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St. Pöltens gute Seite

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Anmerkungen zu St. Pöltens History

Text Siegfried Nasko Ausgabe 10/2009

„Konrad, durch die Gnade des Himmels Bischof von Passau, grüßt alle gläubigen Christen seiner Diözese in Ewigkeit. Weil es gerecht ist, einem jeden zukommen zu lassen, was ihm gebührt, erhören auch wir das einmütige Ansuchen unserer Bürger von St.Pölten besonders in dem Punkt, daß wir euch in einem Privileg unsererseits gegen das Vergessen kundtun, daß ihre Gerechtsame zu einem bestimmten Teil in Zukunft frei und unantastbar bleiben soll. Und bekräftigen dies durch das Aufdrücken unseres Siegels.“

Heißt es in der Verleihungsurkunde vom 3. Mai 1159, die nicht nur das bei weitem älteste Stadtrecht Österreichs ist, sondern überhaupt zu den frühesten Verbriefungen, die europäischen Bürgergemeinden von ihren Stadtherren gewährt worden sind, zählt. Drei Dinge sind es, die darinnen den St. Pöltnern gewährt wurden: Jeder Angeklagte konnte sich vor dem Vogttaiding einen rechtskundigen Anwalt nehmen. Kein St. Pöltner musste durch Gottesurteile seine Unschuld beweisen.  Und Auswärtige wurden nicht mehr als Zeugen gegen St. Pöltner zugelassen.  

St. Pölten blickt daher auf eine stattliche Geschichte zurück, „freilich wenig gekannt bei den Einheimischen, erst recht nicht bei den Fremden“ wie  Josef Schwerdfeger 1923  resignativ feststellte. Geschichte, auch Stadtgeschichte, ist nicht schlechthin ein vorgegebener Stoff, den es zu durchdringen gilt, sondern das chaotische Vielerlei der Überlieferung, das erst durch die geistige Anstrengung des Menschen in die als Geschichte aufgefasste Geschehnisabfolge umgeformt wird. Das Stadtprivileg von 1159 bildete fürderhin den rechtlichen Rahmen für das Leben in der  Stadt. Lebendig wird Vergangenheit durch historische Quellen, von archäologisch ergrabenen Fundstücken der Ur- und Frühgeschichte bis eben zu schriftlichen Dokumenten, Ton- und Filmaufnahmen. Niemals kann lückenlos alles Geschehene überliefert worden sein, keine auch noch so eingehende Zusammenfassung kann daher alles Vergangene berücksichtigen. Die Geschichte St. Pöltens sind ja nicht nur die zeitbedingten jeweiligen rechtlichen Rahmen verschiedener Stadtepochen, sondern auch die Gemeinschaft aller Stadtbürger. Auch jeder Bürger für sich schrieb mit seinen Spuren Geschichte - repräsentativ, vernachlässigbar, oft unsichtbar. Es geht dabei daher auch um die Beschreibung der Seele der Stadt, der Menschen als Individuen und als Masse.

Man nimmt an, dass der St.Pöltner Raum bereits in der Altsteinzeit vom Neandertaler besiedelt war. Älteste Linearbandkeramische Siedlungsstellen gibt es in Ragelsdorf  und Pottenbrunn. Die Lengyelzeit ist durch eine Kreisgrabenanlage in Pottenbrunn belegt, wo es auch Hallenhäuser gab, während auf der Galgenleiten  weibliche  Idolfiguren, wie  die kopflose „St.Pölten-Venus“, gefunden wurden. Hockerbestattungen und Hügelgräber zeugen in Unterradlberg von kontinuierlicher Besiedlung zwischen 2300 und 1500 v. Chr. Ein Schwert fand man beim Viehofener Schotterteich. Brandgräber gab es am Eisberg, Urnengräber in Altmannsdorf. Ein mit einem bronzenen menschlichen Kopf abgeschlossner Achsnagel eines Streitwagens aus dem 5. Jhdt. v. Chr. stammt  aus der frühen Phase der keltisch dominierten Jüngeren Eisenzeit in Unterradlberg. Ein frühkeltisches Gräberfeld wurde zwischen Pottenbrunn und Ratzersdorf ergraben. Schwerdfeger triumphierte beim Betrachten der zu seiner Zeit noch relativ spärlichen archäologischen Funde mit dem  Napoleon-Wort „40 Jahrhunderte schauen auf euch herab!“ Und doch sagen diese Funde nur wenig aus über den Alltag, die Kleidung, das Essen, Wege und Behausungen von damals, schon gar nichts über Denken und Gefühle dieser Menschen.

Am Beginn des 2. Jhdts. hatten die Römer in der heutigen Altstadt die Siedlung Cetium neu gegründet, die um 122 durch Kaiser Hadrian als Aelium Cetium zur Zivilstadt erhoben wurde. Cetium reichte im Norden bis zur Parkpromenade, im Westen bis zum Rathaus- und Europaplatz, im Osten bis zum Mühlbach und im Süden bis zur Wiener Straße und Steinergasse. Der Großteil der Bevölkerung waren Veteranen der benachbarten römischen Garnisonen, nach Ende der Dienstzeit wurde den Truppenangehörigen das römische Bürgerrecht verliehen.  In St. Pölten  gab es einen Tempel, verschiedene Priesterschaften, Stadtrichter, einen Gemeinderat, oberste Polizeibeamte und eine Handwerksinnung. Grabungen förderten um 2000 Beweise für den persischen Mithraskult zu Tage. Manche Verwaltungsbeamte wurden Militärtribune, ja fanden Aufnahme in die Reichsaristokratie. Cetianer dienten in Lauriacum in der II. Legion, aber auch bei den Prätorianern und kaiserlichen Gardereitern in Rom. Auch der Hl. Florian kam nach seiner Pensionierung als Amtsvorsteher beim Statthalter von Ufernorikum nach Cetium.Als er 304 in Lauriacum für 40 Glaubensgenossen intervenierte, wurde er zum Tode verurteilt und mit einem Stein um den Hals in die Enns gestürzt. Immer wieder fielen germanische Stämme in das Gebiet ein, 170 wurde Cetium von den Markomannen und Quaden zerstört, ebenso 240. Die Cetianer gerieten jeweils in mehrjährige Kriegsgefangenschaft. Nach 400 wanderte die Bevölkerung in die sichereren Lager an der Donau ab,  um 450 erlosch das Leben in Cetium völlig.  

Nach 791 kam es auf dem Gebiet des antiken Cetium von Tegernsee aus zur Gründung eines Benediktinerklosters, das dem Hl. Hippolyt geweiht war und das älteste Kloster in Niederösterreich ist. 799 wurde erstmals die im Besitz des Bistums Passau befindliche Siedlung Traisma erwähnt. Nach den Ungarnkriegen Ende des 10. Jhdts. beanspruchte es erfolgreich auch das  Benedektinerkloster. Dieses wurde wegen Missständen – nicht unähnlich dem Treiben um 2004 im Alumnat – reorganisiert. Ihm wurde vom Bistum Passau die nördliche Stadthälfte zur wirtschaftlichen Nutzung überlassen. Ab 1030 ist  für die Siedlung der Name St. Hippolyt  gebräuchlich. Um 1050 erfolgte durch Kaiser Heinrich III. die Marktrechtsverleihung an das Kloster. Damit verbunden war die Einhebung von Stand- und  Marktgebühr sowie Zoll von Markttreibenden, der Markt wurde seit dem 13. Jhdt. am Rathausplatz abgehalten.

Am Beginn des 14. Jhdts. kam es in St.Pölten zu einer Art Vorgeschmack auf die „Reichskristallnacht“ 1938. Christen war das Zinsen nehmen durch kirchliche Gebote untersagt. In diesem Vakuum  hatten sich die Juden mit Geldwechsel und Geldleihen etabliert. Gegen derartige Geschäfte hatte sich die Kirche mehrmals öffentlich gewandt. 1306 kam es in St. Pölten jedoch zu einem öffentlichen Aufruhr gegen die Juden, wobei viele erschlagen wurden. Ihr Besitz wurde geplündert. Herzog Albrecht I. unterdrückte diesen Aufstand gewaltsam und war darüber so aufgebracht, dass er die Stadt zerstören und auf landesfürstlichem Grund in Pottenbrunn wieder aufbauen wollte. Auf Intervention von Bischof Bernhard ließ der Herzog zwar von diesem Vorhaben ab, die Stadt musste aber an ihn 3500 Pfund Strafe zahlen. Damals hatte sich in St.Pölten auch die kommunistische Sekte der Adamiten niedergelassen, von denen  1312 elf verbrannt wurden. Kein menschlicher Entwicklungssprung seit dem Ertränkungstod des Hl. Florian durch die Römer. 1338 erhielt St. Pölten von Bischof Albrecht von Passau ein neues Stadtrecht. Neu war, dass der Stadtrichter die Blutgerichtsbarkeit hatte, auch einen eigenen Klosterrichter gab es. Träger der autonomen Rechte war die gesamte Bürgerschaft, die v. a.bei Kriegsgefahr und größeren politischen Ereignissen zu entscheiden hatte. Im Gerichtsverfahren wurde bis zur Aufhebung 1776 auch die „peinliche Befragung“, also die Folter, angewandt. Für Exekutionen konnte der Freimann, da St.Pölten selbst über keinen verfügte, von Krems angefordert werden. Die Hinrichtungen wurden meist sehr grausam vollzogen, Räuber und Mörder wurden gerädert.

1481 verpfändete Bischof Friedrich Mauerkircher von Passau die Stadt gegen den ausdrücklichen Willen  des Kaisers  um 10.000 ungarische Gulden an den Ungarnkönig Matthias Corvinus. Ausschlaggebend dafür waren Geldmangel, Sorge, die Stadt ansonsten ganz zu verlieren, und der Schutz der Bürgerschaft vor Vergewaltigung. Matthias Corvinus bestätigte den St.Pöltnern alle bisherigen Freiheiten, ließ aber empfindlich hohe Abgaben eintreiben. Umgekehrt erhielt St. Pölten von Matthias ein Brückenmautprivileg und 1487 während seiner Anwesenheit in der Stadt ein neues Stadtwappen. Nach Matthias Tod kam die Stadt in den Besitz von König Maximilian, der die Oberhand gewann. Eine Folge davon war der Abzug der ungarischen Besatzungstruppen und die Besetzung St.Pöltens durch die Kaiserlichen. Um den Erlös von 22.000 Gulden hätte das Passauer Bistum St.Pölten zurückkaufen können. Die Bevölkerung wollte aber weder zu den Ungarn noch nach Passau gehören und entschied sich 1494, landesfürstlich österreichisch zu werden. König Maximilian bestätigte alle bisherigen Rechte und gewährte auch finanzielle Hilfen. Relative Toleranz führte zur Dominanz des Protestantismus. Beim Regierungsantritt Rudolfs II. gab es nur noch wenige Katholiken. Lediglich ein evangelisches Pfarramt fehlte. Bevölkerung und Rat erwiesen sich allen gegenreformatorischen Initiativen seit 1576 zum Trotz als solidarisch und grundsatztreu. In einer Art Salamitaktik entzog der Kaiser den Protestanten den Einfluss auf die Stadtschulen, übernahm weiters  den Stadtfriedhof,  ein katholischer Stadtschreiber wurde vom Landesfürsten im Rat durchgesetzt und alle Neubürger mussten  katholische Gefolgschaft schwören. Als 1597 die Bauern rebellierten, verwahrten sich die St.Pöltner dennoch klar, mit diesen zu sympathisieren. Ja St.Pöltner machten einen Ausfall und verfolgten die schließlich sich auflösenden Bauern. 29 Rädelsführer wurden verhaftet und einige davon hingerichtet. Dennoch blieb der  immense gegenreformatorische  Druck bestehen,  viele Bürger blieben ihrem neuen Glauben nach wie vor treu. 1602 kam es jedoch zu ersten Stadtverweisungen von Protestanten und Kardinal Khlesl holte 1623 Jesuiten zur Verstärkung in die Stadt, bis er sich  bei Richter und Rat für die glücklich abgeschlossene Rekatholisierung bedankte. Diese Jahrzehnte des Widerstand gegen geistige Intoleranz stellen  meines Erachtens nach das hohe Lied in der gesamten Stadtgeschichte dar! Man hatte keine eigenen Macht- und Parteiinteressen, es ging ausschließlich um geistige Freiheit. Der Neubau des Chorherrenstiftes hatte um 1650 das Barockzeitalter in St.Pölten eingeleitet. Ein wahrer Bauboom hatte mit der Übersiedlung Jakob Prandtauers hierher eingesetzt, der von 1692 bis 1726 in der Klostergasse lebte. Das damals rund 3300 Einwohner zählende St.Pölten war so aus dem Schlummer einer stagnierenden landesfürstlichen Stadt herausgerissen worden. 1741 war die Stadt im Zuge des Erbfolgekrieges bayrisch-französisch besetzt.  Als Sitz des Kreisamtes wurde St.Pölten 1753 kaiserliche Viertelsstadt und fühlbar aufgewertet. Manche Veränderung erfuhr St.Pölten durch Joseph II., v.a. wurde das Chorherrenstift 1785 Domkirche für den aus Wiener Neustadt anreisenden neuen Diözesanbischof Kerens. Gleichzeitig kam es zur Einführung der neuen Magistratsverfassung.  Zwei Jahre später wurde St. Pölten Garnisonstadt.1805 und 1809 beherbergte St.Pölten Napoleon I. Hier befand sich 1805 das Hauptquartier der österreichisch-russischen Truppen, die von einer Schlacht hier, um Wien zu halten, absahen. 10.000 Franzosen besetzten daraufhin die Stadt, Raub, Plünderung, Misshandlung gehörten zum Alltag. Napoleons zweiter Besuch machte das Rathaus zum Gerichtssaal: 13 Untertanen waren des Aufruhrs und Mordes an französischen Soldaten angeklagt. Vier davon wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Erst mit dem Revolutionsjahr 1848 jedoch begann für St.Pölten die Moderne. Durch Zusammenlegung der Stadt mit dem Klosterviertel wurde St.Pölten eine politische Gemeinde, eine Gemeindevertretung wurde gewählt. Weiters erfolgte die Schleifung der Stadtmauern und Stadttore. Mit dem Bau der Westbahn wurde die Stadt an eine Verkehrsverbindung von europäischer Dimension angebunden. 1858 erfolgte die Eröffnung, die zu neuer Bedeutung, zu Industrialisierung und Entwicklungssprüngen führte. Seit 1883 beunruhigten die örtliche Polizei Hinweise auf „Anarchismus“ in der Stadt, wozu auch die sich formierende Sozialdemokratie zählte. In den Stadtsälen fand am 24. Oktober 1886 die erste überregionale Versammlung dieser Gruppierung statt. Durch zunehmende gewerkschaftliche Organisiation kämpfte man v. a. um erträgliche Bedingungen am Arbeitsplatz. Damals schockte der Absolvent am Lehrerseminar Karl Seitz die etablierte Gesellschaft, da er seine Maturarede zu vehementen Angriffen gegen das herrschende System nutzte. Jahrhundertelang war St.Pölten nicht über 4000 Einwohner hinausgewachsen, bis 1900 expandierte man raketenhaft um das 3,5fache auf über 14.500. St.Pölten erlebte seine Gründerzeit und im nächsten Jahrzehnt durch den deutschfreiheitlichen Bürgermeister Wilhelm Voelkl seine eigentliche Formung als Industriestadt. Voelkls Naturell führte zu Konflikten, die bis zur Duellforderung gingen. Dafür versuchten die Christlichsozialen Voelkls Elektrizitätswerk in Ratzersdorf zu verhindern, dennoch erstrahlte die Stadt 1903 erstmals bei elektrischem Licht. Dennoch erwirkte man Voelkls Ersetzung durch einen Regierungskommissär, ohne seine Erfolgsträhne damit auch nur zu tangieren. 1904 nahm Voelkl bei den Gemeinderatswahlen den Christlichsozialen alle Mandate ab. Voelkl veränderte die soziale Struktur der Stadt total und brachte die Voithwerke, die Glanzstofffabrik und die Staatsbahnwerkstätte nach St.Pölten. Der Triumph leitete zugleich Voelkls Niedergang ein, seinem Sturz 1905 folgten  geistige Umnachtung und relativ früher Tod.

Während des Ersten Weltkrieges war St. Pölten kriegswirtschaftlicher Umschlageplatz. Nach Viehofen  wurde aus Italien eine Torpedofabrik verlegt, in Wörth wurden Geschützprotzen und Munition erzeugt, und in Spratzern gab es ein Barackenlager für russische Kriegsgefangene. Als Kaiser Karl I. 1917 St.Pölten besuchte, redete ihn eine couragierte Arbeiterfrau auf die soziale Not und die Sorge um die Männer an der Front an .Ein kaiserliches Lebensmittelpaket war die Folge.Die Sozialdemokraten erklärten sich am 30. Oktober 1918 zur Mitarbeit im Rathaus bereit, um Anarchie zu verhindern. Bei den ersten Wahlen erzielten sie 1919 26 von 42 Mandaten. Sie wiesen ein sehr ambitioniertes Kommunalprogramm vor, kümmerten sich nach dem Vorbild des „roten Wien“ vor allem um die Behebung der Wohnungsnot durch den Bau 1000 neuer Wohnungen, errichteten mit Arbeitslosen die Wasserleitung, bauten das Spital aus und schufen das Sommerbad, auch am Schulsektor gab es Initiativen. Die Stadt verschuldete sich durch manche Projekte. Die Wirtschaftskrise 1929  legte zahlreiche Betriebe auf Jahre hinaus still, politische Gegensätze führten 1930 zur Kraftprobe von Heimwehr und Schutzbund durch gleichzeitige Aufmärsche am selben Ort. Im Zuge des 12. Februar 1934 kam es auch in St. Pölten zu Kämpfen, 90 Schutzbündler und 150 Sympathisanten kamen in Anhaltelager, zwei Schutzbündler wurden im Kreisgericht gehenkt. Es gab aber Mitgefühl auch zwischen Gegnern. Ein Polizist hatte, ohne seinen Namen zu nennen, dem verwundeten  Schutzbündler Johann Schlögl beim  Transport ins Spital die Handgranaten aus der Hosentasche genommen. So wurde Schlögl vor dem Standgericht bewahrt.  Bürgermeister Stephan Buger wurde aus dem Rathaus vertrieben, der Gewerkschafter Fritz Zapletal hielt den Bürgermeistersessel jedoch, so lange es ging. Kommissarischer Bürgermeister wurde der Gymnasialprofessor Dr. Heinrich Raab, der autoritär, wenn auch mit gewissem Fingerspitzengefühl, bis 11. März 1938 regierte.Im Vorfeld des „Anschlusses“ entwickelte Frontkämpfer und Vizebürgermeister  Viktor Müllner noch patriotische Durchhalteinitiativen, die auch ehemalige Sozialdemokraten einbinden sollten. Auf Wunsch von Magistratsdirektor Otto Kernstock  fand im Rathaus für die Gemeindebediensteten eine Vorwahl für die schließlich abgesagte bundesweite Österreich-Abstimmung statt, die eine fast  einhellige Mehrheit brachte. Noch Handelsminister Julius Raab riet seinem Bruder Heinrich telefonisch von Wien aus, sich nicht mehr zu exponieren, es sei „dicke Luft“. Der St.Pöltner Lungenfacharzt Dr. Hugo Jury, der unter den Nazis zum Gauleiter von „Niederdonau“ avancierte,, verkündete am 13. März vor dem Rathaus, künftig gäbe es kein „Einsperren“ und keinen „Kerker“ mehr, der Frühling sei erwacht. Tatsächlich waren auch in St.Pölten die ersten drei Häftlinge bereits auf dem Weg nach Dachau. Hitler selbst kam am 14. März, allerdings  nicht auf den Rathausplatz, da dessen Fenster vergittert sind und der „Führer“ nicht durch solche blicken wollte. Man erhob St.Pölten großspurig zur “Gauwirtschaftsstadt“, vergrößerte das Stadtgebiet beachtlich und entwarf eine Reihe nie durchgeführter Projekte, plante man doch bereits für das Jahr 2000. In Viehofen war ein Lager für Fremdarbeiter entstanden. Zahlreiche Ostarbeiter wurden zur Zwangsarbeit im städtischen Ziegelwerk, aber auch zur Herstellung der Löschwasserteiche  usw. herangezogen. Auch St.Pölten war bald gleich geschaltet und der Krieg tat sein übriges. Es gab unverhältnismäßig viele mutige Menschen in dieser schweren Zeit in St. Pölten. So bezeichnete der Schlossermeister Anton Wissinger z.B. öffentlich Hitler als „gscherten Affen“ und die, die jetzt am Ruder seien, als „lauter Idioten“. Der Henker  hatte daher Großeinsatz  gegen St.Pöltner, wurden doch 90 Widerstandskämpfer aus der Stadt  in dieser Ära der Unmenschlichkeit justifiziert. Gleichzeitig hatten die Nazis St.Pölten „entjudet“, 275 St. Pöltner Juden waren deportiert worden. Dennoch gibt es auch hier ein hohes Lied, hat doch ausgerechnet eine frühere Anhängerin des Ständestaatsregimes jahrelang das jüdische Mädchen Vereilpern erfolgreich  versteckt.

Im April 1945 war St. Pölten einige Wochen Frontgebiet, über 1000 Tote und 39%ige Beschädigungen des Hausbestandes waren die Folge, der Bahnhof glich einer Mondlandschaft. Noch am 1. April waren 270 Gefangene aus dem Kreisgericht in Volkssturm-Begleitung nach Mauthausen transportiert worden. Die „Kettenhunde“ griffen junge Desserteure auf und erschossen sie „wegen Fahnenflucht“. Das Losungswort „Frühling“ einer Widerstandsgruppe kostete zwei Tage vor dem Sowjeteinmarsch 13 St.Pöltnern das Leben, sie wurden von der Gestapo bestialisch gequält und dann im Hammerpark ermordet. Noch am Tag der Kapitulation fand über St. Pölten die letzte Luftschlacht alliierter Schlachtflugzeuge gegen deutsche Messerschmidtbomber statt. Am 15. April 1945 besetzten die Sowjets die Stadt und begannen mit dem Wiederaufbau des öffentlichen Lebens. Während sich zahlreiche Nazis selbst aus Angst vor Repressalien das Leben nahmen, sorgte Stadtkommandant Skoritschenko für den Wiederaufbau. Er ernannte den jungen Kaufmannssohn Günther Benedikt zum Bürgermeister. Im Dom suchten zahlreiche Frauen Schutz vor Vergewaltigung. Als Kaplan Franz König einmal nachts von einem Sowjet geweckt wurde und dieser seine Nachbarin mitnehmen wollte, meinte der spätere Kardinal geistesgegenwärtig, „das geht nicht, das ist meine eigene Frau!“. Damals traute König in der Spitalskapelle  ein evangelisch-katholisches Brautpaar und nahm so die Ökumene vorweg. Benedikts Anschlag „Plünderungen und Schändungen“ sollten noch während der Tat dem Rathaus gemeldet werden, entlockt dem Leser heute  wie damals ein Schmunzeln.

Der neue Stadtkommandant Chomaiko ernannte schließlich den nunmehrigen Kommunisten Franz Käfer zum Bürgermeister. Als Leopold Figl bald darauf nach St.Pölten kam, ging es um die Ernährungsfrage. Im Gemeinderat waren je10 Kommunisten und Sozialdemokraten sowie  6 ÖVPler. Viele Häuser waren einquartiert, nahezu alle öffentlichen Gebäude und Fabriken beschlagnahmt. Zahlreiche St. Pöltner wurden in der Stadt von den Sowjets gefangen gehalten, ehe man sie nach Sibirien transportierte. Mit List befreite die Gastronomin Franziska Graf einen jungen Mann aus solcher Lage. Obwohl bei den Nationalratswahlen am 25. November 1945 die KPÖ nur 2.659 Stimmen erhielt, blieb Käfer auf Befehl der Sowjets Bürgermeister. Der Arzt Wilhelm Steingötter wurde Vizebürgermeister und konnte erst 1950 selbst dieses Amt übernehmen. In diesem Jahr war auch St. Pölten Schauplatz von Unruhen in Folge des Lohn- und Preisabkommens. Der Bau der Traisenbrücke und der Körner Hauptschule sowie der Aufbau der Fernwärmeversorgung erfolgten im Wiederaufbau bis 1960. Unter Bürgermeister Rudolf Singer gab es Stadtgebietskorrekturen, die Schaffung der ersten Fußgängerzone und  den Hallenbadbau. 1968 kam das Nö. Militärkommando nach St.Pölten. Einen Meilenstein in der Stadtentwicklung erlebte St.Pölten 1972 mit der Verdoppelung des Stadtgebietes. Unter Bürgermeister Hans Schickelgruber wurden  v. a. am Schul- und Bildungssektor sowie im Bereich des Handels Meilensteine gesetzt. Das Spital wurde ausgebaut, das Wifi kam nach St. Pölten, auf Initiative Kreiskys erhielt St.Pölten ein Zentralpostamt, Gebietskrankenkassenausbau, Sommerbaderneuerung, Synagogenrettung  und Stadtmuseumseröffnung sind weiters zu nennen. Eingestellt wurde 1976 die Straßenbahn.

Einen Höhepunkt in der gesamten Stadtgeschichte bildet die Erhebung St.Pöltens zur Landeshauptstadt durch Volksentscheid und Landtagsbeschluss 1986. Was das Land als Folge davon in St. Pölten verwirklichte, hätte sich niemand zuvor je träumen lassen. Regierungsviertel und Kulturbezirk entstanden, St. Pölten wurde verkehrs- und infrastrukturmäßig beispielhaft gestaltet. Unter Bürgermeister Willi Gruber richtete der Magistrat alles Augenmerk auf das Zusammenwirken für die Hauptstadt, weiters entstanden viele Projekte wie Innenstadtgestaltung, Rathauserneuerung, Rathausplatzgestaltung mit Tiefgarage, VAZ, Kulturhaus Wagram, Ballettschule, Traisenpark und-Center, um nur einige zu nennen. Die Stadt entwickelte sich von der Industrie- zur Dienstleistungsgemeinde. Zuletzt beugte sich Gruber dem Diktat der Finanzen und übertrug Krankenhaus und Stadttheater dem Land.Mit der Wahl seines Nachfolgers erwirkte Gruber einen echten Generationswechsel. Unter Mag. Matthias Stadler markieren Projekte wie Rathausumbau, Fußgängerzonenausweitung, Magistratsreform, Masterplan, FH-Neubau, Eishallen- und Stadionbau, Bahnhofsneubau die Rathauspolitik. 2008 wurde infolge eines Brandes die Glanzstoff-Fabrik stillgelegt. Und die Zukunft? Beginnt jetzt. St. Pölten - eine never ending story…