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St. Pöltens gute Seite

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Drogenprobleme?

Text Sascha Harold Ausgabe 11/2018

Seit 1. November ist der St. Pöltner Stadtpark eine sogenannte Schutzzone. Laut Polizeit würden dort vor allem Drogen und Diebstähle Probleme machen. Hat die Stadt ein Suchtmittelproblem?

In der jährlichen Anzeigenstatistik der Polizei haben Suchmittel einen Fixplatz. Dort lässt sich ablesen, dass in Österreich 2017 mehr als 1.600 Kilogramm Cannibisprodukte sichergestellt wurden und dass es insgesamt 42.610 Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz gab, was einen Anstieg um 17,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. In Niederösterreich gab es mit 5.516 Anzeigen gar ein Plus von 31,7 Prozent. Hier spielen allerdings auch Aufgriffe am Flughafen Schwechat eine Rolle. Generell ist es schwer, von der bloßen Anzeigenstatistik auf die Größe des Problems zu schließen. Stadtpolizeikommandant Franz Bäuchler erklärt: „Wir hatten im letzten Jahr etwa 500 Kriminalfälle in diesem Bereich, dabei muss aber betont werden, dass Suchtgiftmittelkriminialität immer so aktiv ist wie die Polizei. Die Anzeigenstatistik alleine lässt keinen seriösen Rückschluss auf den tatsächlichen Drogenkonsum zu.“ Dass der Stadtpark nun in den Fokus gerät ist keine Überraschung, sind die Probleme dort doch schon länger bekannt. „Der Stadtpark wird schon seit längerem immer wieder überwacht, die Schutzzone ist ein Instrument, um hier noch stärker kontrollieren zu können“, so Bäuchler. Die polizeiliche Arbeit ist im Bereich der Suchtmittelkriminalität oft mühsame Kleinstarbeit. Beweise sind nur schwierig zu sammeln, zu Mitteln wie der Telefonüberwachung kann erst gegriffen werden, wenn es handfeste Hinweise auf ein Vergehen gibt. Stecken größere Strukturen hinter einzelnen Aufgriffen wird zudem österreichweit mit verschiedenen Dienststellen zusammengearbeitet. Laut Lagebericht der Polizei wurde 2017 etwa registriert, dass syrische und afghanische Staatsangehörige aus dem Großraum St. Pölten die Zugverbindung nach Vorarlberg nutzten, um dort Cannabis zu verkaufen. Auch in St. Pölten werden, ganz im österreichischen Trend, vor allem Cannabisprodukte sichergestellt, was aber auch daran liegt, dass synthetische Drogen oft schwieriger auffindbar sind. Während Dealer auf der Straße oft ausländische Staatsbürger sind, agieren österreichische Staatsbürger häufiger im Darknet. Der Betrieb von Cannabisplantagen, in Niederösterreich, immerhin 208, wurde 2017 nur von österreichischen Staatsbürgern durchgeführt.Bestrafen oder Helfen?Für Drogenabhängige gibt es in St. Pölten mehrere Anlaufstellen. Das Gesundheitsamt betreibt ein sogenanntes Drogenersatzprogramm, das in den letzten Jahren immer mehr in Anspruch genommen wird. „Wir haben im Drogenersatzprogramm seit zehn Jahren jährliche Steigerungsraten von etwa zehn Prozent. Diese Steigerung ist jedoch großteils nicht hausgemacht in St. Pölten, sondern ergibt sich durch Zuzug der Patienten aus dem Umland“, erklärt Amtsarzt Edmund Entinger. Auf Landesebene ist die Fachstelle für Suchtprävention NÖ die Drehscheibe für Suchtarbeit (siehe Infobox). Leiterin Dr. Ursula Hörhan spricht von einer stabilen Situation von Suchtmittelmissbrauch in den letzten Jahren, „im Bereich problematischen Opioidkonsums ist sogar ein leichter Rückgang zu verzeichnen.“ Wobei Hörhan betont dass „entgegen den Erwartungen der Bevölkerung die legalen Substanzen bei den Abhängigkeiterkrankungen die größte Rolle spielen.“ Im Vergleich seien etwa über eine Million Menschen nikotinabhängig. Wohl dem neuen Zeitgeist geschuldet legt man in der primären Suchtprävention aktuell zudem verstärkt „Augenmerk auf Verhaltensabhängigkeiten im Bereich der Neuen Medien und des Glücksspiels.“Prinzipiell versucht die Suchtprävention zur Vermeidung von Abhängigkeitserkrankungen über verschiedene Module sogenannte Lebenskompetenz zu fördern, „jährlich erreichen wir an die 40.000 Personen.“ Eine wichtige Aufgabe sieht man zudem in der Aufklärung. „Immer noch werden Suchtkranke stigmatisiert, indem man ihnen die Schuld für ihre Sucht unterstellt. Sucht zählt jedoch zu den anerkannten und behandelbaren Krankheiten.“ Eine gesellschaftliche Bewusstseinsänderung sei auch deshalb wichtig, weil dann Suchtkranke die Angebote leichter annehmen würden.  Auch die Caritas richtet sich an zehn Standorten in Niederösterreich,  sogenannten Suchtberatungsstellen, an Personen mit problematischem Suchtmittelgebrauch bis hin zur Suchterkrankung. Am häufigsten zu tun habe man dabei freilich mit einer Substanz, die zwar nicht illegal ist, aber genauso großen Schaden anrichten kann – Alkohol. „Der Großteil der Betroffenen mit einer Suchterkrankung bzw. problematischem Konsum konsumiert Alkohol. Im Falle von illegalen Drogen handelt es sich um Betroffene mit polytoxikomanem Konsum – Mischkonsum – mit Beteiligung von Opiaten oder Cannabis“, führt die Leiterin der Suchtberatung Ulrike Gerstl aus. Oft sei die Inanspruchnahme der Suchtberatung gerichtlich verordnet. Die Zahl der Betroffenen und Angehörigen, die das Angebot der Suchtberatung in Anspruch nehmen, steige jährlich. Wie auch die Polizei weist sie darauf hin, dass in den letzten Jahren v. a. durch den Onlinehandel vermehrt Substanzen konsumiert würden, deren chemische Zusammensetzung sich stetig ändere. Hilfestellungen werden dadurch schwieriger möglich. Von der Politik wünscht sie sich unter anderem vermehrt schadenminimierende Ansätze wie etwa Spritzentauschprogramme oder Drug-Checking Angebote.Keine klare PositionPolitisch bewegen sich die Ansätze in der Suchtarbeit zwischen Law and Order und dem Bieten von Hilfestellungen. FPÖ Stadtrat Klaus Otzelber, der auch den Zuzug aus dem Ausland für die Probleme mit verantwortlich macht, meint: „Die Erfahrungen aus anderen Ländern haben gezeigt, dass bei der Eindämmung der Drogenproblematik nur eine Null-Toleranz-Politik zum Erfolg geführt hat.“ Von einer Legalisierung weicher Drogen wie Cannabis halte er nichts, da sie als Einstiegsdroge dienen könnten. Auch Vizebürgermeister Matthias Adl, ÖVP, sieht in einer Legalisierung keine Lösung: „Aus gesundheitlicher Perspektive geht es nicht um eine Legalisierung diverser Substanzen, sondern darum, Personen mit einer chronischen psychatrischen Erkrankung ein attraktives Behandlungssystem anzubieten.“ Den Fokus will er v. a. auf Aufklärung und Beratung der Jugend legen. SPÖ Vizebürgermeister Franz Gunacker wiederum  ist von der Schutzzone im Stadtpark nicht restlos überzeugt: „Ob diese das Problem lösen kann, wird sich weisen. Erfahrungen aus anderen Städten zeigen, dass es nur zu einer Verlagerung kommt – prinzipiell sollte man nicht die Auswirkungen der Drogenproblematik bekämpfen, sondern deren Ursachen.“ In punkto etwaiger Legalisierung weicher Drogen sieht er die Zuständigkeit auf Bundesebene. Der grüne Gemeinderat Markus Hippmann schlägt diesbezüglich in dieselbe Kerbe: „Die Tendenz in Europa geht, etwa im Bezug auf Cannabis, in Richtung Legalisierung – ich halte aber nicht viel von dieser Möglichkeit.“ Die niederösterreichischen Angebote im Bereich der Suchthilfe, die vermehrt in Anspruch genommen würden, beurteilt er positiv. Der Schlüssel zur Lösung des Problems liegt aber v. a. in der Aufklärung.


FACHSTELLE NÖ
Institutionell ist in Niederösterreich die Fachstelle für FACHSTELLE NÖ
Institutionell ist in Niederösterreich die Fachstelle für Suchtprävention erste Anlaufstelle für alle Belange der Suchtarbeit. Seit 1998 kümmert sie sich im Auftrag des Landes Niederösterreich für alle Belange der Suchtarbeit, seit 2013 kam die Sexualpädagogik als Aufgabenfeld dazu. Die Einsatzbasis liefert die NÖ Suchtstrategie 2016 – sie definiert die Ziele erfolgreicher Suchtarbeit und beschreibt das Aufgabenfeld. Die Fachstelle NÖ führt jährlich rund 6.000 Einheiten, Vorträge, Workshops etc. durch und erreicht damit fast 40.000 Personen.

www.fachstelle.at

Beratungsstelle für Alkoholprobleme
bap@st-poelten.gv.at​Jugendsuchtberatung der „Antlas“ Ges.m.b.H.
jugendsuchtberatung@antlas.at, www.antlas.at

Suchtberatungsstelle der Caritas St. Pölten
sb.goeber@stpoelten.caritas.at 

Verein Angehörige Drogenabhängiger
office@angehoerigen-hilfe.at, www.angehoerigen-hilfe.at

Entzugsstation LK Mostviertel Amstetten-Mauer
drogen@mauer.lknoe.at


„DIE CHANCEN SIND PRINZIPIELL GUT“

Das Anton Proksch Institut ist eine der führenden Suchtkliniken Europas.
Wolfgang Preinsperger leitet die Abteilung für illegalen Substanzenkonsum.
Mit dem MFG spricht er über Suchtfaktoren und Wege der Besserung.


Lässt sich sagen, welche Personengruppen vor allem zu Ihnen kommen?
In das Anton Proksch Institut gesamt kommen Personen, die ein Suchtproblem mit Alkohol, Medikamenten oder illegalen Substanzen entwickelt haben. Daneben auch von Spielsucht, Internetsucht, Kaufsucht oder von anderen nichtstoffgebundenen Süchten Betroffene. Wir behandeln Männer und Frauen in allen Altersgruppen, von sehr jungen Erwachsenen bis hin zu älteren Menschen.

Sie leiten die Abteilung für illegalen Substanzenkonsum – um welche Substanzen geht es vor allem?
Der größere Teil unserer Patienten ist von mehreren Substanzen abhängig. Opiate spielen bei den meisten die Hauptrolle, daneben konsumieren viele aber auch zusätzlich Medikamente – vor allem Tranquilizer – erheblich Alkohol und andere illegale Substanzen. Wir behandeln auch Menschen mit problematischem oder abhängigem Konsum von allen übrigen illegalen Substanzen wie z.B. Cannabis, Kokain oder Ecstasy.

Gibt es Menschen, die stärker gefährdet sind süchtig zu werden?
Grundsätzlich können Menschen aus allen sozialen Schichten Suchterkrankungen entwickeln. Sozial belastende Bedingungen – wie Arbeitslosigkeit, finanzielle Probleme oder Obdachlosigkeit – können jedoch wesentliche begünstigende Faktoren für das Entstehen einer Abhängigkeit, aber auch deren Folgen sein. Gewalt- oder Missbrauchserfahrungen, Depressionen und andere psychische Erkrankungen oder Probleme sind ebenso häufig Hintergrund von Suchterkrankungen. Viele unserer Patienten und Patientinnen haben bereits an einer Suchterkrankung leidende Väter oder Mütter.

Welche Rolle spielen Netzwerke wie Familie und Freunde für die Betroffenen?
Familie und Umfeld können beides sein: Ressource und Schutz gegen die Entwicklung einer Suchterkrankung, wenn es problematisch ist, aber auch begünstigender Faktor in der Entstehung und Aufrechterhaltung einer Suchterkrankung.

Lassen sich Chancen für die Genesung abschätzen, gibt es auch nach erfolgreicher Therapie ein Restrisiko?

Die Chancen auf eine Genesung sind prinzipiell gut. Je früher man Behandlung sucht, umso besser. Wichtig ist es aber, dranzubleiben, nach einer stationären Behandlung sich unbedingt in eine ambulante Weiterbehandlung zu begeben, im Alltag weiter an sich zu arbeiten. Suchterkrankungen sind potentiell chronische Erkrankungen, das heißt, es kann zu Krankheitsrezidiven (Rückfällen, Anm.) kommen. Sind diese kurzdauernd und noch nicht so schwer, kann eine ambulante Unterstützung ausreichend sein für eine Stabilisierung der Situation. Sind die Rezidive schwerer, kann eine neuerliche stationäre Behandlung erforderlich und sinnvoll sein. Ein Rezidiv muss aber nicht bedeuten, dass eine Behandlung erfolglos oder sinnlos war. Sie kommen im Lauf von Suchterkrankungen vor, sind ein Symptom der Erkrankung und können gut behandelt werden.

Könnten Sie von erfolgreichen Beispielen der Rehabilitation erzählen?
Ich wüsste nicht, wo ich beginnen soll. Mir fallen Patienten ein, die nach der Behandlung ihrer Drogenabhängigkeit eine Ausbildung, eine Lehre oder ein Studium begonnen und abgeschlossen haben. Andere haben Partner gefunden, die ihren positiven Weg unterstützt haben und mit denen sie Kinder haben, die heute in stabileren Verhältnissen aufwachsen können als sie selbst. Ganz allgemein gibt es viele Geschichten von Menschen, deren Leben während und nach einer Behandlung wieder freudvoller, sinnvoller und lebendiger – einfach schöner geworden ist.