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St. Pöltens gute Seite

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Veni, vidi, vici!

Text Johannes Reichl Ausgabe 02/2018

Eine Regierung bekommt – zumindest der Mär nach, denn die Realität sieht ohnedies anders aus – die berühmten ersten 100 Tage „Schonfrist“, bevor sie sich der öffentlichen Kritik stellen muss. Diese erste Hundertschaft an Tagen hat mittlerweile auch Otto Raimitz mit seinem Schau.Spiel am Rathauslatz hinter sich, wobei ihm vor einer Bilanz nicht bange sein muss: Die fällt nämlich sensationell aus und fällt in die Kategorie. „Ich kam, sah und siegte.“

Faschingsdienstag – 8 Uhr in der Früh! Während mit Puderzucker bestreute Gesichter den schon frühmorgendlichen Krapfenkonsum einiger Passanten verraten, steht Otto Raimitz im Hippie-Kostüm hinterm Tresen seines Lokals „Schau.Spiel“. Den Tag hat er unter das Generalthema „Mamma Mia – ABBA-Party“ gestellt, aus dem Lautsprecher begrüßt mich konsequenterweise „Dancing Queen“, und man darf mutmaßen, ob Raimitz nun eher Benny oder Björn verkörpert. Wobei die Hippie-Wäsch ganz gut seine jugendliche, offene, mutige Geisteshaltung zum Ausdruck bringt, die den Gastronomen ausmacht. Und wenn es vielleicht nicht gleich nach Revolution riecht, was er gastronomisch so auf die Beine stellt, so ist da jedenfalls ein gehöriger Schuss Individualität und Nonkonformismus im Spiel, die seinen Lokalen letztlich ihren Esprit verleihen und damit entscheidend zum Erfolg beitragen. Der hat sich auch in St. Pölten unmittelbar eingestellt und selbst Raimitz in dieser Dimension überrascht. „Das Schau.Spiel hat im Dezember mehr Besucher gehabt als das Kremser Wellen.Spiel im August!“, verrät er und zeigt mir den bisherigen Umsatz: „Ich hab ja keine Geheimnisse, und der Herr Finanzminister liest heute sowieso im Computersystem mit“, lacht er. Die Zahlen sind tatsächlich beeindruckend, noch beachtlicher ist aber die Tatsache, dass der Anfangshype, oftmals genährt von Schaulustigen und Ersttätern, mittlerweile nahtlos in eine ungebrochen hohe Nachfrage und Auslastung von Wiederholungstätern übergegangen ist. Schon jetzt in der Früh sind zahlreiche Tische im Lokal besetzt, und es gibt praktisch keinen einzigen, den nicht eine „Reserviert“-Karte  ziert. „Morgen (Valentinstag, Anm. d. Redaktion) sind wir den ganzen Tag über komplett ausgebucht, in der Früh,  mittags und am Abend“, freut sich Raimitz. Auf den Tischen werden dann Gasluftballons in Herzform schweben, jede Dame wird eine Rose bekommen, romantische Musik und gedämpftes Licht werden für „Love is in the air“ sorgen. 0815 ist definitiv Raimitz gastronomische Sache nicht, und genau „das taugt den Besuchern, die offen sind für unsere internationalen Konzepte.  Bei uns soll man gut essen können, frisch, mit Zutaten von den regionalen Bauern, wobei wir regelmäßig die Karte ändern. Genauso soll sich aber jemand, der nur einen Espresso will, bei uns wohlfühlen – und das von 7.30 Uhr in der Früh bis 1 Uhr nachts.“ Dass „manch Spezialist“, wie Raimitz im Hinblick auf ein negatives FB-Posting meint, bisweilen falsche Erwartungen miteinbringt – „wir wollen ja kein Haubenlokal sein, wie mancher zu glauben scheint, das interessiert mich gar nicht“ – ärgert ihn offensichtlich, zumal wenn in seinen Augen unhaltbare Vorwürfe aus der Deckung abgefeuert werden. „Früher hat man es halt dem Kellner gesagt, wenn einem etwas nicht passt, dann konnte man das vor Ort diskutieren. Aber heute behauptet man einfach etwas und teilt es gleich mit 3.400 anderen – da kann man sich nur schwer wehren.“ Wobei dies ohnedies nicht notwendig ist. Auf Facebook hat das Schau.Spiel eine durchschnittliche Bewertung von 4,9 von fünf Sternen – ein absoluter Traumwert – und die St. Pöltner haben Raimitz ohnedies sofort ins Herz geschlossen. „Es ist schon bemerkenswert, wenn 9 von 10 Kunden zu mir herkommen und sich persönlich bedanken. Das hab ich so noch nirgends erlebt“, freut er sich über die Anerkennung. Den bei manch Mitbewerber aufkeimenden Neid nimmt er nicht weiter tragisch und versichert,  „dass ich sicher nicht gekommen bin, um irgendjemandem etwas wegzunehmen oder weh zu tun.“ Ganz im Gegenteil gehört er zur Fraktion jener, die „ein gemeinsames Zusammenrücken, auch in der Gastronomie“ für zielführend hält, um den Standort insgesamt weiter zu pushen – und damit allen zum Vorteil zu gereichen.

"Es ist schon bemerkenswert, wenn sich 9 von 10 Kunden persönlich bei mir bedanken." OTTO RAIMITZ

St. Pöltner Riesenschritte und Potenziale
Den Schritt nach St. Pölten hat er jedenfalls bislang „keine einzige Sekunde bereut. Die Stadt taugt mir einfach. Man spürt regelrecht diese Dynamik, wie St. Pölten Richtung wirklicher Landeshauptstadt  driftet. Für mich als Kremser ist unübersehbar, dass St. Pölten gerade einen Riesenschritt nach vorne macht.“
Diese Wertschätzung der Hauptstadt gegenüber tritt auch in kleinen netten Details zutage. So hat Raimitz seine La Marzocco-Espressomaschine von einem befreundeten Airbrusher auch mit St. Pölten Motiven verzieren lassen.
Stellt sich umgekehrt die Frage – wenn wir schon die Chance dazu haben – was der unvoreingenommene neutrale Kremser Blick an weniger prickelnden Dingen in der Landeshauptstadt wahrnimmt, für die der eingeborene St. Pöltner möglicherweise schon betriebsblind ist. „Was ich ehrlich furchtbar finde, ist das grausliche Häusl in der Rathausplatz Tiefgarage – das ist immerhin der Eingang zur Stadt, für viele Besucher, die mit dem Auto kommen, der erste Eindruck von St. Pölten überhaupt!“ Ebenso stört es Raimitz, dass bisweilen Gerümpel am Rathausplatz länger liegen bleibt oder Mistkübel übergehen „und dass am Domplatz beim Genuss einer guten Leberkässemmel daneben Leichen freigelegt  werden, das ist auch ein bisserl makaber!“, kann er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Irritiert zeigt sich der St. Pölten Rookie auch von der Parkplatzdiskussion rund um den Domplatz. „Ich kann ja von autofrei nur reden, wenn ich schon dementsprechend Alternativparkplätze habe. Wenn es die aber noch gar nicht gibt, dann kann ich nur warnen: In Krems gab es eine vergleichbare Situation, das hat sich furchtbar auf die Innenstadt ausgewirkt – da haben wir heut 50 Leerstände!“ Gerade Innenstädte „als das pulsierende Herz einer Stadt“ müsse man hegen und pflegen. „Ich würde ja zum Beispiel auch am Markttag gar keine Parkgebühren verlangen, weil das bringt die Leute in die Stadt – und davon lebt die Innenstadt letztlich.“ 
Wobei Raimitz explizit festgehalten wissen will „dass ich sicher niemanden belehren möchte. Ich bin ja nicht der Gastrohäuptling oder irgendwas“, lacht er. Sehr wohl ist er aber ein Mensch mit einem Blick aufs Ganze und, aus Erfahrung zahlreicher Auslandsreisen rund um die Welt, mit dem Wissen um die Wichtigkeit von Design und Auftritt. „Die Plätze in St. Pölten sind ja wunderschön. Warum haben wir etwa beim Schau.Spiel 15m zum Platz aufgemacht und eine Glaswand installiert, die man öffnen kann? Ganz einfach, damit man den geilen Platz sieht!“ Und derer gebe es mit Domplatz, Herrenplatz, Riemerplatz und eben Rathausplatz gleich vier, die mit den Straßenzügen dazwischen „eine richtige Genuss- und Flaniermeile bilden könnten. Das gehört aber auch schön designed, da müssen alle an einem Strang ziehen, und zwar nach klaren Vorgaben. Warum sind etwa die Innenstädte von Bozen, Meran oder anderen italienischen Städten so beliebt? Ganz einfach weil die Bürger sie wie ihre verlängerten Wohnzimmer wahrnehmen und herrichten. Diese  Liebe spürt man. Und deshalb haben die Plätze dort auch einen so hohen Stellenwert und Wohlfühlfaktor.
Eine solche Aufwertung – nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Bewerbung St. Pöltens zur Kulturhauptstadt – kann sich Raimitz absolut vorstellen, wobei er nicht zur Sorte Dampfplauderer gehört, sondern selbst, wenn man so will, mit gutem Beispiel vorangeht. Mit seinem Gastgarten möchte er etwa, um in obiger Diktion zu bleiben, dazu beitragen, dass der Rathausplatz noch geiler wird. In Griechenland werden gerade die Outdoor-Möbel dafür gefertigt „in weiß und grau“, Oliven- und Zitronenbäume sollen zum mediterranen Flair ebenso beitragen wie sein neuer Eiswagen, eine klassische Ape, die auch an anderen Orten der Stadt auftauchen wird. Und geht es nach Raimitz, so es die Behörde erlaubt, würde er auch gerne den Brunnen am Rathausplatz integrieren. Lässige Musik, ein Smoker, chillige Atmosphäre, coole Drinks sollen das Wohnzimmer-Erlebnis abrunden. „Wir werden jedenfalls Vollgas geben!“, verspricht er – und man glaubt ihm!
Ebenso jener Ansage, die er am Ende des Interviews tätigt und seine Begeisterung für St. Pölten unterstreicht. „Das wird sicher nicht das letzte Lokal sein, das ich in St. Pölten aufmache!“ Nach einer geeigneten Location hält er schon Ausschau. Der Stadt kann es nur guttun!


Gastronomischer Wellen-, Genuss-, Kunst- und Schauspieler
Otto Raimitz wurde die Gastronomie praktisch in die Wiege gelegt. „Schon im Alter von vier Jahren gibt’s ein Foto von mir, wo ich mit Kochlöffel in der Hand und Kochmütze auf dem Kopf abgebildet bin“, verweist er lächelnd auf eine dementsprechende Konditionierung. Tatsächlich gründete schon der Ururgroßvater 1820 eine Bäckerei samt Café in Krems, mittlerweile ist die 5. Raimitz Generation am Werken. Die Schwestern führen die gleichnamige Konditorei samt Kaffeehäusern in Krems, und während wir mit Raimitz plaudern, ruft auch die über 70-jährige Frau Mama in Sachen Business an. Junior Otto selbst, der Bäcker/Konditormeister lernt, geht in jungen Jahren freilich seiner eigenen Wege, „auch weil ich bald merkte, dass es mich zum Management hinzieht.“ In Folge arbeitet er rund um den Globus, von New York bis Neuseeland, zu Land und zu Wasser. Zurück in Österreich wird er Bankettleiter im Wiener Rathauskeller, „wo wir Caterings für coole Veranstaltungen wie den Lifeball etc. gemacht haben“, schließlich Direktor des Hilton-Hotels am Handelskai. „Ich stand dann schon auf der Transferliste nach Dubai, sollte das dortige Hilton übernehmen, als ich meine Frau kennenlernte.“ Aus Dubai wird Langenlois, aus dem  Hoteldirektor Unternehmer, „denn vor 15 Jahren habe ich das Café Piano an der Donaulände übernommen.“ Heute firmiert das Stammhaus unter dem Namen „Café Konditorei Otto.Raimitz“, und war der Gastronom zuvor eben noch Vorgesetzter von 1.200 Mitarbeitern, versuchte er nun mit drei Mitarbeitern „als Unternehmer Fuß zu fassen.“ Was nachhaltig gelang, es folgten das Wellen.Spiel, das Genuss.Spiel sowie das Kunst.Spiel. Zudem hat sich Raimitz die Option auf die Gastronomie in der neuen Landesgalerie Niederösterreich gesichert. Schließlich setzte er zum Sprung über die Donau nach St. Pölten an und eröffnete das Schau.Spiel, dem auch hierzulande weitere Geschwister folgen könnten. Klingt nach viel Arbeit und Stress – ist es auch! Ruhe findet Raimitz v. a. daheim in Langenlois, wo er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt. Und zum Ausgleich betreibt er Sport, u. a. geht er zweimal die Woche Kickboxen. „Das brauch ich einfach, weil sonst kannst du dich in dem Job nach kürzester Zeit ‚kübelieren‘!“, lacht er und huscht, nach einem festen Händedruck, zum nächsten Termin.
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