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St. Pöltens gute Seite

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Amnesia

Text Michael Müllner Ausgabe 05/2019

Meine Maturareise ging nach Ibiza. Sie wissen, wo das jetzt endet. Wir hatten damals viel Spaß und feierten – wohl auch ob der Tatsache, dass sich unser aller Leben in naher Zukunft auf den Kopf stellen würde. Wir waren miteinander vertraut. Kein Wunder, wir saßen ja auch seit Jahren an sechs Tagen die Woche im gleichen Raum. Dennoch hat sich keiner von uns im größten Rausch so benommen, dass wir ihn nicht wiedererkannt hätten, dass wir ihm nicht mehr in die Augen hätten sehen können.
Wie kann es das geben, frage ich mich? Der Oppositionsführer und sein Leibbursch offenbaren sich einer Fremden – und dem Durchschnittsbürger kommt das Speiben. Wer seine vor sich hergetragenen Werte derart verrät, wer sich selber so billig zum Kauf anbietet und dabei den Preis auch noch vom Volk zahlen lässt – der glaubt doch nicht wirklich, dass er damit eine reiche Frau beeindrucken kann, die gerade dabei ist, sich ein neues, selbstbestimmtes Leben aufzubauen? Aber vielleicht hinterfrage ich das alles zu viel. Und in Wahrheit sieht man einfach Männer ohne Charakter, denen nicht mehr bleibt, als sich auf den schändlichen Einfluss böser Substanzen rauszureden?
Amnesia hieß damals ein Club. Vergessen werden wir diesen unfreiwilligen Offenbarungseid aber nicht so bald. Er hilft uns zu begreifen, dass unsere Freiheiten eben nicht sicher sind. Dass Grundwerte wie Rechtsstaatlichkeit und Res­pekt, auch fundamentale Bürgerrechte wie die Meinungsäußerungsfreiheit, jeden Tag bedroht sind. Und zwar auch gerade von denen, die so gerne mit ihrer weißen Weste am lautesten brüllen.