MFG – Das Magazin – Der Bariton-Stürmer


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Der Bariton-Stürmer

Text Johannes Reichl
Ausgabe 12/2011

„Eigentlich wollte ich ja Fußballer werden“, scherzt Lukas Kargl, “aber damit hatte ich bei den Eltern keine Chance, die hielten das für zu gefährlich.“ Stattdessen wurde im Hause Kargl – Vater Otto ist u. a. Domkapellmeister in St. Pölten – musiziert. Eine Frühprägung, die offensichtlich hängen geblieben ist. Heute ist Lukas Kargl Sänger, Stimmlage Bariton.

Fußball spielt der flinke Stürmer trotzdem: Im Zuge seiner raren Österreichbesuche bei seinem Stammverein Lok Traisen, in seiner neuen Heimat London zweimal die Woche. „Sport ist ein wichtiger Ausgleich. Da kann ich Druck abbauen. Außerdem ist es für einen Sänger – Singen hat ja viel mit dem Körper zu tun – extrem wichtig, fit zu sein.“ Dass es in London sportlich Fußball sein muss, scheint ja aufgelegt wie ein Elfmeter – doch weit gefehlt. Denn der lauschige Stadtteil Twickenham im Südwesten Londons, wo Kargl mit seiner Frau lebt, ist keine Fußball-, sondern DIE Rugby Hochburg Englands. Dort steht das größte Rugby Stadion der Welt mit einem Fassungsvermögen von 82.000 Besuchern! Wohl nur aus diesem Grund wird dem zugereisten „austrian“ verziehen, dass seine fußballerische Fanliebe nicht einem der Londoner Traditionsklubs, sondern den Reds aus Liverpool gilt. Das Tägliche Brot
Dabei war London an sich keine ausgemachte Sache, sondern indirekt die Idee von Rudolf Piernay. Der berühmte deutsche Gesangslehrer, der schon Größen wie Bryn Terfl zu seinen Zöglingen zählte, legte Kargl nach einem Vorsingen die Stadt an der Themse nahe. „Eigentlich wollte ich ja nach Mannheim, wo Piernay ebenfalls als Professor tätig ist. Doch er meinte, ich solle zu ihm an die Guildhall School in London kommen. Im Nachhinein betrachtet war das die beste Entscheidung!“, ist Kargl überzeugt. Und so „riss“ er nach absolviertem Kirchenmusikkonservatorium St. Pölten und vier Jahren Sologesang am Institut für Gesang und Musiktheater in Wien das Postgraduate in England an, wo er Musical Drama studierte.
Prinzipiell gehört zur Ausbildung neben dem Klassiker „Stimmbildung“ natürlich auch das Fach „Schauspiel“, das enorm an Bedeutung gewonnen hat. „Heute wird viel nach Stanislawski unterrichtet. Und es genügt nicht mehr, einfach nur eine gute Stimme zu haben und statisch auf der Bühne herumzustehen“, so Kargl, der selbst leidenschaftlich gerne Darsteller ist. „Ich liebe Schauspielen. Das hilft mir auch extrem im Musikalischen.“
Was ihm an der Guildhall besonders faszinierte und auch ein grundlegender Unterschied etwa zu Wien war, betraf die Bedeutung des Sprachcoachings. „Als Opernsänger musst du jeden Text übersetzen und verstehen. Das wurde an der Guildhall extrem gefördert.“ Kurzum, man muss die Opernsprachen Französisch, Englisch, Deutsch, Tschechisch usw. perfekt aussprechen können. Und man muss das, was man singt, Wort für Wort verstehen, „weil du es ja auch musikalisch ausdrücken musst.“ Wenig verwunderlich, dass daher im aktiven Sängerleben dem Texteinstudieren breiter Raum gewidmet ist.
Ebenso relevant ist das Auswendiglernen des Textes. „Der zeitliche Aufwand dafür hängt von der Aufgabe ab – ist es ein Liederabend, ein Oratorium, eine Oper. Auf die Rolle des Don Giovanni etwa habe ich mich rund ein halbes Jahr lang vorbereitet. Du solltest die Rolle ja schon auswendig können, wenn die eigentlichen Probearbeiten beginnen. Dann muss man sich auf das andere konzentrieren können, die Musiker, den Dirigenten, die Kollegen, die Bühne, das Schauspiel!“
Stimmübungen gehören selbstverständlich ebenfalls zum täglich Brot, wenn auch nicht so intensiv, wie es der Laie vermutet. „Stimmübungen nehmen täglich ca. eine halbe bis dreiviertel Stunde in Anspruch. Das muss man sich vorstellen wie bei einem Sportler, der ja auch täglich seine Muskeln trainieren muss – so ist das auch bei uns.“ Family Affairs
Im Hinblick aufs Texteinstudieren nimmt sich Kargl immer einen Coach – in den meisten Fällen seine Frau, die fließend Englisch und Französisch spricht und selbst Musikerin ist. Sie ist das strenge Korrektiv und gibt Feedback. Zudem bestreiten die beiden gemeinsam Liederabende – er singt, „meine Stimme ist ja zur Zeit prädestiniert für das lyrische Baritonfach“, seine Frau begleitet ihren Gatten am Klavier. Wie so oft kommt die Vermengung von Beziehung und Arbeit bisweilen dem Wandel auf einem schmalen Grat gleich. „Es ist schon sehr intensiv. Manchmal, insbesondere bei Wettbewerben, kommt auch großer Druck hinzu.“ Aber die beiden meistern diesen bravourös, einer der Höhepunkte war ohne Zweifel der Einzug ins Semifinale des renommierten Hugo Wolf Wettbewerbs.
Zwischendurch stehen für das Ehepaar auch bemerkenswerte, ausgefallene Engagements am Programm – so wurden sie unlängst eigens nach New York eingeflogen, um auf der Geburtstagsfeier eines Sponsors von Cambridge zu musizieren.
Dass man in dem Beruf überhaupt Fuß fasst, noch dazu als freischaffender Sänger, ist ohnedies alles andere denn ausgemacht. Die Konkurrenz ist groß, die Qualität hoch, die Spitze dünn. Ein Agent ist daher selbstverständlich „wenngleich du aber nie aufhören darfst, dich selbst zu vermarkten. Davon hängt sehr viel ab, auch wie du deine Kontakte pflegst, wie du dich bei Konzerten z. B. gegenüber dem Dirigenten verhältst. Entsprichst du, wirst du wieder eingeladen“, führt Kargl pragmatisch aus. Mit Anbiederung habe das nichts zu tun. „Es heißt eher, dass du dem Dirigenten einfach zeigen musst, was er an dir hat, was du drauf hast.“ Zudem darf man sich nicht verrückt machen lassen. „Natürlich gibt es harte Zeiten, während derer der Druck steigt, man vielleicht nicht so viele Engagements hat, möglicherweise eine stimmliche Krise dazu kommt – da gilt es, nicht die Nerven zu verlieren.“ Selbstzweifel und existenzielle Ängste sind demnach zwischenzeitige Begleiter, „aber es war noch nie so, dass ich gesagt hätte, ich schmeiße alles hin.“ Hingabe
Dazu wiegt der Beruf als solcher, weil er eben vor allem eine Berufung darstellt, jegliche Unbill viel zu sehr auf. Die Rolle als Don Giovanni in Grenoble etwa oder sein Mitwirken beim Glyndebourne Opern Festival sowie bei den BBC Proms in der Royal Albert London waren absolute, erfüllende Highlights seiner jungen Karriere. Und so banal es klingt – so ist für den Künstler, wie eine alte Binsenweisheit sagt, der Applaus der höchste Lohn für alle Mühen. „Das ist schon ein befriedigendes Gefühl, weil man gibt ja sehr viel von sich. Umgekehrt möchte man die Leute bewegen, etwas vermitteln.“ Dabei stellt sich die absolute Befriedigung von der Sorte beschwingter Gelassenheit selten ein – zu hoch ist der Selbstanspruch des Künstlers an sich selbst. „Ich bin selten mit mir selbst zufrieden. Als Künstler möchte man immer mehr.“
Dieser Hang zum Perfektionismus, zur völligen Hingabe  hält auch seine (psychischen) Fallstricke parat, die man als darstellender Künstler sorgsam im Auge behalten muss, um sich nicht gefährlich zu verheddern. „Ich habe die Rolle des Don Giovanni natürlich sehr fies angelegt“, lacht Kargl, entdeckte dabei aber auch manch Untiefe in sich selbst. „Während der ersten Vorstellung gab es Momente, da bin ich selbst vor mir zurückgeschreckt. Das hat mir beinah Angst gemacht“, schildert er seine Erfahrung der eigenen Abgründe im Spiegel der Rolle.
Und was wünscht er sich für die Zukunft? Ruhm und Erfolg? Die Antwort ist überraschend: „Berühmt werden möchte ich auf keinen Fall, das stelle ich mir sehr schwierig vor. Der Druck ist ohnehin groß genug in unserer Gesellschaft, da muss man schon sehr Acht geben, dass man nicht vergisst zu leben“, meint er nachdenklich und gibt sich bescheiden. „Ein Glück ist ja schon die Tatsache, dass ich einen Beruf ausüben kann, den ich liebe.“ In Sachen Kunst gehe es ihm v. a. darum, „mit der Musik soweit zu kommen wie möglich.“ Ganz weit würde aber dann doch wohl Berühmtheit miteinschließen?! Kargl räumt zumindest ein, dass es „natürlich ein Wunsch ist an den größten Opern und Konzerthäusern der Welt zu musizieren, mit den besten Musikergrößen zusammenzuarbeiten.“ Aber selbst dies würde nicht ausreichen. „Letztlich geht es darum, ein Werk, eine Solopartie, einen Liederabend so zu singen, dass man die Leute bewegt und für sich das Gefühl hat ‚Das ist es!‘“