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Vom Brutkasten ins big business

Text Johannes Reichl Ausgabe 02/2018

Was zeichnet Start-up Gründer aus? In der Regel Innovationsgeist, Mut, Flexibilität und das Selbstverständnis von „global kids“. So wundert es wenig, dass ich nach nur zirka 30 Sekunden schon eine Antwort auf meine Mailanfrage an Desirée Zottl bekomme, was insofern bemerkenswert ist, weil sie gerade ca. 8.500 Kilometer entfernt von mir in Thailand weilt.

Desirée ist eine von drei ehemaligen FH-Studenten, die die erfolgreiche App „gatherer“ hoch zogen haben. An deren Anfang stand, wie nicht selten bei Start-ups, ein „Problem“, das es zu lösen galt: „Ich wollte damals mit sechs Freunden einen Termin für eine Fahrt zum Oktoberfest nach München finden“, erzählt Desirée, was sich aber als gar nicht so einfach herausstellte. Der eine kommunizierte über iMessage, der nächste über SMS, wieder andere vertrauten aus Sicherheitsgründen nur Telegram oder Threema und dann war da noch Whats App, damals noch in den Kinderschuhen, wo nicht jeder vertreten war. „Da kam mir der Gedanke, dass das doch irgendwie einfacher gehen muss“, kurzum, dass man ein Tool erfinden müsste, das die Kommunikation zwischen den verschiedenen Kanälen vereinfacht bzw. Terminfindung abseits des „Kommunikationskanal-Chaos“, wie es Desirée nennt, ermöglicht: Die Idee zu gatherer war geboren. Anfangs v. a. für den Privatbereich gedacht, entwickelte sich die Terminfindungs-App schließlich in eine „Software as a Service“, die auch von Unternehmern nachgefragt wird.  Desirée erläutert den Ansatz anhand eines Beispiels: „Ein Kinoanbieter etwa profitiert ja davon, wenn die Leute einen Termin zum Kinogehen finden. Daher gingen wir in Richtung B2B sowie Richtung Integration eines Terminfindungsservices in bereits bestehende Apps und Websiten der Sport-, Freizeit- und Unterhaltungsindustrie.“
Davor ging es freilich noch in einen Brutkasten namens Creative Pre Incubator an der FH St. Pölten, der einen entscheidenden Schub darstellen sollte – zum einen praktisch, zum anderen aber v. a. auch emotional. „Davor war es ja eigentlich nur ein Studentenprojekt wie jedes andere auch, das eventuell in der Schublade verschwunden wäre“, erinnert sich Desirée, „aber die Workshops – von IP über Marketing bis Business Modelling – die wir im Zuge des CPI-Programms hatten, waren in der Anfangsphase sehr hilfreich.“ Nicht zuletzt spielte auch der Glaube an die jungen Erfinder eine nicht unwesentliche Rolle „weil es einfach sehr motivierend war zu sehen, dass auch andere an uns glaubten und uns unterstützten!“

Den Sprung geschafft
Der Erfolg gab jedenfalls allen recht, denn gatherer machte den Sprung zum richtigen Start-up, aus den Studenten wurden Unternehmer „wobei wir immer gesagt haben, wir gründen erst, wenn es nötig ist, und nötig haben wir so definiert: Wenn wir ein Produkt haben und Kunden dafür zahlen – oder wenn ein Investor investieren möchte.“
Dies wurde dann auch vor den Augen ganz Österreichs unter Beweis gestellt, konnte gatherer doch in der Puls4-Sendung „2 Minuten 2 Millionen“ erfolgreich pitchen, wobei Desirée den größten Benefit der Sendung v. a. im Marketingeffekt sieht. „Wann hat man schon die Möglichkeit, so viele tausende Zuseher auf einmal zu erreichen – und zwar ganz ohne Marketingbudget! Das hat auch definitiv geklappt!“ Nach Ausstrahlung der Sendung pushten weitere Medienauftritte den Bekanntheitsgrad von gatherer, bis schließlich eines Tages Eversports anklopfte, „was doch sehr überraschend für uns kam.“ Eversports ist eine Plattform für Sportanbieter, die  Software sowohl für Sportstätten anbietet, als auch einen Marktplatz für Kunden, wenn diese z. B. online einen Tennisplatz reservieren möchten. „Da viele Leute Sport in der Gruppe treiben, war für Eversports ein geeignetes Terminfindungstool ein großes Thema!“ In gatherer bzw. deren Masterminds fand man die geeigneten Partner – eine klassische win-win-Situation. „Wir waren als Techniker stark, Eversports wiederum in Wirtschaft und Vertrieb. So haben wir uns entschlossen, die Vision der einfachen Terminfindung im Sportbereich gemeinsam voran zu treiben.“ Zum Preis von gatherer, wenn man so möchte, denn die drei ehemaligen FH-Studenten verkauften ihr Unternehmen an den neuen Partner. Wieviel sie dafür bekommen haben, will Desirée nicht verraten, gelohnt habe es sich aber in jedem Fall „alleine schon wegen der Erfahrung sowie der persönlichen Entwicklung, die wir durchgemacht haben.“ Und es bedeutete auch nicht das Ende von gatherer, eher das Aufgehen in der nächsten Stufe, die zwei der drei mitgingen. „Michael Kräftner und ich sind mit zu Eversports gewandert und leiten dort das Mobile Development Team. Somit ist es für uns nicht das Ende der Reise, sondern ein ganz neues spannendes Kapitel! Aleksandar Palic, unser dritter Gründer und ganz Entrepreneur, unterstützt derzeit andere Unternehmen bei neuen Ideen.“

Tipps & Fallen
So machen alle ihren Weg, wie es scheint. Welche Tipps würde Desirée jenen geben, die heute erst am Anfang stehen? „Ich würde jedem raten, der an so einem Projekt arbeitet, Abkommen untereinander einfach schriftlich festzuhalten und zu unterschreiben. Auch wenn alle Freunde sind und alles super ist und jeder denkt, wir werden uns eh immer einig sein, treten fast bei jedem Start-up irgendwann Streit, Unklarheiten oder Uneinigkeiten innerhalb des Teams auf. Schlimm genug, wenn es passiert, noch schlimmer aber, wenn die Dinge dann nicht geregelt sind und das Unternehmen am Spiel steht.“ Späterhin, meist bei einer GmbH-Gründung, würde dann ohnedies alles in Gesellschaftsverträgen geregelt „aber die Zeit davor würde ich zu eigenen Schriftstücken raten.“
Zudem warnt Desirée „vor schwarzen Schafen in der Start-up Szene. Die meisten sind wirklich tolle Leute, man hilft einander, tauscht sich aus. Aber es gibt auch unseriöse Angebote.“ Da helfe vor allem, sich wirklich gründlich über Programme und Investoren zu informieren, im Fall von bereits bekannten sich auch mit anderen Gründern über deren Erfahrungen auszutauschen. „Das hat uns sehr geholfen.“
Schließlich sei wichtig, so schnell wie möglich die Erfolgschancen auszuloten, um nicht leere Kilometer zu spulen. „Man sollte also so rasch wie möglich die Idee unter die Leute bringen und abtesten. Das ist wirklich sooo wichtig!“ Denn dass man eine Idee selbst großartig findet, heißt noch lange nicht, dass dies auch die potenziellen Kunden tun. Desirée empfiehlt daher „mit einer Meinungsumfrage zu starten, aber nicht nur Freunde und Familie fragen, danach Prototypen testen zu lassen etc.“
Und wie merkt man, dass das eigene Baby tatsächlich das Zeug zum potenziellen Erfolg hat? „Man hat die ersten zahlenden Kunden!“, lacht Desirée. Oder wird überhaupt gleich gekauft – gatherer hat‘s vorexerziert!

"Man sollte so rasch wie möglich die Idee unter Leute bringen und abtesten. Das ist soooo wichtig!" DESIRÉE ZOTTL