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CHRISTINA GEGENBAUER - Theater muss brisant sein

Text Thomas Fröhlich, Andreas Reichebner Ausgabe 11/2019

Gerade eben wurde Christina Gegenbauer der Kulturpreis des Landes Niederösterreich in der Sparte Darstellende Kunst übergeben. Zu Recht, denn in ihren Regiearbeiten zeigt die gebürtige St. Pöltnerin, wie aktuell, brisant und lebensverändernd Theater sein kann.

Mit dem Leben wurde Christina Gegenbauer, wie sie selbst sagt, im Restaurant ihres Vaters unmittelbar konfrontiert, „man sieht so viel, das war eine Schule des Lebens für mich.“ Im Gymnasium gesellte sich dann der Theatervirus dazu, infiziert vom Doyen des Schul- und Amateurtheaters in St. Pölten, Bernhard Paumann. Daraus folgte unweigerlich, dass sie Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien studierte und danach an diversen Theatern in Österreich und Deutschland als Regieassistentin engagiert war. Neben ihren Schauspiel­inszenierungen u. a. am Burgtheater, Staatstheater Nürnberg, Theater Regensburg oder am Theater Münster, arbeitet Gegenbauer spartenübergreifend und realisiert ebenso Performances und Installationen, z. B. beim Viertelfestival Niederösterreich. Ihre Inszenierung von Horváths „Hin und Her“ wurde zu den Ruhrfestspielen Recklinghausen eingeladen.
Heuer durfte sie sich über die Verleihung des Kulturpreises des Landes Niederösterreich in der Sparte Darstellende Kunst freuen. „Theater macht man nicht alleine, deshalb bedanke ich mich herzlich bei den tollen Schauspielerinnen und Schauspielern und meinem großartigen Team für die inspirierende Zusammenarbeit sowie bei allen Auftraggebern, die ihr Vertrauen in mein künstlerisches Schaffen setzen … und natürlich beim Publikum“, weiß Gegenbauer die Wichtigkeit der Teamarbeit am Theater zu schätzen.
In ihren Ausstellungskonzepten, Inszenierungen und Performances erforscht Christina Gegenbauer immer wieder die Rollenaufteilung zwischen Akteurinnen und Akteuren und Rezipientinnen und Rezipienten. Bei ihren Projekten ist die interaktive Rolle des Publikums wesentlich.
Intelligente Konstruktionen eines Stückes mag sie, die sukzessive Entwicklung der Charaktere, das langsame Entblättern der Figuren – und auch die Aktualität des Textes, seine zeitgemäße Wichtigkeit und direkte Brisanz. Gegenbauer, die bis dato mit Texten zeitgenössischer Autorinnen und Autoren gearbeitet hat, schließt dabei aber auch klassische Stoffe nicht aus. „Das Thema muss für die Zeit wichtig sein.“ Essentiell für die Theaterarbeit ist ihr auch, dass es bei ihren Regiearbeiten keiner (Vor-) Kenntnisse des Theaterkanons bedarf. „Ich bin kein Fan von einem Theatermuseum auf der Bühne.“ Diesen freien und frischen Zugang lebt sie auch in ihren anderen Arbeiten neben der Regie und den Bühnenstücken. Daher rührt ihre Nähe zum Publikum. MFG wollte es genauer wissen, die Fragen stellte Thomas Fröhlich.

Wie sind Sie zum Theater gekommen? Gab es soetwas wie eine Initialzündung?
Ich war Teil einer ambitionierten Schultheatergruppe im Gymnasium in der Josefstraße. Dort bin ich zum ersten Mal mit dem Medium Theater in Berührung gekommen. Als Initialzündung würde ich die Teilnahme an einem Jugend-Projekt der Ruhrfestspiele Recklinghausen bezeichnen. Dort haben Jugendliche aus ganz Europa zehn Tage lang gemeinsam an Kunstprojekten gearbeitet und ich habe erlebt, wie Kunst verbindet und Dialogräume schafft.
 
Haben Sie schon in STP inszeniert, bevor Sie andernorts tätig waren? Oder haben Sie gleich woanders begonnen?
Zum ersten Mal inszeniert habe ich am Theater Münster. Bisher habe ich vor allem in Deutschland gearbeitet.
Demnächst heißt es „back to the roots“. Am 28. Mai 2020 findet in St. Pölten nämlich die Premiere meiner Inszenierung von „Am Boden“ statt, ein sehr spannendes Stück, welches man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte. Es ist die Geschichte einer Kampfjetpilotin, die nach ihrer Karenz in einer Drohnensteuerungszentrale stationiert wird. Die Hauptfigur ist ein Extrembeispiel, wie man Berufs- und Privatleben vereint – oder auch nicht. Und es beschäftigt sich mit dem individuellen Gefühl der Gefährdung sowie mit Drohnen. Ich freue mich sehr, dass die Produktion Teil des Viertelfestivals Niederösterreich und eine Koproduktion mit der Bühne im Hof ist.

Sie sind ja auch außerhalb des Theaters tätig – inwiefern?
Ein Beispiel ist das Gesamtkunstwerk „KARLOPOLIS – Utopie einer Großstadt“, welches ich gemeinsam mit dem Aktionskünstler und Maler donhofer. in Karlstetten realisiert habe. Vier Tage lang konnten sich Bewohnerinnen und Bewohner der „Metropole“ die Fragen stellen, in welcher Gemeinschaft sie leben wollen und wie sich ihr Ort weiterentwickeln soll. Es gab u. a. interaktive Installationen zu erkunden, Jam-Sessions und Konzerte, geführte Stadtspaziergänge, Performances, Lesungen und Filmvorführungen. Wir haben uns sehr gefreut, als uns die Anfrage erreichte, ob der neue Gemeindebus KARLOPOLIS-Bus getauft werden darf, denn einer unserer Schwerpunkte des Projekts widmete sich dem Thema Verkehr – Kunst kann Gedankenanstöße liefern, die das Zusammenleben verändern.

Was kann Kunst bewirken? Was wollen Sie bewirken? Art for art‘s sake, was durchaus legitim ist, oder haben Sie eine gesellschaftspolitische Agenda?

Mir ist wichtig, dass diese Gedankenanstöße ohne moralischen Zeigefinger erfolgen. Belehrung ist für mich nicht unterhaltend. Kunst ist für mich im besten Fall eine ästhetische Erfahrung, die nicht nur auf einer kognitiven, sondern auch auf einer emotionalen Ebene trifft.

Was muss ein Theaterstück haben, um Sie für eine Inszenierung zu begeistern?

Das Stück muss vor allem ein gesellschaftsrelevantes Thema behandeln, mit dem ich mich auseinandersetzen will. Seine Sprache muss mich im wahrsten Sinne des Wortes ansprechen, einen Rhythmus beinhalten, der mir gefällt.
 
Lieblingsautorinnen/-autoren?
Ferdinand Schmalz, Ödön von Horváth, neu entdeckt Nina Segal ...
 
Zu St. Pölten: Würden Sie hier auch in Zukunft gerne arbeiten?

Ich mag es, unterwegs zu sein und an verschiedenen Orten zu arbeiten, dennoch: Längerfristig an dem Ort zu arbeiten, wo ich herkomme, würde mich sehr reizen. Ich habe große Lust ein Programm zu erstellen, das Themen bearbeitet, die St. Pölten beschäftigen und gleichzeitig über den Tellerrand hinausschauen. Mich damit auseinanderzusetzen, was die Menschen in meiner Heimatregion bewegt, wäre eine schöne Herausforderung.

Was beudeutet der Kulturpreis?

Ich freue mich wirklich sehr über den Kulturpreis! Die Auszeichnung ist eine große Ehre. Da man Theater nicht allein macht, geht der Preis auch an die tollen Schauspielerinnen und Schauspieler und an mein großartiges Team. An dieser Stelle möchte ich mich herzlich für die inspirierende Zusammenarbeit bedanken.

Was Sie schon immer sagen wollten – sagen Sie es den MFG-Lesern JETZT! 
Ich freue mich, wenn wir uns bei der Premiere in der Bühne im Hof sehen. Tickets gibt‘s im Kartenbüro am Rathausplatz und online.


BEICHL MIT NESTROY AUSGEZEICHNET
Aus welch großem Potential in St. Pölten geborene oder heranwachsende Theatermachende schöpfen, beweist auch ein anderes Beispiel aus der Theaterszene. Der in der Landeshauptstadt aufgewachsene Moritz Beichl wurde eben mit seiner Inszenierung von Paulus Hochgatterers „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ mit dem Nestroypreis in der Kategorie „bester Nachwuchs“ ausgezeichnet. In der Spielzeit 2018/19 wurde das Stück, in dem der österreichische Kinderpsychiater und vielfach ausgezeichnete Schriftsteller Paulus Hochgatterer eine exemplarische Geschichte davon, wie man im Kriegszustand ein Mensch bleibt, erzählt, am Landestheater Niederösterreich uraufgeführt.
Moritz Beichel inszeniert u. a. am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, Deutschen Theater Göttingen, Stadttheater Bremerhaven und am Staatstheater Braunschweig. Neben klassischen und selbstgeschriebenen Texten arbeitet Beichl auch mit zeitgenössischen Autor­Innen wie Thomas Köck, Tanja Šljivar und Thomas Perle.