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Steve Ponta - Boomarang Man

Text Johannes Reichl Ausgabe 11/2019

Als ich Steve Ponta in seinem Büro im Warehouse treffe, bin ich mit einem Aha-Erlebnis konfrontiert – die Dreadlocks, bisheriges Markenzeichen des mittlerweile 37-jährigen als Selecta Weasel bekannten DJs, Produzenten, Bookers und Kulturmanagers, sind weg! „Die sind am Sonntag gefallen, ein historischer Tag“, lacht Steve.

Sieben Stunden lang hat die Schneide-Prozedur gedauert, dann waren 20 Jahre durchgehende Haarpracht Vergangenheit und ein großer Haufen Haare am heimischen Fußboden. Ob ihm die Dreads – zuletzt waren es 45 – abgehen? „Nein, eigentlich nicht, es zieht nur ein bisserl auf den Hinterkopf“.

Toronto – Kanada
Steve Ponta war jedenfalls nie 0815, sondern ein Original und freier Geist, was vielleicht auch mit seiner Herkunft und Kindheit zu tun haben mag. „Ich bin ja in  Kanada geboren. Die Mama stammte aus San Francisco und Papa war als Jugendlicher in die USA ausgewandert.“ Ebendort lernten sich die Eltern nicht nur kennen, sondern tourten im Anschluss fast  klischeemäßig „in der Nachhippiezeit mit einem alten VW-Bus durch die Staaten!“ Schließlich verschlug es das Paar, weil dort eine Tante des Vaters lebte, nach Toronto/Kanada, wo Steve und sein Bruder geboren wurden. Zwei Jahre später ging es zurück nach Österreich „was insofern skurril war, weil meine Eltern einmal meine Oma in Österreich besucht hatten, als sie gerade in der Loich auf Urlaub war. Dort verliebten sie sich in ein uraltes Bauernhaus aus dem Mittelalter – angeblich das 17., das im Tal gebaut worden war und wo, kein Scheiß, noch so eine Art Bach mitten durchs Haus floss – und beschlossen, es zu renovieren und als Ferienhaus zu nutzen.“ Als die Großmutter bald darauf verstirbt und der Großvater allein ist, zieht die Familie ganz nach Österreich. Eine exotische Konstellation „weil das muss man sich ja vorstellen, meine nur Englisch sprechende Mama aus dem sonnigen Kalifornien, die plötzlich im hintersten Tal im Kuhdorf Loich sitzt“, muss Steve noch heute lachen. Auch der Junior spricht im Kindergarten anfangs noch Englisch, lernt aber rasch Deutsch, „und Papa hat sich seinen Kindheitstraum erfüllt und einen Würstelstand aufgemacht“, den der ältere Bruder noch heute beim kika im Süden der Stadt führt.

Glücksfall Metallallergie
Steve macht die klassische Schulkarriere, geht in Loich in die Volksschule, im Anschluss in Kirchberg in die Hauptschule. Danach beginnt er, was für viele Steve-Kenner wohl nicht minder exotisch anmutet, bei Voith in St. Pölten eine Lehre zum Maschinenschlosser. Und auch da nimmt das Leben eine skurrile, wenngleich entscheidende Wende. „Ich habe die Lehre fertiggemacht, die Gesellenprüfung abgelegt und in der Zeit auch einen Allergietest gemacht, weil ich immer Probleme mit Nüssen etc. hatte und einfach wissen wollte, was ich nicht vertrage – und dabei ist eine Kobalt- und Nickelallergie festgestellt worden“, schmunzelt er. Das ist für einen Maschinenschlosser in etwa wohl so, wie wenn ein  Bäcker kein Mehl verträgt. „Die AUVA hat jedenfalls gesagt, dass ich in meinem Beruf nicht weiterarbeiten darf.“ Für den Teenager kommt das überraschend, aber gar nicht ungelegen „weil ich sowieso nicht so glücklich war und mich schon damals viel mehr für Musik interessiert habe.“ In Folge jobbt er für NXP „hab da klassisch als Stagehand Ton- und Lichtequipment auf- und abgebaut bei diversen Veranstaltungen, von den Kuschelrockern bis zum Hauptstadtball“, außerdem übernimmt die AUVA bzw. das AMS die Kosten für eine Alternativausbildung, die er an der SAE-Schule macht, wo er das College zum Tontechniker absolviert.

Music was my first love

In dieser Zeit nimmt Steves große Leidenschaft, die Musik, immer mehr Raum ein. „Auf der SAE war ich zweimal die Woche. Auf meinem Weg zur Schule lag ‚leider‘ das Rave Up, so ein klassischer alter Plattenladen, da bin ich immer reingestolpert“, schmunzelt er angesichts eines von ihm verursachten klassischen Wirtschaftskreislaufes: Das bei NXP sauer verdiente Geld wurde schnurstracks in Vinyl investiert „in Wien natürlich auch im Virgin Megastore – beim Ableger in St. Pölten konnte man ja nur CDs hören – und später dann auch im kleinen Plattenladen von Robert Stefan am St. Pöltner Rathausplatz, wo er in einem Hinterzimmer des Streetwear-Shops einen Miniraum voll mit Platten hatte“, erinnert sich Steve zurück.
Platten sammelt er da schon eine ganze Weile. Den Erstkontakt mit Vinyl hat er in den heimischen vier Wänden, wo er sich die Plattensammlung der Eltern reinzieht, „die Klassiker wie Janis Joplin, Bob Dylan aber auch Jazz, Funk, Soul und Blues umfasste.“ Seine erste eigene gekaufte Platte ist von 2Pac. „Ich hab am Anfang ja nur Hip Hop gehört!“ Reggae, Ragga, Dancehall & Co., womit er späterhin – durch die Dreads natürlich noch frisurtechnisch unterstrichen – lange Zeit assoziiert wird, kommen erst im Laufe der Jahre hinzu.
Steves Plattensammlung wächst jedenfalls gehörig an und irgendwann kommt wie von selbst das Auflegen hinzu. „Bichler Jörg, aka Dogma, hat damals Hip Hop Partys gemacht und gefragt, weil ich ja eh soviel Platten hab, ob ich nicht auch mal auflegen möchte – das war für mich zum ersten Mal so richtig mit Mixer & Co. und hat mir Riesenspaß gemacht.“ So großen, dass er sozusagen – bis heute – beim Auflegen picken bleibt „und ich in Folge jedes Wochenende von Wien, wo ich damals gewohnt hab, mit unzähligen Platten bepackt raus nach St. Pölten gefahren bin.“ Für Steve war dabei immer der Plattenspieler das Arbeitsmittel Nummer 1, „der durfte auf keiner Party fehlen, es waren damals auch schon die ersten Doppel CD-Player, worauf etwa Manshee werkte, angesagt. Dann gab es noch Kassettendecks – wir haben da noch von den Platten auf Kassetten Mixtapes erstellt und diese verschenkt!“, schmunzelt der DJ.

100 Flyer

Steve legt aber nicht nur auf, sondern beginnt auch selbst Partys zu veranstalten, wobei zur Mutter aller Schlachten seine eigene Geburtstagsfeier beim damaligen Gasthaus Koll wird. „Ich hab damals die Flyer selbst gebastelt, ausgedruckt, anschließend 100 mal kopiert, mit der Schere ausgeschnitten und im Anschluss hand to hand verteilt. Die Anlage habe ich mir von NXP ausgeborgt“, erinnert er sich an die Sause auf zwei Floors zurück, die aber voll einschlägt „samt klassischem Polizei-Einsatz um Mitternacht“, muss er noch heute lachen. Der Koll sei damals ja eine Institution gewesen „und das Jesters Hole und später das Cave vom Andi in Ober-Grafendorf, mehr gab es für uns nicht.“
In Folge gründet Steve mit einigen Freunden sein erstes Kollektiv, die „Sensikru“. Der Sound umfasst mittlerweile nicht nur Hip Hop, sondern auch Reggae, Dancehall „die allesamt aber damals recht exotisch waren, weshalb du zumeist am second floor ziemlich allein auf weiter Flur gestanden bist.“ Mit einem neuen Format, nämlich den X-Mas Sessions im Cave, gelingt in heimischen Gefilden aber so etwas wie der Turnaround. „Das war im Grunde unsere erste Veranstaltung, wo diese Musikstile plötzlich am first floor gespielt wurden und die Menge voll mitgegangen ist.“ In Folge entsteht in St. Pölten ein regelrechter Reggae, Ragga, Dancehall Hype, außerdem ist es auch jene Zeit, in der Szenegrößen wie Norbert „Pauli“ Bauer, der das Jesters übernimmt und später das Warehouse gründet, oder auch Meph „der im Jesters anfangs noch Glühbirnen ausgetauscht und Pauli als Mädchen für alles unterstützt hat“,  bevor er das Urban Art Forms zwischenzeitig zu DEM Electronicmusicfestival Österreichs aufbaute, auf den Plan treten.

Boomarang Sound
Steve gründet mit Freunden „mixed buziness“, „wo quasi musikalisch alles vertreten war, was damals unter urban culture gelaufen ist“, nimmt davon aber bald wieder Abstand „weil es mir einfach zu schwammig war – wir haben zu viele Musikstile gespielt, hatten im Unterschied zu den Wiener DJs kein klares Profil.“ Dieses möchte er eindeutig im Bereich Reggae/Dancehall/Ragga ansiedeln. Um das Jahr 2003 herum gründet er gemeinsam mit Dex das legendäre Kollektiv „Boomarang Sound“. Als Capt. Dex & Selecta Weasel machen die beiden im positiven Sinne die Gegend – die alsbald auf ganz Österreich und darüber hinaus ausgedehnt wird – unsicher. „Wir haben jedes Wochenende mehrmals aufgelegt, manchmal haben wir uns auch aufgeteilt – das war ein Riesenhype!“ In dieser Zeit legen die DJs über 70-mal im Jahr auf und fahren auf einer Welle „weil damals jedes Dorf, das einen größeren Kuhstall hatte, Partys gemacht und uns gebucht hat.“

Warehouse & Co.
Eine Homebase, späterhin arbeitstechnisch auch im wahrsten Sinne des Wortes, wird dabei das Warehouse. 2004 von René Voak und Norbert Bauer an zwei Wochenenden in einer ehemaligen Lagerhalle des VAZ St. Pölten als Club mit Ablaufdatum ausprobiert, schlägt die neue Location so ein, dass sie zur fixen Institution wird. Eine Veranstaltungsreihe, die volles Haus garantiert, sind dabei die Boomarang Partys „da sind die Leute bis auf die Straße raus Schlange gestanden“, erinnert sich Steve, der in Folge auch beginnt, externe Künstler zu buchen „darunter viele Größen aus Jamaika.“ Damit ist ein neues Arbeitsfeld im Warehouse für ihn aufgestoßen und er wächst auch operativ immer stärker in den Club hinein. Zudem ist er bei Großprojekten, wie etwa dem House Of Riddim Festival, an vorderster Front mit dabei. „Das ist von der Programmierung über Booking bis hin zum Aufziehen von Plakattafeln hier im Warehouse gegangen, die wir in Folge guerillamäßig in ganz Niederösterreich aufgestellt haben, oder hand to hand Hardcore-Flyer-Verteilen auf allen möglichen Festivals“, erinnert er sich zurück. Auch an sein persönliches Waterloo, „als Hochwasser das ganze Areal in Hofstetten überschwemmt hat und die Bühne bis zur Bühnenkante im Wasser gestanden ist – das werde ich nie vergessen.“ Unvergesslich bleiben freilich auch die Auftritte von Größen wie Hans Söllner, Toots and the Maytals, Yellowman, Culcha Candela oder  einem gewissen, damals freilich noch unbekannten, RAF Camora.

Mädchen für alles

Im Dunstkreis von Pauli Bauer, René Voak und Warehouse ist Steve auch bei zahlreichen anderen Formaten und Entwicklungen involviert, vom Stereo am See über restart-Contest oder Melting Pot bis hin zum Megaevent Beatpatrol Festival. Im Warehouse hat er mittlerweile die gesamte Technik über und bezeichnet sich als „Mädchen für alles“, soll heißen, dass er für die Programmkoordinierung zuständig ist, Bookings durchführt, Werbung und Marketing abwickelt und an Veranstaltungstagen die Bandcare schupft. „Gerade die Koordinierung der Veranstaltungen ist wichtig, weil in St. Pölten mittlerweile viel parallel passiert und viele Kids dank Westbahn und billigem Top-Jugend-Ticket Wien als Destination entdeckt haben. Da ist wichtig, dass man sich programmatisch nicht überschneidet.“ Was er, rein logistisch ebenso wichtig fände, „wäre ein gescheiter Nachtbus in St. Pölten. Faktum ist, dass viele Kids heute leichter, schneller und billiger nach Wien kommen als zu uns in den Süden – weil wenn sie ein Anrufsammeltaxi nehmen, müssen sie oft eine halbe Stunde darauf warten und wissen nicht, wie sie unmittelbar nach der Veranstaltung wieder nachhause kommen, und es ist teuer!“

Jugendkultur fördern
Die Stadt würde Ponta in Sachen Jugendkulturförderung überhaupt gerne mehr in die Pflicht nehmen bzw. ortet er gewisse Fehleinschätzungen. „Die Jugendkulturhalle etwa ist im Ansatz eine gute Sache, aber es genügt nicht, sie einfach hinzustellen, sondern man muss sie auch mit Herzblut beleben und den Jugendlichen dort – und zwar aktiv – eine Plattform bieten. Mir kommt es eher so vor, als hätte man das ‚Jugend‘ aus dem Namen gestrichen, nur dann bleibt halt nur mehr eine ‚Kulturhalle‘ über, die ohnedies schon abgespeckt gegenüber den ursprünglichen Plänen samt Proberäumen und Ateliers war. Die Jugendlichen sind da außen vor.“ Und dass etwa eine Institution wie das Warehouse oder „Jugendkulturvereine, die in nicht subventionierten Locations veranstalten, seit Jahren auf diverse Förderansuchen abschlägige Antworten bekommen, ist extrem frustrierend und völlig unverständlich, und da geht es jetzt gar nicht so sehr ums Finanzielle. Aber in Wahrheit lässt man jene, die sich wirklich für die Jugend einsetzen, die hier seit Jahren etwas auf die Beine stellen und Möglichkeiten für junge Künstler schaffen, sich ihre ersten Sporen zu verdienen, im Regen stehen – und damit die Jugend selbst. Tatsächlich ist es nur mehr dem Wahnsinn von Pauli geschuldet, dass das Warehouse noch offen hat, und Freaks wie mir, die 50/60 Stunden die Woche für den Club arbeiten.“
Ein Grundproblem ortet Steve insbesondere in einem antiquierten Blick auf Jugendkultur. „Wenn man etwa im Zuge des Jugendfonds nur Live-Musik als förderungswürdig ansieht, dann  zeugt das von einer komplett falschen Wahrnehmung der heutigen Jugendkultur. Alleine in unserem Veranstalter-Bereich müssen wir uns ununterbrochen neu erfinden, weil was eben noch hipp war, interessiert die Jugendlichen in einem halben Jahr überhaupt nicht mehr. Die Szene ändert sich ständig – dem muss man Rechnung tragen. Und der Glaube, dass Jugendkultur etwas mit E-Gitarre zu tun hat, ist leider falsch und nicht mehr zeitgemäß.“
Diesen Eindruck gewann er auch im Zuge diverser Arbeitskreise zur Kulturhauptstadt. „Da war hauptsächlich die Rede von den großen Institutionen wie Festspielhaus und Co., von LAMES – die aber bitte arrivierte Künstler sind – oder von  einem Kinderschwerpunkt. Die Jugendlichen sind hingegen überhaupt nicht vorgekommen – weil sie halt keine Plattform haben und“, wie Steve mutmaßt „es für Politiker offensichtlich auch keinen Mehrwert bringt, sich dieser Altersgruppe ehrlich anzunehmen.“ Ein Umstand, den er für komplett kontraproduktiv hält. „Wir in St. Pölten sollten mehr sein, als eine Stadt, in der die Kinder aufwachsen, dann weggehen und erst zurückkehren, wenn sie alt sind.“ Vielmehr gelte es, die Jugendlichen in der Stadt zu halten, „ihnen Möglichkeiten zu bieten, sich zu verwirklichen“, damit sie am Ende des Tages ihre Potenziale ausschöpfen können, die „als Kreativinput ja wiederum der Stadt selbst zugutekommen. Die Kids sind so voller Feuer, sprühen vor Energie und Ideen. Darauf darf man nicht verzichten! Später, als Erwachsener hat man dann eh andere Sorgen … und sudert zum Beispiel auf hohem Niveau wie ich gerade“, lacht er selbstironisch.

Und der Plattenteller dreht sich und dreht sich und dreht sich
Ihm selbst macht die Arbeit mit und für Jugendliche sowie das Veranstaltungsbusiness mit seinen 37 Lenzen jedenfalls noch immer „riesig Spaß, weil diese Energie extrem motivierend ist.“ Und er steht mit Boomarang Sound „da sind praktisch nur mehr Dex und ich übriggeblieben“ noch immer aktiv hinter den Turntables, wobei er musiktechnisch mittlerweile ab und an auch auf Electroswing- oder Drum&Bass-Pfaden wandelt, wie etwa zuletzt am Beatpatrol Festival. „Es gibt ja so viel spannende Musik, da wäre ein Genre allein zu wenig. In Sachen Musik hab ich einfach ein bissl einen Vogel“, lacht er und bekennt „ein Leben ohne Auflegen, wenn du diese Vibes und Bässe auf der Bühne spürst, das könnte ich mir gar nicht vorstellen. Da würde ich nicht glücklich werden.“ Glück habe er dahingegen mit seiner Frau, die seine Leidenschaft – die ihn jedes zweite, dritte Wochenende auf irgendeinen Floor irgendwo in Österreich führt – akzeptiert. „Aber sie hat mich ja so kennengelernt“, schmunzelt er. Und so dreht sich der Plattenteller im Hause Ponta nach wie vor im Kreis und wurde auch schon vom  fünfjährigen Töchterchen Cathrine entdeckt. „Ich hab ihr aber gesagt, sie darf nicht DJ werden – aus ihr soll etwas Gescheites werden “, lacht Steve. Naja, reden wir weiter, wenn sie sich in einigen Jahren vielleicht die ersten Dreads machen lässt …