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St. Pöltens gute Seite

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Alexander Kuchar - Eine Meeres-Ode

Text Thomas Fröhlich Ausgabe 09/2019

In St. Pölten gilt er als das, was man gemeinhin als bunten Hund bezeichnet, auch wenn er persönlich gar nicht mehr so oft in der Stadt zu sehen ist. Doch fallweise gibt er sich kurz und prägnant die Ehre, wenn er wieder einmal österreichischen Landboden betritt: Alex Kuchar, Schauspieler, (Ex-)Kellner und seit drei Jahren „Meeresbewohner“.

Ein Mensch sitzt am Kai in Lissabon, betrachtet die Mündung des Hafens und beginnt zu träumen. Unausweichlich angezogen von der Weite des Horizonts und dem „Unbeständigen, Unbegreiflichen dieses unmöglichen Universums“ führt ihn sein Traum hin zu den entferntesten Küsten seiner Sehnsucht.
So sieht das Setting des Stücks „Meeres-Ode“ des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa aus, das vor einem Jahr im Werk X in Wien gegeben wurde: ein unglaublich poetisches und rätselhaftes Werk, das in seiner Vielschichtigkeit mehrere Deutungen zulässt. Unter den Darstellern: der sich damals soeben auf „Landurlaub“ befindende Alexander Kuchar, in St. Pölten als Schauspieler, Kellner und umtriebiger wie unüberseh- und -hörbarer Stadtbenützer bekannt. Seine Stimme, wohltönend und kräftig, hat jeder im Ohr, der auch nur einmal bei ihm einen Kaffee im Café Schubert bestellt oder ihn bei einem seiner zahlreichen Auftritte im Rahmen der Theatergruppe Perpetuum erlebt hat. Wo Kuchar war, war Bühne – nicht zufällig gingen manche damals nicht „ins Kaffeehaus“, sondern „zum Alex“. Mit Glück war „der Alex“ abends dann auch in Monolog-Laune (improvisiert, versteht sich) – und das zum Preis eines kleinen Espresso.
Doch so wie den Protagonisten aus Pessoas Stück zog es auch Kuchar vor etwa drei Jahren zu den Ozeanen, wo er derzeit als Schiffsschauspieler auf einem Kreuzfahrtschiff tätig ist.
Heute ist er allerdings auf Land- beziehungsweise Heimaturlaub, was es mir ermöglicht, ihn im Café Emmi auf ein Gespräch zu treffen. Was sich als gar nicht so einfach herausstellt, will ihn doch halb St. Pölten begrüßen – man weiß ja nicht, wann er wiederkehrt. Zudem dürfte er am Vorabend schon ein wenig mit seinen Perpetuum-Kollegen gefeiert haben – Sozialkontakte wollen ja gepflegt werden, vor allem, wenn sie so rar gesät sind. Und da darf und muss auch etwas Party dabei sein, Nachwirkungen inklusive. „Ich bin ja ein Wirkungstrinker!“, meint Kuchar und grinst sich eins. „Ich trink ja ganz selten was. Und jetzt bin ich nur drei Tage da ...“
Alles klar: Wenn schon, denn schon. Ein rettender Kaffee macht‘s soeben wieder gut.

Wie es ihm, dem Wahl-St. Pöltner, auf hoher See gefällt?
„Super! Herrliches Leben!“ Er schwärmt. Vor jeder Saison gebe es zwar eine harte Probezeit in Berlin, danach werde auf dem Schiff weitergeprobt – de facto sieben Stücke in sieben Wochen. „Die neue Schauspiel-Crew löst die alte ab.“ Und dann beginnen die Vorstellungen: „Das ist dann ganz gemütlich, vor allem, wenn das Team passt.“ Und derzeit sei die Zusammenarbeit überhaupt hervorragend.
Ein paar Zahlen am Rande: Die Schiffscrew in ihrer Gesamtheit allein umfasst 1.100 Menschen. Dazu kommen, wenn ausgebucht, 3.300 Passagiere. Das Theater verfügt über ein Fassungsvermögen von 1.000 Besuchern, die kleinere Schaubühne von 200. „Und die Auslastung beträgt üblicherweise 98 Prozent.“ Kein schlechter Schnitt – einer, von dem andere Theater mitunter nur träumen können.    
Kuchars Repertoire ist vielseitig. „Ich spiele alles: vom Krimidinner über Komödie bis hin zum Improtheater. Ein schönes Potpourri!“ Nicht unbedingt Shakespeare, „aber gute Stücke wie ‚Der Kontrabass‘ von Patrick Süskind sind schon dabei.“ Und auch wenn das Publikum manchmal anfänglich kühl erscheine – beim schallenden Applaus am Ende wisse man, dass man es richtig gemacht hat. „Bei einem Krimidinner etwa dachten wir einmal schon, die hassen uns. Haben bei keiner Pointe gelacht – da kam gar nichts. Wir haben uns dann auch nichts mehr angetan und wollten einfach zum Ende kommen. Zum Schluss waren die aber restlos begeistert und wollten uns gar nicht mehr weglassen!“ Derlei müsse man eben zur Kenntnis nehmen. Er ergänzt: „Ich bin da auch immer auf demselben Schiff, ‚Mein Schiff‘ von TUI, – und ich komm‘ sehr gut trainiert vom Schiff runter.“ Und endlich sei er weg von der Gastronomie: „Ich kann jetzt von der Schauspielerei leben. Und ich seh‘ die ganze Welt dabei.“

Bis dahin war es aber ein mitunter steiniger Weg
1970 in Wien geboren, „wollte ich eigentlich schon immer Schauspieler werden. Mit vierzehn habe ich ‚Richard III.‘ mit Gert Voss im Burgtheater gesehen. Als ich rausging, wusste ich: das ist es.“ Seine Ausbildung erhielt Kuchar unter anderem bei dem beliebten Volksschauspieler Kurt Sobotka. Vor etwa achtzehn Jahren zog er nach St. Pölten, wo er nebst TV-Auftritten, etwa bei „Soko Donau“ oder „Mundl 2“, und einigen Kurzfilmen und Werbeclips seinen wohlige Gänsehaut erzeugenden Bariton bei der Theatergruppe Perpetuum erklingen ließ und die von ihm gespielten Charaktere mit einer beinahe beängstigenden Intensität auf die Bühne brachte. Und auch bei Lesungen, etwa mit Texten von Franz Kafka im Vinzenz Pauli, wusste er zu begeistern. „In St. Pölten ist mir von Anfang an sehr viel Liebe und Zuneigung entgegengebracht worden“, verrät Kuchar.
Und dennoch gestaltete sich sein Lebensweg als mitunter etwas verschlungen.
„Als Stier im Sternzeichen hab‘ ich eine gewisse Erdung“, sinniert er beim zweiten Kaffee. Eine inzwischen beendete Lebensgemeinschaft, „die zwei wunderbare Töchter hervorbrachte“, ließ ihn etwas vorsichtiger agieren und nicht den Verlockungen eines künstlerischen Bohème-Lebens erliegen, „bei dem man nie weiß, ob man sich selbst, geschweige denn eine Familie ernähren kann.“ Daher auch seine Tätigkeiten in der Gastronomie, bei der er es aber schaffte, das Kellnern gleichsam zur Kunstform zu erheben. Doch eine innere Zerrissenheit war schon auch merkbar: „Ich musste halt das Leben bedienen – es ging ja nicht nur um mich.“
Doch inzwischen habe sich seine Situation geändert und es gebe auch keine Alimente mehr zu zahlen. Und so ließ sich Kuchar „von einem Stammgast im Schubert, der im Kunstmanagement tätig ist, fürs Schiff engagieren. Und ich hab‘s nicht bereut!“ Obwohl ihm Österreich schon abgehe: „Die kleinen Gassln, die Grätzln, die Freundschaften.“ Und er ergänzt: „Ich mag meine Heimat.“ Und das sei ein Begriff, den er sich nicht von den Falschen wegnehmen zu lassen gedenke. Heimatparteien braucht er keine. „Und mein austriakisches Idiom, bei Bedarf mein Wienerisch, kommt übrigens im Ausland sehr gut an.“

Zukunftspläne?
„Mein aktueller Vertrag umfasst ein halbes Jahr von jetzt an.“ Danach sei ein kleines Päuschen geplant. „Ich treffe ja viele interessante Menschen auf dem Schiff, auch viele Künstler, die sich halt nicht so gut selbst vermarkten.“ Schiffsschauspieler hätten ja in der Szene nicht unbedingt DEN guten Ruf. „Doch lernt man, sehr schnell sehr effizient zu arbeiten.“ Und diese Erfahrung nimmt ihm keiner weg.
Glück auf hoher See wurde Kuchar übrigens schon zweifach prophezeit: „Das klingt jetzt nach einem G‘schichtl, aber es ist wahr.“ Seine Stimme nimmt einen beinahe verschwörerischen Unterton an: „In Wien hab‘ ich vor Jahren im Certo gearbeitet. Da kam dreimal ein Gast rein: schwarzer Mantel, schwarzer Hut, vernarbtes Gesicht, Gehstock. Beim dritten Mal hab‘ ich ihn bedient. Er meinte mit sonorer Stimme: ‚Du musst aufs Meer, um glücklich zu sein.‘ Und einige Zeit danach sagte mir eine wildfremde Frau auf der Straße das Gleiche.“ Er lacht. „Und Jahre später steh‘ ich dann an der Reling, schau‘ aufs Meer und denk mir, ‚Glück – was ist das?‘“
Vielleicht das zu tun, wozu man sich berufen fühlt?
Apropos Berufung: Einen Traum möchte sich der Weltenbummler auf jeden Fall noch erfüllen: „Ibsens ‚Peer Gynt‘ spielen!“ Was eigentlich niemanden wundern sollte. Geht es doch im gleichnamigen Stück um einen Getriebenen, der die Welt kennen lernt und doch starke Heimatgefühle empfindet.
Eine Rolle, für die sich Kuchar ja drei Jahre lang intensiv vorbereitet hat: mit Salzwasser, Herzblut und der Lizenz zu reisen.