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St. Pöltens gute Seite

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Mit Energie zum Klimaziel

Text Beate Steiner Ausgabe 11/2018

Der ökologische Fußabdruck der Landeshauptstadt ist durchaus herzeigbar – beim Umweltschutz und bei Nachhaltigkeit punktet St. Pölten in vielen Bereichen.

Freitag, 13. April, war heuer nationaler „Overshoot Day“. An diesem Tag haben die Österreicher alle Natur-Ressourcen aufgebraucht, die ihnen, weltweit betrachtet, zustehen. Seither naschen wir bei den anderen mit. „Welterschöpfungstag“ war heuer am 1. August. An diesem Tag haben die Menschen mehr aus der Natur verwendet, als unser Planet erneuern kann, etwa durch Überfischung und Abholzung, und  seither blasen wir mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre, als Ökosysteme absorbieren können. Die Menschen nutzen die Natur also 1,7 mal schneller als Ökosysteme sich erneuern können. Mit vielfältigen Folgen für die Umwelt: Klimawandel, Wetter-Kapriolen, Artensterben, leer gefischte Meere, schrumpfende Wälder. Alle können mithelfen, dass der „Earth Overshoot Day“ wieder nach hinten im Kalender rückt, sagen die Experten von Global Footprint Network. Zum Beispiel, wenn sie das Auto stehen lassen. Denn ein Drittel der heimischen, klimaschädlichen CO2-Emissionen stammt aus dem Auspuff. Weltweit betrachtet würde eine Halbierung des CO2-Ausstoßes den Welterschöpfungstag um 89 Tage verschieben, denn 14 Prozent des CO2-Abdrucks der Menschheit macht der persönliche Transport aus. Und bei Halbierung aller Nahrungsmittelabfälle wäre die Erde elf Tage später erschöpft.
Wie aber stehen die St. Pöltner in diesem Szenario da?
Gar nicht so schlecht, im nationalen Vergleich. So hat St. Pölten die Umfrage des World Wildlife Fund als ökologischeste Landeshauptstadt gewonnen. Vor allem die Fernwärme, das Abschalten der Standby-Funktionen bei Elektrogeräten und die regional-saisonale Wahl der Lebensmittel haben den heimischen ökologischen Fußabdruck verringert. Das war allerdings schon 2006, ein Jahr, bevor der LUP-Bus gestartet ist, als eines der Vorzeigeprojekte der Stadtverwaltung. Aber die Stadtentwicklung ist in diese Richtung weitergegangen. Denn St. Pölten hat es sich zum Ziel gesetzt, „Fittest City of Austria“ zu werden – und das gilt nicht nur für die Sportlichkeit der Bewohner, sondern auch für eine „umwelt-fitte“ Stadt.

Die Umwelt-Häuptlinge am Magistrat
Klimaneutralität, Klimaziele, Umweltschutz, nachhaltiger Lebensraum – das sind Themen, die in jeden Lebensbereich hineinspielen. Daher sind diese natürlich auch in allen Abteilungen der Stadtverwaltung mal mehr, mal weniger relevant. Wer in St. Pölten allerdings über Umweltschutz spricht, der denkt an Ingrid Leutgeb-Born: Die Leiterin des Referates Umweltschutz-Lebensraum hat den Überblick über die Nachhaltigkeitsaktivitäten im Magistrat, bei ihr laufen alle Fäden zusammen, sie vernetzt die verschiedenen Bereiche. „Ich gebe Empfehlungen“, sagt sie. Nach außen ist Ingrid Leutgeb-Born das Gesicht für die städtischen Tätigkeiten als Klimabündnisgemeinde, als Vorsitzende des Umweltschutzkomitees und natürlich auch, weil sie seit Jahrzehnten mit unzähligen Aktivitäten das Bewusstsein der jungen und auch älteren  St. Pöltner für einen schonenden Umgang mit unseren Ressourcen schärft. So lobt sie jedes Jahr den Umweltpreis für Schulen zu einem bestimmten Thema aus, als Projekt im Rahmen des Klimabündnisses.
Denn schon seit 27 Jahren ist St. Pölten Klimabündnisgemeinde. Das Klimabündnis ist in 26 Ländern in Europa aktiv mit einer Vision: In der Welt soll Klimaschutz selbstverständlich sein, die Ressourcen sollen gerecht verteilt werden und alle Menschen sollen sozial, ökologisch und ökonomisch verantwortungsvoll leben. Gemeinsam unterstützen Klimabündnis-Akteure indigene Völker am Rio Negro beim Erhalt des Regenwaldes. Auch der St. Pöltner Stadtsenat hat in seiner Oktobersitzung einer weiteren Unterstützung des Projekts zugestimmt.
Vor Ort setzt sich das Klimabündnis aktiv für Klimaschutz, Klimagerechtigkeit und einen nachhaltigen Lebensstil ein. Städte, Gemeinden, Schulen und Betriebe können Mitglieder dieses Bündnisses sein, werden in der praktischen Umsetzung von Vorhaben unterstützt.
Da hat St. Pölten einiges vorzuweisen. Im heurigen Jahr zum Beispiel Geschwindigkeitsbegrenzungen im Siedlungsbereich zwischen Josefstraße und Mariazeller Straße sowie am Spratzerner Kirchenweg: „Damit soll die Lebensqualität der Anrainer erhöht und mehr Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer gewährleistet werden“, so die Begründung. Apropos Radfahrer: Der Radtag hat schon lange Tradition in St. Pölten, heuer wurden auch Erleichterungen für Radfahrer realisiert, wie die Erlaubnis, in der Wiener Straße gegen die Einbahn zu fahren, im Kindergarten !Biku Villa und in der HTL wurden Radworkshops veranstaltet. Und vom „Radland NÖ“ hat die Stadt St. Pölten sogar einen Mobilitätspreis erhalten, in der Kategorie Infrastruktur für die Bike & Ride-Anlage am Hauptbahnhof.
Für Umweltaktivitäten ausgezeichnet wurde die Landeshauptstadt schon öfter, etwa 2001 mit dem Sonderpreis beim Klimabündnis Gemeindewettbewerb zum Thema „Klimaschutz in der Landwirtschaft“ mit einer Förderung für Gülleausbringung mit Schleppschlauchsystem – „damit war St. Pölten Vorreiter“, bestätigt Ingrid Leutgeb-Born. Der größte Klima-Erfolg der Stadt aber ist die 31 Kilometer lange Fernwärmeleitung von Dürnrohr nach St. Pölten. Der „Meilenstein in der Energieversorgung der Stadt“ (copyright Bürgermeister Matthias Stadler) macht St. Pölten weniger abhängig von Heizöl und Erdgas und brachte Stadt St. Pölten und EVN dank seiner Energieeffizienz, verbunden mit Wirtschaftlichkeit und Klimafreundlichkeit den „Climate Star“, die europaweite jährliche Auszeichnung des Klimabündnisses für herausragende klimafreundliche Projekte.  
Denn durch die Umwandlung von Abwärme in Fernwärme können jährlich rund 40.000 Tonnen CO2 eingespart werden. Durch die Reduktion von Feinstaub leistet Fernwärme einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Luftqualität.
Nicht jedes Jahr zieht die Landeshauptstadt solch ein Riesenprojekt durch. Aber auch kontinuierliche Aktivitäten in unterschiedlichen Bereichen verbessern das Klima, wie der jährliche Klima-Check für den Klimabündnis-Ausweis beweist. Dieser zeigt, wie viele der insgesamt 80 möglichen Klimaschutzmaßnahmen die Gemeinde bereits umgesetzt hat. Ein Plus zum Topwert A++ fehlt der Landeshauptstadt noch.
Das „technische Pendant“ zu Ingrid Leutgeb-Born arbeitet auch daran. Thomas Zeh, Leiter „Technischer Umweltschutz“ im Magistrat ist Energie-Beauftragter der Stadt und unter anderem verantwortlich für die Umsetzung des Energieleitbilds. Darin hat die Stadt umweltrelevante Ziele festgelegt, die sie bis zum Jahr 2020 erreichen will, etwa die Nutzung lokaler Energiequellen – seit 2015 ist St. Pölten dank der Windkraft bereits energie-autonom – weiters die bereits realisierte Fernwärmeleitung aus Dürnrohr sowie das Fernkälteprojekt fürs Universitätsklinikum. Aber auch die Energiebuchhaltung bei öffentlichen Gebäuden, die Verbesserung des städtischen Mikroklimas und die Sensibilisierung der Bevölkerung fürs Energiesparen und für Klimaschutz finden sich als Ziele im Energieleitbild (das findet sich übrigens auf www.st-poelten.gv.at). Und bei letzteren Vorhaben haben sich in den letzten Monaten interessante Dinge entwickelt.

Smart Pölten und die smarten Bürger
Die Stadt hat nämlich gemeinsam mit dem Verein „Smart Pölten BürgerInnenbeteiligung“ das Smart-City-Projekt „Stadtoase“ gegründet. Smart-City-Projekte sollen Städte umweltbewusst und mit sozialer Verantwortung gestalten. Ressourcenschonung und Reduktion von Emissionen spielen dabei eine Rolle wie Inklusion, Barrierefreiheit und Nahversorgung. Die „Stadtoase” konzentriert sich auf die Grünraumgestaltung und lädt zu Workshops, bei denen die Bürger ihre Ideen etwa zur Begrünung und Beschattung der Kremser Gasse einbringen können. Schon im nächsten Jahr sollen die ersten Projekte umgesetzt und die nächsten sieben geplant werden. „Wir wollen mit den Bürgern grüne Oasen der Ruhe und der Lebensqualität schaffen, um die sich die eingebundenen Bürger auch kümmern wollen“, erläutert Christoph Rauchberger vom Zukunftsbüro der Stadt.
Das hat noch ein futuristisches Projekt auf der Agenda, nämlich die Vertical-Farming-Studie „wolkenfarm“: Am und im Gebäude der Polytechnischen Schule könnte Gemüse angebaut werden. „Mit diesem urbanen Anbauprojekt wird die Energie-Effizienz des Gebäudes gesteigert. Außerdem kann die vertikale Farm im Lehrplan des Poly genutzt werden“, erklärt Christoph Rauchberger. Und mit Vertikal-Anbau müssen keine  zusätzlichen Flächen versiegelt werden. Bis Salat an der Poly-Hauswand wächst, wird allerdings noch viel Wasser die Traisen runterfließen. „Das Thema Boden mit Bodenverbrauch und Bodenrückgewinnung wird allerdings 2019 im Mittelpunkt des Umweltschutzkomitees stehen, bei dem der Verein ‚Smart Pölten BürgerInnenbeteiligung‘ Mitglied wird“, erklärt Ingrid Leutgeb-Born.

Vorbildliche Industriebetriebe mit Responsible Care
In St. Pölten legen auch die Industriebetriebe sehr viel wert auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Zum Beispiel erzeugt Sunpor mit EPS ein Material, das dämmt, ohne bei der Herstellung die natürlichen Ressourcen der Erde und das Klima zu belasten. Und diese Produkte werden auch nach dem „Responsible Care“-Standard erzeugt, der weltweit als die anspruchsvollste Verpflichtung in der chemischen Industrie gilt.
„Bei Salzer Papier hat Nachhaltigkeit eine andere Dimension, wenn man darüber nachdenkt, dass am Standort seit 1469 durchgehend und seit 1798 unter dem Eigentum der Familie Salzer Papier hergestellt wird. Ein Betrieb, der seit Generationen an einem Standort geführt wird, kann nur im Einklang mit der Umgebung und den Menschen, die hier leben, tätig sein“, erklärt  Geschäftsführer Thomas Salzer. Dank aktivem Umweltmanagement ist der große Papierbetrieb in St. Pölten kaum mehr spürbar. Themen wie Wasserschutz, lokale Luftverschmutzung wegen des eigenen Zellstoffwerks und Abfälle, die vor Jahrzehnten im Vordergrund standen, spielen kaum mehr eine Rolle. In den letzten Jahren lag der Fokus des Industriebetriebes daher auf der Senkung des Wasser-, Wärme- und Stromeinsatzes je Tonne produziertes Papier. „Nachdem uns ein Berater 2007 konstatiert hat, dass wir insgesamt 1,5% Energie – mit sehr hohen Investitionen – sparen können, haben wir uns die Sache etwas genauer angesehen und alle Prozesse redesignt. So konnte bei Salzer Papier in den letzten zehn Jahren der Stromverbrauch je Tonne Papier um 3,5% und der Wärmeverbrauch je Tonne Papier um knapp 17% gesenkt werden“, so Thomas Salzer. Nebenbei konnte auch der Faserverlust und Wasserverbrauch weiter optimiert werden. Da die verbrauchte Energie fast ausschließlich aus dem lokalen Gaskraftwerk kommt, sank dadurch auch der spezifische CO2-Ausstoß.

Andere Länder haben auch smarte Städte
Unter den Smart Cities gilt die dänische Hauptstadt als die smarteste. Kopenhagen hat weltweit den geringsten CO2-Ausstoß pro Person. Ein System namens Copenhagen Connecting verbindet Daten aus dem Mobilfunk, GPS-Systeme aus Bussen und Sensoren in der Kanalisation und Mülleimern. So soll durch ein intelligentes Entsorgungssystem und verkürzte Fahrtzeiten noch mehr CO2 eingespart werden. Das soll auch mit einem intelligenten Parksystem gelingen, mit dem Nutzer per App freie Parkplätze finden können, ohne lange herumzufahren.
Wie in Kopenhagen ist auch in Amsterdam das Rad das bevorzugte Fortbewegungsmittel. Der Amsterdam Energy Atlas trägt das gesamte Energiepotential der Stadt auf einer Karte zusammen. Die niederländische Hauptstadt verarbeitet außerdem in der Initiative Amsterdam Smart City frei verfügbare Daten und betreibt damit mehr als 70 Projekte. Dazu gehören die Living Labs, Testgemeinden, in denen neue Ideen vor dem stadtweiten Einsatz ausprobiert werden. So gibt es zum Beispiel das Projekt SmartWork@Ijburg, das kostenloses WLAN und Co-Working-Büros zur Verfügung stellt, damit die Einwohner arbeiten können, ohne pendeln zu müssen. Und außerdem gibt es den TrafficLink, wo Daten zur Verkehrslage aus privaten und öffentlichen Quellen zusammengetragen werden. Daraus lässt sich der schnellste und umweltfreundlichste Weg von A nach B errechnen.
Auch London gehört zu den Smartest Cities in Europa. Denn die britische Hauptstadt ist eine der Metropolen für grüne Bauweise. Da gibt es zum Beispiel eine Schule, die mehr CO2 aufnimmt, als sie verbraucht und umliegende Häuser mit überschüssiger Energie versorgt. Oder einen Supermarkt,  wo alle Lebensmittelabfälle in Energie umgewandelt und in das Stromnetz gespeist werden. Ebenfalls in London ansässig ist das BowZed-Haus, ein Wohnkomplex, der so gut isoliert ist, dass er keine Zentralheizung benötigt und mit Solarzellen und Windturbinen Strom erzeugt.

Die Smart Cities von morgen
In einer Dokumentation präsentiert das „Zukunftsinstitut“ die Stadt der nahen Zukunft.
Zum Beispiel, dass das wachsende Verkehrschaos das Mobilitätsverhalten verändern wird: „Wer in der Stadt schnell von A nach B kommen will, steigt bereits jetzt zunehmend auf Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel um. Und die junge Generation in den Städten macht es vor: Für diese Generation ist Nutzen statt Besitzen eine weitaus flexiblere Möglichkeit, ihren mobilen Lebensstil zu gestalten.“
Oder: „Wichtiger Treiber für die neuen Mobilitätsstrategien ist die zunehmende Digitalisierung, die Mobilität dank Apps, GPS und Ubiquitous Computing in den Alltag integriert. Doch nicht nur die horizontale Mobilität ist ein entscheidender Faktor für die Zukunftsfähigkeit der Städte. Vertikale Mobilität ist der Schlüssel zur Effizienz einer Stadt. Mobilität innerhalb der Gebäude wird nicht nur Personen befördern, sondern das System „Haus“ steuern. Die Auslastung der vertikalen Mobilität stellt die Berechnungsgrundlage für Strombedarf, Kühlung, Heizung und Wasserverbrauch dar: Optimal gesteuert, ermöglicht es die ressourceneffiziente Nutzung des gesamtstädtischen Systems.“
Oder: „Die Zukunft der westlichen Städte liegt in ihrer Erneuerung von innen heraus, in einer sukzessiven Optimierung der bestehenden Strukturen – sozusagen dem permanenten Update der Stadt.
Die „Hardware“ – Infrastruktur und Gebäudebestand – in den gewachsenen Städten der westlichen Länder besteht bereits. Trotz der Renaissance der Städte ist auf Grund des bereits hohen Urbanisierungsgrades der westlichen Städte das Flächenwachstum künftig gering. Damit steht eine Frage im Vordergrund: Wie weiter bauen? Die Zeit der großen „One-Idea-fits-all“-Masterpläne, bei denen großflächig ganze Stadtteile aus dem Boden gestampft wurden, ist vorbei. An- und Weiterbau statt Abriss und Neubau bestimmen einen Paradigmenwechsel in der Planungsstrategie, der maßgeblich vom Megatrend Neo-Ökologie beeinflusst ist. Heute entwickeln Stadtplaner und Architekten Pläne für den Umgang mit dem Bestand, statt wie bislang alles wegzureißen. Nachverdichtung, das heißt Bauen.“
Oder: „Intelligente Stadtkonzepte und smarte Designs vereinen die Potenziale von Natur und Technik.“
Nach diesen Kriterien hätte St. Pölten durchaus das Potenzial zu einer Stadt der Zukunft.


„EIN PAAR BLUMENTÖPFE WERDEN NICHT REICHEN IM GROßVOLUMIGEN WOHNBAU“

Plattform-2020-Obmann Josef Wildburger über nachhaltige Zukunfts-Visionen im Masterplan und wie diese weiterentwickelt werden.

Umweltschutz, Klimaziele, Nachhaltigkeit sind Themen, die unsere Zukunft betreffen. Sie haben schon im Masterplan 2006 eine wichtige Rolle gespielt. Eine der Zukunftsvisionen der Stadt: St. Pölten will „Fittest Ciy of Austria“ werden. Dahinter stehen nicht nur sportlich aktive Bewohner, sondern auch eine nachhaltig gepflegte Stadt mit guter Luft.
Wir haben in der Vision für St. Pölten die Gesundheitsstadt als wesentliches Zukunftsbild entwickelt und dieses Bild auch dem Masterplan zu Grunde gelegt. Die Fittest City kann zwingend nur in einem Umfeld entstehen und leben, das Umweltschutz, Klimaziele und Nachhaltigkeit in allen Bereichen ernst nimmt und auch alle kommunalen und regionalen Aufgaben darauf ausrichtet: Raumplanung, Energie- und Wasserversorgung, Abfallwirtschaft, Verkehrswesen, Bauwesen müssen von diesen Zielsetzungen durchdrungen sein.

Welche neuen Ansätze gibt es in einem geplanten Visionspapier für St. Pölten?

Es wird eine Fortschreibung und Weiterentwicklung geben. Dafür braucht es keine neuen Ansätze, es braucht nur die reale Umsetzung schon lange bekannter notwendiger Dinge.

Stichwort Verkehr und Verkehrskonzept: In der Stadt St. Pölten sind niederösterreichweit am zweitwenigsten Autos pro Person angemeldet. Es führt Wiener Neustadt. Wie kann sich die Hauptstadt da noch verbessern?
St. Pölten ist, wie im Masterplan ausführlich dargestellt, die Stadt der Fußgänger. Das müssen wir sowohl innerstädtisch als auch in den Stadteilen weiter vorantreiben und in die Region tragen. Der Knoten Bahnhof, der LUP und ein optimiertes Radwegenetz sind dafür eine wesentliche notwendige Unterstützung. Auch die entsprechende Nutzung und Gestaltung des öffentlichen Raums spielt eine entscheidende Rolle.

Stichwort „Smart Pölten“: Wie können die bemühten Versuche, St. Pölten zu „begrünen“, erfolgreich sein? Sind das Konzept „Wolkenfarm“ und die „Stadtoase“ nicht nur Augenauswischerei, um wieder einmal das Ziel „fittest city“ in die Medien zu bringen?
Auch der reichliche Grünraum zählt zu unseren  „Bodenschätzen“, die uns von vielen anderen Mittelstädten unterscheiden: Eine (noch fertig zu sanierende) Promenaden-Allee umschließt die Altstadt in der Innenstadt, in der sich nach wie vor viele Grünflächen und Gärten befinden. Dieser urbane Kern grenzt an Villenviertel, Stadtwald, Sparkassenpark, Hammerpark und Traisen. Diese zieht sich mit ihren Auen durch die ganze Stadt. Unser Seengebiet ist für jeden leicht erreichbarer Erholungsraum.
Wir müssen als wachsende Stadt allerdings aufpassen, dass wir darüber schon in der Planung die Notwendigkeit nicht übersehen, die Stadt vertikal zu entwickeln und übermäßige Flächenversiegelung vermeiden: Unsinnigkeiten wie die nur eingeschoßige Rathausgarage dürfen nicht mehr passieren. Die Stadt muss von unten nach oben optimiert werde. Das Mikroklima und seine Entwicklung spielen dabei eine große Rolle, ein paar Blumentöpfe werden im großvolumigen Wohnbau nicht reichen. Hier sind wir gefordert, vertikale Gärten zu errichten, die Dachflächen entsprechend zu gestalten, über effiziente Kühlsysteme nachzudenken und vieles mehr.
Der öffentliche Raum, seine Nutzung und seine kühle und grüne Gestaltung werden zur wichtigen Zukunftsaufgabe. Die grünen Lungen der Stadt müssen sich verästeln und die Stadt durchdringen.


UMWELT-SPLITTER

• Seit 27 Jahren ist die Stadt Klimabündnisgemeinde und unterstützt seither jährlich das Projekt Rio Negro. Dadurch ist es den indigenen Völkern gelungen ein zusammenhängendes Gebiet Regenwald, größer als Österreich, zu schützen und in seiner Ursprünglichkeit zu bewahren.
• Die Stadtgärtnerei verzichtet bei der Unkrautbekämpfung auf Glyphosat.
• Die Gemeindestraßen- und Wasserbauverwaltung der Stadt hat einen Heißdampferzeuger angekauft, um das Unkraut entlang von Gehsteigen bzw. Geh und Radwegen (Pflasterritzen) umweltschonend entfernen zu können.
• Altstofftrennung wird seit Jahren durch das System der Sammelstellen und Sammelinseln vorbildlich und weit über das Maß der Umlandgemeinden durchgeführt und forciert.
• Beim Neubau der Sauna in der Aquacity und dem damit verbundenen Energie-Contracting stand die Energieeinsparung und Energieeffizienz im Vordergrund
• Im Rahmen der Umweltbildung kauft die Stadt jährlich Bildungsschecks vom Klimabündnis Niederösterreich. Damit können Schulen im Stadtgebiet umweltrelevante Themen im Unterricht als Workshops einbauen. Darüber hinaus lobt die Stadt jährlich einen Schulwettbewerb zu einem Umweltthema aus.
• Seit der Gründung der Immo St. Pölten vor zehn Jahren wurden laufend die städtischen Wohnobjekte thermisch saniert und damit nicht nur Heizkosten gespart, sondern ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz geleistet.
• Die Stadt fördert die thermische Solarenergie und Wärmepumpen im Privatbereich.
• Beim Greenpeace Landeshauptstädte-Mobilitätsranking, das sich am Pariser Klimaabkommen orientiert, erreichte St. Pölten den 2. Platz hinter Wien. Positiv hervorgehoben wurden die Verbesserungen beim LUP-Bus, negativ bewertet wurde, dass „die gesetzten Maßnahmen im Sinne der Mobilitätswende eher kontraproduktiv sind, da versucht wird, dem motorisierten Individualverkehr ausreichend Parkraum zur Verfügung zu stellen.


BUNTE GEDANKEN ÜBER KLIMASCHUTZ & CO.

SP-Umweltstadträtin Renate Gamsjäger, VP-Umweltsprecher Josef Brader, FP-Stadtrat Klaus Otzelberger und der Grüne Gemeinderat Markus Hippmann über Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Klimaziele in der Landeshauptstadt.


Welche Ziele sollte die Stadt in Sachen Umweltschutz haben?

Renate Gamsjäger: Die Klimaziele finden sich im Energieleitbild der Stadt formuliert. Dabei geht es um Einsparungen von Energie und damit CO2. Das Energieleitbild wurde vor zehn Jahren erstellt und vom Gemeinderat beschlossen. Im kommenden Jahr wird es evaluiert und aus der Evaluierung werden neue Ziele abgeleitet. Aufgrund der Stromproduktion durch Windräder, Laufkraftwerke und Photovoltaik-Anlagen ist die Stadt – theoretisch – bei Strom energieautark.
Josef Brader: Derzeit erreichen wir die Energieautarkie nur mit Hilfe der privat errichteten Windräder.
Weitere Anstrengungen der öffentlichen Hand sind notwendig, z. B. Photovoltaik auf allen öffentlichen Gebäuden als Ziel. Wenn Abfall achtlos auf die Straße geworfen wird, sollten Strafen verhängt werden. Das Traisenufer beim Radweg ist verwildert. Die Uferböschungen sollten gepflegt und für Menschen nutzbar gemacht werden, siehe Radwege in der Wachau.
Klaus Otzelberger: Diesbezüglich sind der Ausbau und die Pflege des Naherholungsgebiets Ratzersdorfer See sowie die Erhaltung des Sonnenparks anzuführen. Im Bereich Reduzierung des Energieverbrauchs der Haushalte könnte die Stadt aktiver fördern und die eigenen Immobilien energieoptimieren. Im Bereich öffentlicher Verkehr wird zwar auf ein funktionierendes Bussystem gesetzt. Innovative Projekte zur Erhöhung des Anteils an der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel fehlen.
Markus Hippmann: Eine Auto-freie Innenstadt, also alles innerhalb der Promenade samt Einbahnregelung für den öffentlichen Verkehr. Verbesserung des Mikroklimas, also mehr Grünflächen oder Bäume, auch vertikale Begrünung. Ausrüstung öffentlicher Gebäude mit Photovoltaikanlagen. Vermeidung von Plastikmüll, generelles Recycling, E-Mobilität, Ausbau des Radnetzes, Schaffung neuer Parkanlagen, nachhaltiger Wohnbau, Förderung regionaler Lebensmittel etc.

Was trägt eine Realisierung des Verkehrskonzepts zu angestrebten Klimazielen bei? Könnte es auch E-Busse geben? Gibt es Überlegungen zu einem Dieselverbot in der City?
Renate Gamsjäger: Der nicht motorisierte Individualverkehr – also Rad und Fußgänger – sowie der öffentliche Verkehr werden gefördert mit dem Ziel, den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren. Dazu ist es notwendig, die Netze auszubauen, zum Beispiel das Radwegenetz oder das Busnetz. So stehen derzeit etwa 200 km Radwege zur Verfügung. Und das Netz wird laufend erweitert. Ein Dieselverbot ist aufgrund der Größe der Stadt im Alleingang nicht machbar.
Josef Brader: Buslinien sollten schrittweise erweitert werden,  auch in das Umland. Mehr Elektro-Tankstellen sollten geschaffen werden, und das Radwegenetz sollte in die umliegenden Gemeinden erschlossen werden. Ein Dieselfahrverbot macht keinen Sinn, weil das nur punktuell für die Innenstadt angedacht ist. Dies begründet sich umso mehr, weil die geplante Transitroute S34 durch das Stadtgebiet führen soll und somit ein Vielfaches an CO2-Ausstoß mit sich bringt.
Klaus Otzelberger: Ein Dieselverbot löst nichts. Weniger Individualautoverkehr wäre die Lösung. Weniger Verkehr, weniger Abgase, weniger Staub und Lärm. Das Ziel wäre Erhöhung der Mobilität und des Komforts für den einzelnen, und Reduktion des Autoverkehrs. Eine Herausforderung, aber möglich. Hierzu benötigt es jedoch mutige und innovative Schritte. Danach sieht es mit der
derzeitigen Mehrheitspartei jedoch nicht aus, ob das gelingen könnte.
Markus Hippmann: Öffentlicher Verkehr ist dem Individualverkehr vorzuziehen. Es gibt einen grünen Konzeptvorschlag für Park & Ride-Anlagen an den Stadtzufahrten, mit Shuttledienst zum Bahnhof. Positiver Nebeneffekt ist ein fließender Verkehr und keine Staubildung. Der Bus alleine ist für die Zukunft sowieso zu wenig. St. Pölten benötigt eine effziente Nord/Süd-Verbindung, wohl über  den klassischen Schienenverkehr. Einem Dieselfahrverbot kann ich nichts abgewinnen.

Was bringen Konzepte wie „Smart City“?

Renate Gamsjäger: Natürlich sind alle Projekte, die das Kleinklima der Stadt positiv beeinflussen und der Überhitzung entgegen wirken, begrüßenswert. Dazu kommen soziale Aspekte. All das entspricht vorbildhaft der Umsetzung der Klimabündnis-Ziele. Vor allem aber werden der Umweltschutzgedanke, Strategien gegen den Klimawandel und Klimaanpassung in die Bevölkerung getragen. Nur wenn sich viele aktiv etwas tun, kann Veränderung entstehen.
Josef Brader: Solche Konzepte sind sehr positiv, weil nachhaltig und für die Nachkommen von großem Nutzen.
Klaus Otzelberger: St. Pölten kann mit dem Konzept der Smart  City den Fokus auf den Umgang mit Umweltverschmutzung, demographischen Wandel und Bevölkerungsentwicklung legen.
Markus Hippmann: Jedes Konzept, welches sich mit der
Lebensqualität und dem Miteinander beziehungsweise der nachhaltigen Entwicklung der Stadt beschäftigt, hat seine Daseinsberechtigung. Je mehr es davon gibt, desto eher bekommen die Einwohner ein Gefühl dafür, und natürlich ist es toll, wenn man sich als Einzelperson auch einbringen und seine Ideen mit anderen austauschen kann.

Was können gelungene Umweltschutzprojekte zu einer erfolgreichen Bewerbung als Kulturhauptstadt beitragen?

Renate Gamsjäger: Innovative Projekte wie die Wolkenfarm verändern die Kulturtechnik des Pflanzenanbaus und der Nahrungsgewinnung. Daher glaube ich, dass die Smart City durchaus unterstützend und positiv für unsere Bewerbung als Kulturhauptstadt sein kann.
Josef Brader: Auengebiete und die Seen-Landschaften bieten Biotope als Lernpotential für Kinder und Jugendliche, die Seen vielfältige kulturelle Möglichkeiten. Mehrere Windschutzgürtel im Zuge von Flurbereinigungsverfahren ermöglichen Brutstätten für Vogelarten, Schutz für Wildtiere und verhindern Erosion. Generell ist der sorgsame Umgang mit unserer Lebensgrundlage, der Natur, ein Gradmesser dafür, in welcher kultivierten Gesellschaft wir uns befinden.
Klaus Otzelberger: Umweltschutzprojekte können mit entsprechenden Konzepten zum besseren und nachhaltigeren Leben in der Stadt beitragen. Dazu gehören auch Konzepte des Teilens, zum Beispiel Car-Sharing oder mehr Bürgerbeteiligung bei Projekten der Stadt.
Markus Hippmann: Ich denke, dass das Gesamtbild für dieses Jahrhundertprojekt passen muss. Natürlich trägt jedes Umweltschutzprojekt zur Identifizierung mit der Stadt bei.