MFG – Das Magazin – Eine Axt namens Kultur


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St. Pöltens gute Seite

Eine Axt namens Kultur

Text Johannes Reichl
Ausgabe 12/2011

Chekilis Berberorchester brachte im Oktober einen Hauch Tunesien in die Bühne im Hof und damit auch ein Stück jüngster Zeitgeschichte. MFG sprach mit Bandleader Fawzi Chekili über den Arabischen Frühling, die Demokratiebewegung in Tunesien, den Beitrag der Kunst sowie die fast vergessene Berbermusik.

Anfang des Jahres nahm der Arabische Frühling seinen Ausgang in Tunesien. Wie stellt sich dort die aktuelle Situation auf dem Weg zur Demokratie dar? Wird die Revolution siegen oder besteht die Gefahr des Scheiterns?
Es scheint, dass die meisten Menschen in Tunesien für die Demokratie eintreten. Daher habe ich ein gutes Gefühl, dass uns dies auch gelingen wird, wenngleich es noch ein weiter Weg ist und viel Arbeit auf uns wartet. Wie nahmen Sie die Umwälzungen persönlich wahr – hätten Sie je gedacht, dass Derartiges in Ihrem Land passieren könnte oder waren Sie, wie wir in Europa, überrascht von der neuen Demokratiebewegung?
Obwohl wir ganz klar empfanden, dass die letzte Regierung in die falsche Richtung geht, hätte ich Derartiges nicht für möglich gehalten. Es war eine Überraschung für viele von uns, vor allem auch die Tatsache, dass die Tunesier letztlich so entschieden „nein“ sagten,  aufstanden und entschlossen waren, selbst über ihr Land zu entscheiden.
Ich bin nach wie vor ein bisschen überrascht von der neuen Situation, aber ich denke, das ist einigermaßen normal, wenn man solange nicht die Möglichkeit hatte, seine Meinung frei zu äußern. Welche Rolle spielte die Kultur für den Emanzipationsprozess? Gab es eine Art intellektuell-künstlerische Aufbereitung im Vorfeld, oder war es eine reine Revolution der Straße?
Natürlich setzten sich viele Künstler in ihren Arbeiten mit der Unterdrückung der Freiheit sowie der Zensur auseinander, aber die Revolution ging letztlich zum Gutteil von der jungen Generation aus, der Facebook-Generation! Wie steht es um den aktuellen Beitrag der Kulturszene, spielt sie eine Rolle im Demokratieprozess?
Ich denke, Kultur ist eine der stärksten Äxte, welche die neue Regierung zur Fortentwicklung der Demokratie nutzen sollte, insbesondere auch im Landesinneren, wo es einen massiven Mangel an vielfältigen Räumen und Einrichtungen gibt. Kann Musik zur Integration beitragen – einerseits in Tunesien zwischen altem Establishment und der neuen Generation, andererseits aber ebenso zwischen Afrika und Europa?
Musik ist eine der grundlegenden Kunstformen in Tunesien überhaupt, die nicht nur zur Integration beiträgt, sondern prinzipiell der Bevölkerung beim Zugang zur Demokratie hilft sowie den Durchschnittsgeschmack erweitert. Mit Ihrem Orchester sind Sie auch eine Art Botschafter Ihres Landes. Was können Sie den Menschen in Europa über Tunesien erzählen?
Ich möchte der Welt vermitteln, dass die Tunesier ein weltoffenes Volk sind, gleichzeitig aber auch stark mit Ihren eigenen Wurzeln verbunden. Zwischen Tradition und Moderne streben die meisten von uns nach einer besseren, in diesem Sinne einfachen Lebensführung. Was macht die Mystik der Berbermusik aus, die Ihr Orchester in St. Pölten dargeboten hat?
Unser Konzert in Österreich zollte der Berberkultur im Maghreb Tribut, ist inspiriert vom reichen Schatz der Berbermelodien sowie dem einzigartigen rhythmischen Erbe dieser Musik, die leider ein bisschen in Vergessenheit geraten ist. Möchten Sie dem Publikum mit Ihrer Kunst auch eine Botschaft mit auf den Weg geben?
Die Botschaft heißt Friede und Toleranz, die Einladung zu einer modernen und prosperierenden Zukunft, die auf Glauben sowie dem Bekenntnis zu starken Traditionen und Wurzeln gründet.
Kulturdialog 
Seit über 10 Jahren ist der „Dialog zwischen den Kulturen“ von der Bühne im Hof aus bemüht, andere Kulturen (be)greif- und erlebbar zu machen. „Kulturverständnis wird nicht in elitären Hochschulen vermittelt, eher findet sie im Gespräch mit einem Straßenmusiker statt. Bildung ist wichtig, aber man sollte dabei nie den Boden vergessen, auf dem man steht“, so Dialog-Leiter Reinhard Gosch.
Infos: www.vdk.at