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St. Pöltens gute Seite

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Die Reiseleiterin

Text Thomas Fröhlich Ausgabe 02/2019

Ohne sie wäre das kulturelle Leben in St. Pölten ärmer. Sie ist und war unter anderem Theatermacherin, Kulturvermittlerin, Zeitschriftenredakteurin, Lehrerin, Gärtnerin und nicht zuletzt Dramatikerin: Renate Kienzl. Ihr Theaterstück „Duell“ läuft noch bis 15. März unter ihrer Regie in der Freien Bühne Wieden. Gründe genug, die Kreative zum MFG-Interview zu bitten.

Das könnt‘ dir gefallen‘, meinte der St. Pöltner Künstler Hermann Fischl, als er mir das Buch ‚Duell‘ von Joost Zwagerman schenkte.“ Renate Kienzl sitzt mir gegenüber im St. Pöltner Cinema Paradiso-Café. Sie hat soeben eine Bühnenprobe hinter sich und entspannt sich bei einem Campari. „Und er wusste gar nicht, wie recht er hatte“, ergänzt sie lachend. Während des Lesens schwebte ihr nämlich sofort ein Theaterstück vor. „Und mir war klar: Das schreib‘ ich dem Reinhard Hauser auf den Leib.“ Hauser, ehemaliger Stadttheater-Intendant, regelmäßiger Gast auf St. Pöltens Bühnen und mit Kienzl gut befreundet, war von dem Kunstkrimi begeistert. „Und für die Gestaltung einer während des Stückes inszenierten graphic novel konnte ich den Marcello gewinnen.“ Mit dem Geiger Gregor Reinberg war dann familienmäßig der nächste St. Pölten-Bezug gegeben. Und Renate Kienzls Gatte und Künstlerbund-Mastermind Ernest durfte ein fiktives Bild des im Stück maßgeblichen Mark Rothko gleichsam als Auftragswerk malen.
„Die Renate ist ein in Permanenz sprudelnder Ideenpool“, meinte der Buchhändler und Kulturvermittler Peter Kaiser schon vor Jahren. Und ihre Begeisterung ist durchaus ansteckend: „Theater, das ist Sprache, Bild, Licht, Musik und Bewegung. Es ist immer wieder spannend, sich in ein Thema zu verbeißen, sich darin umzusehen – hat was mit Leben zu tun. Das Ziel jeder Regiearbeit ist, dass man die viele Arbeit nicht merken darf, das fertige Stück soll Leichtigkeit ausstrahlen, oder wie Tabori sagte: ‚Don‘t push the river, it flows.‘ Alles andere ist Krampf.“ Theater sei eine Reise, die Menschen gemeinsam unternehmen. „Du begibst dich in ein Geheimnis.“
Ihre Theaterleidenschaft existiert schon länger. Aber der Reihe nach: Geboren im Jänner 1953 in St. Pölten maturierte sie 1971 im Neusprachlichen Gymnasium Josefstraße. Nach ihrer Lehramtsprüfung an der Pädagogischen Akademie Krems 1973 war sie 40 Jahre lang im Schuldienst tätig, davon 27 in Radlberg, die letzten 10 Jahre als Leiterin der „Kreativ Lernen VS Radlberg“. Und kreativ musste sie sein, mit einem gewaltig hohen Anteil nicht-deutsch-muttersprachlicher Kinder. „Zudem hatten wir wahnsinnig viele Flüchtlinge aus unterschiedlichsten Ländern!“ Mit denen spielte sie unter anderem – gemeinsam mit Gerhard Hönigl, mit dem sie zuvor schon Kindertheater und Workshops durchgeführt hatte – „Schwarzes Theater“: „Mit der Sprache wär’s nicht gegangen. Aber so waren alle dunkel angezogen und mussten in der Dunkelheit mit sich selbst und den Anderen auf der Bühne auskommen.“ Der davor vorhandene Aggressionspegel sank merklich. „Im ‚Paradies der Fantasie‘ in der Innenstadt haben wir das dann aufgeführt.“ 
Es war nicht das erste Mal, dass Kienzl mit dem Theater zu tun hatte. Parallel zu ihrer Lehrtätigkeit studierte sie Theaterwissenschaften an der Universität Wien, Schwerpunkt Regiearbeit. Ihre Regieassistenz am Stadttheater St. Pölten (dem heutigen Landestheater Niederösterreich) ließ sie in ihre Diplomarbeit einfließen. Im Anschluss daran arbeitete sie bei George Tabori in dessen „Kreis“. „Und dort lernte ich Gelassenheit. Er war kein Wüterich, seine Ruhe war großartig.“ Draußen vor dem Fenster des Cinema Paradiso wird’s langsam dunkel, Kienzl blickt kurz hinaus und meint: „Ich bin ja kein Nietzsche-Fan, aber von ihm stammt ein wunderbarer Ausspruch: ‚Alle gute Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.‘“ 1991 gründete und leitete sie die „Freie Theatergruppe Movimento“ und bespielte damit etwa die Bühne im Hof, das internationale Clownsfestival in Clichy sowie das Donaufestival Krems und führte unter anderem auch am Stadttheater Regie. Von 1995 bis 2012 war sie Vorstandsmitglied in der Kulturplattform St. Pölten. Als Mitbegründerin und Namensgeberin der Literaturzeitschrift ETCETERA, die sie eine Zeitlang auch redigierte, schätzte sie vor allem die Interviews und Gespräche mit Autoren, aus denen sich mitunter auch Freundschaften entwickelten „mit Elfriede Gerstl etwa, HC Artmann oder Dario Fo.“ Im Nachlassband von Gerstl, „Das vorläufig Bleibende“, wurde Kienzls Gespräch mit der Autorin abgedruckt. „Darauf bin ich schon stolz.“ Doch die innigste Freundschaft verband sie wohl mit dem Schauspieler, Musiker, Akkordeonsammler und Allroundkünstler Hannes Thanheiser, der mit seiner Jazz-Combo Café Schmalz des Öfteren auch in St. Pölten auftrat und 2014 mit 89 Jahren verstarb. „Ihn hab‘ ich bei den St. Pöltner ‚Restwochen‘ (einer etwas schrägeren Ergänzungsveranstaltung zu den damals doch recht braven Festwochen, Anm. d. Autors) Mitte der 70er kennen gelernt. Damals hab‘ ich in Neidling an der Volksschule unterrichtet und hatte Thanheisers Sohn in der Klasse. Irgendwann kam der Vater in die Schule und erklärte mir, dass sein Sohn für eine Zeitlang nicht dem Unterricht beiwohnen könnte, da ‚wir grad ein Baumhaus bauen – und da lernt er mehr als bei euch in der Schule.‘ Ich war etwas perplex.“ Kienzl lacht. „Ich hab‘ mir dann das Baumhaus angesehen und es war für mich wie eine Parabel zum Thema Lernen – auch hier gilt, let it flow … und es können Lebensfreundschaften dabei entstehen.“Diese Freundschaft reichte auch ins Theater- und Literaturfestival „Blätterwirbel“ hinein, das sie vor elf Jahren mitbegründet hat und bei dem sie seitdem organisatorisch tätig ist – Thanheiser war dort gern gesehener Gast. Auch das Höfefest organisierte die Vielseitige jahrelang mit, 17 Jahre betrieb sie das Booking von Künstlern – die Kontakte hatte sie ja gleichsam schon in der Rückhand.
Kulturarbeit und -vermittlung als Reiseleitung – irgendwie. 
Kienzl, der „das Gehen“ und „das Garteln“ ungeheuer wichtig sind, hat soeben den „‚Stattgarten‘ erfunden und gegründet – „was aus diesem Pflänzchen wird, werden wir sehen.“ 2006 erhielt sie den Förderpreis für Wissenschaft und Kunst der Stadt St. Pölten und sie hat noch viel vor. Derzeit geht ihre Reise vom Garten zur Bühne und wieder zurück. 
Ob sie und ihr Gatte Ernest einander künstlerisch mitunter in die Quere kommen? „Nur terminlich!“ Doch helfen sie einander – „Ich bin chaotisch, auch im Haushalt!“, gibt Renate Kienzl gerne zu.
Aber ganz ehrlich: Eine Reiseleitung nach Schema F will sowieso niemand.


DUELL
Ein Kunstkrimi von Renate Kienzl / Mitarbeit Reinhard Hauser. Nach der gleichnamigen Novelle von Joost Zwagerman (Weidle Verlag), Uraufführung. 

Mit Reinhard Hauser und Eva Christina Binder. Regie: Renate Kienzl. Geige:  Gregor Reinberg. Graphic Novel: marcello. martin helge hrasko 

Was passiert, wenn die Faust eines Museumsdirektors ein über 30 Millionen Euro teures Gemälde durchschlägt? Allerdings nicht im geschützten Museum, sondern bei der Wiederbeschaffung, nachdem das Bild verschwunden war. Aber: War es nicht doch dort, wo es hingehörte? Und: Wer oder was bestimmt eigentlich den Wert eines Gemäldes? Solche Fragen bringen das Kunstverständnis von Museumsdirektor Jelmer Verhooff ordentlich ins Wanken.

„Duell“ ist eine gewitzte Satire auf den Kunstbetrieb, die in einer zum Teil absurden Verfolgungsjagd nach einem Mark-Rothko-Gemälde gipfelt. Mit hintergründigem Witz stellt das Stück Fragen zu den Themen Original, Fälschung, Marktwert und Ästhetik. Die Premiere findet wenige Tage vor der Eröffnung der Rothko-Ausstellung im Kunsthistorischen Museum statt!

Vorstellungen:
1./6./7./8./9. & 12./13./14./15. März, jeweils 19.30 Uhr

Freie Bühne Wieden
Wiedner Hauptstrasse 60 b
1040 Wien
Tel.: +43 (0)664 3723272
freiebuehnewieden@gmx.at