinderte Menschen würden nicht mehr wie früher zu Hause versteckt werden, „sondern bekämen Aufgaben und Gemeinschaft“, so das Führungsgespann.
Was wir als Lehre von unserem Besuch mitnehmen? Dass behinderte Menschen, die wir „Normalen“ vielleicht als „anders“ empfinden, ihrer Umwelt gegenüber sehr offen und tolerant sind. Können wir das auch von uns behaupten?