MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

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Provinz

Text Herbert „Hebi“ Binder Ausgabe 12/2016

Sicher, es hat sich einiges getan in St. Pölten in den Jahren seit der Hauptstadtwerdung. Auch die Urbanität jedenfalls der jüngeren Jahrgänge und der Zugezogenen, sie ist nicht mehr zu vergleichen mit der misanthropischen Grundstimmung der sterbenden Industriestadtvordem.
Aber da und dort haut uns doch noch der Provinzialismus ins G’nack. Wenn das St. Pöltner Besitzbürgertum im inzwischen längst hauptstadtreifen Kulturleben weitestgehend absent ist: Provinz! Wenn wir es bei den Delikatessen noch nicht einmal wie die Klagenfurter zu einem BILLA Corso gebracht haben: Provinz! Wenn sich der vom Airport per Bahn Anreisende zum einzigen Viersternhotel durch wahrhaft beängstigende Dusternus vorbei an einer Mini-Mülldeponie durchahnen muss: Provinz! Wenn der Bischof bei einem Requiem nach Art der Hierarchien himmlischer Heerscharen  zuerst die mit zelebrierenden klerikalen Kommilitonen begrüßt und erst ganz zum Schluss (auch) die Trauerfamilie: Provinz und Mangel an Gespür! Wenn bei Vernissagen kaum jemand mit den Künstlern und Künstlerinnen spricht und ein guter Teil des Publikums weniger die Kunstwerke, sondern eher die Brotaufstriche von der Metro im Auge hat: tiefste Provinz!
ABER: Wenn ich von Wien nach Haus komm, von der muffigen Stimmung in der U-Bahn und den Kampfradfahrern am Ring, von den „standesbewussten“ Abonnenten von Burg und Musikverein – wenn ich dann bei uns zu einer vom Publikum interessiert aufgenommenen modernen Inszenierung ins Landestheater geh, in die friedlich von Fußgängern und Radfahrern belebte Kremser Gasse oder gar auf den Markt – dann leb ich gern in dieser „Provinz“.
Und dass Wien doch nur gute 20 Öffi-Minuten entfernt ist, das ist sicher auch kein Fehler …