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Wir packen es an!

Text Johannes Reichl Ausgabe 06/2017

Die Bahá‘í sind die jüngste Weltreligion. Am 27. September feiert die hiesige Gemeinde den 200. Geburtstag ihres Religionsstifters Baha’u’llah im Festspielhaus St. Pölten. Grund genug, mit Festorganisatorin Isma Forghani über die noch eher unbekannte Religion zu plaudern.

Bringt man in einer Runde das Gespräch auf die Bahá'í, so erntet man vielfach fragende Blicke.
Ja das stimmt, die Bahá‘í Religion ist nicht sehr bekannt. Das hat vielleicht damit zu tun, weil wir nicht missionieren. Wie alle Religionen hat auch die Bahá‘í  Religion ihren Ursprung im Nahen Osten. Bahá’u’lláh lebte von 1817 bis 1892. Geboren in Persien wurde er auf Grund seiner Lehren und des großen Zulaufs in der Bevölkerung aus seiner Heimat verbannt. Zunächst nach Bagdad, danach über Konstantinopel und Adrianopel nach Akka, wo er nach 40 Jahren Gefangenschaft verstarb.

In Europa machte ihn v.a. Gobineuas Buch „Les religions et les philosophies dans l‘Asie centrale” bekannt.

Ja, 1865 erschien der Bestseller, wo er über den jungen Glauben schrieb. Das hatte zur Folge, dass Baha’u’llah und sein Vorläufer Bab zum Gesprächsstoff in den Pariser Salons wurden. Paris war damals ja nicht nur Hauptstadt Frankreichs, sondern der kulturelle Impulsgeber für ganz Europa und Nordamerika. Viele angesagte Künstler waren von Bahá’u’lláh inspiriert und haben in ihren Werken Zeugnis davon abgelegt. Der österreichische Diplomat Graf Prokesch von Osten etwa schrieb: „Alles ist faszinierend an der Geschichte dieses historischen und menschenfreundlichen Phänomens, sogar die Tatsache der Unkenntnis Europas in einer Sache von so kolossaler Bedeutung-“

Wieviele Anhänger gibt es heute in Österreich, wieviele weltweit?
Heute leben ca. 1.200 Bahá‘ís in Österreich. Der erste österreichische Bahá‘í ist Franz Pöllinger. Über sein Leben wird nächstes Jahr in St. Pölten ein Theaterstück uraufgeführt. Weltweit sind es ca. sieben Millionen.

Religionsstifter ist Bahá´u´lláh. Was war das für ein Mensch?
Bahá‘u‘lláh wurde 1817 in Persien in eine Adelsfamilie geboren. Doch Reichtum und das höfische Leben interessierten ihn nicht. Vielmehr widmete er sich den Armen und Obdachlosen, weshalb er bald als „Vater der Armen“ bekannt wurde. Um ihn vorzustellen, möchte ich einen neutralen Augenzeugen zitieren: Der britische Orientalist, Professor Edward G. Browne von der Universität in Cambridge, besuchte Bahá‘u‘lláh im Jahre 1890 in Bahjí und schrieb seine Eindrücke wie folgt nieder: „Eine milde, würdevolle Stimme bat mich, Platz zu nehmen, und sprach sodann: ‚... Du bist gekommen, um einen Gefangenen und Verbannten zu sehen ... Wir wünschen nur das Wohl der Welt und das Glück der Völker; dennoch hält man uns für Anstifter von Streit und Aufruhr, die Gefangenschaft und Verbannung verdienen ... Wir wünschen, daß alle Völker in einem Glauben vereint und alle Menschen Brüder werden; daß das Band der Liebe und Einigkeit zwischen den Menschenkindern gestärkt werde; daß Religionsverschiedenheit aufhöre und die Unterschiede, welche zwischen den Rassen gemacht werden, aufhören – was ist nun Schlimmes hieran? ... Aber dennoch sehen wir eure Könige und Regenten die Schätze ihrer Länder mehr auf die Zerstörung der menschlichen Rasse verschwenden als darauf, was zum Glück der Menschheit führen würde ... Diese Kämpfe, dieses Blutvergießen und diese Zwietracht müssen aufhören, alle Menschen müssen sein, also ob sie einem Geschlecht und einer Familie angehörten. Es rühme sich kein Mensch dessen, daß er sein Land liebt, sondern eher dessen, daß er das ganze Menschengeschlecht liebt ...‘ Solcher Art waren … die Worte, die ich von Bahá‘u‘lláh hörte. Mögen die, die sie lesen, sie gut daraufhin ansehen, ob solche Lehren Tod und Ketten verdienen, und ob die Welt von ihrer Verbreitung nicht vielleicht mehr gewinnen als verlieren würde.“

Gibt es so etwas wie eine Quintessenz des Glaubens?
Mein Schlüsselwort ist: Güte für die ganze Menschheit als Lebensweise! Bahá’u’lláh gibt uns eine Fülle von ethischen Prinzipien, wie alle anderen Religionsstifter: Wahrhaftigkeit, Liebe, Güte, Gerechtigkeit, Vertrauenswürdigkeit …  Häufig wird den Bahá’ís vorgeworfen, sie seien Utopisten, weil sie zu fröhlich in die Zukunft schauen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Wir sind höchst realistisch! Weil die Not in der Welt so groß ist und es so viel Ungerechtigkeit, Verwirrung und Misstrauen gibt, packen wir es an! Häufig müssen wir gegen den Strom schwimmen, weil es heute leider komisch ist, über Tugend oder Güte zu sprechen oder einfach freundlich zu sein. Es wird als Schwäche ausgelegt oder man stvermutet dahinter eine andere Absicht!

Tatsächlich mutet der Glaube an das unmittelbar bevorstehende „Goldene Zeitalter” angesichts allerorts wieder aufflammender Konflikte gar zu zuversichtlich an?

Das Goldene Zeitalter steht als Synonym für eine Welt ohne Krieg, wo alle Menschen wie eine Familie leben. In allen Offenbarungsreligionen finden wir Verheißungen auf ein Zeitalter des Friedens wo „Schwerter zu Pflugscharen verwandelt werden“ und „kein Volk gegen das andere ein Schwert aufheben, und werden hinfort nicht mehr kriegen lernen“. Ähnliche Beschreibungen finden sich auch im Koran. Bahá’u’lláh spricht von der „Einheit der Menschheit in der Vielfalt“ und er beschreibt, im 19. Jahrhundert!, dass die Menschheit an der Schwelle zu ihrer Reife steht und der nächste Schritt in ihrer Entwicklungsstufe der „Größte Frieden“ ist. „Die Wohlfahrt der Menschheit, ihr Friede und ihre Sicherheit sind unerreichbar, wenn und ehe nicht ihre Einheit fest begründet ist.“

Die Geschichte der Bahá’í ist auch eine politische. Von Beginn an wurde die Glaubensgemeinschaft in Persien verfolgt. Wie ist die aktuelle Situation im Iran?

Obwohl sich Bahá’ís, entsprechend ihren Glaubenssätze, niemals in die Tagespolitik einmischen oder Partei ergreifen und stets loyal zur Regierung des jeweiligen Landes sind, wird die Bahá’í-Gemeinde in der Islamischen Republik Iran scharf verfolgt. Leider hat sich ihre Situation auch in den letzten Jahren nicht verändert, wie im jährlichen Bericht des UN–Menschenrechtsrats nachzulesen ist. Die sieben Personen, über die MFG bereits 2010 geschrieben hat, sitzen nun seit neun Jahren im Gefängnis. Eine von ihnen, Frau Mahvash Sabet, wurde im November 2016 zum Ehrenmitglied des Österreichischen PEN Clubs ernannt, ihre im Gefängnis geschriebenen Gedichte wurden übersetzt und als Buch herausgebracht. Erst vor wenigen Wochen wurden auch im Jemen dutzende Bahá’ís mit der Erklärung „showing kindness and displaying rectitude of conduct “ – kein Scherz! – inhaftiert. Die Situation ist in vielen Ländern der Gegend ähnlich besorgniserregend.

In St. Pölten feiern Sie den Geburtstag des Religionsstifters mit einer künstlerischen Hommage. Was kann man sich da vorstellen?
Es ist keine religiöse, sondern eine kulturelle Veranstaltung. Es erwartet uns ein Klavierkonzert mit einer Lesung aus den Schriften Bahá‘u‘lláhs, dazu Lieder und Chorgesang. Es ist unser Wunsch, dass die St. Pöltner von Bahá’u’lláh hören und mit seinen Schriften in Kontakt kommen und vielleicht darüber reflektieren. Weil seine Botschaft für unsere Welt so aktuell ist wie nie zuvor.



Grundsätze der Bahá’í

1. Die ganze Menschheit ist als Einheit zu betrachten.
2. Menschen müssen die Wahrheit selbstständig erforschen.
3. Religionen haben eine gemeinsame Grundlage.
4. Religion muss die Ursache der Einigkeit und Eintracht unter den Menschen sein.
5. Religion muss mit Wissenschaft und Vernunft übereinstimmen.
6. Mann und Frau haben gleiche Rechte.
7. Vorurteile jeglicher Art müssen abgelegt werden.
8. Weltfrieden muss verwirklicht werden.
9. Beide Geschlechter müssen die beste geistige und sittliche Bildung und Erziehung erfahren.
10 Die soziale Frage muss gelöst werden.
11 Es muss eine Welthilfssprache und eine Einheitsschrift eingeführt werden.
12 Es muss ein Weltschiedsgerichtshof eingesetzt werden.