MFG – Das Magazin – Beginn einer Dienstreise: Interview mit Bettina Hering


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St. Pöltens gute Seite

Beginn einer Dienstreise: Interview mit Bettina Hering

Text Johannes Reichl
Ausgabe 09/2011

Brandstätte, Wien Innere Stadt. Ein lauer Sommervormittag. Während draußen die Touristen vorbeigespült werden, haben wir es uns in einer Ecke des Café Korb gemütlich gemacht und plaudern mit der designierten künstlerischen Leiterin des Landestheaters Niederösterreich Bettina Hering über Reiselust, Macht und – welch Zufall – das Theater!

Warum haben Sie gerade das Café Korb als Treffpunkt vorgeschlagen?
Ich komm einfach ganz gern hierher. Es ist nicht so geschniegelt, sondern urig, gemütlich – typisch wienerisch. Sie selbst sind gebürtige Schweizerin, lebten in Deutschland. Trügt der Eindruck, oder ist Ihnen Reisen wichtig?
Die Welt ist groß, die muss man sich doch anschauen! Auch, welche Bedingungen und Umstände anderswo herrschen. Nach der Schule habe ich auch Nord-, Zentral- und Südamerika bereist. Wenn es ginge, wäre ich noch immer eine Reisende. Auf Reisen erfährt man einfach viel über sich selbst, kann Denkmuster revidieren und sich in andere Köpfe hineindenken. Das ist ja auch in der Literatur der Fall. Wobei die Literatur so betrachtet eine fixe Heimat für Sie darstellt – schon von klein auf?
Literatur hat mich schon immer fasziniert, obwohl ich eigentlich aus keinem literarischen Haushalt komme.
Ich bin in einem kleinen Ort in der Nähe von Zürich aufgewachsen. Dort gab es eine Dorfbibliothek, die haben eine Freundin und ich sozusagen „ausgelesen“. Einmal in der Woche sind wir hin und haben uns Bücher ausgeborgt, darunter auch viele nicht kinderadäquate Sachen, was eben da war. (lacht) Dafür haben wir uns dann die Bewilligung erschummelt. Gab es Lieblingsbücher in Ihrer Kindheit?
Besonders fasziniert haben mich – wie ja viele – die Bücher von Astrid Lindgren, ebenso war manch Schweizer Kinderbuch-Klassiker darunter. Außerdem Jim Knopf! Als ich den das erste Mal im Theater gesehen habe, war ich schwer beeindruckt. Die Theaterleidenschaft kam also auch bald dazu?
Klar, mich hat der ganze Kosmos interessiert, die Sprache, die Schauspieler, was auf der Bühne passiert. Da hab ich mit glänzenden Augen und offenem Mund zugeschaut. Ich bin auch selbst Ballett gegangen. Ich wollte dann schon relativ früh am Theater arbeiten. Was Sie dann ja in die Tat umgesetzt haben. War das Studium deshalb „literaturlastig“.
Ja. Ich habe Germanistik, Philosophie und anthropologische Psychologie in Zürich studiert. Einen eigenen Lehrstuhl für Theaterwissenschaft gab es damals noch nicht. Danach folgten, wie Sie es selbst formuliert haben, Wanderjahre in Deutschland.
Ich habe in Deutschland hospitiert, in Göttingen, am Hamburger Schauspielhaus, schließlich wurde ich Regieassistentin in Frankfurt. Das war eine super Zeit! Frankfurt war ein Dreispartenhaus damals. Ich war zwar dem Schauspiel zugeordnet, aber es war alles sehr übergreifend, man bekam überall Einblick. Es wirkten hervorragende Leute dort. Günther Rühle, der ehemalige Feuilletonchef der FAZ, war Intendant. Einar Schleef einer der Regisseure. Michael Gielen war der Opernmann, der neues, modernes Operntheater in Frankfurt realisieren wollte. Im Tanz lief einem William Forsythe über den Weg, zahlreiche befreundete Künstler wie John Cage tummelten sich im Haus – das war einfach großartig! Ich hatte irrsinnig viel zu tun, konnte viel reingucken, bei den Proben dabei sein. Das ist der ideale Ausbildungsjob, war wie Training. Inwiefern?
Bei dem Job bist du ja ein Verkehrsschnittpunkt, hast mit allen Abteilungen zu tun, musst delegieren, organisieren, improvisieren. Da lernst du ein Haus von der Pieke auf kennen. Man wird richtig rein geschmissen ins kalte Wasser. Ich war damals etwa 23 Jahre alt, und das waren ja alles gestandene Leute. Das ist nicht ohne! Ich kann mich noch gut an die Abendkritik erinnern, als man als Jung-spund die renommierten Schauspieler kritisieren musste. Waren die dann eingeschnappt nach dem Motto „Was will das junge Mädel mir groß erzählen?“
Wenn die Kritik kompetent war, haben sie die meisten akzeptiert. Natürlich gab es auch solche, die das schlichtweg abgelehnt haben, das hing einfach vom Charakter ab. Leicht ist es jedenfalls nicht als Regieassistent, aber man lernt enorm viel. Wobei das Lernen hört ja nie auf! Selbst wenn du im Laufe der Jahre Erfahrung sammelst, ist trotzdem jede Situation wieder neu. Das finde ich ja gerade das Lässige am Theater, dass ich nicht alles kenne, nicht alles Routine ist. Da wächst man auch als Person sehr. Gert Voss hat in einem „Presse“-Interview unlängst angedeutet, dass Künstler als Intendanten oft ihren Idealismus einbüßen. „Erst haben sie Utopien, dann kommt der Alltag: Wen muss ich rausschmeißen, wen fördern?“ Klingt ernüchternd.
Das ist sicher eine komplexe Sache. In meinem Alter habe ich allerdings ganz konkrete Vorstellungen, habe mein Bewusstsein geschärft: Was ist möglich, was ist nicht möglich. Ich denke, dass ich relativ realistisch die Dinge einschätzen kann: Wo treibt man etwas hin, und wie treibt man es dorthin. Ich komme jetzt nicht mit unrealistischen Vorstellungen und sage „Ich brauche 40 neue Leute!“ Das klingt aber tatsächlich mehr nach Pragmatismus denn Utopie. Lässt St. Pölten keine Utopien zu?
Ich habe mir alles sehr genau angeschaut. Ich kenne meine Startbedingungen, das Budget, die Erwartungen – und das ist mir alles sehr recht. Ich kann einschätzen, was ich da daraus mache. Utopie – das ist ein so großes Wort. Mir geht’s eher um Vorstellungen, die ich umsetzen möchte. Und es geht darum, an sich selbst zu arbeiten, sich selbst an die jeweilige Situation anzupassen – ich muss sozusagen auch etwas tun! Inwieweit kennen Sie das Haus schon?
Ganz gut. Ich habe hier ja schon Regie geführt. Ich kann meiner Vorgängerin nur Rosen streuen. Das Haus hat ein tolles Niveau. Hier ist alles intelligent angelegt. Das merkt man ja auch, wie Schauspieler über ein Haus reden. St. Pölten hat einen guten Ruf!
Da gilt es anzuknüpfen. Natürlich habe ich wieder andere Vorlieben. Ich möchte Eigenproduktionen – was ja schon gemacht wurde – weiter künstlerisch stärken. Ich werde das Ensemble, das das Herzstück bildet, zum Teil auch umstrukturieren – das ist ganz normal, wenn man neu kommt. Ich möchte den Schauspielern des Ensembles wirkliche Hauptrollen geben. Ebenso Gäste bringen – gute, tolle Schauspieler und Regisseure, und da geht es gar nicht allein um den Namen, das ist nicht das Wichtigste. Neue Partner und Gäste sind wichtig für ein Haus! Es wäre ja fad, wenn immer nur dasselbe passiert. Ich muss natürlich hinter allem stehen können, was wir hier machen – verkaufen würde ich mich nicht! Was darf man inhaltlich erwarten?
Da kann ich natürlich noch nicht allzu viel verraten. Ich bin jedenfalls schon sehr am Basteln und am Lesen, vieles ist auf Schiene. Letztlich möchte ich einen Spielplan, unter den alle Produktionen subsummiert sind, die also auch inhaltlich in gewisser Weise miteinander verbunden sind. Aber punkto Mix lassen Sie uns schon ein bisschen in die Karten blicken, oder?!
Ich denke, man muss ein breites Spektrum bringen. Ich möchte Uraufführungen, Klassiker, zeitgenössische Stücke, Kindertheater – diese Abwechslung finde ich toll, das entspricht auch meinem Wesen. Um Klassiker entbrennen sich oftmals ja die leidenschaftlichsten Debatten, zwischen – überspitzt formuliert – puristischen Bewahrern und vermeintlich mutwilligen „Zerstörern“. Wie sehen Sie das?
Man muss unverkrampft an die Klassiker herangehen, muss sie auf ihren Gehalt hin überprüfen. Ich habe zuletzt etwa in Haag „Ein Sommernachtstraum“ von Shakespeare inszeniert. Das ist eine echte Aufgabe, irrsinnig spannend – bei dem Stück öffnen sich immer wieder neue Türen, neue Varianten. An den Klassikern kann man sich in dem Sinne wunderbar „abarbeiten“, mit Freude, Gestaltungswillen. Ebenso betrifft dies aber auch moderne Klassiker. Ich möchte ganz neue Dramen bringen. Neue Strömungen zu erkennen und zu präsentieren, finde ich extrem spannend. Haben Sie persönlichen Heroen?
Mein Geschmack ist sehr gemischt. Natürlich gibt es Autoren, die mich durchgehend begeistern: Kleist, Tschechov, Schnitzler, Shakespeare. (lacht) Aber ich werde jetzt nicht nur diese spielen. Als Schweizerin hatte ich interessanterweise auch immer ein Faible für österreichische Literatur. Für Roth, Bernhard, Schnitzler. Dieses Wiener Milieu. Mittlerweile leben Sie ja hier. Als Grenzgängerin zwischen den deutschsprachigen Ländern: Gibt es tatsächlich die großen Mentalitätsunterschiede?
Absolut! Als ich damals als junge Schweizerin nach Deutschland kam, hatte ich zunächst so meine Probleme mit der Mentalität. Es gibt nur „ja“ oder „nein“, man muss blitzschnell entscheiden. Dadurch ist das gesamte Denken ein schnelleres, ein entschiedeneres. Ich bin sicher nicht eine der langsamsten Schweizerinnen, aber da kam ich anfangs leicht ins Trudeln. Als ich dann nach Jahren nach Wien bin, war das ein bisschen wie nachhause kommen. Der Rhythmus hier ist langsamer, gemütlicher. Das liegt meinem Wesen näher. Und es hat diesen Hauch des Skurrilen. Woher rühren diese Unterschiede Ihrer Meinung nach?
Ich denke, das hat v. a. mit der Sprache zu tun, und damit auch mit dem Denken. Ich selbst spreche zuhause mit den Kindern z. B. noch immer Schweizerdeutsch. Wir Schweizer haben auch eine Art konzentrisches Denken. Wir kreisen ein Thema ein, von außen nach innen, immer enger, Stück für Stück – das ist ein langer, langsamer Prozess. Wenn wir dann aber zustechen, dann ist es so für uns. Wie war das bei Ihrer Entscheidung für St. Pölten? Welche Überlegungen spielten da eine Rolle?
Das hatte durchaus auch mit meiner Familie zu tun. Vor 10 Jahren hätte ich mir das noch nicht zugetraut. Aber mittlerweile ist meine älteste Tochter 18 Jahre alt. Die Kinder verstehen meinen Wunsch, sie finden es cool und ziehen voll mit. Und mein Mann hat sowieso sofort gesagt: „Mach es!“ Zudem ist St. Pölten ja nicht aus der Welt. Mein Familienleben ist mir enorm wichtig. Das will ich – sozusagen auch für mich – schützen! Sie haben ja ein Dreimäderlhaus, ihr Gatte Markus Hering ist Schauspieler – das klingt nicht gerade nach einem klassischen 0815 Haushalt?
(lacht) Man lernt schon zu improvisieren. Manchmal hab ich zwei Minuten Zeit, um eine Lösung zu  finden – aber das geht auch! Man findet immer eine Lösung, wenn es sich um „normale“ Probleme handelt! Und ich weiß mittlerweile, dass es wirklich so ist – das gibt mir auch eine gewisse Sicherheit. Diesen Optimismus musste ich mir allerdings erst im Laufe der Jahre erarbeiten! Und man braucht Humor, das ist auch ganz wichtig! Klingt eigentlich nach besten Managementqualitäten für Ihren neuen Beruf. Was werden Sie denn für eine Chefin sein? Um jetzt Voss zuvor eingeführtes Zitat über Intendanten fortzuführen: „Erst haben sie Utopien, dann kommt der Alltag: Wen muss ich rausschmeißen, wen fördern? Dann kommen Vorlieben und die Gefahr der Bestechlichkeit. Macht kann die Humanität vollkommen zerstören. Zudem erzeugt sie Größenwahn und vollkommene Überschätzung. Die Wahrheit hat es dabei schwer.“ Der Intendant, das machthungrige Schwein?
Also aus meiner Beobachtung heraus ist das passé. Das war eine andere Generation. Mit Macht, also „Machtausübung“ in dem Sinne, Leute bewusst klein zu halten, fange ich überhaupt nichts an. Das liegt nicht in meiner Persönlichkeitsstruktur. Ich bin ein Teamplayer. Ohne gutes Team kann es keinen Erfolg im Theater geben! Am allerwichtigsten ist für mich Transparenz. Ich lege die Sachen gerne auf den Tisch, bin in dem Sinne nicht konfliktscheu. Sachen muss man an- und durchbesprechen. Mauscheln hingegen kann ich überhaupt nicht ausstehen. Sie sind ja sehr vielseitig – Dramaturgie, Regie, Intendanz, Hörbücher etc. Gibt es so etwas wie ein Lieblingsfach?
Nein. Theater ist ein großer Kosmos, von vielen Seiten her interessant. Ich will nicht nur inszenieren, nicht nur Dramaturgie machen. Ich habe auch kein Problem, wenn ich z. B. „nur“ Dramaturgie mache und in der zweiten Reihe stehe. Ich finde das bisweilen sogar sehr befruchtend, verschiedene Perspektiven einzunehmen – das tut der Sache gut. All dem liegt mein prinzipielles literarisches Interesse zugrunde. Auch in St. Pölten möchte ich das so beibehalten, auf verschiedenen Ebenen agieren, so lernt man ein Theater wirklich kennen – die Leute, Schauspieler, Protagonisten. Sie hatten in Ihrer Karriere mit zahlreichen Berühmtheiten zu tun. Vom Who is Who der deutschsprachigen Schauspieler bis hin zu exaltierten Popstars wie FALCO. Wie sind die so als Mensch?
FALCO ist ein gutes Beispiel – sein Image ist  ein absolutes Klischee. FALCO war extrem professionell, auf die Sekunde pünktlich, unglaublich vorbereitet, zudem wahnsinnig höflich und zuvorkommend. Er war auch ein Mensch, der sehr reflektiert hat, intensiv darüber nachgedacht hat, was er tut. Damals lernte ich ihn in einer Phase kennen, als er in verschiedene Richtungen seine Fühler austreckte. Da war er nicht so ganz sicher, wo es genau hingeht mit ihm, seiner Karriere. Aber das Klischee vom eitlen Fatzke war überhaupt nicht zutreffend. Was er unbedingt war: ein absoluter Performer. Sobald er auf der Bühne gestanden ist, ein Mikro in der Nähe war, hat er gesprüht, hat man seine Lust, seinen Spaß am Performen gespürt! Das heißt, banal formuliert: Stars sind auch nur Menschen.
Ich glaube, es hat damit zu tun, wie man den Leuten begegnet. FALCO, Senta Berger u. a., das sind alles sehr nette Menschen. Man ist zusammengekommen, es hat inhaltlich gepasst, das waren sehr anregende Begegnungen. Da sind gar nicht die so großen Unterschiede, wie sich das die Leute immer ausmalen.
Natürlich gibt es Künstler, die einem aufgrund ihrer Biografie besonderen Respekt abverlangen, etwa Jorge Semprún, der Buchenwald überlebt hat, später spanischer Kulturminister wurde. Das war eine Jahrhundertbiografie. Da hat man großen Respekt, aber nicht im Sinne von kriecherischer Unterwürfigkeit. Das sind Gespräche, die den eigenen Horizont erweitern. Wobei es letztlich stets um gegenseitigen Respekt geht, egal ob das jetzt ein Filmstar ist oder ein Schauspieler im Ensemble. Von jedem kann man etwas lernen! Zur Person:
1960 in Zürich geboren. Nach dem Studium u. a. Regieassistentin in Hamburg und Frankfurt. Arbeiten für den ZDF. Seit 1991 freischaffende Dramaturgin und Regisseurin, u.a. von 1994-1999 beim zweisprachigen Festival Radkersburg. Seit 2007 Dramaturgin für “Literatur im Nebel“ Heidenreichstein, seit 2009 stv. Intendantin des Theatersommers Haag. Designierte künstlerische Leiterin des Landestheaters NÖ.