MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Facebook Twitter

Mein Tag mit Frenkie Schinkels

Text Thomas Schöpf Ausgabe 09/2019

Meine Fußballfreunde werden denken „jetzt wärmt er wieder seine Gurkerlstory“ aus dem Jahre Schnee auf. Nein! Ich ging bloß der Frage nach: Was macht eigentlich Frenkie Schinkels so den ganzen Tag?

Als St. Pöltner Fußballfan, Baujahr 1974, galt meine erste und einzig wahre Liebe, der Voith Schwarzen Elf St. Pölten. Besonders angetan hatten es mir die VSE-Feinmotoriker Frenkie Schinkels, Jevgenij Milewskij und Mario Kempes. Frenkie taugte mir auf Anhieb. Er war damals noch kaum größer als ich und beherrschte die feine wie die raue Klinge. Unmittelbar vor meiner Matura 1992 schoss er beim 3:2-Heimsieg gegen Rapid ein Traumtor, riss sich das Leiberl runter und stürmte zu uns Fans. Ich sah, dass selbst meinem sonst so reservierten Deutschlehrer Prof. Hans Harrer ein Lächeln auskam und wusste: Alles wird gut!
Irgendwann in den Nuller-Jahren durfte ich mich selbst mit Frenkie messen und bezwang ihn, Wolfgang Kienast und weitere Ex-Profis mit unserer Traisental-Hobbyliga-Auswahl bei einem Kleinfeld-Turnier am SC St. Pölten-Platz 2:1. Unser Sprinter Gottfried Lammerhuber doppelpackte die verdutzten Altstars und ich schob Frenkie ein Gurkerl! (Ja, es gibt Zeugen!)

Konfrontation
Weniger lustig waren manche Kontakte mit Frenkie als Sportjournalist. Als es beim SKN nach dem Aufstieg in die Bundesliga nicht so richtig lief und ich seine Transfers als Sportdirektor kritisierte, rief er das erste Mal mich an. Nicht alle Passagen dieses Gesprächs waren druckreif. Kurz war ich echt beleidigt und wollte schon meine „Legendär“-CD von Frenkie und Marlena Martinelli kübeln. Das brachte ich aber nicht über das Herz. Auf den „Genusskalender 2013“, in dem Frenkie mit verschiedenen Würsten und Fleischvariationen posiert, verzichtete ich von vornherein.
Nach seinem Rauswurf beim SKN kreuzten sich unsere Wege „nur“ mehr am Tennisplatz beim UETV St. Pölten und als ich wissen wollte, was das Idol meiner Kindheit jetzt alles macht, kam uns die Idee – verbringen wir doch einmal einen (Arbeits-)Tag miteinander.

Game, Set, Match – Schinkels
Wir starten unser Date mit einem Tennisduell am Centre Court des UETV. Beide leicht angeschlagen: Frenkie von einem 100km Radausflug ins Schweizerhaus („Mir tuat der Arsch weh“), ich von einem Kickerl. Frenkie kommt knapp, hat sich zuvor um seinen 82-jährigen Vater Pjaha, den alle „Pete“ nennen, gekümmert. „Er war immer schon mein bester Freund“, sagt Frenkie, „und eine 24-Stunden-Hilfe können wir uns nicht jedes Monat leisten.“ Am Weg in die Kabine telefoniert er noch dienstlich mit „oe24“. Sein Ü55-Meisterschaftskumpel Alfred gibt mir als letzten Tipp mit auf den Weg: „Wenn du gewinnen willst, musst du es in zwei Sätzen erledigen. Müde wird er nicht, im dritten taut er richtig auf.“ Frenkie taut dann gar nicht auf. Er zieht sich bei seinem 7:5-7:5-Sieg in knapp zwei Stunden trotz rund 20 Grad nicht einmal seine Jacke aus, während ich drei Leiberl durchschwitze. Zwischendurch füttert er Cindy, die Hündin der Fallmanns. Ein paar Leckerlis hat Tierliebhaber Frenkie immer dabei. Herrl Jochen (ehemaliger SKN-Trainer und nunmehriger Amstetten-Coach) schaut kurz zu, ehe er zum Lauftraining in Richtung Traisen verschwindet.

Stevie Wonder

Nach dem Spiel will ich Frenkie zum Essen einladen. Er zeigt Richtung Platz auf den Tennistrainer und meint: „Lad’ den Felix ein, der hat heut schon was geleistet. Wir nicht.“ Nicht einmal einen Spritzer darf ich Frenkie bezahlen: „Alter, ich hab heut’ noch Training. Da gibt’s keinen Alkohol.“ Wir einigen uns schließlich auf einen Kaffee. Während der geselligen Runde unter Tennisfreunden läutet mehrmals Frenkies Handy. Einmal gibt er uns einen Wink, doch bitte ruhig zu sein, weil gerade ein Radio-Sender mit aufzeichnet. Frenkie analysiert en passant eine vermeintliche Elfer-Entscheidung des Video-Schiedsrichters beim Champions-League-Qualispiel des LASK: „Da kann sich der Stevie Wonder künftig auch hinsetzen. Da kommt das Gleiche raus.“ Wenig später beantwortet Frenkie noch die Anfrage eines niederländischen Erstliga-Trainers nach der Form eines österreichischen Bundesliga-Spielers per WhatsApp. Er zeigt mir die Nachrichten, Näheres soll aber geheim bleiben. Danach vertschüsst sich der fünffache Vater und siebenfache Großvater, um ein paar private Dinge zu erledigen.

Ab geht’s im SKN-SUV
Zum Training des Gebietsligisten SC Fischer Hainfeld holt mich Frenkie dankenswerterweise mit seinem Mercedes SUV, der noch aus seiner Zeit beim SKN stammt, ab: „Die größten Autos haben der Generalmanager und ich bekommen. Meinen habe ich mir nachher gekauft.“ Die Vereins-Pickerl sind weg. Unterwegs ruft ein „Österreich“-Redakteur bei ihm an. Frenkie diktiert via Freisprechanlage seine Kolumne/Vorschau zur Deutschen Bundesliga. Ich bin verblüfft, wie deftig er formuliert. Er hingegen sagt nachher: „Das wird mir dann noch geschickt. Ein bisschen muss ich wohl noch nachpfeffern.“ Da wir früh dran sind, geht sich noch ein Capuccino in der Bäckerei Schindl in Rohrbach aus. Diesmal zahlt Frenkie. Wie es der Zufall will, schneit gerade der sportliche Leiter des SC Rohrbach, Thomas Wachter, rein und bleibt kurz zum Plaudern. Die beiden sinnieren über Spielerabstellungen zu Futsal-Endrunden. Hainfelds Stürmer Patrik Levcik kickt nämlich nicht nur in der sechsten Spielklasse in Österreich, sondern auch im tschechischen Futsal-Nationalteam. Danach erzählt mir Frenkie noch „Der Levcik hat auch noch den Petr (Fojtik, Anm.) mitgebracht. Der frisst lebendige Tiere. Der geht in die Zweikämpfe, wie früher der Franky Schiemer, und ein Tor hat er als Linksverteidiger auch schon geschossen.“ Schinkels’ Augen funkeln. Momentan sei sowieso alles super, weil die ersten beiden Spiele haben „meine Jungs“ 4:0 (gegen Wilhelmsburg) und 6:0 (in Neuhofen/Ybbs) gewonnen. Vor der Saison habe man einen Kreis gebildet und sich auf den Meistertitel eingeschworen. „Sie haben das drauf“, sagt Frenkie, „und wenn nicht, sind eh ich und der Präsident die Deppen und nicht die Spieler. Das habe ich ihnen auch gesagt. Aber sie müssen danach leben. Wenn die Schwiegermutter Geburtstag feiert, können sie gerne hingehen, aber erst nach dem Training.“

„Bin kein Laptop-Trainer“   
Trotz Zwischenstopps sind wir lange vor Trainingsbeginn am Sportplatz Hainfeld und Frenkie lässt mich in sein Tagebuch blicken, das mit für mich unverständlichen Symbolen, Pfeilen und fast unleserlichen Notizen voll gekritzelt ist. „Ich bin kein Laptop-Trainer“, stellt er klar, „leider. Oft kriegst du bei uns ja dann einen guten Job, wenn du die schönsten Folien herzeigst.“ Im Amateurbereich sei aber ohnehin Improvisation das Wichtigste: „Manchmal kommen 16 Spieler zum Training, manchmal 23.“ Diesmal sind es 19. Frenkie zählt zwei Mal durch, grinst hocherfreut und vermeldet: „Zwanzig ist besser. Ich mach wieder mit!“ Bei der Aufwärm-„Hösche“ (zwei im Kreis versuchen Pässe der anderen abzufangen) ist Frenkie mit Feuereifer dabei und bejubelt das erste „Gurkerl“: „Wenn du das bei deinem Bruder noch einmal schaffst, feiert ihr Weihnachten wohl getrennt.“ Mir kommen selbst auch schöne Erinnerungen hoch – bislang habe ich mich aber noch nicht nach unserer besonderen Begegnung am SC-Platz nachfragen getraut.
Frenkie macht beim Training nicht nur weitgehend mit, sondern zeigt auch alle Übungen vor, während ich mich müde und gezeichnet von unserem Tennismatch am nächsten Baum anlehne und bemerke, dass im Hintergrund Schafe blöken. Ein Spieler ist dieser Tage Papa geworden. Ihn holt Frenkie bei einer Regenerationspause zu sich und lässt ihn etwas auspacken: Ein Kinder-Dress vom SKN und einen Teddy-Bär mit violetter Schleife. „Grün hätte es auch gegeben. Aber die violetten waren billiger“, scherzt Frenkie und legt noch einen drauf, „aber tu das ja nicht verkaufen. Gib das deiner Frau.“ Neben mir kiebietzen noch Präsident und Sponsor Harald Fischer und Obmann Hans Sperl. Fischer ist Feuer und Flamme für Frenkie: „Er hat letztes Jahr schon aus einer nicht so guten Mannschaft eine gute gemacht und heuer hat er eine gute. Es ist alles drin.“

Die Auflösung
Nach dem Training spendet mir Frenkie ein großes Bier und gönnt sich selbst nur ein kleines. Danach erkundigt er sich noch beim Masseur, wo es bei den behandelten Spielern gezwickt hat und drückt jenem auch noch ein „kühles Blondes“ in die Hand. Um 20:30 Uhr fahren wir. Jetzt traue ich mich endlich zu fragen, ob er sich noch an das Turnier am SC-Platz erinnern kann. Er kann! An die Gurke? „Was!?!“, Frenkie schaut mich verwundert bis neutral an. Ich kann aus seiner Mimik leider nichts herauslesen und hake nach: „Du wolltest mich nachher gleich umsensen, ist dir aber nicht gelungen!“ Er grinst. Ich glaub, er kann sich erinnern, sagt aber nix. Okay – Schwamm drüber!
Nach einer kurzen Redepause, meint Frenkie: „Weißt was jetzt schön ist, Thomas? Ich seh’ nach der Arbeit noch meine Frau. Ich hab schon finanziell bessere Angebote gehabt, aber da wäre ich nicht um die Zeit heim gekommen ... wenn alles passt, würde ich natürlich schon auch weiter oben einen Job nehmen. So ist es nicht. Ich möchte auch irgendwann ruhigen Gewissens in die Pension gehen können. Ich bin 56.“
Als er mich dann in St. Pölten ablädt, bedanke ich mich für den leiwanden Tag und er fragt: „Rufst mich eh bald an?“ Wieso? „Na, i hoff’, dass du eine Revanche willst?“ Definitiv!