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St. Pöltens gute Seite

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Ein Wohnzimmer für den Kunstgenuss

Text Andreas Reichebner Ausgabe 11/2019

Es war beileibe kein Aprilscherz, als die Bühne im Hof ihre Pforten erstmals am 1. April 1990 öffnete, aber jede Menge Kulturengagement im Kampf gegen verstaubte und eingefahrene Strukturen. Nächstes Jahr feiert die Bühne im Hof ihr 30-Jahrjubiläum mit einem Programm, das folgerichtig auch „Aller guten Dings sind … 30 Jahre BiH“ heißt.

Wir lieben das Haus wahnsinnig, aber es fordert uns auch wahnsinnig“, gibt Daniela Wandl, die künstlerische Leiterin, ihre besondere Beziehung zur Bühne im Hof preis. Damit befindet sie sich in bester Gesellschaft mit ihrem engsten Mitarbeiter, nennen wir ihn einfach „Fels in der Brandung  in einer von Unkultur bedrohten Gesellschaft“, Dieter Regenfelder. „Ohne Dieter wäre die Bühne im Hof nicht so wie sie ist, er ist ihr leidenschaftlich verbunden, über 20 Jahre im Haus, kennt alles, weiß alles, ist verlässlich und wichtiger Kollege für mich“, so Wandl, die seit Mitte 2015 die Kulturinstitution mit viel Herzblut leitet. „Es ist wie mein zweites Wohnzimmer, nach wie vor ein Traumjob für mich, denn ich mag die Kollegen, das Haus, die Künstler und das Publikum. Ich denke, in den letzten Jahren hat sich da etwas ganz Spezielles entwickelt. Es ist für mich nicht nur eine Berufsgeschichte, sondern etwas sehr Persönliches.“  
Dieser Geist des persönlichen Einsatzes, des mit Engagement und Liebe, emotional und intelligenten Wehrens gegen seichte Unterhaltung und muffige Kleinbürgerlichkeit war von Anfang an die treibende Kraft hinter der Bühne im Hof in St. Pölten. Natürlich könnte man die Geschichte der Bühne im Hof mit Fakten erzählen, aber diese Bühne ist mehr als die Aufzählung von historischen Jahreszahlen, doch zwei sollten doch erwähnt werden: 1. April 1990 Eröffnung, 2004 Inbetriebnahme des Zubaues.

Legenden rund um die Entstehung
Schon allein um die Entstehung ranken sich herrliche Legenden. Denn ohne eine Person gäbe es die Bühne im Hof in dieser Form nicht: Mimi Wunderer, die Hernalser Kulturmacherin  entdeckte Ende der 80er-Jahre des vorigen Jahrtausends Entwicklungspotenzial hinsichtlich kultureller Niederlassungen in St. Pölten. Wunderer, gebürtige Perserin, ließ in Gesprächen mit dem Schreiber dieses Textes, der in früheren Zeiten auch viele gemeinsame Projekte mit der streitbaren Theaterprinzipalin durchführte, immer wieder durchblicken, dass Starkabarettist Josef Hader sie auf diese Idee brachte. „Geh nach St. Pölten, da gibt es eh nicht viel, dort kannst du Aufbauarbeit leisten“, dürften in etwa des Josefs Worte gewesen sein. Mit diesem, nahezu missionarischen Sendungsauftrag, der Vision einer Alternativbühne im Gepäck, suchte Mimi Wunderer ihr Glück in der, damals jungen, gerade im Kindergartenalter befindlichen Landeshauptstadt. Glaubt man den Erzählungen und dem Mythos rund um die Kulturrevoluzzerin, wurde sie mehr oder weniger vom seinerzeitigen Kulturboss, dessen Name ein köstliches Milchprodukt verheißen lässt, „hochkant aus dem Büro“ geworfen. Und wie bei der Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt 2024, die eigentlich erst auf Drängen von kulturaffinen Bevölkerungskreisen Fahrt aufnahm, war auch ehemals die zivilgesellschaftliche Leidenschaft für Kunst und Kultur ausschlaggebend. Vor allem die unermüdliche Grand Dame der St. Pöltner  Kulturszene, Michaela Steiner, und die Kulturjournalistin Anita Fritsche, setzten sich für Wunderers Traum ein. Im Laufe der Zeit gesellten sich viele in der Kulturszene beheimatete Menschen, aber auch Firmen und politische Entscheidungsträger dazu und so wurde der Traum wahr: Die Bühne im Hof wurde am 1. April 1990 unter anderem mit Auftritten von Josef Hader, von Schlabarett und den Menubeln eröffnet. Viele G´schichterl und die Historie der Bühne in den ersten 15 Jahren sind übrigens nachzulesen in einem zum 15-Jahrjubiläum erschienenen Karikaturband „Wie im Flug“, der zeigt, dass Mimi Wunderer immer wieder neue Kulturformate in Form von Eigenproduktionen entstehen ließ. Für die zeichnerische Gestaltung des Jubiläumsbandes sorgte übrigens ein Karikaturist namens Andreas Reichebner, die Texte stammten von Helmut Korherr. Der Band zeigt auf humoristische Weise, wie sich die Idee zu einer Erfolgsstory gegen viele Ressentiments hinweg, entwickelt hat. Eines zeigt er aber auch, dass trotz künstlerischer Hochwertigkeit in der Bühne im Hof der Geist des Persönlichen lebt. Die Kleinkunstbühne ist bis dato keine glatte Kulturinstitution, die von smarten Kulturmanagern suboptimiert wird. Übrigens, es ist müßig zu erwähnen, wer aller schon in den Jahren in der Kleinkunstbühne zu Gast war, die Liste würde wahrscheinlich um die Welt führen. Auf jeden Fall alle Kabarettgrößen, die auch großteils zu ganz besonderen Freunden des Hauses wurden.
„Die Mimi hat Unglaubliches auf die Beine gestellt“, streut die jetzige Chefin Daniela Wandl ihrer Vorgängerin Rosen. Auch für den Umstand, dass diese sie auch bei der Umsetzung des legendären Höfefestes „immer wieder sehr unterstützt hat.“
Wandl erinnert sich auch gerne daran, dass sie „selbst schon zweimal auf der Bühne gestanden ist.“ 1990 führte die Theatergruppe Perpetuum Augusto Boals Stück „Mit der Faust ins offene Messer“ auf, mit dabei auch ihr Mann Georg Wandl.

Zwei starke Frauen
Zwei starke Frauen prägten und prägen bislang die Bühne im Hof, unterstützt von einem engagierten Team, aber auch immer von einem besonders umsichtigen Kollegen. Wunderer wurde begleitet von Rupert Klima, der seit geraumer Zeit das Landestheater Niederösterreich, jetzt an der Seite von Marie Rötzer, in kulturelle Höhen führt. Bei Daniela Wandl ist es Dieter Regenfelder, der schon bei Wunderer seine Fähigkeiten ins diffizile Spiel im Kulturbetrieb brachte.
Nicht ganz friktionslos war die Übergabe der Leitung in den Jahren 2015/16, ein Faktor, der schon mal bei zwei starken Persönlichkeiten in den Raum geworfen werden kann, aber seit 2016 hat sich die Bühne, wenn auch einiges gleich blieb, wesentlich verändert. „Dinge, die gut waren, haben wir stehengelassen, aber ich habe auch viele neue Ideen  wie die Werkstatt für junge Menschen, Musik und wie ich gerne sage, ‚junge Verrückte‘ forciert“, erzählt Wandl, die sich besonders über „Entdeckungen“ freut. „Bei uns war zum Beispiel der Nikolaus Habjan, der jetzt alle großen Bühnen bespielt, das erste Mal in St. Pölten“, so die BiH-Chefin, die sich ständig und konsequent in der Szene umhört, „ich bin da bisserl wie ein Schwamm.“ Was das Team dabei vermeiden will, sind „allzu seichte Comedy-Formate“, wie das Programmheft beweist, in welchem es von liebevollen Glückwünschen etwa von Lukas Resetarits, Andreas Vitasek, Klaus Eckel oder Birgit Denk nur so wimmelt.
Zur besonderen Atmosphäre der St. Pöltner Kleinkunstbühne gehört auch die freie Platzwahl, die es dem Team ermöglicht, für individuelles, stimmungsgeladenes Raumambiente zu sorgen.
„Die Bühne im Hof soll auch nach 30 Jahren weiter für unser Publikum ein zweites Wohnzimmer sein, wo man sich bei niveauvoller Kunst auch familiär betreut fühlt“, weist Wandl den Weg für ihr Team, denn „die Menschen lieben es, wenn sie von denselben Leuten am Eingang begrüßt werden, mit ihnen über Kultur plaudern.“ So wird hier am Haus gleich en passant Kulturvermittlung gelebt.