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St. Pöltens gute Seite

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Über dem FC Sturm 19 St. Pölten kreisen die Geier

Text Thomas Schöpf Ausgabe 12/2016

Der VSE St. Pölten ist längst tot, die Planierung des Voithplatzes im Gange. Der FC Sturm 19 siecht mittlerweile auch dahin. Dank Einzelkämpfer Gustav Weiretmair besteht noch ein kleiner Hoffnungsschimmer. Zumindest der Name soll weiterleben, so knapp vor dem 100-jährigen Vereinsjubiläum.

Rund fünf Millionen Euro wird der SKN St. Pölten diese Saison ausgeben, um vielleicht den Bundesliga-Klassenerhalt zu schaffen. Das Flaggschiff des St. Pöltner-Vereinsfußballs wurde 2000 gegründet und durfte gleich in der 2. NÖ Landesliga starten, während alle anderen Klubs ganz unten beginnen müssen. Seit 2012 ist der SKN in der NV Arena eingemietet, deren Bau 26 Millionen Euro kostete. Der neben dem SC St. Pölten traditionsreichste Klub der Stadt, der FC Sturm 19 St. Pölten, steht wegen ursprünglich ein paar Hundert Euro Schulden vor dem Aus, knapp vor seinem 100-jährigen Vereinsjubiläum.
Der Blattschuss kam vom NÖ Fußballverband, der den Klub vor die Tür setzte. NÖFV-Vorstandsmitglied Franz Wurzer sagt: „Wir haben es uns nicht leicht gemacht. Aber wir haben schon die gefühlte 200. Mahnung geschickt. Es war ein einstimmiger Beschluss.“ Sturm 19-Ehrenobmann Gustav Weiretmair kontert: „Obmann Yahsi Ilker hat in den letzten zwei Jahren sicherlich nicht gut gewirtschaftet. Das muss man zugeben. Aber dass der Verband uns damit auch noch die letzten Spieler weggenommen hat, ist ein Skandal.“ Der 77-Jährige hat einige Rechnungen aus eigener Tasche bezahlt und mittlerweile vom Sturm 19-Vorstand alle Vollmachten bekommen. Nach dem Abgang von 15 - durch den Ausschluss ablösefreien - Spielern gibt es derzeit nur mehr eine U13-Mannschaft, die beim SC geparkt ist. Mit dem SC war eine Fusion angedacht, von Bürgermeister Stadler abgesegnet, „aber plötzlich wollte deren Obmann doch nicht mehr“, so Weiretmair. Eine Wiederaufnahme in den Verband allein ist schwierig bis unmöglich, da jeder Klub zwei Erwachsenen-Mannschaften und zwei Nachwuchsteams stellen muss. „In kleineren Städten wie etwa Obergrafendorf ist das natürlich leichter möglich“, gibt auch Wurzer zu. Dort wurde der ATSV zu Grabe getragen und als FC Ober-Grafendorf wiedergeboren. In St. Pölten koexistieren eben mehrere Klubs. Die besten Kinder und Jugendliche pickt sich logischerweise der SKN heraus. „Aber auch einige andere leisten genauso gute Nachwuchsarbeit“, weiß Wurzer, „viele Eltern glauben halt, dass gerade ihr Kind zu den stärksten gehört und unbedingt zum SKN muss.“
Fusioniert Sturm 19 mit einem anderen Verein, um genug Mannschaften für einen Spielbetrieb unter der Schirmherrschaft des Verbands stellen zu können, würde der NÖFV „sofort die nächste Mahnung schicken.“ Allerdings hat Sturm 19 sehr wohl was zu bieten, nämlich ein 18.000 Quadratmeter auf „Bauland Sport“ gewidmetes Grundstück mitten in der Stadt, dank eines langjährigen Pachtvertrags, der angeblich stets pünktlich bezahlt wurde.

FC Sturm 19 Spratzern eine Totgeburt? Interessiert zeigte sich eine Zeit lang Landesligist ASV Spratzern. Bei einer Fusion zum FC Sturm 19 Spratzern brächten die St. Pöltner laut Weiretmair dank ihrer „Bimbo Binder Sportanlage“ eine sechsstellige Mitgift ein – die Ausstände beim Verband wären demzufolge dann Peanuts. ASV-Obmann Friedrich Kaufmann bestätigt Verhandlungen in der Vergangenheit, hat die Rettung des Traditionsklubs mittlerweile jedoch aufgegeben: „Ich schätze Herrn Weiretmair sehr. Aber nicht alles was wir besprochen hatten, hat dann gestimmt. Für uns gibt es Sturm 19 de facto nicht mehr, seit der Klub vom Verband ausgeschlossen wurde.“ Es sei nämlich fraglich, ob nach Einstellung des Spielbetriebs der Pachtvertrag noch gelte. Das werden womöglich Juristen klären müssen.

Bimbo Binder dreht sich wohl im Grab um. Einen unermesslichen Wert stellt zweifelsohne die Geschichte des FC Sturm 19 dar. 1919 gegründet, fusionierte er 1928 mit dem Gewerkschafts-Sportverein „Freiheit“, während des 2. Weltkriegs mit der Sportgemeinschaft der Eisenbahner, 1990 mit dem FC St. Pölten. Unter Obmann Weiretmair (1970 bis 1992) kickte man zumeist in der Landesliga, zuletzt in der 2. Klasse Traisental. Der größte Fußballer, den St. Pölten je hervorgebracht hat, Franz „Bimbo“ Binder schaffte es aus dem „Glasscherbenviertel“ dank Sturm 19 zu Rapid und ist laut Fußball-Weltverband „FIFA“ der drittbeste Torschütze aller Zeiten hinter den Brasilianern Arthur Friedenreich und Pelé mit 1.155 Toren von 1930 bis 1949. Zu den Auswärtsspielen von Sturm 19 fuhr Binder auf dem Anhänger eines Traktor mit. In Hütteldorf blieb der Intercity außerplanmäßig für ihn stehen, wenn der Zugführer wusste, dass der „Bimbo“ rasch vom Training heim nach St. Pölten will. Einer der letzten „Prominenten“ bei Sturm 19 war der nunmehrige SKN-Sportdirektor Frenkie Schinkels, der dort Ende der 90er als Spielertrainer fungierte. SKN-Langzeitcoach Martin Scherb stürmte seinerzeit auch für Sturm 19, Ex-VSEler wie Hannes Weber oder Erich Vavra zogen im Mittelfeld die Fäden, in der jüngeren Vergangenheit kickten noch Spieler wie Patrick und Daniel Keelson, Bernhard Stalzer oder Muamer Dedic bei Sturm 19.
Am 12. Juni dieses Jahres begann jedoch der Anfang vom Ende mit dem Nichtantritt gegen den SC Böheimkirchen. Die Sturm 19-Spieler zogen es vor, an dem Tag die EM-Partie zwischen Kroatien und der Türkei zu verfolgen. Die Böheimkirchner hatten sich beharrlich gegen eine Verschiebung geweigert. Und am Ende der Mahnungen erfolgte der Blattschuss seitens des NÖFV. Wo? Im mondänen Sitz der Bimbo-Binder-Promenade 1, neben der NV Arena.