MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

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Finale

Text Johannes Reichl Ausgabe 09/2019

Nun geht sie also in die Zielgerade – die Bewerbung St. Pöltens zur Europäischen Kulturhauptstadt 2024. Vor zwei Jahren wurde sie mit viel Wind hochoffiziell von Stadt und Land auf den Weg gebracht, und es war ein frischer, ein neuer Wind, denn so viel Gemeinsamkeit und öffentliches Wohlwollen hatten die beiden Körperschaften einander die restlichen vier Jahrzehnte nicht entgegengebracht. Eher verhedderte man sich im kleinkarierten, durch jeweils absolute politische Machtverhältnisse einzementierten Polithickhack auf Kindergarten-Niveau bis hinab auf die Ebene konsequenter Nicht(!)–Einladungspolitik der jeweils „anderen Seite“. Welche Wohltat also, wenn Landeshauptfrau und Bürgermeister heute bei einer Straßeneröffnung oder banaleren Dingen gemeinsam aus der Zeitung lächeln. So grotesk es klingen mag, aber damit hatte die Bewerbung schon vor ihrem eigentlichen Start den ersten, vielleicht größten Coup gelandet.
Zusammenarbeit und Vernetzung wurden überhaupt zur alles durchdringenden Duftmarke. Überall schossen Initiativen, Foren und andere Formate aus dem Boden, die unter der Flagge der Kulturhauptstadt segelten und sich mit allem – und mit allem meine ich alles – auseinandersetzten, bis hin zum wackelnden Kanaldeckel vor der Haustür. Manchmal wähnte man sich daher eher in den Sitzungen einer kollektiven Selbsthilfe- und Selbstfindungsgruppe St. Pölten, denn einer Stadt, die ihren europäischen Pulsschlag sucht. Aber vielleicht bedurfte es ja genau dieser Selbstsezierung, um den im Bidbook 1 noch angeführten Befund, demzufolge St. Pölten „hierzulande bisweilen synonym für Provinzialität und Mittelmaß steht“, endgültig zu überwinden. Auch das wäre ein großes Verdienst.
Und Europa holte man dann ja recht elegant wieder herein, indem man die Frage nach „Europa daheim“ stellte, mit der banalen aber wohl richtigen Schlussfolgerung, dass „es viele St. Pöltens in Europa gibt“, für die man, so die Grundstoßrichtung der Bewerbung, zum „Role Model“ werden könne. Frei nach Friedrich Hebbel übersetzt: „St. Pölten ist eine kleine Welt, in der Europa Probe hält.“
Dafür bedarf es freilich neben dem produktiven St. Pöltner Input ebenso der Expertise von außen, um zu gewährleisten, dass die Europäische Kulturhauptstadt St. Pölten nicht, wie es vielleicht manch Eingeborenem vorschwebt, zu einer Art aufgemotzter St. Pöltner Festwochen verzwergt. Die Abbildung und Integration der lokalen Szene ist ohne Zweifel wichtig, sie allein kann aber noch kein künstlerisches Konzept für eine Europäische Kulturhauptstadt sein.
Dies den dann nicht zum Zug kommenden Akteuren zu verklickern, wird wohl eine der großen Herausforderungen im Falle eines Zuschlages werden, denn wie man aus anderen Europäischen Kulturhauptstädten weiß, ist die Bewerbungszeit noch so etwas wie Honeymoon, während nach dem Zuschlag das große Gerangel um die Futtertröge beginnt – und damit das Konfliktpotenzial steigt.
Wobei „Honeymoon“ für den scheinbar in Watte gebauschten und von geradezu „hippiesker“ Harmonie geprägten St. Pöltner Bewerbungsprozess beinahe wie eine Untertreibung klingt. Da wirkte die am Schluss aufflammende Debatte rund um den Altoona Park fast schon erfrischend, wenngleich sie teils auf falschen Vorstellungen der Kritiker zu beruhen scheint.
Was bleibt also vom Bewerbungsprozess? Viel! Eine professionelle Umsetzung. Positive Aufbruchsstimmung. Höheres Selbst-Bewusstsein. Neue Verbindungen. Die bestechende Idee einer (Kultur-)Hauptstadtregion. Sowie jede Menge Konzepte, die zukunftsfähig sind und selbst bei einem Nichtzuschlag hoffentlich nicht in irgendeiner Schublade verschwinden.
So betrachtet hat St. Pölten schon jetzt gewonnen – egal, wie es am 12. November ausgehen mag, wenngleich wir der Jury schon eine kleine Empfehlung mit auf den Weg geben möchten: Her mit dem Pott!