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Text Beate Steiner Ausgabe 09/2016

Samstagvormittag am Markt.  „Wollen S’ nix verdienen?“ keift die zwidere Alte in Richtung der beiden Standlerinnen, die emsig und freundlich pralle rote Paradeiser und  leuchtend lila Kriecherl abwiegen und zarten grünen Salat über die Theke reichen.
„Wollen S’ nix verdienen?“  Die muffige Ansage passt gar nicht zum appetitlich aufbereiteten Stand mit seinen frischen Delikatessen: selbst gepflanzte und geerntete knackige Karotten, selbst gezogene duftende Zwiebeln, selbst gepflückte saftige Apferl und vieles mehr. Klar, dass die Bäuerin ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf der selbst produzierten Lebensmittel verdient. Aber einen wertschätzenden Umgang ihrer Kunden hat sie sich ebenfalls verdient  – sie als Person und auch ihr gepflegtes Gemüse.
Solch missachtende Töne sind nicht nur am Markt zu hören, sondern überall dort, wo „serviciert“ wird: Die Käuferin sekkiert die geduldige Verkäuferin, der frustrierte Gast den devoten Kellner. Schon nachvollziehbar, dass sich immer weniger junge Menschen zum Beispiel Jobs in der Gastronomie antun wollen, wenn diese solch wenig anziehendes Image haben: Immer freundlich bleiben trotz unfreundlicher Arbeitszeiten, trotz unverschämter Kunden und manchmal auch unausstehlicher Chefs. Kein Wunder also, dass die meisten Absolventen der Tourismus-Schulen gar nicht andenken, in der Gastronomie zu arbeiten.
Kein Wunder auch, dass immer weniger Lehrlinge sich zum Gastronomie-Fachmenschen ausbilden lassen, immer mehr gelernte Kellner in anderen Berufen glücklich werden. Motto: „Wenn mich die Gäste nicht gern haben, dann können sie mich gern haben.“ Also, liebe Leute: Lieb sein zum Kellner und zur Kellnerin, sonst müsst ihr Euer Bier bald selber zapfen.