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St. Pöltens gute Seite

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Kreuz & quer

Text Thomas Fröhlich Ausgabe 11/2018

Leicht ist es ihm nie gemacht worden. Kämpfen musste er immer, schon von Kindesbeinen an. Vielleicht ist er deshalb – neben vielem Anderen – auch der Genussmensch, als den man ihn kennt. Der St. Pöltner bildende Künstler und Prandtauer-Preisträger Josef Friedrich Sochurek ist unbeirrbar seinen Weg gegangen, tut das heute noch. Seine aktuelle Station: Stift Melk.

Das Kreuz ist ein Symbol, das sich querstellt“. Dieser Ausspruch von Dom Orlando Dotti, dem Bischof von Vacaria, gefällt dem Künstler und Querdenker Josef Friedrich Sochurek, von Freunden gern auch „Fritz“ genannt, aus verschiedenen Gründen. Erstens, weil dieses „quer“ gut zu seiner Haltung passt, und zweitens, weil seine Ausstellung CRUX im Stift Melk, die bis Ende 2018 zu besichtigen ist, eine Annäherung ans Motiv des Kreuzes birgt, ein Motiv, mit dem er sich auch schon in früheren Arbeiten immer wieder beschäftigt hat: „Es ist ein weltweites Symbol, dessen Bedeutung unterschiedliche Bereiche des Lebens und der Kunst durchdringt, definiert nur durch eine vertikale und horizontale Linie.“ Und Sochurek ergänzt: „Das Kreuz im europäisch-kulturgeschichtlichen Kontext als wesentliches und starkes Zeichen des Christentums“ sei ihm genauso präsent wie „das Kreuz als Feindbild von immer mehr Gruppierungen, was mir persönlich, als katholisch erzogenem und in einem christlichen Kulturraum aufgewachsenen Bürger, zunehmend Sorgen bereitet.“ Das „Verschwinden“ von Kreuzen in Krankenhäusern etwa durch intolerante Anhänger einer ebenso intoleranten politischen Religionsauslegung unter den toleranten Augen hiesiger Verantwortungsträger findet er sehr irritierend. Obwohl Sochurek selbst ein weltoffener, genussfreudiger und unterschiedliche Lebensentwürfe bejahender Mensch ist, hält er manches schlichtweg für eine Fehlentwicklung.  
Mit der ihm eigenen Bildsprache und unterschiedlichen Materialien in Form von Bildern, Bildobjekten, Readymades und Installationen hat er einen begehbaren Werkblock mit dem Titel CRUX geschaffen, der entrückt, verwirrt, beunruhigt, beglückt und mitunter auch verstört. So lässt etwa die riesenhafte Glas(splitter)- und Stahl-Konstruktion „Nuntius et Signum – Message and Signs“ die Besucher kurz einmal tief Luft holen ob der Unmittelbarkeit, mit der sie den Raum gleichsam zerschneidet. Doch dazwischen gibt’s immer wieder künstlerische Momente, die zum meditativen Verweilen einladen. Ein Kreuzgang der höchst eigenwilligen Art.
Eigenwilligkeit ist auch genau das, was „Fritz“ Sochurek ausmacht. Ich selbst traf ihn um das Jahr 2000 herum das erste Mal. Die Literarische Gesellschaft St. Pölten war in Sochureks damaligem Atelier in einer Halle der in jenen Tagen noch aktiven „Glanzstoff“ eingeladen. Das Ambiente seiner in grandioser Industriearchitektur platzierten Objekte, Artefakte und Werkzeuge sollte uns beim Schreiben inspirieren. Rohe Industrieästhetik traf auf geerdete Spiritualität. Es funktionierte prächtig.

Up & Downs and ups
Dieser Mix aus unterschiedlichen Elementen ist es nicht zuletzt, der das Leben Josef Friedrich Sochureks durchzieht. Geboren 1945 in Krems an der Donau erhielt er 2015 den Jakob Prandtauerpreis der Landeshauptstadt St. Pölten, was wohl ein bissl so etwas wie einen Adelsschlag darstellt. Sein Lebenslauf bis dahin war jedoch ein dorniger, zwar mit vielen künstlerischen Höhen, jedoch auch emotionalen Tiefen ausgestaltet.
„Kriegsende. Wir waren fünf Kinder“, resümiert Sochurek bei einem hervorragendem Glas Rotwein in seinem jetzigen Atelier in Ober-Grafendorf, in dem ich ihn vor einigen Monaten besuchen durfte. „Hauptschule. Hat mich nicht sehr gefreut. Bei einem Eignungstest des Arbeitsamtes kam meine Begabung zutage. ‚Geh‘ auf die Graphische‘, hieß es dann ...“ Wenn Sochurek zu erzählen beginnt, ist das immer überschäumend, mitunter atemlos, genauso wie er über Kunst, Leben, zukünftige Pläne oder seine Kinder- und Jugendzeit spricht: begeistert, begeisternd, mit einem Elan, der Zwanzigjährigen gut zu Gesicht stünde: „Mit vierzehn machte ich eine Aufnahmeprüfung als Schriftsetzer in einer Druckerei.“ Sein Vater, der als Bautechniker unter anderem in Atatürks Türkei von 1925 bis 1940 beim Brückenbau tätig war, verstarb 1962 an Krebs. „Ich leistete frühestmöglich meinen Präsenzdienst ab, um Abstand zu gewinnen. Kam nach Salzburg zur Fliegerkompanie. Ging in Horn aufs Aufbaurealgymnasium – die Schriftsetzerei war nichts für mich.“ Er stellte einen Antrag auf eine Waisenpension, die abgelehnt wurde – mit der Begründung, er hätte ja einen Beruf erlernt. „Da verbrachte ich einmal eine Nacht im Wald. Ich war verzweifelt.“ Er wandte sich an einen Armenanwalt: „Was anderes konnte ich mir nicht leisten! Und der argumentierte, sein Mandant habe den Beruf nur deshalb gelernt, um nachher auf die Hochschule für Angewandte Kunst gehen zu können, um eine Basis zu haben.“ Doch sollte es noch zwei Jahre dauern, bis ein einsichtiger Richter meinte: „‚Meinetwegen – wenn er die Aufnahmeprüfung schafft, zahlen wir ihm seine Pension!‘ Und die hab‘ ich geschafft.“ Seine Haltung Behörden gegenüber habe diese Zeit jedoch stark geprägt. Auf der Angewandten belegte er Bühnen- und Filmgestaltung, dann stieg er auf Illustration und Grafikdesign um. Nach Studienabschluss und freiberuflicher Tätigkeiten in Wien zog er 1977 nach St. Pölten, wo er Art Director im Niederösterreichischen Pressehaus wurde, eine Lehrtätigkeit als Kunsterzieher aufnahm und auch als Karikaturist brillierte. 1977 begann er, sich auch (wieder) als Künstler zu betätigen. 1985 sollte er zum St. Pöltner Künstlerbund stoßen, 1990 wurde er als Mitglied des Wiener Künstlerhauses bestätigt.
2001 „verkleidete“ Sochurek den Beton- und Stahlklotz beim Tor zum Landhaus mit einer Installation, bestehend aus Schläuchen, deren Bezeichnungen („Herz-Tor“, „Kraft-Tor“) den Bezug zum Landhaus herstellten. „Es war von vornherein als temporäre Installation geplant. Leider wurde sie vorzeitig vandalisiert.“ Zuvor hatte er mit seinem Freund Walter Brandstetter die Wettbewerbsidee einer hohen, schmalen, längsgeteilten Hauptstadtpyramide, errichtet neben der Autobahn. Aus deren Riss sollten Pflanzen emporwachsen. Die Stadt gratulierte zum 1. Platz, versprach Realisierung, doch schien man letztendlich kalte Füße bekommen zu haben und man nahm Abstand von der Idee.
Doch Rückschläge gehören zum Leben. Und Sochurek kann auf eine Unzahl an Einzelausstellungen von der Kremser Galerie Stadtpark über die New Yorker Galerie DIDA, das Wiener Künstlerhaus bis eben hin zum Stift Melk zurückblicken, von Beteiligungen an Ausstellungen und Kunstmessen in Katalonien, Belgien, Japan und vielen mehr abgesehen. Derzeit bereitet er eine Ausstellung in Zittau vor, die 2019 dortselbst stattfinden und mit weiteren europäischen Künstlern als Wechselausstellung in jenen Ländern gezeigt werden soll, aus denen die Mitwirkenden stammen. „Eine Vorbereitung für Zittaus Bewerbung als Kulturhauptstadt 2025 mit mir als einzigem Österreicher“, freut er sich.

Hutblumen und andere Erlebnisse
Es ist etwas an „Fritz“, das sofort klar macht: Hier sitzt uns kein Bewohner eines Elfenbeinturms gegenüber – der Pfeifenraucher und Rotweingenießer lebt gern und schöpft seine Lebensfreude auch aus der Begegnung mit Menschen. Seit 1984 mit seiner Partnerin Beate verheiratet (drei Söhne wurden geboren) erinnert er sich etwa nach wie vor mit Begeisterung an seinen Abend mit dem (alt)österreichischen Literaten HC Artmann, „der sich damals – also Ende der 1980er-Jahre – mit seiner Freundin nach Gföhleramt im Waldviertel auf einen alten Bauernhof zurückgezogen hat. Ich war damals beim NÖ Pressehaus: Artmann hatte sich grad‘ mit dem Residenz-Verlag überworfen und wir hätten den gern bei uns gehabt. Der Marketingchef des Pressehaus-Buchverlags und ich hatten eine Plakatidee. Artmann beißt in ein Buch – und der Text ging ungefähr so: ‚Artmann hat Bücher zum Fressen gern.‘ Wir besuchten ihn mit einem Fotografen im Schlepptau; und nachdem wir alle Weinvorräte des Hauses geleert hatten – Werbechef und Fotograf hatten sich bereits verabschiedet –, führte uns HC zum Gasthaus Prinz. Dort allerdings machte sich einer der Gäste über den mit einer Rose geschmückten Hut seiner Freundin mit der Bezeichnung ‚Hutblume‘ lustig. Artmann forderte ihn auf, mit ihm vor die Tür zu gehen. Ich befürchtete eine ordentliche Schlägerei, doch läuteten die beiden dann doch nur um drei in der Früh den Greißler des Ortes raus, um dessen komplettes Schokolade-Sortiment zu plündern. Das wurde dann im Wirtshaus der ‚Hutblume‘ auf den Tisch geleert. Geleert wurden natürlich auch weitere Glasln – versteht sich.“ Am nächsten Tag war „Fritz“ pünktlich im Pressehaus – wie sich der Morgen für Artmann gestaltete, dürfen wir nur vermuten. Und Sochurek ergänzt: „Das Plakat wurde dann mit einem Preis ausgezeichnet.“ Da nimmt man doch einmal Kopfweh gern in Kauf.
Und wie das Kreuz-Symbol nimmt auch der Wein im Werk von „Fritz“ einen immer wiederkehrenden Platz ein, nicht zuletzt bei seinen so genannten Rotwein-Bildern, die vor allem bei Privatsammlern sehr begehrt sind.
„Weißt du, nicht nur Talent und Kreativität sind nötig, sondern das unbedingte Wollen, seine Ideen auch trotz widriger Umstände umzusetzen“, resümiert der Künstler, der seit sieben Jahren Dozent an der Malakademie St. Pölten ist.

Und leben: kreuz und quer.

INFO: www.jf-sochurek.at