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Taxi, danke!

Text Thomas Winkelmüller Ausgabe 06/2017

Serif Zeybek und Manfred Joichel fahren Taxi, ihr Beruf ist es Leute von A nach B zu bringen. So einfach erklärt sind ihre Geschichten aber nicht. Eine Reportage, über die Nacht eines Taxifahrers mit all seinen Problemen und Begegnungen.

Für Serif Zeybek endet sein Arbeitstag um 5 Uhr morgens. Noch schnell Auto putzen und den übrigen Papierkram erledigen – dank der Registrierkasse hat Serif als Taxifahrer unwahrscheinlich viel mit Papier zu tun. Danach kann er nach Hause fahren, frühstücken und sich neben seiner Frau im Bett die sechs bis sieben Stunden Schlaf holen, die er braucht, um beim nächsten Dienst nicht in den Sekundenschlaf zu fallen. Das bleibt von Mittwoch bis Sonntag gleich. Was Serif die Nacht über gesehen und gehört hat, ist spätestens jetzt raus aus seinem Kopf. Wenn er jedes Mal über die Sachen, die in seiner Dienstzeit passieren, weiter nachdenken würde, könnte er irgendwann nicht mehr aufstehen. Was sich viele nicht vorstellen können, ist für Serif „einfach Gewöhnungssache.“
Zeitsprung: Samstag, 22 Uhr. Serif ist schon seit fünf Stunden unterwegs, so richtig begonnen hat sein Abend aber noch nicht. Die anstrengenden Fahrten kommen erst ab Mitternacht, wenn die Kunden nicht mehr nach zu viel Parfum riechen, sondern nach Aschenbecher und Alkohol – tagsüber und unter der Woche ist nur wenig los. Serif weiß das: Seit 24 Jahren sitzt er für das Taxiunternehmen Rittner hinterm Steuer und ist damit der älteste Nachtfahrer der Firma, als Taxilenker sogar schon von St. Pölten nach Brüssel gefahren. Mit Mitte Zwanzig verlor der türkische Migrant seinen Beruf als Tischler und wurde Taxifahrer, damals noch ohne die technischen Vorzüge, die er jetzt genießt, dafür mit Landkarte.

Gebrochene Knochen. Das Orientieren fällt Serif heute nicht mehr schwer, der Beruf als Taxifahrer aber fordert mehr, als Leute von A nach B zu bringen. Serif holt sein Tastenhandy aus der Jackentasche und zeigt ein zwei Jahre altes Bild von sich: „So hab ich ausgeschaut, nachdem mir ein Kunde wegen einer Vier-Euro-Rechnung ins Gesicht geschlagen hat, gebrochenes Jochbein und geschwollene Lippe.“ Serif erzählt das fast so kühl, als wären solche Ereignisse für ihn schon Routine. Tatsächlich war das bei weitem nicht der einzige Schlag, den er während seiner Dienstzeit einstecken musste. Kein Chauffeur weiß, wen er als nächstes mitnehmen wird, denn im Taxi mitfahren können alle Menschen, auch die gewalttätigen.
 „Thomas, ich könnte ein Buch schreiben!“ beginnt Serif diese Nacht seine Anekdoten gerne. Nach 24 Jahren Dienst klingt das nicht einfach so dahergeredet. Seine Geschichten handeln allerdings nicht nur von Betrunkenen, die sich im Auto übergeben oder Männern, die nach dem aufrisslosen LaBoom-Besuch ins Puff fahren. Letztere gibt’s übrigens im Überfluss, auch diesen Samstagabend. Nein, über manche seiner Erlebnisse möchte Serif erst gar nicht sprechen: „Als Taxifahrer musst du lernen Sachen zu verdrängen, sonst machst du den Beruf irgendwann nicht mehr.“ So schlimm sie sind, solche Geschichten bleiben die Ausnahmen. Serif fügt seinen Anekdoten deshalb meistens mildernde Schlussätze hinzu: „Ich möchte Taxifahren jetzt nicht schlecht reden, der Großteil unserer Kunden ist nett. Ich mach den Job ja wirklich gerne.“

Die Axt
. „Nett“ alleine verrät aber nicht alles. „Ich habe das Taxifahren studiert“, meint Serif und das gehe Hand in Hand mit einer ordentlichen Portion Menschenkenntnis. Nur reicht die alleine nicht, um in die Personen hineinzuschauen. Vor etwa vier Monaten brachte er einen jungen Mann von Herzogenburg nach Oberwölbling. Der Bursche war höflich, er hat sogar sieben Euro Trinkgeld gegeben, bei sich hatte er einen schwarzen Rucksack. Abgesehen von seiner spendablen Ader ein völlig unauffälliger Mensch. Nachdem er aus Serifs Taxi stieg, ermordete er seinen Vater mit 27 Axthieben. Die Waffe hatte der junge Mann die gesamte Fahrt über in seinem schwarzen Rucksack verborgen.

How to Taxi in St. Pölten. Das Klientel der Taxifahrer und ihr Verhalten im Fahrzeug werden sich nicht einschneidend ändern. Jeder nimmt manchmal das Taxi, auch mitunter auch die aggressiven Alkoholiker oder sogar Verbrecher unter den Menschen. Das bedeutet aber nicht, dass den Lenkern, auch denen in St. Pölten, ihr Dienst nicht durchaus angenehmer gemacht werden könnte. Die Situation ist verbesserungswürdig und vor allem verbesserungsfähig.
Abgesehen von den niedrigen Kollektivverträgen, kämpfen die Taxifahrer der Stadt etwa mit einer Parkplatznot am Bahnhof. Manfred Joichel kennt die nur allzu gut. Anfang des Jahres hat sich der Pensionist selbstständig gemacht und tourt seitdem als Ein-Mann-Unternehmen „Taxi James“ durch St. Pölten. „Ich glaube der Grund für die wenigen Parkplätze ist die Planung des neuen Hauptbahnhofes, bei der sie die Taxifahrer platztechnisch etwas übersehen haben“, mutmaßt Manfred, während er bei der Taxihaltestelle neben der Post Rauchpause macht. Er drückt seine Zigarette aus und fügt hinzu: „Hier finden die Leute uns Taxler ja noch, aber auf der Nordseite musst du wissen, dass die Taxis um die Ecke stehen oder zumindest ganz genau schauen!“

Selbst ist der Taxler. Manfred Joichel ist nicht immer hinter dem Steuer eines St. Pöltner Taxis gesessen. Er war Buschauffeur, hat am Westbahnhof beim Verschub gearbeitet und war in Wien auch schon als Taxilenker unterwegs. Als Selbstständiger muss er schauen, wie er Gewinn machen kann, um seine Investitionen rein zu bekommen. Diesbezüglich verhält es sich bei den Taxlern wie in allen Branchen: umso besser und umfassender der Service, umso eher hat man Chancen auf Erfolg. Dabei erschöpft sich Taxifahren längst nicht mehr in der einzigen Dienstleistung, jemanden von A nach B zu kutschieren. Wirft man etwa einen Blick auf Manfreds Visitenkarte, dann springen einem da unter „Ihr James“ auch „Sonderfahrten“ ins Auge. Dabei handelt es sich z.B. um Ausflugsfahrten, die der Taxifahrer mit seinen Gästen unternimmt. Da kann es dann schon einmal zum Beispiel in die Wachau, nach Mariazell oder wohin immer es die Gäste zieht,  gehen. „Man muss mit der Zeit gehen“, ist Manfred überzeugt. Deshalb bietet er für die Pedalfetischisten auch Radtransfers an. Freilich kommt es auch vor, dass St. Pöltens Taxler ganz ohne Gast unterwegs sind – und trotzdem im Dienst. „Oft ruft jemand an, dem man einfach nur etwas besorgen und nachhause bringen soll“, verweist Manfred auf diverse Botendienste und schmunzelt. „Da sind mitunter ausgefallene Wünsche dabei.“ Welche genau, verrät er gentleman-like leider nicht. Umgekehrt ist ebenso möglich, dass man eine Nacht lang fast nur einen einzigen Gast durch die Gegend kutschiert, etwa wenn ein junger Don Juan in ein einschlägiges Etablissement möchte, ihn vorm Eingang aber der Mut verlässt und es schließlich wieder retour in die Stadt geht. „Da kommen dann schon einige Kilometer zusammen“, lacht Manfred. Ob die Gäste immer brav zahlen? „In der Regel schon“, so Manfred, es sei aber auch schon vorgekommen, dass er die Poizei rufen musste. Dann zahlen die Taxi-Kunden die Fahrtkosten, inklusive Strafe an die Polizei. Einen „Luxus“ genießt Manfred als sein „eigener“ Herr: Wenn es zu mühsam wird – was laut Taxlern v.a. in Vollmondnächten der Fall sein kann – oder wenn er müde wird (was dank seiner Kaffeekanne neben dem Schaltknüppel aber selten passiert), fährt er einfach heim zu seiner Frau.
Doch Zurück zum Standort-Problem am Bahnhof: Auf der Südseite des St. Pöltner Bahnhofs gibt es offiziell zwei Taxiparkplätze, das sind fünfmal weniger als es Taxiunternehmen in der Stadt gibt. Die restlichen Taxifahrer stehen unerlaubt mit ihren Autos dort und werden regelmäßig von der Polizei bestraft oder des Platzes verwiesen. Auf der Nordseite liegen circa 15 Taxiparkplätze in der Doktor-Höfinger-Gasse, gekennzeichnet durch ein Hinweisschild. 2010 einigten sich Magistrat, Wirtschaftskammer und die Taxifirmen der Stadt St. Pölten auf die heutige Konstellation der Taxiparkplätze. Für Ernst Schwarzmüller, Leiter des Verkehrs- und Strafamtes, war das angesichts des verfügbaren Raumes die bestmögliche Umsetzung: „Bei so vielen Interessensgruppen ist es nie möglich, es jedem komplett recht zu machen.“ Michael Steinparzer von der Wirtschaftskammer Niederösterreich spricht sich nach wie vor für eine neue Lösung aus: „Wir suchen noch nach verwirklichbaren Verbesserungsmöglichkeiten und wollen die dann zur Diskussion stellen.“

Wie du Taxi, so Taxi dir. Zeitsprung: Samstag, 24 Uhr. Serif sitzt jetzt schon seit sieben Stunden hinter dem Lenkrad seines Autos und hat den ersten Kaffee intus, mehr als zwei trinkt er nie. „Sonst kann ich nicht einschlafen“, erklärt er mit einem Grinsen im Gesicht. Die Taxihaltestellen am Bahnhof wirken schon leerer, dort wird Serif aber nicht stehen bleiben. Als Sammeltaxi muss er gerade jemanden vom Bahnhof abholen und in diese Funktion, laut Gesetz, beim Busstopp halten, wo auch die Kunden warten. Unglücklicher Weise parken am Wochenende dort um diese Uhrzeit Privatfahrzeuge, gewohnheitslegal, geklärt ob das erlaubt ist, hat noch niemand so genau. Heute findet Serif noch eine Parklücke. Taxi Rittner und das Magistrat der Stadt wollen dieses Problem nun in ihrer nächsten Sitzung diskutieren. Lösungsvorschlag: Ein Teil der Bushaltestellen beim Bahnhof-Süd sollte nachts nur für Taxifahrer freigehalten werden, vielleicht durch ein Straßenschild und eine Bodenmarkierung gekennzeichnet. Das tut niemanden weh, auf dem Park & Ride hinter dem Bahnhof findet jeder einen Platz und die guten Stellen bei den Busstopps gibt es nach dem Motto: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Serif und seinen Kollegen wäre damit geholfen.

Es geht um Respekt. Am Ende seines Samstagabends möchte er im Namen aller Taxifahrer noch einen letzten Wunsch an seine Kunden äußern: „Wenn ihr ein Taxi bestellt und dann doch nicht mitfahren wollt: Bitte ruft rechtzeitig an und storniert es!“ Allein diesen Abend hatte Serif drei Leerfahrten. Das bedeutet, die Leute tauchen einfach nicht auf, oder meinen, sie brauchen es jetzt doch nicht. Das ist Serif in Ober-Grafendorf passiert, worauf er die Freude hatte wieder zurück nach St. Pölten zu fahren. Ohne Kundin, dafür mit den halben Fahrtkosten – zehn Euro mitgegeben hat sie ihm unter Protest doch noch.
Ob sich irgendetwas an der Situation St. Pöltens Taxifahrer ändern wird? Das kann noch keiner genau sagen. Sicher ist, dass Serif und Manfred weiterhin Fahrgäste von A nach B bringen werden und – bei Pech – vor Schlägen und Beleidigungen nicht gefeit sind. Dafür haben die Taxler der Stadt v.a. eines verdient: Respekt.