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St. Pöltens gute Seite

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Der lange Schatten

Text Gotthard Gansch, Siegrid Mayer Ausgabe 06/2014

Vor nunmehr zehn Jahren erfuhr das Priesterseminar in St. Pölten zweifelhaften Ruhm: Homosexuelle Handlungen, die „Bubendummheiten“ (Zitat Kurt Krenn) oder beschlagnahmte Computer hatten ein riesiges Medienecho zur Folge. Doch was ist seither geschehen?

Im Jahr 2004 flog der Skandal auf: Auf dem Computer des Priesterseminars St. Pölten waren tausende Fotos mit pornografischem und kinderpornografischem Inhalt heruntergeladen worden, außerdem sollen homoerotische Partys stattgefunden haben. Ermittler fanden damals, wie „Profil“ berichtete „40.000 Fotos sowie zahlreiche Filme mit teils abartigen Sexdarstellungen in den Zimmern angehender Gottesdiener.“ Dabei sollen Jungpriester „in perversen Situationen, teils mit ihren Vorgesetzten, zu sehen“ sein. Auch ein Foto veröffentlichte das Nachrichtenmagazin, auf dem Regens Ulrich Küchl einem bekleideten Mann zwischen die Beine zu greifen scheint. Der Regens bekämpfte die weitere Verbreitung des Fotos gerichtlich erfolgreich und sprach dahingegen von „Verleumdung in den Medien“, all dies seien Lügen seiner Feinde. Zwar stritt er die Existenz der Fotos nicht ab, wohl aber deren Interpretation als homosexuelle Handlung. Küchl erklärte eidesstattlich, „die behaupteten sexuellen Handlungen nie gesetzt zu haben“ und auch sein Subregens Wolfgang Rothe, dem ebenfalls eine Verwicklung unterstellt worden war, ließ wissen: „Weder haben die Verfehlungen je stattgefunden, noch entsprechen die übrigen Anschuldigungen auch nur ansatzweise der Wahrheit.“ Dennoch legten Küchl und Rothe in Folge ihre Ämter zurück, und auch Bischof Kurt Krenn, der die Affäre einmal mit „Bubendummheiten“ abtat, trat im Herbst 2004 offiziell „aus gesundheitlichen Gründen“ zurück. Der zuvor in der Causa vom Vatikan als apostolischer Visitator eingesetzte Feldkircher Bischof Klaus Küng wurde im Herbst desselben Jahres zu Krenns Nachfolger als Bischof von St. Pölten bestellt. Aufgrund des Todes des emeritierten Weihbischofs Fasching Anfang Juni, konnte Bischof Klaus Küng leider aktuell nicht zu seinen damaligen Erfahrungen Stellung nehmen.
Dabei hatte die Affäre schon im Herbst 2003 mit dem Tod eines Seminaristen ihren Ausgang genommen. Bischof Küng wird dazu auf kath.net folgendermaßen zitiert: „Wer seine (die des Seminaristen, Anm.) Geschichte kennt, ist beeindruckt und fragt sich, was hier wohl passiert ist, dass jemand, der von mehreren Stellen wegen mangelnder Eignung zum geistlichen Beruf abgewiesen worden war, im Seminar St. Pölten mit offenen Armen aufgenommen wurde.“

Verzögerung, Beschönigung, Verniedlichung. Der renommierte Journalist Hubert Feichtlbauer (Kurier, Die Furche, SN u.a.), erinnert sich: „Erstaunlich war das sehr unprofessionelle Behandeln der Thematik durch den privat den Medien gegenüber durchaus professionell auftretenden Bischof: Versuche der Verzögerung einer umfassenden Stellungnahme, Beschönigung, Verniedlichung als ‚Bubenstreiche‘. Das war offenbar auch dem Vatikan zu viel und er erzwang Krenns Rücktritt. Den Bischof hat diese Entwicklung erkennbar schwer getroffen, er fühlte sich nun offenbar von allen Seiten bedrängt und verraten.“ Das langsame Reagieren des Vatikans habe aber auch Vorteile, wie Paul Zulehner, emeritierter Professor für Pastoraltheologie an der Uni Wien, damals zu denken gab: Die Organisationsentwicklung dränge gerade in so sensiblen Fragen zur Entschleunigung, denn das garantiere auch eine langfristig haltende Lösung. Damit könne der Erneuerungskurs in der österreichischen Kirche fortgesetzt werden. Zu den konkreten Vorfällen im Priesterseminar meint wiederum Feichtlbauer: „Im Priesterseminar hat es sich um einvernehmliche sexuelle Beziehungen unter Erwachsenen gehandelt – die waren und sind zwar kirchenrechtlich streng verboten, im staatlichen Strafgesetz aber nicht mehr. Daher taten sich auch gesellschaftspolitisch aufgeschlossene Krenn-Kritiker schwer: Sie konnten dem Bischof nur dessen Inkonsequenz im innerkirchlichen Sinn vorwerfen, nicht aber in der Sache selbst, dass er Sex im Seminar geduldet habe, da ja Aufhebung des Pflichtzölibats für Weltpriester zum Kernbereich innerkirchlicher Reformforderungen gehört.“

„Pastoraler Supergau“. Zulehner sprach damals vom „pastoralen Supergau“, und dass man bereits präventiv handeln müsse, wie etwa vorab eine Feststellung der psychosexuellen Reife: „Als ich 1967 bis 69 in der Leitung des Priesterseminars in Wien war, war vor der Weihe immer auch ein Gespräch zwischen dem Weihekandidaten und einer Psychologin angesetzt worden. In dieser Hinsicht ist noch Entwicklungsbedarf. Es wäre auch zu prüfen, ob ins Leitungsteam eines Priesterseminars nicht auch Frauen berufen werden sollten.“ Diverse Affären hinterlassen dabei ihre Spuren: „Die Ansprüche an die Priesterausbildung sind nicht nur wegen Vorkommnissen rund um Homosexualität, sondern auch wegen des Missbrauchs von Kindern durch Priester angehoben worden. Es gibt vom Vatikan neue Richtlinien und bei den verantwortlichen Bischöfen im Land eine neue Sensibilität.“

Der Neuanfang. Zehn Jahre nach Auffliegen des Skandals hat sich einiges geändert. Altbischof Krenn ist Anfang dieses Jahres nach langer Krankheit verstorben, Ex-Subregens Rothe darf seit November 2013 nach längerer Zeit der Besinnung in Perlach bei München wieder Messen halten, das Berufsverbot wurde aufgehoben wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete. Die Priesterausbildung in St. Pölten wurde mit Eisenstadt und Wien aufgrund der geringen Teilnehmerzahlen zusammengelegt und vollzieht sich nun in der Bundeshauptstadt.
Weihbischof Anton Leichtfried, der im März 2005 die Leitung des Priesterseminars in St. Pölten übernommen hat, erinnert sich: „Mir und Bischof Klaus Küng war klar: Es geht um einen Neustart, eine neue Leitung. Und ein bescheidenes Bewusstsein, worum es geht: Priester sein, da braucht es bestimmte menschliche Voraussetzungen, eine gute Einstellung und einen gesunden, tiefen Glauben. Es ist ja ein wunderbarer, für mich der schönste Beruf, Priester und Seelsorger zu sein: Ich begleite Menschen in den schönsten und schwierigsten Momenten des Lebens, am Beginn des Lebens, an entscheidenden Knotenpunkten und auch in den schwierigsten Momenten wie Krankheit und Tod. Papst Franziskus zeigt uns, wie man mit Ehrlichkeit, Einsatz und Bescheidenheit helfen kann!“
Die Diözese St. Pölten stellte in den letzten Jahren jeweils etwa zehn bis zwölf Priesteramtskandidaten, „das entspricht dem Schnitt für Österreich“, im gemeinsamen Seminar mit Eisenstadt und Wien sind es etwa 40.
In St. Pölten besteht nach wie vor die Philosophisch-Theologische Hochschule mit Ausbildung für Religionspädagogik und diverse pastorale Berufe, etwa in der Pfarre oder im Krankenhaus. Die Aussichten sind, so Leichtfried, positiv: „Dieses Jahr werden drei Seminaristen zu Priestern geweiht. Nächstes Jahr gibt es auch drei Kandidaten, und es haben sich vier Bewerber für das neue Studienjahr gemeldet.“ Das Gebäude selbst werde vielfältig genutzt, es gebe eine „sehr gut sortierte öffentliche Fachbibliothek, die für alle frei zugänglich ist.“ Weiters fänden Orgelunterricht im Rahmen des Konservatoriums für Kirchenmusik, Fortbildungen, Hochschullehrgänge, Veranstaltungen für Pfarrgemeinderäte sowie öffentliche Vorträge statt: „Es ist ein Haus der Berufung, der Bildung und der Begegnung mitten in der Stadt, mitten in der Diözese, mit vielen Möglichkeiten!“

 

PERSONEN

Propst Ulrich Küchl (* 22. November 1943 in Königsberg) ist ein österreichischer Komponist, der u.a. bei Gottfried von Einem studierte. Der römisch-katholische Priester war von 1976 bis 2008 der 46. (mittlerweile emeritierte) Propst des Stiftes Eisgarn. Von 2001-2004 war er Regens des St. Pöltner Priesterseminars.

Dr. Wolfgang Rothe,
ehemaliger Subregens unter Ulrich Küchl ist mittlerweile Kurat in München. Eine Stellungnahme des Erzbis­tums München dazu lautet: „Dieser Einsatz von Dr. Rothe erfolgt probeweise, befristet und unter fachlicher Hilfestellung. Er gehört weiterhin zur Diözese St. Pölten und wird mit Zustimmung von Erzbischof Marx zunächst probeweise für ein Jahr in einem Seniorenheim der Pfarre St. Michael in München tätig sein. Bischof Küng erklärt, er halte es für richtig, einem Priester, der guten Willens ist, eine Chance zu geben.“

Remigius Robert Rabiega,
ehemaliger Seminarist und an der Aufklärung der Causa Priestersseminar 2004 beteiligt, betreibt mittlerweile die Eventagentur „Bestmanagement“ und lebt im Raum St Pölten.

Dr. Anton Leichtfried war seit 2000 Spiritual am gesamtösterreichischen Propaedeuticum (Vorbereitungsjahr für Priesteramtskandidaten) in Horn. 2006 wurde er von Papst Benedikt XVI. zum Titularbischof von Rufiniana und zum Weihbischof in der Diözese St. Pölten ernannt. Seit 4. März 2005 ist er Regens des Priesterseminares.

Dr. Kurt Krenn wurde am 11. Juli 1991 durch Johannes Paul II. zum Bischof der Diözese St. Pölten ernannt. Am 29. September 2004 legte er auf Wunsch von Papst Johannes Paul II. im Zuge der Causa Priesterseminar das Bischofsamt zurück, ohne jedoch die Vorwürfe jemals zu bestätigen. Er lebte von der Öffentlichkeit zurückgezogen und starb am 25. Jänner 2014 nach langer Krankheit in der Pflegestation des Klosters der Dienerinnen der Immaculata in Gerersdorf bei St. Pölten.

DDr. Klaus Küng wurde 1989 von Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Feldkirch ernannt. 2004 kam er als Apostolischer Visitator zur Causa Priesterseminar in die Diözese St. Pölten und wurde im Oktober 2004 zum Nachfolger von Bischof Kurt Krenn zum Bischof von St. Pölten ernannt. Papst Benedikt XVI. bestätigte 2008 die von Küng gegenüber Küchl und Rothe verhängten Kirchenstrafen und sämtliche getroffenen seelsorglichen Sicherungsmaßnahmen definitiv. Bischof Küng ist Mitglied der Kongregation für den Klerus und Konsultor des Päpstlichen Rates für die Familie.

 

Interview REMIGIUS RABIEGA: "St. Pölten ist kein Thema mehr"

MFG plauderte mit dem ehemaligen Priesterseminaristen und heutigen Eventmanager Remigius Rabiega über die Vorgänge von damals.

Wie haben Sie Ihre kirchliche Laufbahn eingeschlagen?
Ich war immer schon aktiv in der Kirche engagiert. Die österreichische Bischofskonferenz führte damals das einjährige Propädeutikum ein, in dem man sich vor dem Theologiestudium in Bibelschulung und psychologischer Auseinandersetzung auf Eignung zum Priesterberuf prüfen soll. Ich habe es als tolle Erfahrung erlebt. Im Alter von 26 kam dann die, mit dem nunmehrigen Weihbischof Leichtfried als geistigem Begleiter abgesprochene Entscheidung zum Priesterseminar St. Pölten.

Wie war der Einstieg ins Priesterseminar?
Der damalige Regens Küchl und Subregens Rothe haben versucht, dort eine Art „Homo-Lobby“ aufzubauen. Es gab Saufgelage und sexuelle Beziehungen zwischen Regens oder Subregens und Seminaristen. (Die Genannten bestreiten die Duldung von Homosexualität unter ihrer Leitung sowie insbesondere die aktive Verwicklung, Anm. d. Red.) Auf dem Computer wurde pornografisches Material gefunden, wofür derjenige dann auch verurteilt wurde. Etwa 25% der Seminaristen des Hauses waren dabei und haben sich abgeschottet. Mein erster Gedanke war: „Das geht net“, es gab aber vorher Versuche alles intern zu regeln, denn innerkirchlich haben es viele gewusst. Es gab viele Gespräche mit Bischof Fasching, Schönborn, Leichtfried bis zum Nuntius. Auch Schönborn hat in Rom berichtet.

Wie haben Sie die Situation der Seminaristen empfunden?
Es war eher Machtmissbrauch, aber kein sexueller Missbrauch in dem Sinne, da alle Teilnehmer gerne und freiwillig dabei waren. Deshalb hat alles auch so lange gedauert. Krenn hatte gute Kontakte nach Rom, wahrscheinlich viel Einfluss. Ich war der Buhmann, weil ich mit Krenn-Gegnern Kontakt aufnahm. Es wurde gemeldet, aber es war keine Änderung zu spüren. Dann ist „Material aufgetaucht“ und damit sind wir dann an die Medien (u.a. Profil, News, ARD, Anm. d. Red.). Danach kamen tausende von Drohbriefen von Krenn-Anhängern. In diesem Chaos war ich, als „größter Feind des Seminares“, fertig und enttäuscht, habe bei Emmaus Unterschlupf und auch Arbeit gefunden.

Warum haben Sie sich nach den Vorfällen gegen den Priesterberuf entschieden?
Die Erfahrung war so schlimm, dass ich etwas anderes machen wollte. Aber ich kann immer noch nicht ganz ausschließen, Priester zu werden. Die Erfahrung in der sozialen Arbeit hat mir viel Freude gemacht, ab 2009 habe ich dann aber mit Bestmanagement begonnen, was mittlerweile mein Hauptberuf ist.

Sie sind selber bekennend schwul, seit wann war Ihnen das bewusst?
Meine sexuelle Orientierung war mir selber sehr früh bewusst, ich stehe auf Männer, lebe in einer Beziehung im Raum St. Pölten. Aber Conchita Wurst ist großartig, die Kunstfigur hat mit dem Song Contest und der Botschaft Toleranz eine unglaubliche Macht. Deshalb ist die Ö3 Info Kampagne auch so wichtig, gerade hier im katholischen und ländlichen Milieu haben viele jungen Menschen Angst sich zu outen.

Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu ehemaligen Seminarkollegen?

St. Pölten ist kein Thema mehr!