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Um zu verstehen

Text Andreas Reichebner Ausgabe 06/2015

Bewegend, tiefgründig, wortgewaltig und rauschhaft – das literarische Schaffen der in St. Pölten geborenen Autorin Andrea Kern reißt mit. Dabei präsentiert sie sich im Gespräch nett, freundlich und stets mit einem fröhlichen Lächeln im Gesicht.

Fräuleinwunder“ hätte man dieses Phänomen in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts genannt – das geballte Erscheinen einer ganzen Reihe junger Schriftstellerinnen, die gerade die österreichische Literaturszene aufmischen und nicht nur mit ihren Texten, sondern durchaus auch auf dem Laufsteg reüssieren könnten. Autorinnen wie Vea Kaiser und auch der Grazer Shooting Star Valerie Fritsch sind Beispiele dafür. Sie zeigen sich auch beim Posing für die Presse in Hochform. Mit selbigem Eindruck läge man auch bei der 1989 geborenen Autorin Andrea Kern richtig, wenn da nicht ihre durch und durchgehende feministische Ader wäre. Die junge Germanistin stoßen solche Art Kategorisierungen eher ab. „Ich habe mich schon bei der Matura mit Mädchenbildern beschäftigt. Es war lange ein Thema für mich, diese eindimensionalen und langweiligen Klischees“, lächelt Andrea Kern erfrischend einnehmend und zeigt sich doch bei ihren Buch­themen von einer aufwühlenden und trotzigen Art. „Schreib mal etwas Netteres“ hört sie oft, aber das ist nicht ihr wahres literarisches Streben. In ihrem viel beachteten Debutroman „Kindfrau“, erschienen 2014 im Picus Verlag Wien, setzte sie sich auf eine sprachgewaltige Weise mit dem Lolita-Motiv auseinander. Gibt tiefen und teils verstörenden Einblick in ihre Protagonistin Angelika, die zwischen Liebe, Missbrauch und Verletztheit kaum mehr in ein normales Leben zurückfinden kann. Dabei fasziniert sie mit mächtigen Bildern. „Von der Geschichte einer Freundin aufgegriffen, habe ich das Motiv abstrahiert, umgewandelt und verstärkt“, so Kern, die sich auch in ihrer Dissertation „Nationalsozialistische Schriftstellerinnen in Österreich“ mit sperrigen Themen auseinander setzt.

Mit Lyrik begonnen
Begonnen hat alles mit Lyrik. „Gedichte waren der Versuch, Dinge zu verarbeiten. Kurz, knallig, dass es reingeht“, erzählt sie, „aber dann wollte ich auf Distanz gehen, Neues schaffen. Ich fühlte mich reifer, einer Figur zu folgen, einen Roman zu erzählen.“ Dabei Stereotype aufzubrechen, ist ihre Intention. Im September wird ihr neues Buch „ErHängt. Wir fallen“ erscheinen. Der Freitod eines Schriftstellers wirft seine Frau und seine Tochter aus der Bahn. Ein, wie der Picus Verlag schreibt, bewegendes, vielstimmiges Protokoll der Bewältigung eines Schicksalsschlags. „Dabei habe ich mit verschiedenen Textsorten, etwa Facebook oder Gedankenströmen gearbeitet. Es geht dabei um ein Ringen, um Verstehen“, so die tiefschürfende Autorin.
Das gilt auch für die Bücher drei und vier, die da kommen werden. „Im dritten Buch wird es um eine Frau gehen, die eine Affäre mit einem Mann, der ihren Sohn bei einem Unfall überfahren hat, beginnt, und mein viertes Buch wird von einer Frau handeln, die schwanger wird, aber eigentlich nicht Mutter werden will“, lässt die Vielschreiberin in ihre literarische Zukunft blicken. „Ich stelle dabei drei Möglichkeiten der Frau dar: 1. Sie verlässt das Kind. 2. Sie setzt das Kind auf die Straße. 3. Sie spielt ihre Mutterrolle.“, sagt sie und spielt dabei mit dem Passus der gesellschaftlichen Ächtung nicht gelebtem Muttertums.
Autobiografische Elemente sind rudimentär angelegt. „Ich will nicht so klar sein, mich hinlegen und viel Spaß beim Verschlingen wünschen“, gibt sie sich bedeckt. Andrea Kern lebt in Wien, „ich schätze die Anonymität einer Großstadt“, sie reist gerne und bevorzugt auch hier wie in ihren Buchthemen Außergewöhnliches. So schrieb sie etwa den letzten Teil von „Kindfrau“ in der verbotenen Stadt in China. Sie besuchte schon Syrien, Burma, Indien, Kuba und den Iran, beschäftigt sich mit schwer erziehbaren Kindern und ist drauf und dran Professorin für Deutsch und Geschichte zu werden. Ja, und Schwimmen ist auch eine Leidenschaft von ihr, aber nicht so einfach planschen. Wenn, dann gleich so um die 60 bis 70 Längen. Eben außergewöhnlich, wie ihre literarischen Äußerungen, die wahrhaftig unter die Haut gehen.