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Baubeirat-Initiator NORBERT STEINER - „Das hat die Stadt nicht verdient!“

Text Johannes Reichl Ausgabe 11/2019

Das nasskalte Novemberwetter und der erste patzige Schnee passen zur allgemeinen Trauerstimmung in der Stadt, als ich den ehemaligen Hauptstadtplaner und Obmann der ALPENLAND, Norbert Steiner, treffe. Am Vortag hat Bad Ischl den Zuschlag zur Europäischen Kulturhauptstadt 2024 bekommen, St. Pölten ist leer ausgegangen.

Das verstehe ich überhaupt nicht“, schüttelt Steiner den Kopf „das ist eine Verzwergung des Grundgedankens der Europäischen Kulturhauptstadt.“ Dabei waren St. Pöltens Kulturhauptstadt-Ambitionen indirekt Auslöser für Steiners Forderung nach einem Baubeirat, der seit mittlerweile fast zwei Jahren auf sich warten lässt und über den wir plaudern möchten. „Wenn der jetzt auch nicht kommt, geb ich meinen Prandtauerpreis zurück!“

Die Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt war Anstoß für Sie, einen Baubeirat einzufordern. Warum eigentlich?

Für mich war ganz klar, dass auch die Baukultur ein Teil der Überlegungen sein muss und das hat sich – auch wenn wir es jetzt nicht werden – nicht geändert. Es drängt sich in St. Pölten halt schon der Eindruck auf, dass in den letzten Jahren im Hinblick auf die Bautätigkeit mehr auf Quantität denn Qualität geschaut wurde. Viele Projekte sind mittelmäßig, um in einigen Fällen nicht von „furchtbar“ zu sprechen. Da könnte ein Baubeirat definitiv helfen. In Österreich gibt es ja rund 60 Gestaltungsbeiräte, jede Landeshauptstadt hat so eine Einrichtung – für St. Pölten ist das also überfällig, gerade auch im Hinblick auf sensible, öffentliche Bereiche wie etwa die Innenstadt oder entlang der großen Achsen der Stadt.

Sie sind ja selbst in diversen vergleichbaren Gremien gesessen, etwa in Salzburg. Wie kann man sich so einen Baubeirat vorstellen?
Ich sehe das als Beratungsorgan, mir gefiele – was bereits die Stoßrichtung verdeutlichte – der Terminus „Beirat für Baukultur“, den man als Instrument für die Stadtplanung begreift. Die Stadtplaner haben ja oft tolle Ideen, bringen Projekte auf Schiene, die dann im nächsten Schritt an die Baupolizei weitergehen, die aber rein nach gesetzlichen Maßstäben beurteilt, wodurch das Gestalterische bisweilen auf der Strecke bleibt. Da könnte der Baubeirat eine Brückenfunktion zwischen beiden einnehmen, damit die Gestaltung eben in Folge nicht aus dem Blickwinkel verloren wird, wie es überhaupt wichtig wäre, den Baubeirat von Beginn an in die Planungen miteinzubeziehen und nicht erst späterhin, wenn schon alles auf Schiene ist.

Wo kann denn eine Stadt in Sachen Gestaltung überhaupt Einfluss nehmen – und wie verhindert man, dass der Baubeirat nicht nur eine zahnlose Alibi-Einrichtung bleibt?
Die Kommune kann zum Beispiel, wenn sie Grundstücke vergibt, verpflichtend Architekten-Wettbewerbe vorschreiben – andernfalls bekommt der Bauwerber keine Baugenehmigung. Die Kriterien müssen natürlich in Form eines Statuts niedergelegt werden, unter welchen Bedingungen also was verlangt wird bzw. gebaut werden darf. Um ein Beispiel zu nennen: Das Land Niederösterreich schreibt bei Wohnbauprojekten ab 36 Wohnungen zwingend einen Architekten-Wettbewerb vor, daran müssen sich alle halten. Und als wir im Zuge der Bahnhofsoffensive z. B. den Bahnhof Linz geplant haben, war es selbstverständlich, dass wir mit dem Linzer Gestaltungsbeirat zusammenarbeiten.

Wie kann man sich die Zusammensetzung und Arbeitsweise eines Baubeirates vorstellen?
Wichtig ist, dass er aus externen Experten zusammengesetzt ist, die in keiner Weise befangen gegenüber der Stadt, also unabhängig sind. Ich könnte mir da zum Beispiel vier Personen vorstellen –  zwei Architekten, einen Stadtplaner und einen Grünraumplaner. Die kommen viermal im Jahr vor Ort zusammen, setzen sich mit den Bauwerbern und den Stadtbeamten zusammen, gehen die anstehenden Projekte durch und geben in Folge schriftliche Empfehlungen ab. Diese müssen dann auch im laufenden Prozess auf ihre Einhaltung hin überprüft werden. Das bedeutet nicht, wie offensichtlich manche befürchten, dass dadurch Projekte unnötig in die Länge gezogen werden, sondern es gewährleistet schlicht einen gewissen Qualitätsanspruch.

Als Bürger beschleicht einen mitunter ja das Gefühl, dass der Baubeirat ja ohnehin zu spät kommt – wo wäre er denn schon sinnvoll gewesen, wo sollte er jetzt Empfehlungen abgeben können?
Sinnvoll ist er im Hinblick auf die Gestaltung der ganzen Innenstadt. Eine Empfehlung hätte zum Beispiel sein können, dass man für ein repräsentatives Areal wie den Karmeliterhof einen Architekturwettbewerb durchführt – was dort jetzt passiert ist ja in Wahrheit eine traurige Geschichte, Billigstarchitektur pur an einem der wichtigsten Plätze der Stadt. Auch beim Linzertor wäre ein Wettbewerb wünschenswert gewesen, wo eine Jury darauf achtet, dass das Beste umgesetzt wird, und man hätte wohl auch verhindern können, dass diverse Areale bis auf den letzten Millimeter ausgereizt werden, wenn ich zum Beispiel an das Projekt der BWSG in der Linzer Straße denke oder jenes Bunte  hier am Schulring. Auch die Aktivitäten an der Promenade fallen in diese Kategorie. Ein künftiges Schlüsselprojekt für die Stadt, wo die Einbindung eines Baubeirates Sinn machen würde, betrifft ohne Zweifel die Verwertung und Umsetzung des Leiner Stammhauses am Rathausplatz.

Weil im Baubeirat auch ein Stadtplaner vertreten sein soll – welche Stoßrichtung wird damit verfolgt?
Dass wir uns an Städten wie Kopenhagen oder Aarhus orientieren, die den Autos in der Innenstadt – mit Erfolg und zugunsten der Lebensqualität – den Kampf angesagt haben. Die Grundfrage ist ja schlicht, wie viel Raum dem Auto geopfert wird im Vergleich zu Fußgängern und Radfahrern. Und da ist ganz offensichtlich, dass wir nach wie vor eindeutig den Autoverkehr priorisieren. Nehmen wir nur die ehemalige Debatte rund um die Autobefreiung des Rathausplatzes, oder wie lange wird jetzt schon über einen autofreien Domplatz diskutiert – da sieht man, dass das Auto nach wie vor eine heilige Kuh ist. Da wünschte ich mir auch mehr Mut der Politik, einen rigideren Kurs, auch wenn das schwer fällt.

Wie stehen Sie unter dem Aspekt Grünraum der Diskussion rund um eine etwaige Teilverbauung des Altoona-Parks für das KinderKunstLabor gegenüber?
Ich habe Verständnis für die Grund­idee, dass man diese Einrichtung nahe an die anderen Kultureinrichtungen des Kulturbezirks bringen und so auch eine Achse zur Innenstadt schaffen möchte. Wenn das gescheit gemacht wird – es soll ja eher nur am Rand verbaut werden, soweit ich weiß –  dann macht das schon Sinn, auch unter der Prämisse, dass für jeden Baum, der wegkommt, zwei neue gepflanzt werden. Eine so interessante Grünfläche ist der Altoona-Park jetzt auch wieder nicht, um daraus etwas Unantastbares zu machen. Wichtig ist prinzipiell der Blick aufs Ganze: St. Pölten hat eine so tolle Qualität an Barockbauten, Gründerzeitbauten, auch aus den 20er-Jahren, wenn man etwa an die Arbeiten von Rudolf Wondracek in der Zwischenkriegszeit denkt. Mit dieser Tradition muss man sorgsam umgehen und darf nicht zulassen, dass – überspitzt formuliert – jeder Mist hingebaut wird. Das hat die Stadt einfach nicht verdient!