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St. Pöltens gute Seite

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Lord of Skeletons

Text Johannes Reichl Ausgabe 11/2018

Manche nennen ihn den Herren der Skelette. Mag sein, dass es elegantere Beinamen gibt, nur – unzutreffend ist er nicht. Ronald Risy, Chefarchäologe der Stadt St. Pölten und Leiter der Domplatz-Ausgrabungen, hat ebendort bislang sage und schreibe mehr als 20.000 Skelette freigelegt! Eine archäologische Sensation.

Ursprünglich haben wir nicht mit dieser Dimension gerechnet. In ganz Europa gibt es nichts Vergleichbares und  keinen mittelalterlichen Friedhof, der so genau untersucht werden konnte! Das Bemerkenswerte daran sind nicht nur die 20.000 sterblichen Überreste, sondern der lange Zeitraum, in dem die Bestattungen am Friedhof stattfanden!“ Die ältesten lassen sich bis ins 9. Jahrhundert datieren, die letzten Bestattungen fanden 1779 statt. Die Toten zahlreicher Generationen aber blieben, und zwar weitest „unberührt“ – für Forscher so etwas wie ein Lottosechser. „Man bekommt durch die große Anzahl einen repräsentativen Querschnitt“. Kurzum Substanz! So können fundierte Schlüsse über Medizin, gesellschaftliche Riten, zur Ernährung und zur Anthropologie der jeweiligen Epoche gezogen werden. In St. Pölten konnte etwa erstmals nachgewiesen werden, dass Syphilis nicht – wie  zuvor allgemeine Lehrmeinung – erst durch Kolumbus nach Europa eingeschleppt wurde, sondern bereits zuvor auch hierzulande in bestimmten Syphilis-Stämmen existierte. Medizinisch interessant waren auch Funde von sogenannten Fontanellenblechen, „die bei bestimmten Krankheiten am Oberarm über eine künstlich angelegte Wunde als Verband angebracht wurden. Durch einen in die Wunde eingebrachten Fremdkörper wurde diese ständig zum Eitern gebracht“, erklärt Risy. „Da ist man schon froh, in der heutigen Zeit mit unserem Gesundheitssystem zu leben.“ Archäologie macht auch demütig.
Wobei die Archäologen freilich nicht nur Schlüsse aus Skelettfunden, sondern ebenso aus Gebäuderesten ziehen. Auch diesbezüglich brachten die Ausgrabungen am Domplatz neues Licht ins Dunkel bzw. manch Neuentdeckung. So weiß man heute, dass sich einst bis zu vier sakrale Gebäude gleichzeitig am Platz befanden, und  –  aus früherer Epoche – konnte vor Kurzem ein spätantiker römischer Verwaltungskomplex aus dem 4. Jahrhundert nach Christus freigelegt werden, „was uns doch überraschte, weil wir in Aelium Cetium nicht mit dem Sitz des zivilen Statthalters von Ufernoricum gerechnet haben.“ Damit dürfte die Stadt als Verwaltungssitz durchaus eine vergleichbare Bedeutung wie Carnuntum oder Lauriacum eingenommen haben.
Auch der endgültige Nachweis für das frühmittelalterliche Traisma konnte im Rahmen der Domplatz-Grabungen erbracht werden.

Domplatz in der Zielgeraden

Für Risy stellt Archäologie deshalb nicht etwa nur eine rein rückwärtsgewandte historische Aufarbeitung dar, sondern hat ebenso Relevanz für die Gegenwart. Im konkreten Fall, so ist er überzeugt, tragen die Ausgrabungen zu einer noch stärkeren Identitätsbildung  und damit einhergehend einem positiveren Image St. Pöltens bei „weil eine derart lange Historie der Stadt schon bemerkenswert ist.“
Zwar sähen nicht alle Bürger die Ausgrabungen so positiv, „es gab auch Leute, die uns quasi Leichenfledderei vorwarfen oder generell meinten, wozu wir das überhaupt brauchen“, das Gros der Bevölkerung sei aber aufgeschlossen, ja fasziniert. Und geduldig waren die St. Pöltner natürlich auch – immerhin wird am Domplatz  seit 2010 gegraben. „Da bin ich auch der Politik sehr dankbar, die die Ausgrabungen immer voll mitgetragen hat.“ Keine Selbstverständlichkeit, wie Risy betont. Aber man war sich der einzigartigen Chance bewusst, Substanzielles zutage zu fördern  „und es gibt halt nicht mehr so viele Möglichkeiten in der Innenstadt, derart genau zu forschen.“ Beendet werden die Grabungsarbeiten am Domplatz, die bislang 7,7 Millionen Euro gekostet haben, übrigens im kommenden Jahr. Ob ihn das absehbare Ende mit Wehmut erfüllt? „Nein, da ist kein weinendes Auge“, schüttelt Risy den Kopf. „Ich bin froh, wenn wir die Ausgrabungen zum Abschluss bringen – wenn es noch lang weiterginge, drohte auch die Stimmung zu kippen. Und es geht doch auch sehr an die Substanz. Aber ich bin jedenfalls sehr dankbar, dass ich das Projekt in dieser Form durchführen durfte und wir konnten ja auch wirklich einiges Bemerkenswertes zutage fördern.“

Panikattacken
Fad wird Risy als Stadtarchäologe – eine Funktion, die im Österreichvergleich übrigens selten ist – aber bestimmt nicht. Aktuell wird etwa in größerem Ausmaß am Karmeliterhof gegraben bis wohin sich Aelium Cetium erstreckte, und auch die nächste größere „Baustelle“ scheint sich schon anzukündigen: Stadt und Diözese ventilieren gerade die Möglichkeiten einer Tiefgarage unter dem Bischofsgarten. Dass die Grabungen auch dort, wie manche befürchten, zeitlich ausufern könnten, hält Risy für unwahrscheinlich. „Zwar  befinden wir uns dort ebenfalls im Gebiet der ehemaligen römischen Siedlung, aber wir haben keinen Friedhof.“ Realistischerweise müsse man im Fall der Fälle wohl rund ein Jahr für die Grabungsarbeiten veranschlagen. Zu den im Stadtbild offensichtlichen Tätigkeiten Risys gesellt sich auch ein weniger sichtbares „business  as usual“. Als Stadtarchäologe ist er nämlich – ein besonderer Service der Stadt – auch Ansprechpartner für all jene, die auf sogenannten historischen „Verdachtsflächen“ bauen möchten.  Die erste Reaktion, wenn potenzielle Bauherren davon erfahren, ist „meistens Panik, weil sie glauben, dass sie jetzt gar nicht bauen dürfen, enteignet werden oder sie durch etwaige Grabungen pleitegehen“, lacht Risy, um im selben Atemzug zu beruhigen:. „Denkmalschutz bedeutet aber nicht, dass man auf diesem Gelände nichts bauen darf. (Außer es handelt sich, wie im Falle des Domplatzes, um eine sogenanntes Bodendenkmal, das in seiner Grundsubstanz erhalten bleiben muss – deshalb ist am Domplatz auch keine Tiefgarage möglich, sondern nur eine Oberflächengestaltung. Anm. d. Redaktion) Ich habe seit 2010 sicher über 100 Bauvorhaben von ganz groß bis klein belgeitet, und kein einziger Bauherr hat nicht bauen dürfen. Auch Bauverzögerungen können bei guter Planung weitest verhindert werden.“ Und genau dabei ist er als Profi, der weiß, was vorort archäologisch Sache ist, behilflich und fungiert – kostenlos – als Schnittstelle zwischen Denkmalschutz, Bauherr und Grabungsfirma. „Was nicht immer einfach ist, weil sich die Interessen der verschiedenen Akteure ja eigentlich nicht wirklich miteinander vertragen“, schmunzelt Risy, „aber wir kommen immer auf einen grünen Zweig.“ Die Kosten der Grabungen trägt übrigens dem Verursacherprinzip gemäß der jeweilige Bauherr, wobei bei kleineren privaten Projekten bisweilen das Bundesdenkmalamt mit einer Subvention helfend unter die Arme greift.

Spurensuche und Rätsel

Ein weiterer Bereich Risys ist last but not least die Vermittlung der Funde und Ergebnisse. Zum einen wissenschaftlich – erst im November etwa war wieder ein großer Archäologenkongress in St. Pölten – zum anderen auch öffentlichkeitswirksam. So finden historisch relevante Stücke Eingang in die Dauerausstellungen des Stadtmuseums oder werden im Zuge von Sonderausstellungen präsentiert. Aktuell läuft etwa „Verstorben, begraben und vergessen? St. Pöltner Friedhöfe erzählen“, in die selbstverständlich auch die jüngsten Erkenntnisse aus den Domplatz-Grabungen mit eingeflossen ist und die Aufschluss über den Wandel von Bestattungsriten im Laufe der Jahrhunderte gibt.
Die Römer etwa bestatteten ihre Toten außerhalb der Stadt entlang der Ausfallsstraßen, während die Christen im Mittelalter v. a. Friedhöfe im unmittelbaren Umfeld der Kirche, und damit symbolisch zu Gott, anlegten. In der Frühbronzezeit wurden Männer häufig mit dem Kopf Richtung Norden und Frauen mit dem Kopf Richtung Süden bestattet, und sehr lange war es üblich, den Kopf Richtung Osten zu neigen, sozusagen mit Blick Richtung Sonnenaufgang „und zur Kirche, die häufig Richtung Osten ausgerichtet bzw. wo der Altar im Osten platziert war.“
Während Grabbeigaben bis ins 10./11. Jahrhundert üblich waren, was bis zu Fleischbeigaben als „Wegzehrung“ reichte, nahm dieser Brauch zwischenzeitig ab und flammte erst im 15./16. Jahrhundert wieder vermehrt auf, als der Tod als ewiger Schlaf interpretiert wurde und den Toten Gewänder und persönliche Gegenstände mit ins Grab gelegt wurden. Zudem gibt es auch Fälle, etwa zur Zeit der Kelten, „als Gräber wieder geöffnet wurden – freilich nicht von Grabräubern, sondern als Teil des Ritus!“
Ein anderer Brauch aus dem 17./18. Jahrhundert, den man auch bei einem Kind am Domplatz nachweisen konnte, war die Beigabe einer Totenkrone. Diese wurde jungen Ledigen und Kindern beigelegt und fungierte symbolisch als Hochzeitskrone.
Noch im 20. Jahrhundert gab es den Brauch, „dass den Trauerzug unverheirateter Männer eine Trauerbraut, die eine zerbrochene Kerze in Händen hielt, sowie eine Hochzeitsbraut, die einen Myrthenkranz trug, begleiteten“, erzählt Risy. „All diese Riten hatten Sinn und sind v. a. Ausdruck einer starken Gemeinschaft. Wir kennen auch Bilder von Beerdigungen in St. Pölten, wo Hunderte den Toten von zuhause zum Dom und danach zum Friedhof hinauf begleiteten.“   
Heute sei das Sterben hingegen schneller und anonymer geworden, so Risy, „der Tod wird stärker verdrängt als früher.“ Nachdenklicher Nachsatz: „Da macht man sich schon auch seine Gedanken und fragt sich, ob man das auch so möchte.“
Nicht alle Riten und Bräuche kann man heute nachvollziehen, vieles bleibt rätselhaft, und gerade  darin steckt wohl der besondere Reiz für Archäologen. Risy, der v. a. durch eine Griechenlandreise während der Schulzeit sowie die Maturareise nach Sizilien, „wo ich eher zu jenen gehörte, die sich alle antiken Stätten angesehen haben anstelle nur am Strand zu feiern“, mit dem Archäologie-Virus infiziert wurde, vergleicht seine Arbeit oft mit einem Puzzlespiel. „Da hast du auch oft 20, 30 Teile, die ‚gleich‘ wirken – etwa der Himmel, eine Wiese – und doch passt jeder Stein nur an eine ganz bestimmte Stelle.“ Herausforderung des Archäologen sei es, die Steine sozusagen bestmöglich zu setzen, wobei er sich zugleich auch immer ein größeres Ganzes imaginieren muss. Das ist freilich nicht immer einfach. „Wir arbeiten ja sozusagen auf einem Tatort, der vielfach durch Baugeschehen, Natur, äußere Einflüsse ordentlich durcheinander gewühlt ist.“ Und der, wie im Falle des Domplatzes, voller Toter sein kann.
Bleibt zuletzt die Frage, was mit den rund 20.000 Skeletten eigentlich passiert? „Sie werden eine neue Ruhestätte finden, wobei es da v. a. um eine pietätvolle Aufbereitung geht, die zugleich auch weitere Forschungsarbeit erlaubt“, wünscht sich Risy. Ideen dafür gäbe es schon, druckreif seien diese aber noch nicht. Man darf mutmaßen, dass sie auch mit der Domplatz-Neugestaltung zu tun haben, wo ein Fenster in die Vergangenheit der Stadt entstehen könnte.