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St. Pöltens gute Seite

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Dark Road of the Town

Text Beate Steiner Ausgabe 09/2014

An allen Ecken und Enden der Stadt wird gebaut und behübscht. Aufbruchsstimmung also, vom Bahnhof bis zum Rathausplatz. Und dann kommt sie, die Linzer Straße, „the dark road of the town“.

Schreibwaren Wunderbaldinger, Nähmaschinen Erd, Konditorei Haider, Cabrio, Bichler-Moden, Fleischhauerei Orthofer, Trachten Prochaska, Hippolyt-Buchhandlung – wer bei diesen Namen ein Bild vor Augen hat, der hat schon vor langer Zeit in St. Pölten gelebt. In einer Zeit, als diese Geschäfte die Linzer Straße prägten, sie zu einer wichtigen Einkaufsmeile der Stadt machten.
Doch die Zeiten ändern sich. Wo Schüler Buntstifte, Wurstsemmerl und Reclam-Hefte erstanden, ist jetzt nichts mehr los. Gezählte elf Shops stehen hier, am Südwestrand der Fußgängerzone, leer, viele Häuser wirken desolat und abgewohnt – ein irritierender Kontrast zur aufblühenden City rund um Herrenplatz und Kremser Gasse. Wer durch die Linzer Straße geht, schlendert nicht zum Window-Shopping durch, sondern sucht gezielt ein Geschäft auf. Wie zum Beispiel den SOMA-Markt, vor dem reges Treiben herrscht, oder den Tee- und Räucherstäbchen-Spezialisten Ettenauer oder Orthopädieschuhmacher Leeb, in der Nähe des Linzer Tors. Das Spezialgeschäft ist vor einigen Jahren von der Fußgängerzone hierher in ein größeres Lokal gezogen, „und es hat am Anfang auch sehr gut funktioniert“, berichtet Gabriele Leeb. Allerdings sind mit den kleinen Linzer-Straßen-Geschäften auch die Laufkunden verschwunden, „zu uns kommen fast nur mehr Stammkunden“, so Leeb.
Auf die setzt auch Wolfgang Löffler von Immobilien Weiretmair: „Wir sind mit dem Standort sehr zufrieden“, sagt der Immobilienprofi, für den ein zentrumsnahes Geschäftslokal mit Auslagen wichtig ist: „Da ist die Schwelle geringer als in Büros, die nicht im Erdgeschoß liegen – die Leute schauen einfach rein.“ Wichtig ist für Löffler auch, dass die Leute in der Nähe parken können, „das fußläufige Publikum ist nicht unseres.“
Genau dieses Publikum soll aber bald wieder angelockt werden. Denn die Stadtverantwortlichen setzen große Hoffnung in ein Projekt, das zu Beginn des nächsten Jahres gestartet wird: Am Linzer Tor entsteht LT1, ein Büro-und Geschäftshaus, für viele die Initialzündung zur Wiederbelebung der Linzer Straße.

Hoffnungsschimmer
Die archäologischen Arbeiten und eine geringfügige Planänderung haben den Baustart für das vom Architekten-Team AllesWirdGut geplante Stadthaus verzögert, aber im Frühjahr 2015 geht’s los, bestätigt Rechtsanwalt Anton Hintermeier, einer der Bauherren: „Das Grundkonzept bleibt gleich.“ Im Erdgeschoß wird Josef Weinhofer seine Möbel ausstellen, eventuell ein Gastrobetrieb einziehen. Zwei Büro-Ebenen bespielen die Rechtsanwaltskanzlei Hintermeier und Steuerberater Höchtl und im Dachgeschoß sind einige Wohnungen geplant. In längstens eineinhalb Jahren soll das LT1 bezugsfertig sein – inklusive Tiefgarage für den Eigenbedarf.
Zug um Zug mit dem Bau des Leitprojekts dürfte aber auch ein neues Verkehrskonzept realisiert werden. Derzeit ist die Linzer Straße „auf zwei Funktionen degradiert“, sagt Anton Hintermeier, „als Zufahrt zum Rathausplatz und zum Parken.“
Das könnte sich bald ändern. Eine „gut funktionierende durchdachte Verkehrslösung zwischen Josefstraße – Promenade – Linzerstraße – Rathausplatz“ wird gesucht, sagt St. Pöltens Masterplan-Gestalter Josef Wildburger. Im Klartext: Die Linzer Straße soll zur verkehrsberuhigten Zone, zum Teil einer Umweltverbundachse werden. Umweltverbundachsen sind Lebensraumstraßen, in denen den Fußgängern und Radlern mehr und attraktiverer Raum zugestanden wird. So steht das im Generalverkehrskonzept, so sehen das auch die meisten Politiker. Bürgermeister Matthias Stadler stellt sich die Linzer Straße in einigen Jahren als „urbanen Straßenzug vor, mit erheblicher Verkehrsberuhigung und Flächen im öffentlichen Raum, die auch das zu Fuß gehen wieder attraktiv machen.“ Die grüne Gemeinderätin Nicole Buschenreiter wünscht sich eine fußgängerfreundliche Zone als lebenswertes Umfeld für die St. Pöltner, und VP-Stadtrat Markus Krempl will zwar nicht die Autos verbannen, steht aber einer attraktiven Umweltverbundachse durchaus positiv gegenüber. Lediglich FP-Gemeinderat Klaus Otzelberger ist überzeugt, dass die St. Pöltner Fußgängerzone ohnedies schon zu groß ist und nur Autos Frequenz zu den Geschäften bringen.
Jens De Buck, oberster Stadtplaner, ist Realist. Es werde noch einige Jahre dauern, bis eine anziehende Linzer Straße eine neue Verkehrslösung rund um das Rathaus erlaube: „Wir müssen die Anrainer überzeugen, dass Fließverkehr nicht das einzig Wahre ist.“
Aber wie attraktiviert sich eine Straße? „Die Stadt kann nur die Rahmenbedingungen schaffen“, meint Markus Krempl, und: „Wir sollten uns mit den Hauseigentümern an einen Tisch setzen.“ Vielleicht habe die Linzer Straße als Einkaufsstraße ausgedient, sei dafür aber als Wohnstraße begehrt. „Eine wirtschaftlich starke Innenstadt ist Garant für eine vitale Entwicklung, auch wenn man nicht jeden Winkel als Wirtschaftsfläche nutzen muss.“ Auch Bürgermeister Matthias Stadler ist überzeugt, dass vom Linzer Tor bis zur Prandtauerstraße „hohes Potential für kleinteilige gemischte Strukturen“ vorhanden ist, mit „Handel, Büros und vor allem Wohnen.“

Side-Step
Den entscheidenden Kick dafür kann ein Projekt am Karmeliterhof bringen, das soeben fixiert wurde. Die Karmeliterhof Projektentwicklungsgesellschaft mit Peter Nikolaus Lengersdorff und Michael Rieder will dort auf 12.000 Quadratmetern Büros, Handelsflächen und auf 4.000 Quadratmetern Wohnungen errichten, inklusive großer Tiefgarage – und möglichem Zugang zur Linzer Straße. Dabei könnte noch ein Haus eine entscheidende Rolle spielen, das zum einen der Bürgerspitalstiftung (also der Stadt) und zum anderen der Diözese gehört – das Haus Linzer Straße 10. „Natürlich bin ich weiterhin daran interessiert, dieses Gebäude in unser Projekt zu integrieren“, sagt Peter Lengersdorff.
Baustart für das 35-Millionen-Euro-Projekt könnte 2016 sein.

Sunny Side der Linzer Straße
Je nordöstlicher die Linzer Straße sich windet, desto mehr verändert sie sich. Die Fassade des Klosters „Congregatio Jesu“, also der Englischen Fräulein, gehört zum Pflichtprogramm jeder Stadtführung. Und rundherum macht sich quasi auf der Hinterseite des Rathauses der städtische Verwaltungsbezirk breit. In diesem Fußgängerzonen-Teil der Linzer Straße keimt zaghaft so etwas wie urbanes Leben auf. Nur ein Haus steht leer, in das angrenzende der Lengersdorff Entwicklungsgesellschaft zieht in den nächsten Wochen das Bildungs- und Heimatwerk ein.
Rund um die Lokale „Emmi“ und „Lorenz“ hat auch die Linzer Straße städtisches Flair. Noch nicht lange. „Die Linzer Straße war ja eine Zeitlang wie der ‚Wilde Westen‘, da war nix nach dem Riemerplatz“, sagt Inge Tauchner. Und: „Es gibt jetzt noch immer Lieferanten die fragen, ob ich sicher bin, dass ich die richtige Adresse angegeben habe.“ Mittlerweile habe sich die Frequenz aber gesteigert. „Ein erster Schritt zur Wiederbelebung war die Öffnung der Pforte des Instituts, weil da jetzt Eltern und Schüler durchgehen und bei uns vorbeikommen.“
Die Delikatessen- und Gastro-Fachfrau freut sich, dass sie gemeinsam mit den „Emmi“-Betreibern Michael Glöckel und Heribert Weidinger und ihrem gemeinsamen „Verein zur Belebung der Linzerstraße“ schon einiges bewirkt hat: „Wir punkten zum Beispiel mit Veranstaltungen. Damit Flair entsteht, braucht es kleine Initiativen, Menschen vernetzen ist dabei sehr wichtig.“
Michael Glöckel, der mit Heribert Weidinger nach dem erfolgreichen Café Schubert am Herrenplatz mit dem „Emmi“ auch in die Linzer Straße lockt, ist ähnlicher Ansicht: „Man sieht, dass durch uns die Linzer Straße bespielt wird. Wir schaffen Platz, wo die Leute sich entspannen können.“
Den dunklen Teil der Straße sieht er als Chance für innovative Menschen. „Uns würde jeder helfen, der wie wir so wahnsinnig ist und Leute mit einem Geschäft herzieht.“ Allerdings: „Es ist alles so überreguliert, viele geben gleich wieder auf, wenn sie damit konfrontiert werden. Da sollte die Behörde einmal darüber nachdenken und den Ermessensspielraum nutzen.“
Nichtsdestotrotz ist Michael Glöckel überzeugt: „St. Pölten ist in einem schönen Aufwind, da wird sehr viel umgesetzt, sehr viel gebaut. Wenn mehr Leute da sind, da wohnen, hat die Linzer Straße eine Chance.“