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Vom Fünf-Uhr-Tee zum Frequency - Serie 2. Teil

Text Wolfgang Matzl Ausgabe 11/2013

Wir befinden uns in den 50er Jahren, der Krieg und die darauf folgenden Hungerjahre sind vorbei, die Trümmer beseitigt, Österreich ist frei. Das Jahrzehnt steht ganz im Zeichen von Aufschwung und Wachstum, der allgemeine Optimismus ist überall spürbar, es geht bergauf, und zwar ordentlich. Und ordentlich sollte auch nach dem Krieg noch die Jugend sein, zwar nicht mehr militärisch-straff organisiert wie in den NS-Verbänden, aber doch.

Und wie immer, wenn die Jugend in einen Rahmen gepresst werden soll, der ihr nicht behagt – man sucht sich Ventile, man rebelliert: mit musikalischer Untermalung und neuen Tanzformen. Schon in der Nazi-Zeit waren Jugendgruppen wie die „Edelweißpiraten“, die „Zazous“, die „Swings“ oder die „Schlurfs“ der Obrigkeit ein Dorn im Auge, waren sie doch im Begriff, mit ihrer Musik und ihren Tänzen die Ordnung zu stören und Autoritäten vor den Kopf zu stoßen. Schon 1942 hielt der Referent Heinrich Gollner bei der Sondertagung der Arbeitsgemeinschaft „Junges Schaffen“ zum Thema „Tanz“ in der Wasserburg Pottenbrunn fest, dass die neuen „jüdisch-frivolen Rhythmen“ selbst die „deutschen Tanzkompositionen“ erfasst hätten und forderte die Einrichtung einer „Arbeitsgruppe Tanz“ und die Fernhaltung von „Schlurfs und Modepuppen“ vom Tanzunterricht, der im übrigen in einer Tanzschule der Hitler-Jugend erfolgen sollte.

Eckenstehverbot & Rock‘n‘Roll
Dieser Ungeist beherrschte noch das autoritäre Denken der Erwachsenen, als sich die ersten „Halbstarken“ und „Schlurfs“ auf den Straßen trafen – (Szene)Lokale gab es noch nicht einmal in Wien, geschweige denn in St. Pölten. Logische Folge dieser unorganisierten Treffen auf Stiegen und an Straßenecken: das 1957 erlassene „Eckenstehverbot“. Und während aus den Radios noch Operettenstimmen dem Belcanto huldigten, hörten die Jugendlichen bereits die lange verbotene „Negermusik“ und tanzten dazu.
Aber musikalisch so richtig losgehen sollte es erst in den 60ern. Der Schlager herrschte vor, doch Stars wie Ted Herold und Peter Kraus trauten sich bereits, Elemente des Rock’n’Roll einfließen zu lassen und machten Lust auf mehr. Didi Prochaska bringt’s auf den Punkt: „Wenn auch der ‚echte’ Rock’n’Roll hierzulande völlig unbekannt war, drangen Chuck Berry, Little Richard und Elvis auch zu uns vor. Kaum hatten wir das verdaut, lief die Information: Du musst ab 21 Uhr dein Radio ins Fenster stellen, mit Draht eine lange Antenne basteln und Radio Luxemburg suchen. Und damit tat sich eine völlig neue Musikwelt auf! ‚Here is Radio Luxemburg, the station of the stars!’ tönte der Moderator, und plötzlich kamen da Sounds und Songs aus der Kiste, wie wir sie nie zuvor gehört hatten. Zwar war der Empfang immer wieder unterbrochen, die Sendersuche Zehntel-Millimeterarbeit, aber wir saßen wie gebannt vor dem Röhrengerät und hörten plötzlich Cliff Richards, die Shadows und Bill Haley, wenngleich auch oft nur in Fragmenten. Heute noch unglaublich war das darauf folgende Tempo, in dem sich die Musik entwickelte. Plötzlich hörten wir Beatles, Rolling Stones und Kinks, Freunde brachten immer neue Platten aus England, Holland und Deutschland mit, Kassetten wurden kopiert, getauscht und gehandelt – die Musikrevolution kam über uns wie ein Tsunami. Und erstmals gab es beim Elektro-Klug am Bahnhofsplatz auch LP’s und Singles zu kaufen! Fast täglich pilgerten wir hin und hörten immer mehr Neues, und selbst im sonst so ruhigen St. Pölten begann sich eine Szene aus Hippies, Gammlern und Musikfreaks zu formieren.“
Diese Szene blieb natürlich der Öffentlichkeit nicht verborgen: „Allmählich scheint der ‚Gammler-Look’ auch im St. Pöltner Stadtbild auf, je nach Generationseinstellung zur Verwunderung oder zum Ärgernis der Passanten“, schrieben etwa die NÖN 1966, als sie von einer Reise des „St. Pöltner Gammlerkönigs“ Willi Lechner per Autostopp nach London berichtete. Wobei der noch beteuerte, kein echter Gammler zu sein, weil er ja arbeite, wohingegen ein echter aus Protest gegen die Gesellschaft absolut nichts tut.

So etwas wie „Jugendkultur“
Während in London in den Beat-Clubs wie „Marquee“ oder „Tiles“ die Richtung vorgegeben wurde, begann nun auch in St. Pölten die Szene Treffpunkte und Lokale zu erobern. In den Stadtsälen wurden die ersten „Teenager-Partys“ organisiert, freilich noch mit dem politisch verordneten Versuch, die Jugend in geordneten Bahnen zu lenken. „Wir brauchen keine Spelunkenmädchen aus irgendeiner Bar in Wien, die in St. Pölten singen, wir haben mindestens ebenso gute Kräfte hier“, so der Leiter des St. Pöltner Jugendklubs 1965. Und er hatte insofern recht, als die St. Pöltner Bands, die in dieser Zeit ins Rampenlicht traten, den nationalen Vergleich nicht scheuen mussten. In den beliebten Bandwettbewerben platzierten sich die „Swing-Boys“, „The Lost Generation“, „The Gents“, „The Fellows“ und andere Bands aus St. Pölten und Umgebung stets an der Spitze. Zu den beliebten „Matinées“ und den darauf folgenden „Fünf-Uhr-Tees“, zuerst im Parkkino am Mühlweg, später in den Stadtsälen, strömten Massen von Jugendlichen, um erstmals Jugendkultur zu zelebrieren, Live-Musik zu hören und zu tanzen.
Und es ging in dieser Tonart weiter. Auch in den 70er Jahren war St. Pölten in der österreichischen Musikszene „on top“. Bands wie „The EXP“ (der damalige Bandleader Ernest Kienzl ist heute Obmann des St. Pöltner Künstlerbunds), „The Roots“ und später „Iviron“ rund um Ausnahmemusiker Helmut Scherner oder „New Malformation“ waren Aushängeschilder der heimischen Szene. Vor allem die „New Malformation“ brachte es dank professioneller Struktur mit eigener P.A. Anlage, Bandbus und Management (Ed Knappl!) zu unzähligen Auftritten im In- und Ausland samt Airplay im Radio und Fernsehauftritten, unter anderem bei Peter Rapps „Spotlight“.

Und wer werkte als Tontechniker am Mischpult? Bereits erwähnter Didi Prochaska, seines Zeichens nun Oberkurator der Ausstellung „Vom Fünf-Uhr-Tee zum Frequency“, die sich des Themas der St. Pöltner Musikszene umfassend annimmt und im Frühjahr 2014 im Parkhaus der neu gebauten Arbeiterkammer NÖ in der Herzogenburgerstraße eröffnet wird.

 

AUSSTELLUNG
Für die Ausstellung „Vom 5-Uhr-Tee zum Frequency“ – initiiert von Wolfgang Matzl und Didi Prochaska gemeinsam mit Kuratoren und Künstlern aus St. Pölten – werden bis Ende des Jahres noch Exponate von Videomaterial über Plakate, Flyer, Eintrittskarten, Merchandise uvm. aus 60 Jahren St. Pöltner Musikszene gesucht. (Ehemalige) MusikerInnen, Bands und Fans können sich bis 31.12.2013 unter stp.ausstellung@gmail.com melden, um ihre Fundusschätze einzureichen.