MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

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Von der Zukunft

Text Johannes Reichl Ausgabe 02/2018

Meine „kleine“ Schwester, knapp über 30, schickt mir Grüße aus Chile, wo sie gerade als Company Managerin einer Tanzgruppe auf Tournee ist und „tröstet“ mich im  Endredaktions-Wahnsinn, dass sie auch gerade an ihrem „Wir leben nachhaltig“-Blog schreibt.  Desirée, 27, erfolgreiche Start-up Gründerin von gatherer, meldet sich nach 30 Sekunden auf mein Mail aus Thailand zurück,  und wir wickeln unser Gespräch 8.500 Kilometer voneinander entfernt ab –  alles kein Problem. Lukas, 22, Mitgründer  des Kultgetränks „Bärnstein“, beeindruckt mich beim Besuch in der „Bärenhöhle“ mit seinen hochphilosophischen Ansätzen zu Marken- und Produktentwicklung. Christina, 24, hackelt u. a. als Chefin vom Dienst des MFG, studiert im fernen Salzburg und ist zum Drüberstreuen Schilehrerin in Annaberg. Mein Neffe, 25, und seine Freundin Conny, 24, machen gerade ihren Master, sind zugleich aber schon voll im Berufsleben, wobei Conny „so nebenbei“ noch erfolgreich ihren Blog „Conny’s Küchlein“ betreibt, wo sie ihre Backkünste teilt.
Und ich könnte noch zig weitere Beispiele aufzählen.
Um es kurz zu machen: Die Twenty-Somethings und die Früh-30er haben allesamt etwas auf dem Kasten und versetzen mich mit ihrer Neugierde, ihrem Fleiß, ihrer Zielstrebigkeit und ihrer Begabung zur Selbstverwirklichung immer wieder in Staunen. Das sind keine Hättiwari, das sind vielfach Macher & Checker.
Sie sind selbstbewusste Kinder ihrer Zeit, Summe ihrer Talente und ihrer Persönlichkeit, zugleich aber – wie es auch schon Privileg meiner Generation war – „Nutznießer“ einer gesellschaftlichen Geisteshaltung, die in der Förderung der Jugend ihre Zukunft begreift. Unser Schul- und Bildungssystem ist beileibe nicht so schlecht, wie es gern gezeichnet wird – da ist schon auch ein Schuss dekadente Wahrnehmungsstörung mit im Spiel. Nichts ist selbstverständlich! Vieles aber logisch. Der Staat, also wir, sieht diese Förderung ja – weniger romantisch als vielmehr pragmatisch gesprochen – als eine Investition ins Humankapital, die in Form erhoffter Wertschöfpung, Arbeitsplätze, Innovationskraft eine Rendite für die Gesellschaft bringen soll. Auch die neue Start-up Initiative der Stadt ist ein solcher positiver Baustein. „Man ist damit direkt an den jungen Talenten und ihren Ideen dran, mit ihnen aber auch an den Zukunftsthemen. Man gestaltet die Zukunft aktiv mit“, so Mastermind Hannes Raffaseder.
Zukunft … Über dem Schreiben dieser Zeilen erfahre ich, dass Hans Kohn verstorben ist. Kohn war einer der ganz wenigen Juden, die nach 1945 nach St. Pölten zurückgekehrt sind. Wie anders, wie pervers war sein Staat, in dem er aufwuchs. Ein Staat, der nicht in die Zukunft, die Förderung all seiner Bürger investierte, der nicht ihr aller Wohl und Lebensglück im Sinn hatte, sondern ihre Vertreibung und  sechs millionenfache Vernichtung. Ein Wahnsinnsstaat. Ein Mörderstaat. Der Staat unserer Großeltern und Urgroßeltern – das ist nicht so weit weg von uns. Zeitlich gerade einmal 80 Jahre.
Kohn und sein Cousin Hans Morgenstern, der nun der allerletzte St. Pöltner Jude ist, von einer Gemeinde, die dereinst rund 400 Mitglieder in der Stadt zählte, sind der „siebten Million“, wie es in einem Liederbuch heißt, gerade noch entronnen. Und ich frage mich, wie in einem Land wie Österreich noch 1997 ein solches Liederbuch aufgelegt werden konnte, und warum es 2018 noch in irgendwelchen Burschenschaftsbuden herumliegt?
Was wäre aus mir, was wäre aus all diesen jungen, talentierten Menschen geworden. Welch perverse Vernichtung von Leben, Talent, Zukunft. Welch abartige staatliche Selbstverstümmelung. Philosoph Bernard-Henri Lévy hat im KURIER treffend formuliert: „Man wird das Böse nicht los. Man kann es eindämmen. Aber man kann es nicht – niemals – beenden.“ Aber man kann es bekämpfen, man kann es thematisieren, man kann es nicht tolerieren und man darf es nicht relativieren. Es geht hier nicht „nur“ um ein Liederbuch ...