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St. Pöltens gute Seite

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Chinesischer Fluch

Text Michael Müllner Ausgabe 03/2020

Mögest du in interessanten Zeiten leben. Dieses Sprichwort wird als „Chinesischer Fluch“ bezeichnet. Passend, denkt man an die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Der Fluch, der in St. Pöltens 8.000 Kilometer entfernten Partnerstadt Wuhan seinen Ausgang nahm, lässt die Welt den Atem anhalten.
Unsere Welt ist vernetzt, die Menschheit ein einziger Organismus. Auch wenn wir nur lokal handeln können, sollten wir dennoch global denken. Denn Abschottung und Isolation führte schon vor Jahrhunderten nicht zum Erfolg. Die mittelalterliche Pest breitete sich gnadenlos aus, trotz hoher Stadtmauern und befeuerter Feindbilder. Schuld waren nun mal eben nicht brunnenvergiftende Juden, sondern die Tröpfcheninfektion zwischen den guten Christenmenschen. Heute praktizieren wir sozial weitgehend akzeptierten Rassismus und schimpfen über die chinesische Reisegruppe am Nebentisch, während uns das mulmige Gefühl beim Italiener dann doch etwas peinlich ist und wir es lieber noch für uns behalten.
Ja, die Balance zwischen übertriebener Panik und seriöser Reaktion ist schwierig. Was angemessen war, wissen wir erst im Rückblick. Dafür erschreckt uns schon heute die Bereitschaft unsere Menschlichkeit aufzugeben: Das Virus als Abwehrkampf des Planeten gegen Kapitalismus, Klimazerstörung und Überbevölkerung? Die Sterberate bei Älteren als schulterzuckender Kollateralschaden beim Beklatschen des „natürlichen“ Verlaufs der Dinge? Zu viele reden dem Wahnsinn des Utilitarismus das Wort und sprechen verharmlosend vom Opfer des Einzelnen für die Gesellschaft. Interessante Zeiten...