MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

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Kleine Stadt, was nun?

Text Georg Renner, Jakob Winter Ausgabe 11/2019

GEORG RENNER
Der Wilhelmsburger arbeitet als Journalist bei der „Kleinen Zeitung“.

Schade um schöne Sätze wie „Amazing how many St. Pöltens there are in Europe“.

Als jemand, der in die ganze Chose nicht involviert war, darf ich es ja sagen, ohne zuerst groß die Gewinner zu loben: Ich hab‘ mich wirklich geärgert, als die Kulturhauptstadt 2024 nicht an St. Pölten, sondern an Bad Ischl gegangen ist.
Und zwar nicht (nur) aus irgendeinem verbrämten Nationalstolz heraus; nicht (nur), weil ich dem Salzkammergut, von Gott ohnehin schon mit überirdischer Schönheit geküsst, den Titel nicht gönnen würde. Sondern, weil ich das St. Pöltner Konzept wirklich gut gefunden habe und glaube, dass es auch perspektivisch die interessantere Wahl gewesen wäre.
Jetzt wird sich die europäische Jury schon ihre Gedanken gemacht haben – die vollständige Begründung der Jury ist noch nicht veröffentlicht – und ja, man kann auch griesgrämig den Oberösterreichern alles Gute wünschen, ohne gleich des Heimatverrats bezichtigt zu werden.
Aber in der St. Pöltner Bewerbungsschrift – dem auf st-poelten2024.eu abrufbaren „Bid Book II“ – finden sich wunderschöne Sätze wie „Amazing how many St. Pöltens there are in Europe“: St. Pölten hätte als Kulturhauptstadt einen Raum erforschen können, Zukunftsvarianten erkunden, wie mittelgroße Städte im Schatten von Metropolen eigene Identität erhalten können – oder eben nicht. Eine Frage, die uns im Zeitalter der urbanen Hegemonie immer weiter beschäftigten wird; was kann, was wird etwa die Rolle St. Pöltens sein, wenn der Magnetismus Wiens immer weiter zunimmt?
Von der Enttäuschung zum Lichtblick: Es zeugt von Weitblick von Land und Stadt, die Bemühungen der vergangenen Jahre um die Kulturhauptstadt nicht versanden zu lassen, einen Gutteil der Projekte dennoch umsetzen zu wollen. Vom Anschluss des Kulturbezirks an den Rest der Stadt samt Findung einer Nutzung für den Klangturm – Wahrzeichen der Stadt, immerhin! – über die Aufwertung der einzigartigen Synagoge bis hin zu der Errichtung eines Kinder-Kunstlabors: Das sind gute (und teilweise längst überfällige) Ideen, teils schon bestehende Strukturen besser zu erschließen. Und das wird auch ohne Europatitel gehen.


JAKOB WINTER
Aufgewachsen in St. Pölten, emigriert nach Wien, Redakteur beim „profil“.

„St. Pölten hätten ein paar mehr Besucher gutgetan.“

Verstehe einer diese Jury!
Es wirkt fast so, als würden sich nur der Bad Ischler Bürgermeister sowie die ortsansässigen Touristiker darüber freuen, dass der Kurort im Salzkammergut im Jahr 2024 europäische Kulturhauptstadt wird.
Die Stimmungslage in der Stadtbevölkerung, das zeigen mehrere Ortsreportagen, lässt sich dagegen so zusammenfassen: „Bitte nicht noch mehr Touristen!“ Verständlich: Schließlich kann sich die Region um Bad Ischl über mangelndes Interesse von Erholungssuchenden wahrlich nicht beklagen. Im Gegenteil: Nur etwa 20 Autominuten von Bad Ischl entfernt liegt Hallstatt, ein Ort, der inzwischen als abschreckendes Beispiel für Übertourismus herumgereicht wird. Genau dieses Thema – Overtourism – war Teil des Bewerbungskonzepts Bad Ischls. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Gäste, die 2024 in die Kulturhauptstadt anreisen, werden sich dort also mit einem Problem auseinandersetzen, das sie mit ihrem Besuch selbst befördern: Massentourismus.
St. Pölten hätten ein paar mehr Besucher dagegen gutgetan. Und das Bewerbungskonzept hätte ein anderes – und wie ich finde: wichtigeres – Thema ins Zentrum gerückt. Ein Thema, das die Mehrheit der europäischen Bevölkerung betrifft. Im (leider abgelehnten) Konzept wird beschrieben, wie „austauschbar“ und „gesichtslos“ Städte in St. Pöltens Größenordnung geworden sind, die von einer nahegelegenen Metropole überstrahlt werden. Das sei „giftig“ für die „lokale Identität“ der kleinen und mittleren Städte, heißt es im Konzept.
Die Projektleiter üben auch Kritik an ihrer Stadt: St. Pölten sei „unfertig“. Als Kulturhauptstadt hätte das kulturelle Profil der Stadt geschärft werden sollen.
Immerhin: Einen positiven Aspekt kann ich dem Juryvotum abgewinnen: Entscheidungsträger in Stadt und Land halten sich nun nicht mit der Frage auf, wer Schuld trägt am negativen Ausgang des Bewerbungsprozesses, sondern wollen möglichst viele Teilprojekte des Kulturhauptstadtkonzepts umsetzen. Gut so: Ein erster Schritt zur städtischen Identitätsschärfung.