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Wo die jungen Wilden wohnen

Text Dominik Leitner Ausgabe 02/2015

Die Politik spricht gerade bevorzugt über “junges Wohnen”. Doch ist der populistische Ruf nach einer Wohnbauoffensive für junge Menschen nur politisches Marketing? Wie wohnen die jungen Menschen heutzutage überhaupt?

In ganz Österreich sagen sich wohl Politikerinnen und Politiker aller Couleurs diese zwei Worte vor: „Junges Wohnen“. Immer und immer wieder. Denn nichts klingt in den Ohren der politischen Klasse so großartig wie 1. eine Wohnbauoffensive für 2. die jungen Wählerinnen und Wähler, die man in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr vernachlässigt hat. Auch in Niederösterreich gibt es seit 2013 eine Förderschiene fürs „Junge Wohnen“. So sehr sich die Regierenden dieser Tage auch mit Arbeitslosigkeit und Fremdwährungskrediten plagen müssen, es bleibt ihnen zumindest immer noch das “Junge Wohnen”, welches man wunderbar populistisch unter die Leute bringen kann.

Politische Fertigteil-Wahlgeschenke
Zugegeben: Eine Offensive im leistbaren (so genannten „sozialen“) Wohnbau ist dringend notwendig. Doch auch wenn der Name etwas anderes vermuten lässt, zielen die neuen Wohnungen in erster Linie auf junge Familien mit Kindern ab. Studierende und Lehrlinge hingegen können sich oft nur schwer eine Wohnung alleine oder zu zweit leisten: Denn auch wenn die Mietpreise (in St. Pölten) von 2013 bis 2014 um 2,8 Prozent gefallen sind – neben der monatlichen Zahlung an den Vermieter muss man oft noch zwei Mal tief in die Tasche greifen. Meist eine Kaution für vorhandenes Mobilar und schließlich eine Maklerprovision in der Höhe von bis zu zwei Monatsmieten. Für junge Menschen sind diese Ausgaben oft nur schwer (alleine) zu finanzieren.
Doch wie wohnen junge Menschen? Die klassischen Wohnformen sind bereits altbekannt: So wohnen nicht wenige noch im so genannten „Hotel Mama“, also bei den Eltern. Oftmals belächelt, ist es für viele wohl die einfachste und finanziell unbelastendste Möglichkeit, ein Dach über dem Kopf zu haben. Studierende, die es in eine ferne (Uni-)Stadt zieht, kommen oft zuerst in Wohnheimen unter. Dabei teilt man sich meist mit zumindest einer Person eine kleine Wohnung – und manchmal mit dem gesamten Stockwerk auch noch die Küche.
Und neben wild zusammengewürfelten Wohngemeinschaften geht man auch dabei neue Wege: Es ziehen nun immer öfter zwei befreundete Paare unter ein Dach und halbieren somit ihre Ausgaben für die Wohnung und ihre Nebenkosten. So interessant diese Form auch ist, so birgt sie eine Gefahr: Zerbricht eine Beziehung, kann man im Gegensatz zu anderen Wohngemeinschaften nicht so einfach nachbesetzen. Das könnte mitunter das Ende der gemeinsamen Unterkunft bedeuten.
Bei Stefan und Sarah, einer Hälfte einer solchen Pärchen-WG, ist das in den vergangenen drei Jahren aber nicht passiert. Für sie hat diese Wohnform den Vorteil, dass man zu viert mehr finanziellen Spielraum hat, um größere Wohnungen mieten zu können, aber gleichzeitig weniger Platz zum Schlafen braucht. Benötigen normale Vierer-WGs zwangsläufig vier Schlafzimmer, kann man sich hier mit zwei begnügen. Außerdem finden die beiden, dass sich das Zusammenleben ruhiger gestaltet, weil „alle bereits unterm Hut sind“ und somit nicht jedes Wochenende in Alkoholexzessen und Aufrissversuchen endet. Als einzigen Kritikpunkt nennt sie die Tatsache, dass man so auch viel mehr die Beziehungskrisen des befreundeten Paares mitbekommt, was – verständlicherweise – nicht immer angenehm ist.

Landhaus statt Stadtwohnung

Rahel und Sebastian haben hingegen im vergangenen Herbst St. Pölten verlassen: Der Wunsch nach einer preiswerten größeren Wohnung konnte bei den aktuellen Preisen und dem geringen Angebot nicht erfüllt werden. Jetzt wohnen die Oberösterreicherin und der Bayer in einem 70m² großen Haus am Waldrand in Böheimkirchen. Sie zahlen dafür nur geringfügig mehr als für die nur halb so große Wohnung, die Rahel zuvor in St. Pölten bewohnte. Doch mit dem niedrigen Mietpreis nehmen sie auch so manches in Kauf: Es dauerte z.B. etwas, bis sie die Beheizung innerhalb der dicken Hausmauern mit dem Schwedenofen im Griff hatten. Außerdem mussten sie selbst noch Hand anlegen, um das Haus auf Vordermann zu bringen; doch zu diesem Preis war ihnen das bereits im Vorhinein bewusst. Die größte Herausforderung für Rahel ist aber die Aufrechterhaltung der sozialen Kontakte: „Vor allem wenn man mit Freunden zuvor Tür an Tür gelebt hat und man sie jetzt oft sehr vermisst.“ Nicht zu unterschätzen ist auch das so genannte „Hotel Mama“, der ironische Ausdruck für das Elternhaus, in welchem junge Menschen heutzutage öfter bleiben oder auch wieder zurückkehren. Die Zahlen mögen eventuell überraschen: 61 Prozent der 20- bis 24-Jährigen leben laut einer Studie des „Österreichischen Instituts für Familienforschung“ (OIF) noch im Elternhaus, 30 Prozent der 25- bis 29-Jährigen. Bei den über 30-Jährigen schrumpft es nicht derart rasch weiter: Rund 14 % der 30- bis 34-Jährigen und immer noch 9 % der 35- bis 39-Jährigen teilen sich immer noch den Wohnraum mit den Eltern.

Zurück ins traute Heim (der Eltern)
Lisa, eine 27-jährige Volkschullehrerin aus Linz, wohnt aktuell wieder bei ihren Eltern. Sie ist bereits seit drei Jahren berufstätig und in einer Beziehung und sieht das Wohnen bei den Eltern eher als Notlösung. Sie ist übrigens eine von 21 % aller österreichischen Frauen, die im Alter von 25 bis 29 Jahren zuhause wohnen (bei den Männern sind es in dieser Altersgruppe sogar ganze 39 %).
Für sie ist es natürlich ein Vorteil, dass man bei den Eltern zuhause nichts zahlen muss und somit Geld „für spätere Wohnprojekte“ sparen kann. Doch es gibt auch Negatives: „Der größte Nachteil ist der, dass ich nur ein Zimmer für mich habe“, sagt Lisa, denn mitunter leidet da natürlich auch die Privatsphäre. Nachdem Lisa nun mit ihrem Freund lange Zeit auf gemeinsamer Wohnungssuche war (sie wohnten bereits zusammen, bis es ihn berufsbedingt nach Salzburg verschlug), wird sie im April die elterlichen Gefilde verlassen. Die Suche dauerte lange und gestaltete sich schwierig, weil das sehr geringe Wohnungsangebot selten mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis einherging.
Doch was sind die Gründe für die Rückkehr ins (oder das Verbleiben) im Hotel Mama?
Von 5.000 Befragten einer ÖIF-Stude nannten rund 45 bzw. 40 Prozent der Befragten zwar positive Auswirkungen auf ihre Autonomie und Sexualität, sollten sie innerhalb der kommenden drei Jahre von zuhause ausziehen. Doch über 60 Prozent erwarten, dass sich ihre finanzielle Situation dadurch erheblich verschlechtern wird. So ist es oftmals nicht der fehlende Wunsch, der junge Menschen am Auszug hindert, sondern ganz einfach das Geld. Die Studienautoren fassen das besonders gut zusammen: „Die finanzielle Situation aus Sicht der Betreffenden [würde sich] verschlechtern – und zwar zu einem größeren Ausmaß als der emotionale Zugewinn.“

Man wohnt aber auch anders
Abseits von Hotel Mama, WGs, Wohnungen oder Häusern gibt es auch andere Wege: In Wien startete vor kurzem eine Initative namens „Flüchtlinge Willkommen“. Dabei will man Flüchtlingen ermöglichen, einen Platz in einer WG anstatt in Massenunterkünften (wie jenem in Traiskirchen) zu finden. Der Verein unterstützt bei der Vermittlung und bietet den WGs auch an, dass man mittels Mikrospenden die Unterkunft eines Flüchtlings mitfinanziert.
Ebenfalls in Wien findet man eine „Generationen-WG“. Seit 2009 wohnen auf 500m² Jung und Alt nicht nur neben-, sondern auch miteinander. Ziel dabei ist es, dass sich die Generationen gegenseitig helfen. Für die jungen Mitbewohner kann es, bei Unterstützung und Mithilfe für die älteren Bewohner, zu einer Verringerung der schon geringen Miete kommen. In Zukunft könne man sich, so der Betreiber der WG, vorstellen, auch Gratis-Wohnen für intensive Betreuung anzubieten. Das klingt aber weniger nach einem Solidaritätsmodell, wie es der Betreiber gerne bezeichnet, sondern eher wie eine Suche nach billigen Pflegekräften.

Bitte noch mehr, liebe Politik!
Wohnbauoffensiven speziell für junge Familien sind natürlich zu begrüßen. Der aktuelle Schwerpunkt wurde übrigens um ein Jahr verlängert – die Förderschiene endet nun erst Ende 2016. Um den Wohnungsmarkt aber grundsätzlich wieder etwas lebendiger und beweglicher zu gestalten, wären weitere Entwicklungen notwendig. In Deutschland hat die Koalition zwischen CDU/CSU und SPD ein „Paket für bezahlbares Wohnen und Bauen“ geschnürt, durch welches im Jahr 2015 die Maklergebühr nicht mehr vom Mieter bezahlt werden muss. Das „Bestellerprinzip“ (der Vermieter bestellt schließlich den Makler) war auch schon einmal in Österreich im Gespräch.
2013 hat die SPÖ genau das gefordert, der Koalitionspartner ÖVP hat jedoch schnell wieder abgewunken. Schließlich sprang Ende 2014 auch die Arbeiterkammer auf den Zug auf und holte das Thema zurück auf die politische Agenda. Bewegt hat sich seither jedoch wenig. Vielleicht, weil eine solche Forderung zwar ebenfalls populistisch ist, aber man hier – im Gegensatz zum „jungen Wohnen“ – auch verschiedene Interessensgruppen vergrämen würde. Und solch heiße Kohlen greift die österreichische Politik ja wirklich nur sehr ungern an.