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PAROV STELAR - Ich stehe nicht mit Zylinder und Hosenträgern im Wohnzimmer und tanze

Text Thomas Winkelmüller, Johannes Reichl Ausgabe 09/2019

Marcus Füreder ist unter seinem Pseudonym Parov Stelar seit Jahren einer der international erfolgreichsten österreichischen Künstler und Produzenten. Er gilt als Erfinder des „Electro Swing“ und ist mit seiner Band, der Parov Stelar Band, ein international gefragter Live-Act. Am 25. Oktober kommt er erstmals aufs Beatpatrol Festival. Grund genug, mit dem gebürtigen Linzer ein Gespräch zu führen.

Deine ersten Platten waren primär Technoscheiben, manche mit ein paar House-Einflüssen. Viel vom heutigen „Swing“ hört man darin noch nicht. Woher kam dann die Idee, bei deinen Veröffentlichungen als „Parov Stelar“ Jazz und ähnliche Musikrichtungen eine so tragende Rolle spielen zu lassen? Woher kam der Stilbruch?
Ich habe versucht, die doch recht sterile Elektromusik mit etwas Organischem zu verbinden, es ist ein Hybrid aus elektronischer Tanzmusik und Versatzstücken aus allen möglichen Genres, nicht nur Swing, auch wenn der Swing sehr erfolgreich war. Im Endeffekt ist meine Musik aber eine Beschreibung dessen, wofür ich selbst nicht die Worte finde.

Neben deiner Musik per se ist die Entscheidung, eine Live-Band einzusetzen, sicher auch ein Grund für deinen Erfolg. Könntest du dir zukünftige Shows ohne überhaupt noch vorstellen?
Nein, denn es macht mir Spaß eine Gang zu haben und gemeinsam die Welt unsicher zu machen. Ich habe auch erkannt, dass es bei einer Live-Show mindestens zu 50 Prozent ums Schauen geht. Wenn Leute auf der Bühne schwitzen, entsteht eine ganz andere Verbindung zum Publikum, als wenn ich als DJ alleine da oben stehe. Ich liebe es bei unserer Show mit der Band verbunden zu sein, das ist mir unglaublich wichtig.

Seit diesem Sommer gibt es eine neue Sängerin in deiner Band. Wie kam es dazu?
Cleo Panther hat uns acht Jahre begleitet und es kommt für jeden irgendwann der Zeitpunkt zu sagen, ich will neue Wege gehen, ich will mich verändern. Ich verstehe sie und wünsche ihr nur das Beste für ihre Zukunft. Wir haben aus vielen Sängerinnen, die uns vorgeschlagen wurden, ein paar eingeladen. Als Elena auf der Bühne stand, wusste ich nach wenigen Minuten, dass wir eine neue Sängerin gefunden haben. Wir hatten alle Gänsehaut und die Chemie stimmte sofort.

Auf deinem letzten Album bist du eher in Richtung Blues und Jazz gegangen und hast dich vom klassischen Electro-Swing wieder abgewandt. Wie relevant ist das Genre heute noch für dich?
Was den Swing angeht: Parov Stelar steht nicht für Electro-Swing, sondern es ist der Teil, der von außen von Parov Stelar am meisten wahrgenommen wird. Hört man sich meine Alben an, findet man sehr durchgemischte Stilrichtungen. Ich stehe also nicht mit Zylinder und Hosenträgern im Wohnzimmer und tanze. Ich sehe mich als Künstler und habe künstlerischen Anspruch an meine Arbeit, daher muss ich mich laufend verändern, sonst wäre es für mich Stillstand.

Warum ist es für Stars im Showbiz so schwer, die Reißleine zu ziehen – für viele endet das Business ja tatsächlich tragisch. Wie schafft man die richtige Balance zwischen Starhimmel und Erde?

Ich denke, es ist von Person zu Person verschieden und jeder hat eine psychische Belastungsgrenze. Der eine hält es länger durch, der andere weniger lang. Das Musikbusiness macht deine psychische Belastungsgrenze sicher nicht besser, speziell wenn du ein sensibler Mensch bist. Die Balance schafft man durch sehr erdige Dinge wie Familie, Sport, Dinge total weg vom Business, wo du mit dir und deinem Körper alleine bist, oder einfach Dinge, die das normale Leben von dir fordert.

Du arbeitest an einem neuen Album. Manche erste Reaktionen klingen wie ein „Vorwurf zum Wechsel in Richtung Pop“. Was dürfen wir erwarten?
Das neue Album wird ein neuer Parov Stelar werden, zumindest für die Leute, die nur den Electro-Swing Parov Stelar kennen. Ich habe mit komplett elektronischer Musik begonnen vor über 20 Jahren und das ist auch das, was ich privat höre. Ich möchte mich mit dem neuen Album wieder komplett ausprobieren in alle Richtungen ohne Rücksicht auf Verluste. Ich will mir den Mut behalten zu produzieren, was mir selber gefällt.

In St. Pölten findet seit elf Jahren das Beatpatrol statt, am Frequency sind ebendort mittlerweile Electronicmusic-Acts Headliner, anno dazumal baute im St. Pöltner warehouse Christian Lakatos die Schiene „Urban Art Forms“ auf und dort fanden auch Camo & Krooked zusammen. Welche Rolle spielt St. Pölten für die österreichische Electronicmusic-Szene deiner Meinung nach?
In den 90ern war ich sehr viel im Linzer Nachleben unterwegs und dort herrschte zu dieser Zeit Aufbruchsstimmung. Techno war riesig und Linz hatte in dieser Szene eine Vorreiterrolle. Ich verfolge die Szene in Österreich jetzt nicht laufend, aber immer wieder, und St. Pölten spielt neben Wien definitiv auch eine sehr wichtige Rolle in der elektronischen Musik-Szene in Österreich, und zwar aus genau den Gründen, die du aufzählst.


INFO

Marcus Füreder wurde 1974 in Linz geboren. Bereits seine erste EP als Parov Stelar „KissKiss“ und das da­rauffolgende Album „Rough Cuts“ im Jahr 2004, auf dem von Füreder eigens gegründeten Label Etage Noir Recordings, brachten den internationalen Durchbruch für das Projekt.

Seither zählt er zu den erfolgreichsten Künstlern des Genres, der mit seiner Parov Stelar Band schon mehr als 1.000 Live Shows bestritten hat mit ausverkauften Headliner-Shows in New York, San Francisco, Los Angeles, Paris, Berlin oder London sowie auf den wichtigsten Festivals der Welt wie Coachella (US), Glastonbury (UK), Sziget (HU), Lollapalooza (DE & FR) etc.

Als Kooperationspartner und Remixer hat Parov Stelar mit und für Größen wie Tony Bennett & Lady Gaga, Lana Del Rey, Lukas Graham, Marvin Gaye, Brian Ferry, Klingande und viele andere gearbeitet.

In Österreich wurde er bislang mit 8 Amadeus Austrian Music Awards ausgezeichnet, neben Top-Rankings in Europa erreichte etwa sein Titel „The Sun“ Platz 1 in den U.S. Electronic iTunes Charts.

Parov Stelar hat über 1 Million Facebook Fans, mehr als 500 Millionen views auf YouTube und mehr als 500 Millionen plays auf Spotify! Seine Songs finden sich auf mehr als 700 Compilations weltweit und sind der Soundtrack in unzähligen TV-Shows, Serien, Spielfilmen und Werbespots, unter anderem von Audi, Bacardi, Courvoisier, Colgate, Cosmopolitan, Escada, Fiat, Google, Microsoft, Motorola, Nespresso, Paco Rabanne, Target, Telecom Italia oder Vodafone.

Aktuell arbeitet er an seinem neuen Album wie an brandneuen Artworks, die von ihm per Hand im Siebdruckverfahren hergestellt werden. Im VAZ St. Pölten gastiert er am 25. Oktober mit brandneuer Show im Rahmen des Beatpatrol Festivals, selbstredend begleitet von seiner Band, die mittlerweile sieben Vollblutmusiker inklusive der neuen Sängerin Elena Karafizi umfasst.