MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Facebook Twitter

Werteverhältnisse

Text Thomas Winkelmüller Ausgabe 11/2018

Ein Gespräch mit einem Dealer über Geld, Schuld und den Traum vom freiwilligen Aufhören.

Also erzähl einmal: Wie kommt ein junger St. Pöltner dazu Drogen zu verkaufen?
Das hat eigentlich voll langsam angefangen. Ich hab so wie die meisten Jugendlichen einfach immer wieder mit meinen Freuden ein paar Ofen geraucht und so lernt man dann einmal die ersten Dealer kennen.
An die Wiesen muss man ja auch irgendwie kommen und mit der Zeit geht das schon auf die Geldbörse, auch wenn der Grammy nur einen 10er kostet. Meine ersten Dealer waren vor allem Bekannte und die haben das Geldproblem eigentlich nie gehabt und drum hab ich mir gedacht, wenn die das können, kann ich‘s auch. Und ganz ehrlich? Man fühlt sich schon irgendwie cool. Du bist nicht der Gangster mit einer Puffn in der Hand, aber wenn man mit 16 schon Weed verkauft, kommt man sich einfach hart vor.

Also du hast mit Marihuana begonnen und dann?
Ja voll. Ich hab das eigentlich ziemlich lange gemacht und so meinen Konsum finanzieren können und mir auch immer was auf die Seite gelegt und dann sind irgendwann chemische Sachen gekommen. Ich hab tatsächlich Chemie verkauft, bevor ich sie konsumiert hab. Meine erste E war mehr oder weniger von mir selbst.

Warum bist du dann auf die Chemie umgestiegen?

Es war ja mehr ein Erweitern als ein Umsteigen. Ich hab nach wie vor Wiesen verkauft und nicht wenig, aber mehr Geld zu holen ist schon ganz eindeutig in der Chemie. Du musst einmal denken, der Gramm Weed kostet einen 10er und den bekomm ich selber um einen 5er circa, je nachdem. Eine E bringst aber schon schnell um einen 20er oder 30er an, wenn sie gut ist und sich die Leute nicht so auskennen. Die kauf ich aber auch um maximal einen 5er ein. Verstehst was ich meine?

Du hast gerade gesagt, „wenn sie sich nicht so gut auskennen“. Also zockst du deine Kunden auch manchmal ab?
Eigentlich nicht wirklich. Meine Freunde und Stammkunden nie, aber wenn ich irgendwelchen 14-Jährigen, die ihren ersten Ofen rauchen wollen, bisschen Wiesen verkauf, dann gebe ich ihnen einfach 0,7 ins Baggie. Denen fällts eh nicht auf und so geht’s jedem am Anfang, auch bei mir hat keiner Rücksicht genommen.

Hast du ein schlechtes Gewissen oder Bedenken, wenn du Leuten Drogen verkaufst, oder berührt dich das nicht wirklich?
Noch nicht. (lacht kurz). Ich wüsste von keinem, der deswegen gesundheitliche Probleme bekommen hat und wenn sie von der Polizei gemaiert werden, dann kann ich auch nichts dafür. Ganz ehrlich? Ich fühl mich deswegen nicht schlecht. Die Leute bekommen ihre Drogen so oder so. Wo ist für sie jetzt der Unterschied, ob ich sie ihnen gebe oder jemand anderem? Gezwungen hab ich noch nie wen, muss ich auch gar nicht.

Okay, dann wieder zurück zu deinen Geschäften: Wieviel Geld machst du denn im Monat?
Puh, das ist schwer zu sagen. Kommt darauf an, wie fleißig ich bin und wie Angebot und Nachfrage gerade liegen.
Aber ich sag einmal, im Monat mach ich so durchschnittlich 800 Euro Gewinn, aber das kann voll variieren. Es ist im Endeffekt jetzt kein Vermögen, aber ein netter Nebenverdienst, sag ich einmal, und meine Drogen gehen mir eigentlich auch nie wirklich aus.
Damit das alles gut klappt muss man aber wirklich gut organisiert und flexibel sein, sonst dreht man irgendwann durch mit dem ganzen Stress. Aber ich mach es ja jetzt auch nicht hauptberuflich und schaue, dass es nicht zu groß wird.

Wie kann man sich das Dealen vorstellen, wie läuft denn so dein kleiner 08/15-Drogendeal ab?
Es ist jedenfalls einfach überhaupt nicht so wie im Film ehrlich gesagt.
Also, entweder die Leute kommen zu mir nachhause oder umgekehrt. Manchmal trifft man sich auch einfach irgendwo in St. Pölten, genauer möchte auf die Spots jetzt aber nicht eingehen (lacht).
Und ja, sonst vercheck ich beim Fortgehen in Wien oder St. Pölten. Da muss man dann schon oft selber Leute ansprechen, ob sie was wollen. Das ist erstens eine anstrengende Arbeit und obendrein nicht ganz ungefährlich. Auszahlen kann sie sich trotzdem. Ich geh dann meistens schnell aufs Klo oder raus mit ihnen, aber eher ersteres.

Bist du da schon mal in eine brenzlige Situation geraten, also musstest zum Beispiel vor der Polizei weglaufen?
Zum Glück noch nicht wirklich (klopft dreimal auf den Holztisch). Ich versuch das alles immer sehr diskret zu machen und an Orten, wo man nur wenig Leute trifft.
Knapp wars ehrlich gesagt nur einmal, aber das hatte wenig mit der Polizei zu tun. Ich bin einmal mit einer sehr großen Menge Weed im Zug gefahren und du musst wissen, das riecht manchmal unmenschlich stark. Den Geruch hast du dann im ganzen Abteil und wenn ihn jemand kennt, riecht er ihn auch sofort. In der Kurzfassung: Ein Passagier hat mich beim Schaffner verpfiffen und wollte mich maiern. Ich hab das aber mitbekommen und bin bei der nächsten Station aus dem Zug. Ich hab dann zwar eine Stunde auf die nächste Verbindung gewartet, aber das Risiko wollt ich nicht eingehen. Man braucht schon ein belastbares Herz für den Job.

Glaubst du denn nicht, dass du vielleicht überwacht wirst?

Nein. Ich kann es nicht wissen, schon klar. Aber aus dem Bauchgefühl sag ich nein, weil ich alles nach bestem Gewissen mache.

Ist das Dealen das Risiko und den Aufwand wirklich wert?
Nein. Aber ich mag den Adrenalinkick und das Geld. Das klingt dumm und ist es auch.

Hast du denn überhaupt keine Angst, einmal von der St. Pöltner Polizei gefasst zu werden?
(lacht) Die Polizei in St. Pölten macht mir eher wenig Angst. Sie maiern zwar immer wieder Leute, aber da ich das Ganze so vorsichtig wie es geht mache, glaube ich nicht, dass sie mich erwischen. Wenn ich das glauben würde, wär ich ja nicht im Geschäft oder?

Wie schaut denn die Drogenszene in St. Pölten überhaupt aus?
Ich versuch mich aus der Stadt eher fernzuhalten, aber naja. Drogen sind schon ziemlich viele im Umlauf muss ich sagen. Am meisten Wiesen, so wie überall. Chemie gibt es auch vermehrt, aber die wird eher beim Fortgehen oder der Afterhour danach konsumiert. Also eine Nase Speck um länger wach zu bleiben zum Beispiel. Ich will aber nicht genauer auf das eingehen.

Zur Stadt und ihrem Vorgehen: Was sagst du eigentlich zu der Schutzzone Sparkassenpark, die am 1. November in Kraft getreten ist? Macht das Sinn?
Wusste gar nicht, dass der Park jetzt auch Schutzzone ist. Naja, betrifft mich nur am Rande. Ich würd dort nicht verchecken, um ehrlich zu sein. Das Gelände ist komplett offen. Da gibt’s wirklich bessere Spots.

Wann hast du vor aufzuhören?
Das kann ich noch nicht sagen. Es läuft gerade ganz okay, also sehe ich wenig Grund gerade in nächster Zeit aufzuhören, aber früher oder später muss es wohl ein Ende haben. Ich hoffe die Entscheidung kommt dann auch von mir alleine.

Letzte Frage: Was wolltest du eigentlich als Kind werden?
Nicht Drogendealer, falls du das meinst (lacht). Ich weiß nicht, ich übe ja eh auch einen echten Beruf aus. Aber du wirst lachen. Als Kind gab es tatsächlich mal eine kurze Phase in der ich Polizist werden wollte.


DROGEN-CHARGON

Wiesen: Marihuana
Ofen: Joint
Verchecken: verkaufen
Gemaiert werden: von der Polizei erwischt werden
Speck: Speed
Eine E: Ecstasy
Afterhour: das gemeinsame Beisammensitzen nach dem Fortgehen