MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Facebook Twitter

WARUM?

Text Johannes Reichl Ausgabe 06/2017

Der Ausgang des türkischen Verfassungsreferendums, im Zuge dessen in Österreich prozentuell mehr wahlberechtigte Türken mit Ja gestimmt haben als in der Türkei selbst, hat zu einer gewissen Irritation geführt und die Frage aufgeworfen, warum Erdogan auch hierzulande so erfolgreich ist. Wir sprachen diesbezüglich mit dem St. Pöltner Gemeinderat Ali Firat, der als so etwas wie das Sprachrohr der Community gilt, sowie mit Tuncer Cinkaya, der es mit seinem „Liebesbrief an Österreich“ (s. Kasten) sogar bis in den Ö3 Wecker schaffte.

Mehrmals im Gespräch kann Tuncer Cinkaya ein Seufzen nicht unterdrücken und schüttelt verärgert bis ratlos den Kopf. Wendungen wie „Das ist krank“, „das ist schrecklich“ oder gegen Ende ein fast resignatives „Ich fühl mich alleingelassen“ kommen dann über seine Lippen, ehe er nach kurzem Innehalten wieder ein kämpferisches Leuchten in den Augen bekommt: „Da muss man doch etwas tun!“ Der Mann leidet, ganz offensichtlich, und seit dem Referendum, im Zuge dessen rund 70% der wahlberechtigten Türken in Österreich für Erdogans Verfassungsreform gestimmt haben, hat sich dieses Leid noch potenziert. Es ist ein Leiden mit und an seinem Volk, an seiner Kultur, seiner Religion. Ebenso an einer chauvinistischen Grundeinstellung, die er bei vielen seiner „Mitbrüder und Mitschwestern“ ortet, der er selbst aber nichts mehr abgewinnen kann, weil sie in seinen Augen zu einer immer stärkeren Entfremdung zwischen Türken und Österreichern führt. Menschen wie Cinkaya, in deren Brust zwei Herzen schlagen, die eigentlich nur eins sein wollen, werden in diesem von innen wie von außen hereingetragenen Zwiespalt aufgerieben. „Ich seh mich als Türke, das kann ich ja nicht ändern und möchte ich auch nicht ändern. So bin ich. Ich bin aber auch österreichisch und demokratisch.“
Wir sitzen in der Kaffeeküche im 2. Stock des WIFI zusammen, wo mir Cinkaya einen Nespresso runterlässt. Seit vier Jahren arbeitet er hier als Standortleiter der „Überbetrieblichen Ausbildung“. In jeder Talkshow würde er als Paradebeispiel gelungener Integration „durchgehen“, wie sie dieser Tage aber oft in Zweifel gezogen wird – nur vom Scheitern ist die Rede. Nachher zeigt er mir ein Foto des gesamten Teams und schwärmt: „Das sind alles so großartige Menschen, so hilfsbereit – meine Kolleginnen etwa engagieren sich für Asylwerber, von sich aus, freiwillig!“ Deswegen kann er das Gerede vom alles durchdringenden Ausländerhass der Österreicher, der reflexhaft wie ein Totschlagargument hervorgezaubert wird, wenn man die türkische Community kritisiert, nicht mehr hören. „Sicher hat mich früher auch schon jemand ‚Du deppada Türk‘ geschimpft, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Das war für mich aber bestenfalls Ansporn.“ Das Gros der Personen begegne ihm aber mit Respekt. „Es ist jedenfalls überhaupt nicht so, dass wir – wie immer lamentiert wird – nur als Ausländer wahrgenommen werden, sondern wir selbst sind es doch, die unentwegt in diese Rolle schlüpfen und uns als Opfer darstellen, weil das halt auch oft sehr bequem ist, die Schuld für eigenes Unvermögen bei den anderen zu suchen.“ Die Österreicher nimmt er als „sehr tolerant und gemäßigt wahr. Ich wundere mich ja, was ihr euch noch alles gefallen lässt. Wenn Österreicher in der Türkei so abgestimmt hätten, wie viele Türken jetzt in Österreich anlässlich Erdogans Referendum, hätte man sie am nächsten Tag in den Allerwertesten getreten, sie als Verräter bezeichnet und ihnen die Hölle heiß gemacht.“

Erdogans Trumpf. Womit wir bei einer Kernfrage sind, die viele dieser Tage beschäftigt. Warum konnte Erdogan so sehr mit seinem antidemokratischen Kurs punkten, auch in Teilen der österreichischen Community? „Ganz ehrlich, vor zwei Jahre, hätte ich diesen Mann noch selbst verteidigt. Für mich war er immer so etwas wie ein Moslemdemokrat, so wie es auch Christdemokraten gibt – einer der zu seinem Glauben steht, ebenso aber auch die Demokratie hochhält. Aber, wie es scheint, hat er alle nur getäuscht, und spätestens nachdem er die Europäer als Rassisten, als Nazis bezeichnet hat und sie mit dem türkischen, umgangssprachlichen Schimpfwort „cavur“ – ungläubiger Abschaum – beschimpft hat, ist auch der letzte Funken Hoffnung in mir gestorben“, kann Cinkaya seine Enttäuschung nicht verbergen. Auch nicht jene über das Verhalten mancher Austrotürken: „Keiner von uns hier hat gesagt, das ist Blödsinn. Im Gegenteil, viele bejahen Erdogans Politik.“ Um das zu begreifen, müsse man freilich v.a. einen Blick in die Türkei selbst werfen: „Ein Beispiel: Als ich vor einem Jahr meine Heimatstadt Denizli besucht habe, dachte ich im ersten Moment, ich hätte mich verfahren – überall neue Straßen, Autobahnen, Unterführungen, Straßenbeleuchtung und so weiter, wo vorher nur Staub und Dreck waren. Der Fortschritt auf dieser Ebene ist allerorten unübersehbar, vieles hat sich zum Positiven unter Erdogan verändert – das ist sein Trumpf.“ Gleich geblieben sei hingegen ein religiöser Chauvinismus und Nationalismus, der von Erdogan bewusst befeuert wird. „Es gibt ein Sprichwort bei uns: Du kannst einem Esel einen goldenen Sattel umschnallen, er bleibt trotzdem ein Esel.“ Und so gehe man in der sich zuvor säkular entwickelnden Türkei nun wieder der Gleichsetzung von Religion und Staat auf den Leim. „Erdogan inszeniert sich als der Übervater: ‚Ihr könnt zu mir kommen. Egal was ihr macht, ob ihr etwas leistet oder nicht …‘“

„Umdenken ist notwendig!“ Auch in Österreich ortet Cinkaya dieses Muster, das er, wenn man es richtig interpretiert, als einen der größten strukturellen Integrationshemmer wahrnimmt. „Um mich nicht falsch zu verstehen – ich habe nichts gegen Religion. Jeder soll seinen Glauben frei entfalten können, so wie es den demokratischen Werten entspricht. Er wird aber dann zum Problem, wenn er zum einzigen Lebensinhalt wird, wenn er bis auf die kleinste Ebene des privaten Lebens Einfluss nimmt und wenn er zu einer Abschottung gegenüber anderen führt.“ In Österreich, auch auf Ebene der Kulturvereine, sei dies vielfach passiert. „Tatsächlich war die erste Generation der Türken etwa im Hinblick auf Integration auf einem sehr guten Weg, ganz einfach, weil es all diese Strukturen damals noch gar nicht gab – man war viel mehr angewiesen, mit der ansässigen Bevölkerung zu interagieren.“ Heute hingegen spiele sich das Leben vielfach nur mehr unter seinesgleichen ab, wobei das Phänomen noch durch eine Art türkischen Chauvinismus verschärft wird. „Die Türken glauben vielfach sie seien etwas Besseres. Hier wir, die Türken, die Moslems, dort die anderen, die Andersgläubigen. Damit wird jeder Fortschritt, auch jeder Vorteil, den man durch andere erfährt, quasi zur Selbstverständlichkeit.“ Zudem hemme es den eigenen Ehrgeiz und fördere das Sichgefallen in einer Opferrolle. „Nehmen wir die Arbeitswelt und schauen uns diese mal nüchtern an. Die ersten Türken haben schwer gearbeitet, mit ihrer Körperkraft, und das hat gereicht. Die Arbeitswelt hat sich aber geändert, und wer sich dann nicht um Spracherwerb bemüht hat, wer sich nicht weitergebildet hat, der ist einfach abgehängt worden. Dann hat es geheißen, die Österreicher sind so böse, wir werden benachteiligt – und in der Gemeinschaft kann man sich das halt gut einreden, weil wer ist schon gern allein ein Koffer. Nur, den minderausgebildeten Österreichern ergeht es ja nicht anders, das hat also nichts mit Ausländerhass zu tun, sondern mit persönlicher Bildung und persönlichem Engagement. Und wenn wir, wie wir glauben, angeblich so Übermenschen sind, warum machen wir dann nichts aktiv, um weiterzukommen? Wer hindert uns daran, uns weiterzubilden, die Sprache zu lernen, uns anzustrengen? Doch nur wir selbst, unsere Bequemlichkeit!“
Wer nun den Eindruck gewinnt, Cinkaya betreibe irgendeine Art von Türken-Bashing, liegt falsch. Er wünscht sich nur ein „Umdenken“, mehr „Bewusstsein“, weil er umgekehrt die Befürchtung hegt, dass man den rechten Kräften in die Hände spielt: „Ich habe die Angst, wenn wir uns nicht verändern, dass die Österreicher irgendwann sagen: ‚So, jetzt reichts!‘ Und dann wählen sie die Blauen – Hofer hatte ja schon bei den letzten Päsidentenwahlen fast 50%. Menschen wie ich, die Türken, werden dann vielleicht das Land verlassen müssen, die Österreicher aber bleiben ja, und die haben dann die Rechten am Hals, weil die wird man so schnell nicht mehr loswerden. Und was die tun, kann man aktuell ja in einigen Staaten beobachten, und das ist eine Tragödie, weil es dann mit den vielfach blutig erkämpften Errungenschaften wie Freiheit, Gleichheit, Toleranz und Demokratie schneller vorbei sein kann als man denkt.“

„Wir sind dran!“
Cinkaya macht für den Rechtsruck also die türkische Community unmittelbar mitverantwortlich, weshalb sie gefordert sei, im eigenen Interesse wie auch im Gesamt­interesse des Landes aktiv dagegen anzukämpfen. Deswegen reagiert er auch fast unwirsch auf die Frage, wie die Österreicher auf diesem Weg den Türken entgegenkommen könnten. „Nicht die Österreicher! Die haben schon so viel getan! Jetzt sind endlich einmal wir dran, diesem Land etwas zurückzugeben.“ Den Verweis auf erfolgreiche türkische Unternehmen lässt er nicht gelten. „Meinen Sie die Dönerbuden, manches Geschäft? Das ist doch bitte alles zum Eigennutz. In Wahrheit haben wir in 50 Jahren, seitdem die ersten von uns kamen, nichts Nachhaltiges für die Gesellschaft geleistet – wo sind unsere Beiträge in der Wissenschaft, in der Forschung, in der Kultur?“ Auch, dass die türkischen Gastarbeiter nachhaltig zum allgemeinen Wohlstand Österreichs beigetragen hätten, hält Cinkaya für übertrieben. „Da wird ja so getan, als ob Österreich ohne die Türken ein Entwicklungsland wäre. Ja, manche von uns meinen, die Österreicher sollen sich bei uns bedanken, weil Österreich quasi nur wegen den Türken so gut dasteht – und die glauben das wirklich! Das ist ja schrecklich! Keine Rede davon, was dieses Land umgekehrt für uns getan hat. In Wahrheit sind wir vor 50 Jahren aus meistens sehr schlechten Verhältnissen hierher gekommen, denn in der Türkei war damals nichts – keine Straßen, keine Infrastruktur, keine ordentlichen und sicheren Arbeitsplätze. Alle, die nach Österreich gekommen sind, haben davon profitiert. Diesen Standard, wie wir ihn hier genießen, hätten wir in der Türkei mit demselben Einsatz unser Leben lang nie erreicht – dort hat man gerade noch überlebt. Daher verstehe ich diese Undankbarkeit nicht, oder dass man so tut, als sei das alles selbstverständlich.“
Für Cinkaya ist es das nicht, weshalb er schon im November vorigen Jahres die Facebook-Seite „Zeit, Verantwortung zu übernehmen“ ins Leben gerufen hat, samt türkischsprachigem Ableger „für jene, die nicht so gut Deutsch können und sich genieren würden, in gebrochenem Deutsch zu posten.“ Die Resonanz ist durchwachsen. „Als ich auf Ö3 war und ein Interview im Kurier hatte, haben mir zahlreiche Leute gratuliert – aber das waren mehrheitlich Österreicher.“ In der türkischen Community hingegen „fühle ich mich oft alleingelassen.“ Das ist freilich überspitzt, denn immerhin hat die Facebook-Seite mittlerweile schon rund 400 Mitglieder, wobei Cinkaya sie vor allem zum Gedankenaustausch und als eine Art Ideenbörse betreibt, „da kann auch hart und kontrovers diskutiert werden, Hauptsache es wird diskutiert! Und es geht darum herauszufinden, was wir als Türken für die Gesellschaft machen können – ganz konkret!“ Cinkaya selbst geht schon mit einigen Ideen schwanger, so könnte er sich etwa eine Spendenaktion in Kooperation mit Ö3 vorstellen, „wo aber eben nur Türken spenden, und wenn es nur 10 Euro pro Person sind.“ Das aufgestellte Geld könne man dann etwa dem Staat geben, um damit z. B. etwas mehr für obdachlose Menschen der hiesigen Gesellschaft zu unternehmen, oder man könnte es dem Roten Kreuz spenden. „Es geht einfach darum, eine Geste der Loyalität zu setzen und sich zu dem Land zu bekennen, in welchem man über 90% seines Lebens verbringt. Nach dem Motto: Wir lieben dieses Land und wir leisten unseren Beitrag!“ Oder, wie er es auf seiner persönlichen Facebook-Seite am Profilbild fordert: „Opferrolle ablegen! Verantwortung übernehmen! Mensch sein!“

MITEINANDER LEBEN.
Tags darauf finde ich mich im SPÖ Besprechungszimmer im ersten Stock des Rathauses wieder. Mir gegenüber sitzt, unter dem Konterfei des jüdischstämmigen Bruno Kreisky, der alevitischstämmige Ali Firat – beide Österreicher. Fast 1.000 Vorzugsstimmen holte der 28-jährige Firat bei den letzten Gemeinderatswahlen, die zweitmeisten von allen Kandidaten nach dem Bürgermeister, und zog damit einmal mehr in den Gemeinderat für die SPÖ ein. Die meisten Stimmen kamen, so liegt nahe, aus der türkischen Community, weshalb Firat als so etwas wie ihr Sprachrohr in der Stadt angesehen wird – und das ist er auch. Wie es einen guten Gemeinderat ausmacht, ist er viel und unermüdlich unterwegs, holt die Anliegen sozusagen direkt an der Basis ein, „nicht selten auf Hochzeiten“, lacht er. Wenig verwunderlich, immerhin hat er dort gleich zahlreiche Schäfchen auf einem Haufen beinander – türkische Hochzeiten können schon einmal die 1.000 Gäste-Marke knacken. Für ihn sind sie auch ein Indikator für das funktionierende Zusammenleben der türkischen Community in St. Pölten „die sich v.a. aus Sunniten, Aleviten und Kurden zusammensetzt, die sich bei den Hochzeiten oft treffen.“ Bislang hätten Spannungen in der Türkei nicht ebensolche innerhalb der hiesigen türkischen Community zur Folge gehabt, wenngleich das Referendum natürlich ein großes Thema war. „Es gab solche, die sich über den Ausgang gefreut haben, und solche, für die das glatte Gegenteil der Fall ist.“ Prinzipiell müsse man aber die durch die Medien geisternden Zahlen relativieren, „weil ja so getan wird, als hätten 70% der Türken in Österreich mit Ja gestimmt – das stimmt aber nicht! In Österreich leben 108.561 Türken, die wahlberechtigt waren. Von diesen sind nur 48% zur Wahl gegangen, und von diesen wiederum haben 38.215 mit Ja gestimmt, 13.972 mit nein.“ Für St. Pölten (wo aktuell 1.308 türkische Staatsbürger leben) gibt es keine Detailergebnisse über Wahlbeteiligung und Stimmverhalten. Auf Österreich insgesamt gemünzt will Firat aber jedenfalls im Umkehrschluss festhalten, „dass 52%, also über die Hälfte der Wahlberechtigten, gar nicht erst zur Wahl gegangen ist – das ist ein klares Statement gegen Erdogan!“
Warum Erdogan mit seinem antidemokratischen Kurs dennoch österreichweit 38.000 Ja-Stimmen einfahren konnte, führt Firat auf verschiedene Aspekte zurück. „Zunächst gibt es keine objektive Berichterstattung mehr. Wenn ein Türke hier in Österreich einen türkischen Fernsehkanal aufdreht, so findet er nur Erdogan-Propaganda. Man muss sich vorstellen, dass unter Erdogan bisher über 160 TV-Sender geschlossen wurden, kritische Journalisten sind ins Gefängnis gewandert. Das würde übrigens wohl auch uns beiden wegen ‚Volksverhetzung‘ passieren, wenn wir dieses Gespräch in der Türkei führten.“ Zum anderen habe Erdogan für stabile Verhältnisse in der Türkei gesorgt, die es zuvor so nicht gegeben hat, und könne, allen voran, auf einen Wirtschaftsaufschwung verweisen. „Auch wenn er den, was viele nicht wahrnehmen, hauptsächlich über die Privatisierung öffentlicher Einrichtungen herbeiführte, also mittels Einmaleffekten. Aber die sichtbaren Fortschritte machen ihn sehr anziehend.“ Nicht zuletzt spiele Erdogan die religiöse Karte „das heißt, was vorher strikt getrennt war, Staat und Religion, wird unter ihm wieder mehr vermischt“, und bediene – wie die Zusammenarbeit mit der MHP zeige – nationalistische Gefühle. „Und dennoch wollen viele Türken, wie vielfach untergeht, keinen autoritären Staat. Man muss schon anerkennen, dass trotz der unglaublichen Propagandakeule, trotz Desinformations- und Repressionspolitik in der Türkei fast 50% Nein zur Verfassungsänderung gesagt haben! Etwa in den großen Städten Ankara oder Istanbul, wo Erdogan ja ehemals selbst Bürgermeister gewesen ist.“

Generationenphänomen. Dass auch hierzulande die Religion zusehends instrumentalisiert wird oder gar Druck ausübt, nimmt Firat nicht wahr. „Jeder Mensch ist frei. Wenn jemand das Bedürfnis hat, seinen Glauben zu leben, geht er in die Moschee, wenn nicht, dann eben nicht.“ Diesbezüglich würden – teils von rechten Kreisen bewusst gestreut – viele Vorurteile herumgeistern, der Islam oft schlecht geredet, obwohl keine Substanz hinter den Behauptungen stünde. „Die Moscheen etwa machen jedes Jahr Tage der Offenen Tür. Da kann wirklich jeder hingehen und sich vorort ein Bild machen, was dort passiert.“ Hinkommen müsse man aber schon selbst – es gehe also auch um die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Nicht Hingehen und sich dann alles Mögliche zusammenzureimen sei hingegen billig, wenngleich Firat auf die Integrationsfrage angesprochen generell Luft nach oben sieht – von allen Seiten. „Vielleicht müssten wir das einfach noch öfter machen, solche Tage der Offenen Tür, auch mehr gemeinschaftliche Projekte und Veranstaltungen wie das Fest der Begegnung, wo man direkt zusammenkommt. Das sind tolle Sachen, die Vorurteile abbauen, weil man sich persönlich kennenlernt.“
Auch eine angebliche Integrationsunwilligkeit, wie bisweilen suggeriert, stellt Firat ganz klar in Abrede. „Da brauche ich mir nur die Deutschkurse anzuschauen, welche etwa die Stadt anbietet. Die sind völlig überlaufen, die Leute wollen also Deutsch lernen!“ Freilich, und damit kommt man eher auf eine rein menschliche und emotionale, denn kulturell aufgeladene Ebene, oft gehe schlicht Scham einher, die vieles verhindere. „Viele Türken – vor allem die Älteren – genieren sich einfach, dass sie so schlecht Deutsch sprechen und so viele Rechtschreibfehler machen.“ Das habe auch mit einer historischen Fehleinschätzung der ersten Generationen zu tun. „Meine Großeltern kamen 1964 und sprechen kaum Deutsch, und auch meine Mutter habe ich gefragt: ‚Warum sprichst du eigentlich so schlecht Deutsch?‘ Das Problem – die ersten Türken dachten, dass sie sowieso nur vorrübergehend hier arbeiten, tatsächlich sind dann aber die meisten geblieben.“ Das heißt, der Spracherwerb stand für diese Generationen gar nicht im Fokus, „es gab aus demselben Grund umgekehrt auch kaum öffentliche Angebote.“ Heute sehe die Sache jedoch anders aus „und in 20/30 Jahren werden alle Türken zweisprachig sein!“ Bildung sei jedenfalls der Grundschlüssel der Integration schlechthin „deshalb ist es so wichtig und gut, dass die Kinder schon im Kindergarten die Sprache erlernen. Und das sage ich jedem, auch den Alten: ‚Lernt die Sprache, denn nur so könnt ihr euch verständigen.‘“
Dass dies nicht immer ausreicht, es trotzdem Diskriminierungen gegen Türken gibt, sei aber ebenso eine Tatsache. „Keiner soll mir zum Beispiel sagen, es ist Zufall, dass man im La Boom nicht reinkommt, wenn man nicht wie ein Inländer aussieht. Ich habe das am eigenen Leib erfahren – und geklagt.“ Alltagsdiskriminierung finde bisweilen auch am Arbeitsplatz statt „wenn man gemobbt wird, etwa keiner mit dir redet, weil du ein Ausländer bist.“ Ebenso wisse er, dass viele türkischstämmige Jugendliche auf Bewerbungen fast ausschließlich negative Antworten bekommen – so sie überhaupt welche erhalten. „Da genügt der fremdklingende Name. Die fühlen sich dann natürlich ausgegrenzt und benachteiligt.“ Firat gibt den Jungen aber den Rat, sich deswegen nicht hängen zu lassen, sondern im Gegenteil „sich noch mehr anzustrengen. Ich sag ihnen klipp und klar: ‚Lass dich weiterbilden, du hast die Möglichkeiten dazu – nutze sie! “
Unübersehbar verstärkt habe sich auch der offen artikulierte Fremdenhass in den sozialen Netzwerken, weshalb Firat fordert, „dass man diesbezüglich die Gesetze an das 21. Jahrhundert anpasst, weil es entweder noch gar keine Strafen oder viel zu milde für Hetze gibt!“

Weniger Emotion, mehr Vernunft. Bei vielen Themen würde er sich generell weniger Emotion wünschen. Im Hinblick auf etwaige unerlaubte Doppelstaatsbürgerschaften, die zuletzt in den Fokus rückten, hält Firat etwa von Strafen oder Aberkennungen gar nichts, „weil man aufpassen muss, dass man dann nicht auch Unschuldige trifft, die gar nicht wussten, dass sie auf den Wählerlisten stehen.“ Allerdings müssten jene, die zweigleisig gefahren sind, sich klar entscheiden „ob sie türkischer oder österreichischer Staatsbürger sein möchten – beides geht nicht!“
Auch die Kopftuchdebatte sieht Firat künstlich aufgebauscht. In der Community selbst könne er etwa nicht feststellen, „dass Druck auf Frauen ausgeübt wird, Kopftuch zu tragen. Die entscheiden das schon selbst für sich.“ Deshalb hält er auch nichts von einem generellen Kopftuchverbot in der Öffentlichkeit. Während der Ruf danach an Gerichten nachvollziehbar sei, beim dortigen Personal aber ohnedies schon längst gelebte Realität darstellte, findet er eine Ausweitung etwa auf Schulen problematisch. „Denn wenn man sich zu einem solchen Gesetz entschließt, müsste man eine einheitliche Regelung für alle religiösen Symbole finden.“ Kurzum, neben dem Kopftuch etwa auch das Kreuz oder andere religiöse Kopfbedeckungen wie die Kipa aus dem Klassenzimmer verbannen. „Eine Lex Kopftuch wäre hingegen rein diskriminierend und ist daher abzulehnen.“ Was ihm, wie vielen, allerdings befremdlich anmutet, ist das Phänomen, wenn schon kleine Kinder zum Kopftuchtragen angehalten werden. Zwar ist Firat auch diesbezüglich gegen Verbote „aber man sollte jedenfalls die Eltern in die Schule bitten und mit ihnen ein klärendes Gespräch führen, um diese für das Thema zu sensibilisieren.“
Wie Firat überhaupt für noch mehr Gespräche, noch mehr gemeinsame Aktionen plädiert, weil nur im direkten Kontakt viele Missverständnisse ausgeräumt werden können. Zudem müsse man – die eine wie die andere Seite – mehr differenzieren, dürfe „nicht alle in einen Topf werfen.“ Und es gelte im Zeitalter neuer Medien und dem damit heute viel leichterem Verbreiten sogenannter Fake-News, viele angebliche Fakten kritisch zu hinterfragen bzw. sich aus seriösen Quellen zu informieren. Prinzipiell funktioniere das Zusammenleben zwischen Türken und Österreichern in St. Pölten aber sehr geht, daher ist Firat auch für die Zukunft zuversichtlich: „Wenn sich jeder Mensch, und zwar wirklich jeder einzelne, für das Zusammenleben zu 100% einsetzt, dann ist ein friedliches Miteinander gewährleistet!“



Liebes Österreich!
Mit 3 Jahren hat mich und meine Familie das Schicksal zu dir geführt. Meine spätere Kindheit ist nicht gerade rosig verlaufen. Mit 7 Jahren habe ich eine sehr große Operation gehabt.
Durch die tollen Ärzte und das liebevolle Krankenhauspersonal im Wiener AKH habe ich damals das Gefühl der unendlichen Geborgenheit gespürt.
Heute bin ich als Chef von 21 wundervollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern tätig und versuche, Jugendlichen bessere Perspektiven bei der Auswahl ihrer Berufsausbildung zu vermitteln.
Du, liebes Österreich, hast mir bis auf ein paar dunkle Wolken nur sonnige Tage und ebenso sonnige Menschen über den Weg laufen lassen. Und davon hast du mehr als genug! Auch wenn in diesen letzten Tagen und Wochen viele meiner Landsleute das Gegenteil behaupten, ich weiß, dass du kein schlechtes Wort verdient hast!
Denn das Wort „-reich“ in deinem Namen, steht für reich an Freiheit, reich an Möglichkeiten und reich an Frieden!
Und diesen Frieden wünsche ich, und wann ihr a woits a ganz alla: from Turkey to Austria... :-)
In diesem Sinne und für ein friedliches Miteinander,
Tuncer Cinkaya



"Die Österreicher sind sehr tolerant und gemäßigt." Tuncer Cinkaya

"Jetzt sind endlich einmal wir dran, diesem Land, diesem Staat etwas zurückzugeben!" Tuncer Cinkaya

"Ein solches Gespräch könnten wir in der Türkei nicht führen." ALI FIRAT

"52% der wahlberechtigten Türken in Österreich sind gar nicht zur Wahl gegangen – ein klares Statement gegen Erdogan!" Ali Firat