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Wiki(pedia) und die starken Männer

Text Michael Käfer Ausgabe 06/2013

Der St. Pöltner Alexander Wagner ist „Wikipedianer“. Er schreibt Artikel für die Online-Enzyklopädie und ist zudem stellvertretender Vorsitzender von Wikimedia Österreich, dem Förderverein hinter Wikipedia. Alles ehrenamtlich versteht sich. Sein Geld verdient er als Angestellter.

Wie aktiv sind Sie auf Wikipedia?
Unterschiedlich,  je nach Zeit und Lust. In Österreich zähle ich zu den Aktiveren, zusammen mit der Tätigkeit bei Wikimedia habe ich fast jeden Tag damit zu tun.

Wieviele Wikipedianer gibt es im Bezirk St. Pölten?

Zwischen 70 und 150. Im Bezirk St. Pölten gibt es nur an die fünf, was vergleichsweise wenig ist. Das Zentrum ist auch hier der Wasserkopf Wien.

Wie kommt man dazu, Autor zu werden?

Spaß, denke ich, und der Wunsch, Themen die einen interessieren, besser vertreten zu sehen. In meinem Fall sind das Artikel rund um St. Pölten.

Wo steht Wikipedia in Homepage-Rankings? Wie sieht es im Vergleich zu gedruckten Nachschlagewerken aus?
In den Rankings ist Wikipedia weltweit eine der Top-10-Seiten. Im Vergleich zu gedruckten Enzyklopädien kann Wikipedia qualitativ mithalten – wobei die Artikelqualität natürlich stark variiert. Heute stellen immer mehr etablierte Nachschlagewerke ihren Betrieb ein.

Wie schwer ist es, in Wikipedia falsche Informationen dauerhaft unterzubringen? Wie seriös sind die Informationen?
Blödsinn wie etwa „Arsch“, „ficken“, usw. wird nach wenigen Sekunden von Leuten gelöscht, die sich freiwillig in der sogenannten „Eingangskontrolle“ engagieren und sämtliche Änderungen kurz ansehen. Schwerer überprüfbare Falschinformationen findet man je nach Themengebiet unterschiedlich viele. Bei wichtigen und oft gelesenen Artikeln ist es so, dass sie von vielen Wikipedianern „beobachtet“ werden. Vor allem bei Randthemen kann es aber vorkommen, dass falsche Informationen länger nicht geprüft werden, bis sich jemand um das Thema annimmt.

Was ist der Unterschied zu anderen freiwilligen Projekten?
Ich bin Freiwilliger beim Samariter-Bund, wo man vereinzelt und punktuell Menschen helfen kann. Bei Wikipedia ist es so, dass ein Artikel vielen, oft Hunderten Menschen von Nutzen sein kann. Der Zweck von Wikipedia ist es, Wissen frei zu verbreiten und zu teilen.

Wie stark wird Wikipedia von professionellen Journalisten und Autoren für kommerzielle Zwecke genutzt?
Extrem stark. Man merkt das zum Beispiel daran, dass sich Fehler in Wikipedia-Artikeln plötzlich in allen möglichen Zeitungen wiederfinden. So hat man, als Willi Gruber gestorben ist, überall gelesen, dass er „Maschinenschlosser“ gelernt hat. Ich wurde auf den Fehler aufmerksam gemacht und habe den Eintrag auf „Dreher“ ausgebessert.

Wie finanziert sich Wikipedia?

Wikipedia ist zu 100% aus Spenden finanziert. Es gibt weder Werbung noch Subventionen. Bezahlt werden muss vor allem die Infrastruktur, also etwa Server und Datenverkehr. Darüber hinaus fördert Wikimedia – wo es übrigens so gut wie keine Hauptberuflichen gibt – manchmal auch Autoren. Da werden dann auf Anfrage spezielle Kameras oder Bücher verliehen, um Fotos und Artikel zu ermöglichen.

Wie gut sind die Artikel rund um St. Pölten?
Da es kaum Mitstreiter gibt, sind es deutlich zu wenig. Manche andere Städte wie Linz und Salzburg haben hingegen bereits eigene Stadtwikis.

Was wird an Wikipedia kritisiert?
Vor allem im akademischen Bereich gibt es Vorbehalte, besonders was die Qualität der Artikel betrifft. Trotzdem versuchen wir gerade, Projekte mit Universitäten und staatlichen Einrichtungen wie dem Bundesdenkmalamt und einigen Archiven umzusetzen. Generell möchte ich sagen: Wikipedia macht professionellen Autoren nichts streitig. Wir forschen nicht, sondern bilden nur bereits etabliertes und veröffentlichtes Wissen ab. Es ist sogar untersagt, eigene Erkenntnisse, die nirgends publiziert wurden, auf Wikipedia zu stellen.