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St. Pöltens gute Seite

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STP ist auch dabei

Text Beate Steiner, Christina Bauer Ausgabe 11/2017

Sie ist übertrieben, nervt, erzeugt überzogene Reaktionen und erregt die falschen Gemüter. Sie ist ein Kind unserer Zeit — und sie ist zurzeit goldrichtig. Denn die Kampagne #metoo zeichnet nicht nur Risse und tiefe Abgründe in unserer Gesellschaft nach. Das globale Reizthema wirkt, verändert Interaktion und Perspektive. Auch in St. Pölten.

#metoo regt auf, ist Gesprächsstoff im realen, medialen und virtuellen Leben. Und die globale Kampagne zeigt Wirkung, auch regional, auch bei uns. „Eine Belästigung ist kein Kompliment“ – dieses Wissen setzt sich schön langsam in Männergehirnen fest, die bisher eher dümmliches Dominanzverhalten diktiert haben.
„Jetzt wird das Thema endlich ernst genommen, jetzt muss darauf reagiert werden“, ist die St. Pöltnerin Gerlinde S.  überzeugt und nennt als Beispiel ein junges Mädel, das den grapschenden Chef, noch dazu ein Politiker, nicht unmittelbar zurückweist oder anzeigt, um ihren Job nicht zu verlieren. „Das wird jetzt nach #metoo nicht mehr funktionieren.“ Bei der 45-jährigen Uschi H. hat das schon vor 20 Jahren nicht funktioniert: „Ich hab das selbst beim Leiner erlebt. Ich habe mich damals beim Personalchef beschwert – drei Mal. Dann hab ich gekündigt.“ Uschi  war bereits damals der Überzeugung, dass jeder für sein Leben selber verantwortlich ist. Wie frau mit heimischen Harvey Weinsteins erfolgreich fertig wird, weiß auch Ulli M. Sie wurde als sehr junge Assistentin von einem Chef immer mit den Worten begrüßt: „Wie geht’s deiner Doris?“ „Welcher Doris?“ „Na, deiner Klitoris!“ Die junge Frau hat sich dann mit der Antwort  „Schauen Sie selber nach“ auf seinen Schoß gesetzt. Der Wissensdurst des Chefs war in der Sekunde gestillt, er hat die Frage nie mehr gestellt, die Zusammenarbeit hat dann in weiterer Folge funktioniert. „Wenn ich etwas nicht will, dann muss ich das sagen“, betonen die drei St. Pöltnerinnen ihr Motto „Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner. Und das am besten gleich und nicht nach 20 oder 30 Jahren.“

Missbrauchte Macht
Oft aber trifft der männliche Drang, Macht auszuüben, auf Frauen mit wenig Selbstvertrauen, auf Frauen, die sich gegen Übergriffe nicht wehren können. Meist suchen sich Macht-Manderl schwächere Opfer aus, solche, die nicht gelernt haben, wie sie sich verteidigen, die manchmal nicht einmal wissen, dass sie sich verteidigen könnten und sollten. Junge Mädchen etwa, die überrascht werden vom so anderen Verhalten des anderen Geschlechts, wie die jetzt 30-jährige Steffi, die sich mit zehn vor ihrem älteren Cousin versteckte, der auf sie aufpassen sollte und dabei übergriffig wurde: „Ich hab nicht gewusst, wie mir geschieht und mich schrecklich gefürchtet, bis meine Eltern gekommen sind.“  
Ähnliche Erfahrungen hat Brigitta gemacht, die von einem älteren, mehrmals sitzengebliebenen Mitschüler während des Unterrichts belästigt wurde. Die Lehrerin hat damals auf ihre flehentlichen Bitten, sie von dem Rüpel wegzusetzen, nicht reagiert. „Dass sie mich damals nicht ernst genommen und mich beschützt hat, hab’ ich ihr bis heute nicht verziehen“, erzählt die 50-Jährige. Beschützt wurde sie dann allerdings als junges jobbendes Mädchen in der Gastro von ihrem Dienstgeber. In dem Wirtshaus hat eine Horde saufender Jäger regelmäßig versucht, die jungen Kellnerinnen anzumachen. „Der Wirt ist immer erst gegangen, wenn die Gruppe weg war“, hat sich Brigitta damals gewundert. Jetzt weiß sie, warum: „Er hat auf uns Kellnerinnen aufgepasst. Einmal war er weg, da zwangen die Gäste meine Kollegin, nackt auf dem Tisch zu tanzen.“ Das Gejohle dabei kann sich jede in unserer Kultur konditionierte Frau sicher vorstellen.
„Machtmissbrauch ist ein strukturelles Problem in unserer Gesellschaft“, erklärt dazu Renate Gamsjäger, Vorsitzende des Vereins Frauenzentrum in St. Pölten: „Männer dürfen Frauen angehen, das wird noch immer toleriert.“
Warum es oft ältere Männer in Machtpositionen sind, die Frauen bedrängen, erklärt Macht-Expertin Christine Bauer-Jelinek: „Sehr oft wird mit Macht ein geringes Selbstwertgefühl oder mangelnder Sex-Appeal verdeckt.“ Außerdem wurden ältere Männer in den 1970ern sozialisiert, als ein lockerer Umgang mit Sexualität toleriert wurde. Christine Bauer-Jelinek betont, dass die sexualisierte Form von Machtmissbrauch geächtet und rechtlich verfolgt werden muss. Auf der anderen Seite fordert die Psychotherapeutin auch die Selbstverantwortung der Betroffenen: „Oft genügt es, auf eine geringe Belästigung mit einer geringen, persönlichen Reaktion zu antworten und nicht gleich mit einer Anzeige. Natürlich muss man das tun, wenn es rechtlich relevant ist.“ Die Therapeutin rät, nicht mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Blöde Schatzerl-Sager kann frau ja zunächst ignorieren oder mit einem blöden Spruch antworten. Oder sie kann das ausgerutschte Handerl des mächtigen Mannes einfach mit der eigenen Hand wegschieben oder ihm sagen, dass es auf ihrem Rücken nix verloren hat, versichert die St. Pöltnerin Maria W. Oder sie kann, wie die 27-jährige Julia, unzählige anzügliche Mails des Kollegen einfach löschen. „Ich hab das gleich wieder vergessen. Der Typ hat allerdings auch andere Frauen in der Firma belästigt und musste dann gehen. Mir tut’s im Nachhinein leid, dass ich nichts unternommen habe, weil ich damit die Belästigung der Kolleginnen hätte verhindern können.“

Prinzessinnen und Machos
Christine Bauer-Jelinek glaubt zwar nicht, dass Machtmissbrauch durch sexuelle Übergriffe aussterben wird, aber: „Wer sich heute wehren will, findet Unterstützung.“ Sie wünscht sich eine #sonicht-Kampagne, in der Frauen veröffentlichen, wie sie sich gegen Übergriffe adäquat wehren. So wie Julia, die erzählt, dass ihr als junger Frau beim Fortgehen sehr oft an den Hintern gegrabscht wird. „Wenn mir das passiert, dann konfrontiere ich den Grabscher auf der Stelle damit, mach’ ihm klar, dass das so nicht geht und werde mitunter auch laut. Einmal wurde mir sogar unter den Rock gefasst. Da hab ich demjenigen sofort eine Watsch’n verpasst.“
Das tun aber viele nicht. Sehr oft trifft der männliche Drang, Macht auszuüben auf von Müttern konditionierte und von Frauenzeitschriften und sozialen Netzwerken verbildete Mädels, für die es kein höheres Ziel gibt als zu gefallen – optisch, versteht sich. Sie haben gelernt oder aufgesogen und internalisiert, dass sie mit weiblichen Reizen erreichen, was sie wollen und bestärken Männer darin, sich zu holen, wonach ihnen gelüstet. „Wenn ich ein hautenges T-Shirt anhab’ mit dem Spruch ‚Schau mir nicht auf den Busen’ und mich dann beschwere, wenn alle Blicke auf meine Brüste gerichtet sind, dann ist das einfach scheinheilig“, ärgert sich Maria W. und Uschi H. setzt noch eins drauf: „Sicher, manche Männer sind Grabscher, Verbalschweine und Arschlöcher, die ihre Macht ausnutzen“, sagt Uschi H., aber: „Ich habe so oft Frauen gesehen, die sich halbnackt auf irgendwelchen Schößen gerekelt haben, um ein Getränk zu ergattern. Ein Getränk – keine Filmrolle!“
Ihr fehle in der ganzen Debatte eine Diskussion über das Frauenbild, das Werbung und Medien nach wie vor den Mädels, auch den ganz kleinen, vermitteln, meint dazu Maria W. „Abgesehen davon, dass weibliche Körperteile der Verkaufsförderung dienen, dominieren die Werbung liebe und hübsche rosa Prinzessinnen und kleine wilde Kerle, die auf Bäume klettern und mit Schwertern herumfuchteln. Und junge Frauen lesen tagtäglich, dass das höchste Glück auf Erden winkt, wenn sie von einem Mann beachtet werden. Und weil sie internalisiert haben, immer lieb und nett zu sein, reagieren sie oft mit einem freundlichen Lächeln auf Grenzüberschreitungen — könnt ja sein, dass mich die ganze Männerschaft nicht mehr mag, wenn ich was dagegen tu’ und laut öffentlich sage, dass der ein Trottel ist, der mir gerade Anzüglichkeiten ins Ohr geflüstert hat. Andererseits haben auch viele Männer keine anderen Vorbilder als starke Kerle in der Werbung und in Filmen und alte Machos. Oder im schlimmsten Fall sogar Donald Trump, der Sexismus wieder so richtig salonfähig gemacht hat.“

Der unkorrekte Mix in der #metoo-Kampagne
All die Diskussionen über Anzüglichkeiten, Grenzüberschreitungen und Grabschereien müssen ein Schlag ins Gesicht für Frauen sein, die wirklich von männlicher Gewalt betroffen sind, betont Doris R.: Wenn Frauen vergewaltigt oder jahrelang massiv sexuell bedrängt wurden und schweigen oder schweigen mussten, dann kann man das einfach nicht vergleichen mit einem schlüpfrigen Kompliment oder einer verirrten Hand bei der Weihnachtsfeier – da werden Äpfel mit Birnen verglichen.“
Die 30-jährige Monika L. kann das aus leidvoller Erfahrung bestätigen. Sie wurde als 16-jährige von einem Bekannten vergewaltigt. „Leider habe ich wenig bis gar nicht reagiert“, sagt sie. Um das schreckliche Ereignis zu verarbeiten, ist sie mit ihrer Familie in einen anderen Teil ihrer Heimatstadt gezogen, später ist sie dann alleine nach St. Pölten übersiedelt. Monika ist überzeugt, dass zu wenig über das Thema sexuelle Belästigung gesprochen wird: „Die Gesellschaft sollte offener mit dem Thema umgehen. Aufklärung und Prävention wären da Ansatzpunkte.“ Denn Kinder und Jugendliche würden in einer Blase erzogen, wenn es um Sexualität geht. „Es wird vielen Jungen und Mädchen zu wenig über das Thema beigebracht.“ Dass sie ihre Erfahrungen unter #metoo gepostet hat, war für Monika eine positive Erfahrung: „Bisher wusste niemand außer meiner Familie davon. Aber ich hörte immer öfter aus dem Bekanntenkreis von Fällen. Dann kam #metoo und ich hatte die Nase voll. Der Zuspruch, den ich nach meinem Post erhalten habe, war enorm. Ich habe viele private Emails bekommen. Und ich hoffe, dass ich auch andere Frauen dazu ermutige, sich für die Scheiße, die ihnen passiert ist, nicht mehr zu schämen. Ich weiß nicht, ob #metoo übertrieben ist oder sinnvoll. Aber für mich war es ein Schritt, den ich nicht bereue.“

Gewalt macht sprachlos

Frauenärztin Sigrid Schmidl-Amann hat oft mit Frauen zu tun, denen Ähnliches wie Monika L. widerfahren ist. Sie weiß: „Gewalt macht sprachlos“ – daher sprechen Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind, nicht über ihre schrecklichen Erlebnisse. „Es braucht oft lange Zeit, bis sich diese Frauen jemandem anvertrauen.“ Im Übrigen passieren die meisten Gewalttaten im vertrauten, oft familiären Umfeld. Das bestätigt auch Martina Eigelsreiter, Leiterin des Büros für Diversität.
Schmidl-Amann sieht in der #metoo-Kampagne ein vielschichtiges Thema: „Da ist schon auch viel Heuchelei dabei.“ Dennoch hat die Aktion positive Auswirkungen: „Es wird das erste Mal auch von Tätern gesprochen, nicht mehr nur von Opfern. Die Kampagne macht bewusst, wie Täter verhindert werden können, nämlich am besten durch das Vorbild der Eltern.“


ZAHLEN DER GLEICHBERECHTIGUNGS-ANWALTSCHAFT (GAW)
•     213 Betroffene haben 2016  bei der GAW für ein Beratungsgespräch angerufen.  
    Sexuelle Belästigung und Diskriminierung sind unter den Top 3 bei Anfragen.
•     Die meisten Fälle betreffen das Arbeitsumfeld.
•     Oft wenden sich Betroffene an die GAW, wenn ihnen der Arbeitgeber nicht glaubt         und bitten um Vermittlung.
•     Wichtig ist Betroffenen auch die rechtliche Einschätzung ihres Falles.
•    Die GAW kann die Gleichstellungskomission prüfen lassen aber nicht vor
    Gericht gehen.
•    Die GAW bietet persönliche Gespräche und Gruppengespräche an. Dabei werden         mit den Betroffenen mögliche Beweismittel erörtert.
•    97 Prozent der Betroffenen sind Frauen.
Unter www.gleichbehandlungsanwaltschaft.at gibt es alle Informationen.


BELÄSTIGUNG AM ARBEITSPLATZ
Maria Krumholz (AKNÖ) hat 15 Jahre Erfahrung im Arbeitsrecht, sowohl in Telefonberatung als auch in der gerichtlichen Vertretung.

Mit welcher Form der Belästigung sind Sie am häufigsten konfrontiert?
Hauptsächlich mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Die Belästigung beginnt oft mit anzüglichen Bemerkungen die sich bis hin zu körperlichen Übergriffen steigern können. Sexuelle Belästigung kommt nicht nur unter den Arbeitskollegen vor, sondern auch oft durch den Arbeitgeber oder Vorgesetzten. In diesen Situationen spielt die AK als Unterstützerin der Opfer eine wichtige Rolle. Sitzen Belästiger und Opfer in einem Raum, spitzt sich die Situation ins Unerträgliche zu.

Wer sind die Betroffenen?

Zum Großteil sind Frauen betroffen, aus allen möglichen Bevölkerungsschichten, Altersgruppen und Arbeitsstellen.

Was können Betroffene tun?
Im Normalfall gibt es eine Fürsorgepflicht vom Arbeitgeber. Bei Belästigung sollen sich die Betroffenen an den unmittelbaren Vorgesetzten oder die Personalabteilung wenden.
Der Arbeitgeber muss bei Belästigung ermahnen, was bis hin zu einer Entlassung führen kann.
Die Hilfe der AK reicht von persönlicher Beratung der Opfer bis hin zu schriftlichen Interventionen bzw. Gerichtsvertretungen. Im Blickpunkt steht immer die bestmögliche Hilfe für die Opfer – sexuelle Belästigung ist kein Kavaliersdelikt und darf niemals klein geredet werden!

AK-Kummernummer:
05/7171/22000; frauenpolitik@aknoe.at


3 VON 4 FRAUEN WURDEN SCHON BELÄSTIGT
Für die österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern des Österreichischen Instituts für Familienforschung im Auftrag des Familienministeriums aus dem Jahr 2011 wurden u. a. 1.292 Frauen im Alter zwischen 16 und 60 Jahren auch zum Thema „sexuelle Belästigung” befragt.

Drei Viertel der Frauen (74,2%) gaben an, im Erwachsenenalter schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. Als bedrohlich wurde diese psychische Übergriffsform von 29,7% der Frauen empfunden. Aufgeschlüsselt in die einzelnen Formen zeigt die Studie:
•    davon, dass jemand „zu nahe gekommen” ist und dies „als aufdringlich” empfunden wurde, berichten 55,7% der Frauen, was 18,8% aller Frauen als bedrohlich erlebt haben;
•    davon, dass sie „auf eine Art und Weise angesprochen worden” sind, die als sexuell
belästigend empfunden wurde, berichten 44,7% der Frauen, was 13,1% als bedrohlich empfanden;
•    davon, dass „ihnen nachgepfiffen wurde oder sie angestarrt worden” sind, wodurch sie sich sexuell belästigt fühlten, berichten 42,9% der Frauen, was 8,6% als bedrohlich empfanden;
•    von jemandem „berührt oder zu küssen versucht” worden zu sein, obwohl sie es nicht wollten, davon berichten 34,8% der Frauen und, was 12,6% als bedrohlich empfanden;
•    „in unpassenden Situationen: z. B. in der Arbeit, in der Ausbildung oder im Studium, belästigende sexuelle Angebote” erhalten zu haben, davon berichten 23,3% der Frauen, was 6,3% als bedrohlich empfanden.
•    „über Telefon, E-Mail oder Brief sexuell belästigt oder bedrängt” wurden nach ihren Angaben 20,0% der Frauen, was 7,4% aller Frauen bedrohlich empfanden.
Sexuelle Gewalt hat nahezu jede dritte befragte Frau (29,5%) im Laufe ihres Lebens erfahren!