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Zum Jubiläum eine Abrechnung

Text Michael Müllner Ausgabe 09/2018

Seit zehn Jahren sorgt das Musikfestival „Frequency“ jährlich für Stimmung im St. Pöltner Sommerloch. Neben zehntausenden Gästen aus Nah und Fern sind auch „die Anrainer“ jedes Jahr mit Emotion dabei. Eine Abrechnung zum zehnten Geburtstag.

Als ich erfuhr, dass das Frequency vom Salzburgring nach St. Pölten wechselt, dachte ich anfangs an einen dummen Scherz. Doch schon rasch zeigte sich, dass das Frequency tatsächlich nach St. Pölten passt. Es funktioniert und ist stimmig. Dennoch kommt wie das Amen im Gebet rund um das Festival jedes Jahr die gleiche Diskussion auf: Was am Festival alles falsch läuft, warum es fehl am Platz ist. Nach zehn Jahren erlaube ich mir meinen persönlichen Schlussstrich unter die Diskussion.
Zuerst die Vorwarnung. Ich bin nicht völlig ahnungslos. Vor Jahren habe ich im Auftrag der Organisatoren diese bei der behördlichen Einreichung unterstützt. Aus dieser Zeit kenne ich manche Hintergründe und handelnde Personen. Beruflich bin ich in einem Betrieb tätig, der während der Festivaltage auch Festivalbesucher begrüßt. Und ich bin Anrainer, wohne wenige Gehminuten von den Hauptbühnen entfernt. Zudem weiß ich aus vielen Gesprächen, wie unterschiedlich Betroffene das Geschehen wahrnehmen. Ich bin also vielfach beeinflusst. Genau deshalb vertrete ich meine Meinung auch hier.

Lärm und Müll
Natürlich ist ein Open-Air-Konzertareal in der Nähe von Wohngebieten eine interessante Frage an zurechnungsfähige Stadtentwickler. Aber das VAZ steht – als Veranstaltungszentrum mit dafür vorgesehenem Freigelände – nun mal dort, wo es steht. Genauso die Wohngebiete. Es scheint mir absurd, dass sich Anrainer über den Lärm beklagen, den Veranstaltungen mit sich bringen. Natürlich gehen mir WISA, Volksfest und Frequency auf die Nerven, wenn ich des nächtens mit Bässen beglückt werde. Aber ich kann mich darüber genauso wenig aufregen, wie über den Lärm der „neuen“ Güterzugumfahrung. Wir sind nun mal nicht allein, schon gar nicht in der Stadt. Fragen Sie mal die Innenstadtbewohner. Selbst am Land droht Gefahr – wenn der Nachbar im Hühnerstall an der Grundstücksgrenze plötzlich auch einen Hahn hält. An der Lärmdiskussion zeigt sich, wie breit das Problem ist. Bei günstiger Windlage finden sich auch in mehreren Kilometern Entfernung noch betroffene Anrainer, während manch unmittelbarer Nachbar den Lärm als „kleinstes Problem“ sieht. Viel schlimmer sei ohnehin der Müll.
Schon immer war das mit den Festivals verbundene Campen ein Beweis dafür, wie dumm und grindig wir Menschen sein können. Ich versteh jeden, der beim kritischen Durchschreiten des Campingplatzes am Fortbestand der Menschheit zweifelt. Glücklicherweise haben schon die alten Griechen gewusst, dass „diese Jugend“ unweigerlich zum Untergang der Gesellschaft führen wird. Irgendwie haben wir es dennoch bis heute geschafft. Was für uns Außenstehende offenbar schwer zu begreifen ist, bringt der Veranstalter mit seinem Werbespruch auf den Punkt: „Wie Urlaub. Nur ganz anders.“ Ein großer Teil der Frequency-Gäste ist nun mal jung. Und nicht vorrangig wegen der Bands hier. Das sieht man oft daran, wie überraschend luftig es bei den Bühnen ist, während am Campingplatz der Partybär steppt. Die p.t. Gäste kommen um sich aus dem Alltag auszuklinken. Sie trinken zu viel und feiern zu hart. Regeln sind für Spießer. Und das sind sie eh das ganze restliche Jahr. Man braucht das nicht sympathisch finden. Aber es hilft, es zu akzeptieren.

Leise und sauber

Es ist heuchlerisch und lebensfremd, dem Veranstalter vorzuwerfen, dass er zu wenig „Awareness“ schafft, dass er zu wenig Regeln aufstellt. Wie soll denn bitte der Herr Jenner mit seinem Team an vier Veranstaltungstagen den nötigen Selbstrespekt in seine Gäste einimpfen, den Mama und Papa schon bisher nicht erfolgreich einprogrammiert haben? Tatsächlich haben viele Kids das Gefühl, im Ticketpreis ist das Campen inkludiert, also können wir auch machen, was wir wollen. Es ist ein mühsamer Prozess, hier das Publikum in Richtung Green-Camping und Sauberkeit zu erziehen. Bei lebensnaher Betrachtung sollte aber augenscheinlich sein, dass es dem Veranstalter natürlich am liebsten wäre, er hätte saubere Gäste. Könnte er derart auf sie einwirken, er würde es tun. Und sich Unsummen an Reinigungskosten sparen – samt der blöden Nachrede.
Doch das ist nun mal das Grundproblem beim Frequency. Man kann nicht ein bisserl schwanger sein. Eine Lektion, die auch viele Lokalpolitiker erst lernen mussten. Gut erinnere ich mich an Diskussionen im Gemeinderat: „Ja zum Frequency, aber nein zum Müll an der Traisen. Die sollen halt wo anders campen.“ Das ist entweder ahnungslos oder verlogen. Denn das Frequency funktioniert in St. Pölten eben gerade deshalb, weil es mitten in der Stadt stattfindet. Das relativ kompakte Gelände mit der Traisen als chilligem Kontrastpunkt zu den Bühnen im VAZ ist der springende Punkt. Fällt der weg, kann man das Ding auch auf jede andere x-beliebige Wiese stellen – was manche ja wollen. Ich bin überzeugt, dass jeder am eigenen Leib ausmessen muss, wie sehr er sich beeinträchtigt fühlt. Es gibt Menschen, die wirklich ein massives Problem mit den Auswirkungen des Festivals haben. Zugleich gibt es genügend Menschen, die unter denselben Auswirkungen „leiden“ und darin gar kein Problem sehen. Es handelt sich um subjektive Empfindungen, die sich weder in richtig noch falsch einordnen lassen.

Viel und lustig
Auch das ist im Übrigen keine Erfindung der Festivalmacher. Unsere Rechtsordnung hat vorgesorgt, es gibt umfangreiche Genehmigungsverfahren und behördliche Auflagen. Es spricht Bände, dass manche meinen, es sei die Schuld des Bürgermeisters oder des Rathauses, dass das Festival stattfindet. Dabei wird übersehen, dass die Behörde unter Anwendung von Gesetzen Veranstaltungen zu beurteilen hat – und wenn alles passt, dann sind diese zu genehmigen. Die besser informierten Kritiker werden an der Stelle einwenden, dass der Gemeinderat so unschuldig dann doch nicht ist. Natürlich kooperieren Stadt und Veranstalter umfangreich, etwa wenn die (ohnehin unsägliche) Lustbarkeitsabgabe wieder an den Veranstalter in Form einer Förderung zurückfließt. Dieser partnerschaftliche Zugang ist Grundvoraussetzung für eine Veranstaltung dieser Größenordnung. Es ist eine bewusste, strategische Entscheidung, dass man dieses Festival in St. Pölten haben möchte. Auch wenn manche Damen und Herren das vielleicht noch nicht so recht wahrhaben möchten oder die Argumente dahinter durchschauen.
Das Festival bringt 50.000 Besucher pro Tag. Abgesehen vom Lärm, Verkehrsaufkommen und Dreck, bleibt natürlich auch noch Wertschöpfung in der Stadt. Je nach Fantasie kann man diese Millionenbeiträge einstellig oder dreistellig machen. Konkrete Zahlen liegen nicht vor, was aber in Wahrheit egal ist. Wenn man eine teure Studie für den konkreten Anlassfall machen würde, dann hätte man eine konkrete Zahl. Die Kritiker würden sie dennoch als zu hoch, die Fans als zu niedrig einstufen. Begnügen wir uns also mit dem Hausverstand. Festivalbesucher geben hunderte Euros für ihren Besuch aus. Dabei fällt ein gewisser Betrag natürlich für die lokale Wirtschaft ab. Der Einkauf im Supermarkt, der Besuch im Kaffeehaus, das Tanken vor der Heimfahrt. Dazu ausgebuchte Beherbergungsbetriebe in der ganzen Region und temporäre Beschäftigungseffekte. On top noch die überregionale Bekanntheit durch intensive mediale Berichterstattung. Insbesondere in der ganz jungen Zielgruppe wird St. Pölten mit dem Besuch einer coolen Veranstaltung verbunden, wird man als attraktive Urlaubsdestination gesehen. Das belebt Schulen, Ausbildungsstätten und den Arbeitsmarkt. In konkreten Zahlen? Keine Ahnung. Aber wer den Effekt kleinredet oder gänzlich ignoriert, der liegt sicher falsch.
Man kann natürlich viele Kritikpunkte am Festival finden. Wie jedes Jahr wurde auch heuer erkannt, was sich verändert hat, was man in Zukunft besser machen muss. Die Stadt wächst, Flächen ändern sich, es wird nicht leichter. Zudem war das Fes­tival heuer besonders gut besucht. Und auch der Veranstalter hat sein „Baby“ in den letzten zehn Jahren heranreifen lassen. Das Angebot an Einkaufsmöglichkeiten, Gastronomie und Bespaßung für die Gäste ist massiv gewachsen, viele verlassen das eigentliche Festival-Areal gar nicht mehr. Mit mehr Qualität wird versucht, das Durchschnittsalter zu steigern. All diese Bemühungen stehen im Einklang mit der Tatsache, dass die Festivalzukunft nur eine grünere, eine respektvollere sein kann.
Es ist aber eine Illusion zu glauben, dass man als Veranstalter diese Utopie einfach so verordnen kann. Besonders wenig hilfreich sind dabei die eifrigen Besserwisser, die wenige Stunden nach Festivalende Müllfotos hochladen und pathetische Reden schwingen. Sie untergraben das Vertrauen darin, dass hier vernünftige Beteiligte hart daran arbeiten, einen möglichst guten Job zu machen: eine sichere Veranstaltung umzusetzen und danach eine rasche und vollständige Reinigung zu gewährleisten. Natürlich ist der Campingplatz nach dem Festival völlig verdreckt. Aber er wird gesäubert – und dabei nehmen die Reinigungskräfte auch jenen Müll mit, den wir Anrainer das ganze Jahr über dort gelassen haben. Denn letzten Endes sind die „Freaqs“ am Festival ja wir selber. Vielleicht etwas jünger, etwas ausgelassener, etwas gedankenloser. Aber sicher nicht hoffnungsloser, als wir selbst.
Danke, Frequency! Auch wenn du mich zeitweise wirklich ankotzt.