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Einzigartig & sexy - Earl Okin

Text Andreas Reichebner Ausgabe 09/2019

Dicke Brille, Frack und Gamaschen, feiner Bossa Nova Sound, geschmeidiger Jazz und ein gehörig Quäntchen Humor. Der legendäre Musik-Comedian Earl Okin braucht nur sich, die Gitarre und ab und an ein Klavier, um einen musikalischen Abend zu gestalten, der sich in Herz, Bauch und Hirn hineinlaviert. Am 6. November kommt er ins VAZ St. Pölten.

Spätestens wenn Earl Okin seidenweich und mit dem wahnwitzigen Ausdruck eines verschrobenen Sonderlings, heutzutage Nerd genannt, ins Mikrofon haucht: „come and taste my juicy mango“, ist es geschehen. Earl hat sein Publikum im Sack seiner antiquierten Frackhose.
Geboren 1947 in London, tingelt der „very britishe“ Musik-Comedian schon seit über 50 Jahren durch die Clubs und Konzertsäle der Welt. Er trat als Special Guest während einer ganzen Paul McCartney-Tournee auf und als Vorprogramm von Van Morrison, nahm neben den Beatles CDs in den legendären Abbey Road Studios in London auf. Die Beatles sind Geschichte, Earl ist noch immer da. Und er singt von der großen Liebe, die entweder für immer hält oder erst gar nicht gefunden wird. Earl scheint aus der Zeit gefallen und ist doch immer aktuell. Seine Wegbegleiter sagen über ihn: „He is what he is“ und „jokes are friends of him“. Kompromisse gehen andere ein, er nicht. Wie sagt Earl über sich gerne: „Better the first Earl Okin than the second Paul Mc Cartney.”
Earl Okin ist eine Legende, spielte vor der Königin von England und dem Schwedischen Königshaus. Beim Festival „Just for laughs“ in Montreal zeigte das „Musikgenie und Sexsymbol“, welch perfekte Mischung britische Comedy, Bossa Nova und Jazz ergeben können. Earl ist ein Erlebnis, sowohl für die Lachmuskulatur als auch für feinsinniges musikalisches Gehör. Und übrigens, Earl Okin liebt Almdudler und ist großer Österreich-Fan in Sachen Essen: Schnitzel und Apfelstrudel – was immer das auch zu bedeuten hat. Wir vom MFG haben Earl zum Kurzinterview gebeten.

Sie haben Ihren Cousin im Film „Who is Earl Okin?“ gefragt, wie er Sie mit einem Wort beschreibt. Was wäre Ihre Antwort?
Ich habe keine Ahnung. Leider habe ich nicht das Geschenk bekommen, mich so zu sehen, wie mich andere sehen. Kein Zweifel – die Leute, die mich kennen, werden mich auf verschiedene Arten sehen. Aber ich würde sagen „einzigartig“.

Wie lebt es sich seit vielen Jahren als musikalisches Genie und „Sex Symbol“?

Ich weiß es nicht. Das ist nur der Name einer meiner vergangenen Shows am Edinburgh Festival, einer SONY CD und eine Phrase, die sie für mich verwenden, wenn ich in einem Comedy Club auftrete.

Ein Artikel hat Sie einmal als „unluckiest man in pop“ bezeichnet, kann man mit dieser Bezeichnung leben?

Ich war sehr genervt von dieser Bezeichnung – also negativ. Außerdem mache ich viel mehr als Pop – Jazz, Bossa Nova … ich habe sogar eine Symphonie geschrieben. Ich bevorzuge es von mir als „einen Schritt
vor dem weltweiten Durchbruch“ zu denken.

Sie tragen schon seit Jahrzehnten Maßanzüge und Gamaschen, nie Lust auf Jeans oder casual wear gehabt?
Meine ersten Helden waren Caruso, Puccini etc. Sie haben alle Gamaschen getragen. Später waren meine Helden Leute wie Duke Ellington, Fred Astaire, etc. Vor dem Zweiten Weltkrieg haben auch sie Gamaschen getragen. Ich mag diesen Look.
Und Jeans? Nein, als ich ungefähr sieben war, hat mir meine Mutter ein Paar Jeans gekauft. Ich habe sie angesehen und wollte sie nicht anziehen. Ich habe zu meiner Mutter gesagt: „Ich bin kein Klempner.“

Was halten Sie vom Brexit?
Komplettes Desaster ohne positive Effekte.

Britischer Humor im Zeichen der politischen Korrektheit, wie passt das?
Der „Neue Humor” von 1980 lehnt rassische und sexuelle Stereotype richtigerweise ab. Aber in letzter Zeit ist politische Korrektheit aus dem Ruder gelaufen. Wir brauchen keine„Comedy Police“.

Der berühmte Songwriter Ralph Mc Tell hat einmal sinngemäß gesagt, „Jahrelang das Gleiche zu machen, wäre für ihn nichts“. Denken Sie, dass sie wirklich jahrelang das gleiche Programm gemacht haben?
Meine Show beinhaltet Lieder, die mein Publikum vermissen würde, wenn ich sie nicht spielte, und andere, die ich vermissen würde, wenn ich sie nicht spielte. Der Rest der Show besteht aus neuen Songs von mir oder Klassikern, die ich gerade erst gelernt habe. Das heißt, meine Show entwickelt sich über die Jahre, aber ich mache keine „neue Show“. Das tut auch Ralph nicht, apropos.

Warum, denken Sie, haben Sie den großen Durchbruch trotz ihres Witzes und musikalischen Vermögens nie nach ganz oben geschafft?

Ich passe nicht in Schubladen und heutzutage wird das Musikbusiness vor allem von Leuten geleitet, die nur Schubladen verstehen. Ich bin nicht unter 25, ich habe keine Band, ich mache mehr als nur eine Sache. Die mögen Vielseitigkeit nicht. Sie wollen, dass du nur eine Sache machst. Vor allem bin ich nicht wie alle anderen. Das verunsichert Entscheidungsträger.

Noch nie die wirkliche Liebe des Lebens kennengelernt?

NEIN.

Wie schafft man es so lange ohne Kompromisse, wie einer Ihrer Wegbegleiter erzählt hat, im Showgeschäft zu überleben?

Du überlebst, solange die Leute dich buchen. So einfach ist das. Wenn du deine eigenen Stärken und Schwächen kennst, gehst du keine Kompromisse ein. Allerdings – die Person, die das gesagt hat, ist Boris Johnson‘s Onkel, das erklärt einiges.

Gleiche Posen, gleiche Jokes – Doppeldeutigkeiten hinsichtlich des gespielten „Sexappeals“, wie sexy ist Earl Okin?
Für mich ist der Comedy Teil der unwichtigste. So wie ein Stück Käse bei einer Weinverkostung. Es frischt nur die Palette auf. In meiner Show ist die Musik der Wein. Die Sache mit dem „Earl is sexy“ ist nur für die Comedy Clubs.

Berühmt und doch weitgehend unbekannt, wie lebt es sich damit – auch beim selbstständigen Verkauf der eigenen CDs? – während viele Wegbegleiter weltbekannt sind …
Frustrierend! Natürlich! (lächelt) Offensichtlich, bin ich sehr verbittert!

Das Tingeln durch die Welt, Konzerte überall, die vielen Hotelzimmer, wie lange wollen Sie das noch machen? Kommt der Autumn Wind (aus einer Textzeile eines Okin-Songs, Anm.) nicht irgendwann?
Solange es meiner Gesundheit gut geht und die Leute mich buchen. Ausgenommen, der BREXIT ruiniert nicht alles.

Legendär sind Ihre „Vocal trumpet solos“ – welchen Stellenwert haben diese in Ihrer Kunst?
Nur eine weitere Zutat meiner Show. Wenn du eine One-Man-Show bist, musst du Vielfalt bieten, um das Publikum zu unterhalten. Meine„Vocal trumpet solos“ sind eine weitere „Überraschung“. Für mich persönlich geht es nicht nur um den Sound im Generellen, sondern um die Qualität der Jazz Solos.

Bossa Nova und Earl Okin sind wie geschaffen füreinander, was bedeutet Bossa Nova für Sie?
Jede Art von Musik, die ich liebe, beinhaltet interessante Akkordfolgen. Und schöne Melodien – von der großen Oper zu „The great American Songbook“ etc. Bossa Nova ist eines dieser Musik-Genres, ich liebe es. Wie auch immer, du musst dir viel von Joao Gilberto and Tom Jobin anhören und dein Bestes geben, es authentisch darzubieten.

Lieber Kult-Figur als berühmt?
Bossa Nova ist sehr berühmt. „Garota de Ipanema“, zum Beispiel, ist tatsächlich eines der erfolgreichsten Lieder aller Zeiten.

Wie ist Earl Okin abseits von Kameras und Scheinwerfern?

Ziemlich gleich. Natürlich übertreibt man auf der Bühne. Aber mit mir kriegst du, was du siehst.

Wie verletzlich ist Earl Okin?

Ich glaube, dass 99% der Leute auf irgendeine Art und Weise verletzlich sind.

Witz als Möglichkeit des dahinter Verbergens?

Nein. Nicht in meinem Fall. Ich mag es einfach albern zu sein.

Wie albern der Jazz-Comedian Earl Okin sein kann, und welche musikalische Genialität ihn umkreist, davon kann man sich beim Konzert im VAZ St. Pölten am Mittwoch, 6. November 2019 um 19:30 Uhr, ein schönes Bild machen.