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St. Pöltens gute Seite

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Wirt und mehr...

Text Beate Steiner Ausgabe 11/2013

St. Pöltens ältestes Beisl feiert seinen 25. Geburtstag. Narrnkastl-Gastronom Otto Schwarz über sein Erfolgsrezept und warum er seine aktive Politkarriere nicht verlängert hat.

1988. St. Pölten darf sich zwar schon Landeshauptstadt nennen, Auswirkungen auf das Kleinstadtleben hat das aber noch keine. Regiert wird das Land von Wien aus, „Beislszene“ ist ein Fremdwort ... Nicht für Otto Schwarz! Der damals 26-jährige Student lernte zu dieser Zeit die Wiener Lokalszene schätzen: „So etwas wollte ich auch haben – für mich und meine Freunde.“ In St. Pölten. Otto ließ sich ein Konzept einfallen, adaptierte die Räumlichkeiten in der Wiener Straße, eröffnete das Narrnkastl. Der 1. Tag war perfekt, alle haben zusammengeholfen, „sonst hätte es nicht funktioniert.“ Am dritten Tag war die Euphorie schon etwas verflogen: „Meine Beine schmerzten so sehr, dass ich nicht schlafen konnte. Ich wollte das Ding gleich verpachten.“ Aber: „Man lernt schnell … “
Und so ist das Narrnkastl seit 25 Jahren das verlängerte Wohnzimmer von Otto Schwarz, „mit Interaktion zwischen denen vor und denen hinter der Bar.“ Das führt dazu, dass in keinem anderen St. Pöltner Beisl der Wirt so schwer von seinen Gästen zu unterscheiden ist wie im Narrnkastl. Es soll sogar vorkommen, dass Otto in den frühen Morgenstunden die Seiten wechselt und gemeinsam mit den letzten Narren beim Nachbarn über der Straße den Nachtdienst mit einem Frühstück beschließt. Genau diese Gemeinsamkeit, diese Empathie, gab dem Lokal den Namen: „Alle sind ein bisserl narrisch.“
Die an der Schank haben hie und da gewechselt in all den Jahren – einer ist bis auf eine kurze Unterbrechung immer zwischen den Masken gestanden: Otto, der Unverwüstliche. Mit ihm älter geworden sind seine Gäste. Obwohl: Die nächste Generation hat bereits das „Kastl“ erobert – und macht es wieder zum Studentenlokal. Trotzdem oder gerade weil alles so bleibt, wie sich’s gehört. Klar haben die Eckpfeiler des Narrnkastl nach 25 Jahren unveränderter Anziehungskraft ein bisserl Patina angesetzt, aber missen will sie keiner: das Hainfelder Bier, Ottos legendäres Gulasch, die besten überbackenen Brote der Stadt, die Faschings-Deko, die riesige Palme, die zahlreichen Zeitschriften, vom „Spiegel“ bis zu den lokalen Infos, die angenehme Musik, die Gin-Tonic-Runden, die Narrnkastl-Festln wie „Dicht ins Dunkel“ als alternative Adventfeier.

Wie macht das der Otto?
Kontinuität ist also das Erfolgsrezept. „Ich bin immer eine Linie gefahren, das ist das Um und Auf, sich nicht beirren lassen. Du darfst alles werden, nur nicht beliebig.“ Dann ist das Wirt-Sein auch nach all den Jahren noch eine Freude. „Wenn dir das keinen Spaß macht, kannst du nicht hier sein, das ist wie auf einer Bühne: Du kannst dich nicht verstecken.“ Immerhin kommen viele Gäste ja „zum Otto“, also ins personifizierte Beisl.
Obwohl, Otto ist ja eigentlich kein wirklicher gelernter Wirt. Was ist er dann? Hausbesitzer, Haussanierer, Politiker, fast AHS-Professor: „Da hätt ich’s gemütlicher gehabt, wenn ich das Lehramt abgeschlossen hätte.“
Einen Anlauf hat er dafür noch genommen, verpachtete Anfang 1996 das Lokal, um sein Chemiestudium zu beenden. Aber der Nicht-mehr-Wirt hatte die Rechnung ohne Niki Schwab gemacht. Der rekrutierte seinen Freund für das neu entstandene Liberale Forum, Otto wurde vom Politvirus infiziert, war Gemeinderat in St. Pölten, in sämtlichen Gremien der jungen Partei vertreten, das Studium war wieder Nebensache. „Ich war immer ein politischer Mensch, das war schon sehr spannend.“ So sehr, dass Otto Schwarz mit einer eigenen Bürgerliste bei den darauffolgenden Gemeinderatswahlen antrat: „Wenn man die Dinge ändern will, muss man selber was tun.“ Er verpasste den Einzug ins Stadtparlament hauchdünn. Warum er nicht weitermacht? „Politik ist für mich eine Zeitfrage, vor allem wenn du alleine agierst, dir alle Gemeinderatsakten selbst durchschauen musst. Ich hab übrigens unglaublich viele Stunden für das Liberale Forum eingesetzt – und hätte gern mehr Zeit für meine Tochter gehabt.“
So betrachtet er die Lokalpolitik jetzt von außen: St. Pölten geht in die richtige Richtung, der Bürgermeister hat den passenden Zugang zu den Problemen der Stadt. Nur bei der Domplatzneugestaltung, da sollte endlich eine Entscheidung fallen. Ottos Optimum: „Ich würd nochmal hart mit dem Bundesdenkmalamt verhandeln, und dann eine viergeschoßige Tiefgarage bauen – mit Präsentation der Ausgrabungen und Kühlanlagen für die Marktlieferanten im ersten Geschoß, darunter drei Ebenen für die Autos.“
Lockversuchen anderer Parteien hat er bis jetzt widerstanden – erstens passt’s nirgendwo so ganz und zweitens – woher die Zeit nehmen, bei allem was so ansteht?
Zum Beispiel ab März ein neues Lokal, am Tag geöffnet, als Ergänzung zum Kastl ... Das hat übrigens ein ganz besonderes Alleinstellungsmerkmal, das perfekt harmoniert mit der Beständigkeit des Narrnkastl, aber auch mit Ottos Diskretion („gastronomische Schweigepflicht“): Otto ist offline. Social networks? „Nein, danke!“ Aus Prinzip, und „weil ich mir dadurch viel Zeit erspare.“ Dazu fügt sich bestens, dass die Web-Wellen im Kastl versiegen, Handys mangels Netz nicht läuten können – ein USP mit Zukunft: 24-Stunden-Online-Junkies müssen da ganz einfach im Narrnkastl entschleunigen, Abhörbedrohte können frei von der Leber weg reden, während sie diese mit edlen Getränken belasten – Freizeit, was willst du mehr!